Es war bereits die dritte Hausbesichtigung an diesem Tag. Die Beiden Vorgänger waren pure Katastrophen. Das Erste sackt jedes Jahr um etwa zwanzig Zentimeter tiefer ab, da die Statiker wohl übersehen hatten das dass Erdreich zu locker ist um ein Haus darauf zu errichten.
Kandidat zwei war völlig verwildert, es gab keinen direkten Anschluss an ein Straßennetz oder zumindest einen ordentlichen Fußweg bis zur Straße. Lediglich ein ungepflegter, zertrampelter Rasen, wies in schmaler Bahn den Weg zum Haus. Endlich dort angekommen erwartete uns dann eine Müllhalde aus Morschen Brettern, brüchigen Ziegeln und einem undichten Dach. Ein Anblick wie aus schlechten Horror Filmen.
Wir waren beide völlig erledigt von der langen Anfahrt und wollten den dritten Termin bereits absagen, doch irgendetwas hielt uns davon ab und wir sollten für unser Engagement und unsere Standhaftigkeit belohnt werden.

Als wir bei Nummer Drei ankamen, trauten wir unseren Augen nicht. