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Thema: "Alte" Trauer - wie verarbeiten?

  1. #1
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    Standard "Alte" Trauer - wie verarbeiten?

    1973 ist mein Vater verstorben, damals war ich zehn Jahre alt, heute bin ich 48 Jahre und je älter ich werde, desto mehr fällt mir auf, wie schwer mir der Tod bzw. das Sterben meines Vaters und auch der Verlust seiner Person als solche mir auf der Seele liegt.

    Mein Vater war Alkoholiker, ich kenne bzw. kannte ihn nie anders als solchen; wir hatten zwar auch alkfreie und einige wenige schöne Momente zusammen, aber im Großen und Ganzen war unsere gemeinsame Zeit schon geprägt von seiner Alkoholsucht.

    Dennoch, es ist wie ein Zwang, aber ich denke immer wieder an diese wenigen Augenblicke, in denen er nüchtern war.
    Ich halte diese wenigen Momente fest, in denen er "normal" war, mir das gegeben hat, was er geben konnte (und wollte?).

    Manchmal habe ich das Gefühl, er steht neben, hinter mir, beobachtet mich, mein Leben,
    manchmal denke ich,
    was ist, wenn er noch da ist?

    Manchmal wünsche ich mir so sehr, er wäre noch da, könnte meine Töchter sehen, wäre genauso stolz auf seine Enkel-Töchter, wie ich es bin.

    Und manchmal kommt meine Traurigkeit in geballter Form hoch, und dann kommt auch die Wut, zwangsläufig, so viel Wut auf ihn...
    gleichzeitig kommt die Liebe zu ihm, die ich in mir trage,
    für dich ich mich gleichzeitig auch schäme...
    kann ich einen Alkoholiker lieben, darf ich einen "Versager" lieben...?

    Und ab und an kommt meine Trauer hoch,
    sehr viel Traurigkeit, kaum zu ertragen,
    ein Schmerz tief in mir, der nie enden will
    und es ist, als stünde er neben, hinter mir und fragt
    "Wie kannst du mich jemals vergessen?"

    Es ist, als würde es mir mein Herz, mein Innerstes zerreissen.
    Ein Schmerz, der nie, niemals aufhört....

    Als mein Vater verstorben war,
    und seine Krankenhaustasche bei uns abgeliefert wurde,
    ich erinnere mich,
    seine Tasche, sein Bademantel und nur wenige Worte meiner Mutter...
    ich hab mich festgehalten an diesem Geruch,
    mehr blieb nicht,
    mehr blieb nicht von ihm.

    Das war`s,
    so wenig von ihm, zu wenig von dir.

    Trauer heißt auch loslassen.

    Ich konnte meinen Vater nie wirklich loslassen,
    ich konnte ihn einfach nicht gehen lassen.

    Und im Grunde kann ich es bis heute nicht.
    Ich denke,
    ich kann diesen Schmerz einfach nicht zulassen,
    weil er nicht zu ertragen ist.
    Ich kann diesen Schmerz nicht zulassen....

    Ich ertrage es einfach nicht,
    heute nicht, gestern nicht.

    Und nun?

  2. #2
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    hallo ullakind.

    du hast geschrieben, dass deine mutter nur wenige worte nach seinem tot gesagt hat. kann es sein, dass das thema nie wieder wirklich aufgegriffen wurde? ich meine du warst erst zehn jahre alt. ich kann mir vorstellen, dass deine mutter mit dir nicht oder kaum darüber geredet hat, weil sie erstens selbst überfordert war und zweitens du noch ein kind warst und sie glaubte, dich mit gesprächen noch mehr zu verletzten.

    ich kenne das aus einer anderen situation. meine eltern haben sich vor 15 jahren scheiden lassen.da war ich 15. nach über zehn jahren fiel mir plötzlich ein, dass ich das ganze doch nicht so verarbeitet habe, wie ich dachte. es bedrückte mich immer mehr und ich wollte aufklärung. ich glaube dieser zustand kam dadurch, dass ich mich selbst verändert habe und selber eine familie plante. ich wollte plötzlich antworten. ich denke, ich habe es damals verdrängt und da ist es nur all zu verständlich, dass es dann durch eine bestimmte situation im leben, wieder hoch kommt.

