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Thema: Angst vor Ungewissem bzw. Amt/Staat

  1. #1
    Neuling
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    Standard Angst vor Ungewissem bzw. Amt/Staat

    Hey ihr,

    seit einiger Zeit mache ich mir etwas Gedanken über meinen psychischen Zustand. Ich wende mich an euch, da ich selbst nicht abschätzen kann, ob mein Zustand tatsächlich so schlimm ist, oder ich das nur übertrieben empfinde (ich neige zu starker Egozentrik, das sei schon mal gesagt!).
    Und deshalb nun erst mal was zu mir (vielleicht ist der Hintergrund ja in irgendeiner Art und Weise von Nöten):
    Ich bin weiblich, werde bald 22 Jahre alt und bin Studentin.
    Seit ich auf der Welt bin, hatte ich so meine Macken. Schlimm empfand ich das selbst nie, vor allem nicht als Kind. Letztendlich hat jedes Kind so seine Macken.
    Von Beginn an war ich sehr auf meine Mutter fixiert. Sie war die einzige Person, die an mich herandurfte, bei allen anderen habe ich nur geweint – und auch das kann normal sein, nicht wahr? Die Mutter ist ja die Person, zu der man die engste Bindung aufbaut. Nun, wie auch immer. Meine Mutter selbst ist aber jemand der kalten Sorte, kann einen nicht umarmen, flüchtet vor allen Gefühlen etc. Es gab in meiner Kindheit viele Auseinandersetzungen mit ihr, dazu aber später.
    Seit ich klein bin, erinnere ich mich daran, gewisse Eigenarten zu haben. Ich hatte sehr früh den Zwang, mir die Haare auszureißen, hatte einen Waschzwang und die Eigenart, seltsame Hobbys zu haben. Ich hab die komischsten Dinge gesammelt, war von Technik fasziniert und habe da in einer eigenen Welt gelebt. Mit Kommunikation hatte ich es nie so. Wenn etwas nicht so lief, wie ich es wollte, wurde ich aggressiv und laut. Das hat sich wie ein Eingriff in einen bestimmten Plan angefühlt, das machte mich aggressiv. Es musste alles nach meinem Plan gehen, wenn nicht, wurde ich unruhig und das Haareausreißen, der Waschzwang oder die Sammelsucht wurde schlimmer. In der Grundschulzeit wurde ich auf ADHS getestet, mein Vater hat da aber nicht so mitgespielt und verweigert, den Test auszufüllen. Ich weiß also nicht, ob ich es habe oder nicht. An sich ist es ja auch egal, es geht ja nicht darum, irgendwelche Diagnosen zu sammeln oder sonst was, sondern eher darum, dass mein Verhalten als kritisch eingestuft wurde.
    In der Zeit war es extrem schwierig, irgendwie mit meiner Mutter zu reden. Ich sag ja, Kommunikation war nie meins, deshalb hab ich ihr immer nur kleine Zettel geschrieben, wenn sie mich verletzte etc. Normal reden konnte ich nicht mit ihr bzw. kam es immer zu Streitsituationen, die dann krass ausfielen. Natürlich wirft man sich dann auch mal Dinge wie: „Du bist für mich gestorben“ an den Kopf.
    Anfangs meiner Pubertät machte ich dann mit dem Vater eines Freundes eine ziemlich schlechte ungewollte sexuelle Erfahrung, wobei ich nicht glaube, dass mich das heute belastet bzw. Grund für das ist, worüber ich später berichten werde. ABER ich lasse mich auch eines Besseren belehren und zähle einfach mal alles auf, was irgendwie abweichend war. Gut, wie auch immer. Kurz darauf benahm ich mich ziemlich seltsam, wurde zunehmend ruhiger, affektlos und machte kaum noch was. Meine Mutter bemerkte das, drohte mir mit Heim.
    Die Pubertät über war ich manisch-depressiv, wobei ich auch das nicht als einwirkend betrachte, da ja sehr viele in der Pubertät so sind. Meine seltsamen Hobbys beschränkten sich auf Primärliteratur einiger Philosophen (vorzugsweise Nietzsche und Kant) und ich entwickelte zunehmend einen Perfektionismus bzw. einen Kontrollzwang. Das wiederum führte (wie kann es auch anders sein) zu einer Essstörung, die ich heute aber einigermaßen gut im Griff habe – sprich: Gedanken sind noch da, Verhalten ist aber weitgehend normal. Der Kontrollzwang ist mittlerweile auf anderes verschoben worden. Ich kann es überhaupt nicht leiden, wenn irgendjemand meine Pläne durchkreuzt, werde aber im Gegensatz zu früher nicht aggressiv sondern eher passiv und