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Thema: Aufarbeitung von sexuellen Missbrauch

  1. #1
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    Standard Aufarbeitung von sexuellen Missbrauch

    Hat eine/r von Euch bereits Erfahrung mit der Aufarbeitung von sexuellen Missbrauch gemacht?

    Ich bin seit gestern in Therapie und die Ärztin ist der Ansicht, heutzutage würde keine "Rückschau" mehr gemacht. Es ginge darum, den "Jetzt"-Zustand zu verbessern.

    Auf meinen Einwand, dass ich mir die jahrelangen Übergriffe durch meinen Bruder ja schließlich nicht ausgedacht habe , ging sie kaum ein. Allerdings bestärkte sie mich darin, dass ich zu dem Täter jeden Kontakt abgebrochen habe. Einfach um mich selbst zu schützen.

    Im gleichen Atemzug hat die Ärztin mir "Citalopram" verschrieben. In verschiedenen Erfahrungsberichten habe ich fast nur positive Anmerkungen gelesen.

    Könntet Ihr mir vielleicht einen kleinen Tipp geben? Schließlich will ich mein Leben wieder selbst in die Hand nehmen.

  2. #2
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    Hallo Sternchen
    Herzlich willkommen - und zugleich mein Mitgefühl. Beim Thema Aufarbeitung werden Dir andere Forumsmitglieder/Gäste mit Sicherheit noch hilfreich antworten können. Doch nun zu Deinem Anliegen: da ist mir eine Aussage in Deinem Bericht besonders aufgefallen:
    Ich bin seit gestern in Therapie und die Ärztin ist der Ansicht, heutzutage würde keine "Rückschau" mehr gemacht.
    Da stellt sich mir die Frage "Welche Art von Therapie Du bekommst"? Und auch das folgende:
    ...ging sie kaum ein.
    Da wäre ich auch nicht ganz einverstanden mit!
    Gruß Sonnenkraut

  3. Der folgende Benutzer bedankte sich bei Sonnenkraut für den sinnvollen Beitrag:

    Sternchen_w472 (02.11.2011)

  4. #3
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    Hallo Sternchen,
    Auch von mir ein Willkommen!

    Objektiv betrachtet gibt es wirklich Therapeuten, die in der Traumaarbeit ohne Rückschau arbeiten. Bin ich nie mit klargekommen, manche Patienten sagen aber wohl, dass sie froh sind nicht mehr darüber nachdenken zu müssen. (Verdrängungstaktik?)
    Wenn du für dich der Überzeugung bist, dass du darüber reden musst, ist es wohl die falsche Therapeutin.
    Wenn du stabil genug bist, und meinst, auch ohne darüber zu reden klar zu kommen, dann versuch es (frag bei der Krankenkasse nach wie viele Kennenlerngespräche du machen darfst).

    Im Prinzip ist es ja richtig, das beim Erwachsenen Menschen die heutige Situation zählt. In den schlauen Büchern steht immer "man soll für sich Verantwortung übernehmen". Daher die Aussage den "Jetzt-Zustand zu verbessern". Will man ja eigentlich auch....

    Ich sehe das ganze etwas skeptisch, aber das ist nur meine Meinung.

    Ich bin mir sicher, dass sie dir glaubt und dich ernst nimmt, aber solche Therapeuten (Verhaltenstherapeut!?) werden mit dir wohl nichts aufarbeiten, sondern nur an deiner jetzigen Situation arbeiten.

    Zu den Tabletten: Serotonin-Wiederaufnahmehemmer sind prinzipiell nicht verkehrt. Diese kenne ich jetzt nicht. Mir hat ein ähnliches Produkt gut geholften aus meiner Depression zu kommen.

    Ich wünsche dir, dass du erkennst, was du jetzt am wichtigsten brauchst und sende dir viel Kraft.

    Liebe Grüße Anna

  5. Der folgende Benutzer bedankte sich bei Anna79 für den sinnvollen Beitrag:

    Sternchen_w472 (02.11.2011)

  6. #4
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    Hallo Sonnenkraut, hallo Anna,

    ganz lieben Dank für Euren Zuspruch, den ich wirklich gut gebrauchen kann.

    Ich bin in einer Gesprächstherapie. Da ich ja nun das erste Mal in dieser Praxis war, kann ich erst mal nur wenig sagen. Diese Frau und ich müssen uns ja auch erst mal besser kennenlernen. Dass die Ärztin mir glaubt, was passiert ist, davon gehe ich mal aus.