    ich finde, zu versuchen sich an schöne dinge zu erinnern eine gute sache damit umzugehen. ihm innerlich vorwürfe zu machen, bringt dich nicht weiter und nimmt dir nicht den schmerz. vielleicht hilft es dir, mit einem psychologen zu reden...

    ich hoffe ich konnte dir ein wenig helfen.
    liebe grüße

  3. #3
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    Hallo Shusheela,

    du hast geschrieben, dass deine mutter nur wenige worte nach seinem tot gesagt hat. kann es sein, dass das thema nie wieder wirklich aufgegriffen wurde? ich meine du warst erst zehn jahre alt. ich kann mir vorstellen, dass deine mutter mit dir nicht oder kaum darüber geredet hat, weil sie erstens selbst überfordert war und zweitens du noch ein kind warst und sie glaubte, dich mit gesprächen noch mehr zu verletzten.
    Ja, ich denke, meine Mutter war 1. überfordert (mit der ganzen Situation), 2. war sie, nach meiner Meinung, auch ziemlich mit sich selbst beschäftigt (was ich ihr nicht unbedingt zum Vorwurf mache) und 3. denke ich, wusste sie nicht, wie ihren Kindern erklären.

    ich glaube dieser zustand kam dadurch, dass ich mich selbst verändert habe und selber eine familie plante. ich wollte plötzlich antworten. ich denke, ich habe es damals verdrängt und da ist es nur all zu verständlich, dass es dann durch eine bestimmte situation im leben, wieder hoch kommt.
    Das denke ich auch, bei mir war es ähnlich: ich veränderte mich selbst, als ich z.B. selbst Kinder bekam, sie großzog usw. Je älter meine Kinder wurden, desto mehr setzte ich mich mit dem auseinander, was ich selbst als "Familie" erlebt hatte. Und so oft kamen diese Gefühle/Fragen hoch, die ich ganz "vergessen" bzw. wohl verdrängt habe.

    ich finde, zu versuchen sich an schöne dinge zu erinnern eine gute sache damit umzugehen. ihm innerlich vorwürfe zu machen, bringt dich nicht weiter und nimmt dir nicht den schmerz. vielleicht hilft es dir, mit einem psychologen zu reden...
    Etwas in mir, das Kind in mir, wird ihn wohl immer vermissen, ich weiß es nicht.
    Aber: das klingt jetzt vllt. total verrückt, ich glaube fest daran, dass ich ihn wiedersehen werde, eines fernen Tages ;-)!
    Vielleicht sollte ich wirklich mit einem Psychologen reden, vielleicht hilft es.

    Und danke für deinen Beitrag, er hat mir auf jeden Fall weitergeholfen.


    Liebe Grüße an dich

  4. #4
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    Hallo.

    Mich würde interessieren, was du glaubst zu tun oder zu sagen, wenn du ihn wieder siehst. Könntest du ihm verzeihen? Wärst du wieder Kind? Was glaubst du, würde dich erwarten oder erwartest du überhaupt etwas?

  5. #5
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    Nein, ich erwarte nichts (mehr).
    Und Ja, ich verzeihe ihm.
    Ich will ihn ganz fest in meine Arme nehmen und ihn lieben, das ist alles.

  6. #6
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    Na klar darfst, kannst und sollst Du auch einen "Versager" lieben. Die eigene Liebe ist doch unabhängig vorhanden, unabhängig von den Fehlern des anderen. Und ja, es ist einfach ein Schmerz der immer wieder kommt, immer wieder kommen wird. Es ist doch ganz klar daß Du ihn nicht gehen lassen konntest, er ist viel zu früh gegangen. Manche können ihn nicht gehen lassen selbst wenn sie ihn lange hatten.