innerlich unruhig, deshalb versuche ich dann wieder eine andere Sache kontrollieren zu können. Das bedeutet natürlich auch, dass ich einen Riesenekel vor menschlichen Beziehungen habe, weil ich Abhängigkeit nicht mag und ständig Angst habe, mein Ich zu verlieren. Und jetzt kommen wir zu dem eigentlichen Problem. Ich habe eine sehr geringe Toleranzgrenze, was meine Privatsphäre betrifft. Ich sehe es schon als eine Art Hausfriedensbruch, wenn mein Telefon oder die Tür klingelt. In mir steigt Panik auf, allein, wenn ich die Klingel höre. Weil das Dinge sind, die ich nicht abschätzen oder einplanen kann. Mich macht es wirklich panisch. Auch der tägliche Gang zum Briefkasten ängstigt mich enorm. Erstens, weil es an sich ein Eingriff in mein Leben ist, zweitens, weil ich enorme Angst habe, von irgendeinem Amt kommen irgendwelche Forderungen/Anschuldigungen oder so. Es ist so, als sei mein Verstand nichts wert, also völlig ausgeschaltet. Als Beispiel: Ich habe ein erweitertes Führungszeugnis anfordern müssen, hatte nicht damit gerechnet, dass das so schnell zugeschickt wird, dementsprechend war ich geschockt, als vom Bundesjustizamt Post kam. Ich dachte mir nur: „OH GOTT. Was habe ich jetzt verbrochen?!“ Es war wie gesagt nur das Führungszeugnis, zudem hatte ich noch Angst, ich habe einen Eintrag, aber natürlich stand nichts drin. Manchmal habe ich Angst, gewisse Dinge verbrochen zu haben und mich nicht mehr daran erinnern zu können. Wisst ihr, was ich meine? Es ist noch NIE passiert, es ist einfach die Angst davor. Die Angst davor, wahnsinnig zu werden, völlig die Kontrolle zu verlieren und Dinge zu machen, wovon ich nicht mehr weiß. Der monatliche Bafögeingang stürzt mich Ende des Monats in Depressionen, weil ich Angst habe, ich habe etwas falsch gemacht und sie überweisen nichts mehr und all solche Dinge. Ich weiß nicht, ob das noch normal ist, ich weiß nur, dass mich das enorm belastet – so lächerlich das alles auch klingen mag. Da ist einfach diese ständige Angst vor dem Ungewissen – vor dem großen, bösen Amt. Manchmal fühle ich mich wie Josef K. im Prozess. Und natürlich kann man niemandem davon erzählen. Ich meine, es sind keine realen Probleme, anderen Menschen geht es tatsächlich schlecht etc. Und weil ich das eben genau weiß, nervt mich dieser Zustand. Er ist einfach unschön. Abends will ich nicht schlafen, stehe morgens früh auf, nur, damit ich irgendwas machen kann und lenke mich den Tag über so gut es geht ab, aber das geht auch nur bedingt.
    Ich habe das Gefühl, meine gesamten Gefühlsregungen konzentrieren sich auf die Angst vor dem Eingriff in mein Privatleben, auf die Angst, abhängig zu sein und mein Ich zu verlieren. Denn ansonsten bin ich völlig affektlos, man könnte es fast schon Ataraxie nennen. Mich bewegt nichts. Es passiert einfach und die ersten paar Sekunden wirkt es auf mich ein und dann ist es einfach wieder weg. Ich zeige keine Emotionen, werde deshalb von Menschen als arrogant angesehen, was mir persönlich egal ist. Ich will sogar so sein – ich will, dass man mich in Ruhe lässt, ich bin sogar irgendwie Stolz darauf, so zu sein. O.o Und objektiv betrachtet ist das dann doch seltsam, weil es „unnormal“ ist. Da es dann ab und zu aber doch zu Unerwartetem kommt und man Beziehungen zu gewissen Leuten aufbaut, die einen doch dafür lieben, was man ist, kommt man nicht umhin, doch in Beziehungen zu leben. Ich bin ein Mensch, der sehr viel Achtung, Respekt und ich glaube auch Liebe empfinden kann - nur lässt sich das bei mir nicht nach dem Gefühl erörtern, sondern irgendwie mit dem Verstand. Ich weiß, dass ich liebe, wenn ich vertraue und mich öffne. Komischerweise ist es aber immer so, dass, wenn ich diese Person für länger nicht sehe, sie plötzlich "weg" ist für mich und ich mich, wenn ich sie wiedersehe, wieder daran gewöhnen muss - aber die Liebe ist trotzdem da. Schwer zu beschreiben. Ich hab einfach irgendwie Probleme, mir Menschen gedanklich vorzustellen, sprich, mir Situationen mit ihnen vorzustellen. Das ist irgendwie wie "Aus den Augen, aus dem Sinn".

