Hallo liebe Leidensgenossen,
meine Angst zerstört alles, was mir in meinem Leben wichtig ist. Ich möchte euch ein paar aktuelle Beispiele mitteilen:
Derzeit interessiere ich mich für Musik und lerne, ein Instrument zu spielen. Es bereitet mir sehr große Freude. Die Musik ist meine beste Therapie, aber leider eine prima Gelegenheit für die Angst, zuzuschlagen.
Vermehrt achte ich auf meine Gesundheit. Ich habe Angst, eine Krankheit zu bekommen, die es mir verhindert, weiterzulernen und eines Tages gut spielen zu können. Plötzlich sehe ich Gefahr in einem Teppich, von dem ich befürchte, dass er Krebs erregen könnte. Beim Zähneputzen habe ich Angst vor den Inhaltsstoffen der Zahnpasta. Beim Essen achte ich penibel auf Sauberkeit. Meine Hände muss ich sehr oft waschen. Heute Mittag habe ich kurz in das Licht des Kopiereres geschaut, nun fürchte ich, meine Augen könnten Schaden genommen haben. Letzte Woche rutschte ich aus und fiel auf meine Hand, die ich mir dabei ein wenig aufschürfte - das war eine Katastrophe! Hinter kleinen Wehwehchen, die ich mir vielleicht nur einbilde oder die psychischer Natur sind, vermute ich schlimme Krankheiten.
Ein anderes Problem ist, dass ich alles was mir am Herzen liegt, sehr stark idealisiere. Hier zeigt die Angst ihre andere Seite. So habe ich zum Beispiel ein Problem mit Gegenständen. Wenn zum Beispiel ein Buch einen Makel hat (Fleck, Eselsohr, Knick, etc.), macht mich das verrückt. Auch hier zwingt mich die Angst, Hände zu waschen, bevor ich etwas anfasse. Ich achte penibel darauf, dass ich nichts verschmutze oder "beschädige". Im Falle der Musik ist es so, dass ich Angst habe, andere könnten meinen, die Musik sei mir nicht wichtig, wenn sie Makel an einem Buch oder CD etc. sehen. Ich habe Angst, dass ich nicht mehr die Berechtigung habe, das Instrument zu erlernen. - Klingt abstrakt, die Ängste in diesem Zusammenhang sind aber leider Realität für mich.
Sehr schlimm ist die Angst davor, für etwas unberechtigt beschuldigt zu werden. So war ich heute Abend beim Einkaufen. Im Zeitschriftenregal war ein Magazin in Folie verpackt, da sich darin eine DVD befand. Ich interessierte mich dafür und nahm es in die Hand. Ich sah, dass die Folie an der Seite aufgerissen war. Sofort spürte ich mein Herz. Ich befürchtete, dass sich die DVD nicht mehr darin befand und fühlte mich sofort unter Verdacht, sie gestohlen zu haben. Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren. Ich legte die Zeitung zurück, bekam einen roten Kopf und überlegte, was ich machen sollte. Früher wäre ich zu einer Verkäuferin und hätte sie darauf aufmerksam gemacht - doch diesen Gefallen erfülle ich meiner Angst schon gar nicht mehr. Ich überlegte, einen Moment, das Magazin zu kaufen, obwohl es mich nicht sonderlich interessierte - nur um die Angst loszuwerden! Ich nahm das Magazin ein zweites Mal in die Hand, um nach dem Preis zu sehen. Der Preis war zu hoch, um dafür die Angst auszulöschen. Ich legte es zurück. Die Angst wurde noch größer, da ich das Magazin zweimal in der Hand hatte. Wirkte das verdächtig? Auch diese Sorgen lassen mich heute nicht los.
Das war nur schemenhaft dargestellt eine kleine Auswahl der Ängste, die mich in den letzten Tagen plagten, lähmten, traurig und hoffnungslos machten.
Ich bin seit März in einer Therapie, die leider nicht so gut läuft. Darüber hinaus nehme seit etwa 15 Monaten ein Antidepressivum. Bereits vor circa sechs Jahren war ich längere Zeit in Behandlung. Mir ging es danach sehr gut, doch die Symptome sind nie vollständig abgeklungen. Heimlich still und leise schlichen sie sich langsam wieder ein.
Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich weiß auch nicht, warum ich das alles hier am vorletzten Tag des Jahres veröffentliche. Es tut gut, seinen Kummer von der Seele zu schreiben. Vielleicht kann mich jemand verstehen...
Alles Gute für das neue Jahr.
Ich83


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