    Ich denke mal, es ist vielleicht ganz gut, endlich einen Schlussstrich zu ziehen und nach vorne zu schauen. Den ersten Schritt habe ich ja schon gemacht, indem ich jeglichen Kontakt zu meinem Bruder vermeide. Dass das unsere Mutter wiederum verletzt, kann ich zwar irgendwie nachvollziehen (welche Mutter kann sich schon zwischen zwei völlig verfeindeten Kindern entscheiden?), muss mir aber in meinem ganz eigenen speziellen Fall egal sein. Ich will mich einfach schützen und endlich wieder LEBEN!

    Mein Bruder und ich werden nie wieder einen Weg zueinander finden. Wir werden nie wieder auf einer normalen Ebene miteinander kommunizieren können. Und letztlich hat auch unsere Mutter ihren Beitrag zu dieser Situation "geleistet". Sie hat mir zwar in den vergangenen 25 Jahren immer wieder versprochen, ihn endlich zur Rede zu stellen und auch eine Familientherapie für uns alle drei vorgeschlagen (mein Vater ist schon sehr früh verstorben und wusste demzufolge nichts von dem Missbrauch). Aber realisiert hat sie nichts davon. Im Gegenteil hat sie erst vorletzte Woche bei einem gemeinsamen Gespräch mit unserer Hausärztin wieder zugegeben, dass sie sich schlicht davor drückt. Und das tut mir unglaublich weh!

    Außerdem habe ich gestern Abend mit der ersten 1/2 Tablette Citalopran begonnen. Die Nebenwirkungen halten sich derzeit in Grenzen. Ich konnte zwar wieder nur sehr schlecht schlafen - ab 2.30 Uhr hab' ich mich wieder von einer Seite auf die andere gewälzt, das Gedankenkarussel dreht und dreht und dreht sich -, aber es ist auszuhalten. Den etwas erhöhten Herzschlag nehme ich jetzt einfach mal so hin. Vielleicht liegt's ja auch am miesen Wetter - eine Kollegin/Vorgesetzte hat auch eine regelrechte Matschbirne.

    Ich wünsche mir nichts mehr, als endlich wieder unbeschwert auf andere Menschen zugehen zu können, neue Freundschaften zu schließen. Eine wirklich dauerhafte und glückliche Liebesbeziehung mit einem wunderbaren Mann führen zu können.

    Ich weiß, dass vor mir noch ein langer Weg liegt. Aber ich WILL und WERDE es schaffen!

    Meine Chefin (Geschäftsführerin) hat mir eben vorgeschlagen, jetzt im November bis in den Dezember mal 3 Wochen Urlaub am Stück zu machen. Das kommt mir sehr entgegen. Meine Hausärztin hat nämlich vorgeschlagen, dass ich zusätzlich zur Psychotherapie eine psychosomatische Kur machen soll. Das passt dann natürlich wunderbar!

    Ich merke, ich bin nicht allein. Es stehen Menschen hinter mir, von denen ich das nie gedacht hätte. Ein wirklich gutes Gefühl!

  7. #5
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    Hallo Sternchen,

    es ist wirklich schön zu hören, dass du voller Zuversicht bist! Damit bist du auf dem richtigen Weg.
    So wie es sich anhört, machst du alles richtig und dann wirst du auch bald wieder leben können.
    Ich drück dir jedenfalls ganz fest die Daumen dafür!

    Kurz zu deiner Schlaflosigkeit und Herzrasen.
    Das können Nebenwirkungen sein, das gibt sich aber mit der Zeit.
    (Ich hatte das auch).

    Ich wünsche dir weiterhin alles Gute auf deinem Weg.

    Alles Liebe Anna

  8. #6
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    Danke!

    Auch dir alles alles Liebe

    Sabine

  9. #7
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    Zitat Zitat von Sternchen_w472 Beitrag anzeigen
    ...Auf meinen Einwand, dass ich mir die jahrelangen Übergriffe durch meinen Bruder ja schließlich nicht ausgedacht habe , ging sie kaum ein. Allerdings bestärkte sie mich darin, dass ich zu dem Täter jeden Kontakt abgebrochen habe. Einfach um mich selbst zu schützen.
    An dieser Stelle ist es vielleicht wichtig für Dich, Deine Wahrnehmung bestätigt zu sehen - als Rückschau!