    In Behandlung bin ich bereits, aber wegen anderer Dinge und ich bin mir nicht sicher, ob ich das Problem ansprechen soll. Am Ende ist es nur Hypochondrie (was ja eigentlich besser als sonst was wäre, aber ich will nicht unnötig auffallen).

    Vielleicht kennt ihr ja Ähnliches und könnt ein bisschen einschätzen, was helfen würde. Dankbar bin ich auf jeden Fall dafür, dass ihr euch den langen Beitrag durchgelesen habt!
    Ich bin ein kritikfähiger Mensch (das kann ich komischerweise gut annehmen, auch wenn es um mich geht) und kann sogar über diese Macken lachen, also nur zu, schreibt, was euch einfällt!

  2. #2
    Gast4461
    Gast

    Standard

    Hallo Du,

    Es kann dir natürlich keiner hier eine Diagnose stellen.
    Ich habe aber so eine Vermutung, womit ich natürlich auch volkommen daneben liegen könnte! So wie du die Dinge beschreibst, könnte vielleicht eine leichte Form des Autismus vorliegen (Asperger Syndrom). Hatte mal eine intensive Literaturrecherche bezüglich dieses Themas betrieben, da ich selbst einen "Aspie" kenne, mit dem ich auch oft über seine "Macken" geredet habe, und erkenne bei dir einige Dinge wieder in dem was du beschreibst.
    Dafür sprechen so Sachen wie, dass du technikbegeistert bist, kontaktarm, bei Konflikten mit Agressionen reagiert hast und dir deine Privatsphäre so immens wichtig ist, usw... Ich will dir auch wirklich keinen Floh ins Ohr setzen, aber es wäre doch auf jeden Fall mal gut deinem Arzt oder Therapeuten darüber zu reden!
    Es gibt da doch viele Dinge die dich in deinem Leben einschränken: die Ängste und die Zwänge. Das ist ja schon weitaus mehr als kleine "Macken" das sind richtige Störungen. Die möchtest du doch sicherlich irgendwann mal besiegen? Wieso lässt du dir nicht helfen? Wovor hast du denn Angst? Dein Arzt/Therapeut kann dir ja nur wirklich helfen, wenn er die ganze Geschichte kennt!

    LG,
    Elerina

  3. #3
    Neuling
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    Liebe Elerina,

    vielen Dank für deinen Beitrag. Mit deiner Vermutung gehst du auch in die Richtung einiger Leute, mit denen ich auch zu tun habe. Vielleicht sollte ich wirklich mal danach gucken lassen. Das Ding ist (ohne mich jetzt rausreden zu wollen), dass ich dadurch, dass ich ja sehr egozentrisch bin, Dinge an mir manchmal zu wichtig nehme und nicht einschätzen kann, ob das Auftreten der und jenen Sache nun tatsächlich beeinträchtigend ist, oder ich nur mal wieder egozentrisch bin und alles verdramatisiere. Deshalb warte ich immer eine Weile, bis ich sozusagen das abgeschätzt habe. Musste meinen Therapeuten auch wegen anderen Dingen unzählige Male fragen, ob ich deshalb überreagiere oder tatsächlich einen Therapeuten brauche (meine Schwester ist Borderlinerin und ohne jetzt irgendwen angreifen zu wollen, habe ich eine Abneigung gegen ihren Narzissmuss entwickelt bzw. gegen ihr manipulatives Verhalten was den Umgang mit Krankheiten betrifft, deshalb auch so Dinge "Lieber drei mal hinschauen, bevor ich was dagegen mache und mich zu wichtig nehme") bzw. es verdient habe, wenn es anderen ja viel schlechter geht als mir. Ich hab manchmal das Gefühl, ich stehle wem die Therapie.

  4. #4
    Gast4461
    Gast

    Standard

    Ich hab manchmal das Gefühl, ich stehle wem die Therapie
    Das ist ja so als würde einer mit einem gebrochenen Bein sagen, er stehle einem, der vielleicht was schlimmeres hat den Termin beim Arzt
    Ich verstehe schon was du meinst. Du willst nicht so narzisstisch sein wie deine Schwester. Aber hier geht hier um deine Gesundheit! Die Person mit dem gebrochenen Bein, die deswegen zu Arzt geht, würdest du ja auch nicht als narzisstisch betrachten, sondern als vernünftig. Und ob du nur alles verdramatisierst oder nicht, dass kann dir der Arzt dann sagen. Stell dir vor alle Menschen würden so denken wie du. Dann wären ja die meisten Ärzte arbeitslos!

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