Ich bin Psychotherapeut in Ausbildung, arbeite aktuell in einer psychiatrischen Notfallambulanz /Psychiatrie und habe überwiegend suizidale Patienten, darunter einige mit einer Borderline-Störung. Die Arbeit macht mir insgesamt viel Freude, auch wenn sie anstrengend ist.
Momentan beschäftige ich mich mit dem Thema "Nähe und Distanz" und "Abgrenzung" in therapeutischen Beziehungen. Ich habe das auch bereits in Supervisionsgesprächen besprochen, würde mich aber auch Mal für die "Patientensicht" und auch für die Sicht anderer interessieren, die therapeutisch mit Menschen arbeiten.
Wie schafft ihr die notwendige Balance zwischen Nähe und Distanz? Wie geht ihr mit "freundschaftlichen" Beziehungsangeboten von den Patienten um? Ich hatte einen Patienten, der sich zu Beginn zu "freundschaftlich" verhielt, einmal legte er mir sogar die Hand auf die Schulter. Daraufhin habe ich mit ihm darüber gesprochen, was der Unterschied zwischen "Freundschaft" und einer therapeutischen Beziehung ist und dass es nicht geht, dass wir auf "kumpelebene" miteinander umgehen. Grundsätzlich mache ich es so, dass Körperkontakt (mit der Ausnahme des Handschlags zur Begrüßung) tabu ist. Sobald gerade von gegengeschlechtlichen Patienten irgendwelche sexuellen Andeutungen kommen, spreche ich das Thema an und mache deutlich, dass so etwas in einer Therapie nicht geht. Eine Patientin saß mit einem riesigen Ausschnitt in der Therapiestunde und meinte, dass Männer doch eh nur Sex wollen und ob das bei mir denn auch so wäre. Außerdem meinte sie, dass ich ja eine schöne Frisur hätte. Daraufhin habe ich ihr gesagt, dass sie sich demnächst bitte anders kleiden soll und dass solche sexuellen Annäherungen in einer Therapie absolut nicht gehen. Außerdem habe ich ihr gesagt, dass sie die Therapie doch gerade nutzen soll, um Mal die Erfahrung zu machen, dass Männer eben nicht nur Sex wollen, sondern dass auch eine völlig andere, auf Verständnis aufbauende Beziehung zu Männern möglich ist.
Besonders schwer finde ich es, eine richtige Balance von Nähe und Distanz zu finden, wenn die Patienten mir sehr ähnlich sind (ungefähr gleich alt, gleicher Bildungshintergrund usw...). Ich bin ja selbst 27... und hatte letztens eine 26-jährige Patientin. Das war schon nicht so einfach, da die Identifikation einfach sehr groß ist.
Wie gehen andere "Professionelle" mit dem Nähe-Distanz-Verhältnis um? Und aus Patientensicht würde mich interessieren: Welche Form der Beziehung zu einem Therapeuten habt ihr als hilfreich erlebt?
Liebe Grüße!
SW


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