    Und ich kann auch die Wut verstehen, die Du eventuell hast. Er war zu früh weg, Du hast ihn gebraucht, das erzeugt Wut. Die mag auf Dauer hinderlich sein, aber sie ist eben auch da und ist erstmal genauso ok. Beides ist eben da, Liebe und Wut.

    Vielleicht könnte es Dir helfen Dich mit den inneren Gründen von Alkoholkranken auseinanderzusetzen, was da in ihnen los ist, daß sie in Ihre Sucht gehen, vielleicht kannst Du über die Beschäftigung mit diesem Thema, im Gespräch mit Alkoholkranken, Deinen Vater besser verstehen. Vielleicht wissen auch Angehörige noch etwas über seine Gründe. Er kann ja nun nicht mehr reden. Es wird vermutlich immer ein Stück weit ein Thema bleiben.

  7. #7
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    Hallo Erwin,

    Na klar darfst, kannst und sollst Du auch einen "Versager" lieben. Die eigene Liebe ist doch unabhängig vorhanden, unabhängig von den Fehlern des anderen. Und ja, es ist einfach ein Schmerz der immer wieder kommt, immer wieder kommen wird. Es ist doch ganz klar daß Du ihn nicht gehen lassen konntest, er ist viel zu früh gegangen. Manche können ihn nicht gehen lassen selbst wenn sie ihn lange hatten.
    Er ist zu früh gegangen, stimmt. Und die Umstände waren auch nicht besonders gut etc. etc.
    Ich darf ihn lieben...
    hat lange gedauert, bis ich das verinnerlichen konnte.


    Und ich kann auch die Wut verstehen, die Du eventuell hast. Er war zu früh weg, Du hast ihn gebraucht, das erzeugt Wut. Die mag auf Dauer hinderlich sein, aber sie ist eben auch da und ist erstmal genauso ok. Beides ist eben da, Liebe und Wut.
    Ja okay, ich bin wirklich auch noch wütend auf ihn, weil er mich "verlassen" hat, weil er nicht mit dem Trinken aufhören konnte. Und manchmal nervt es mich schon, dass ich nie die Möglichkeit hatte, ihm sagen zu können, wie wütend ich wirklich bin.

    Vielleicht könnte es Dir helfen Dich mit den inneren Gründen von Alkoholkranken auseinanderzusetzen, was da in ihnen los ist, daß sie in Ihre Sucht gehen, vielleicht kannst Du über die Beschäftigung mit diesem Thema, im Gespräch mit Alkoholkranken, Deinen Vater besser verstehen.
    Nein, geht absolut nicht. Ich hab es bei Gelegenheit des öfteren versucht, seine/die "inneren Gründe" nachzuvollziehen (in der Hoffnung auf Antworten etc.); hab mit Alkoholkranken gesprochen...
    hat nix gebracht, die Ratlosigkeit und auch die Hilflosigkeit wurde nur noch größer.
    Ich denke, es ist auch nicht meine Aufgabe im Hier und Jetzt, ich war im "Damals" als Kind (logischerweise) schon damit überfordert (und dem auch ausgeliefert),
    letzendlich ist es auch egal, warum er getrunken hat.


    Vielleicht wissen auch Angehörige noch etwas über seine Gründe. Er kann ja nun nicht mehr reden. Es wird vermutlich immer ein Stück weit ein Thema bleiben.
    Die einzige Angehörige ist meine Mutter und ihre Aussagen sind nur vage bzw. eigentlich kann sie nicht wirklich was dazu sagen...
    so ist das eben .

    Ich danke dir für deinen Kommentar, war sehr inspirierend .

  8. #8
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    Ich kann diesen Schmerz nicht zulassen....
    Du bist der klassische Fall für einen EMDR-Therapeuten. 1-3 Sitzungen und du kannst damit umgehen.

    Zu mir ist vermutlich zu weit, da musst du dir einen in deiner Nähe suchen. Sonderlich viele gibt es in Deutschland aber nicht.

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