    Es geht auch nach meiner Meinung nicht alles nur mit "Selbst-Coaching", also mit der Frage, wie der "Ist"-Zustand zu verbessern sei... eine Rückschau ist immer wichtig um die richtigen Schlüsse ziehen zu können, da man Aussagen aus dem Kontext herausgelöst ja gar nicht richtig interpretieren kann...

    Man soll sich nicht immer im Kreis drehen, also die Vergangenheit immer und immer wieder hervorholen - aber andererseits: Wenn es Dich beschäftigt, hast Du damit noch nicht abgeschlossen... und zumindest im Erstgespäch sollte sich Deine Psychologin anhören, was Du in der Vergangenheit erlebt hast, damit sie Dir weiter helfen kann...

    Sage ihr, dass Dir das wichtig ist. Wenn Sie nicht darauf eingeht - dann habt ihr vielleicht keine gute Verbindung zueinander - kommt auch bei Psychologen vor... und Du suchst Dir vllt. jemand anders...

    LG
    Silent Voice

  10. #8
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    Hallo Silent Voice,

    den nächsten Termin habe ich erst am 19.12. Bis dahin muss ich erst mal allein klarkommen.

    Meine Mutter ist mir letztendlich überhaupt keine Hilfe. Ich habe vielmehr den Eindruck, sie macht es sich zu leicht. Anstatt den Begriff "Missbrauch" auszusprechen, sagt sie immer nur "dein Problem" oder "euer Problem". So, als könnte sie jegliche Verantwortung auf mich allein abwälzen. Ich habe jahrelang niemandem etwas gesagt. Und selbst, als ich mit 18 soweit, endlich den Mund aufzumachen und zu sagen "Mein Bruder hat mich sexuell missbraucht. Das hat angefangen, als der Papa (da war ich übrigens 10 Jahre alt) bereits todkrank im Krankenhaus lag.", hatte ich mich weiterhin geweigert, auch nur in die Nähe von Psychologen zu geraten.

    Hier spielt auch wieder ein Ereignis aus meiner frühen Kindheit ein entscheidende Rolle. Weil ich als Kind sehr anstrengend war (musste alles im wahrsten Sinne des Wortes "begreifen", hab noch in der Grundschule eingenässt, quasi von Geburt an bis ins Grundschulalter sehr viel erbrochen), haben meine Eltern mich mit ungefähr 8 Jahren zu einer Kinderpsychologin geschickt. Die Frau war grauenhaft! Und praktiziert heute noch. Mittlerweile bin ich 39 Jahre alt...

    Auf mich wirkt das Verhalten meiner Mutter so, als ob sie denkt: "Wenn ich statt "Missbrauch" einen anderen Ausdruck benutze, ist es vielleicht weniger wahr". Ich weiß, dass ich ihr damit möglicherweise Unrecht tue. Für welches ihrer beiden Kinder soll sie nun Partei ergreifen? Soll sie den Sohn für immer verstoßen (ganz ehrlich? Diese Variante würde mir am besten gefallen!)? Oder sich komplett von der Tochter abwenden?

    Am liebsten wäre ihr eine ganz schnelle Lösung mit "Stressmanagement" bei der VHS abgehandelt in max. 3 Wochen und überhaupt keine Medikamente. Bloß nicht "in die Tiefe" gehen und schauen, wo ist denn nun eigentlich der Anfang. Warum hatte der Junge denn so leichtes Spiel und seine kleine Schwester immer weiter ins Schneckenhaus getrieben? Könnte die ursprüngliche Ursache nicht vielleicht auch in der völlig verkorksten Erziehungsweise meines Vaters liegen ("Bloß keinen Streit wegen den Kindern!" "Dass mein Mann versagt hat, weiß ich selbst. Aber ich wollte nicht ständig mit ihm diskutieren, dass Kinder nicht den ganzen Tag nur lernen müssen, sondern auch mal raus dürfen!")?

    Dass ich mit einem Antidepressivum behandelt werde, passt ihr überhaupt nicht. Natürlich besteht nach wie vor die Gefahr einer Abhängigkeit - den Beipackzettel habe ich schließlich 3x gelesen! Aber nun habe ich damit angefangen und werde das auch zu Ende bringen. Und zwar so, dass ich endlich wieder RICHTIG LEBEN kann!

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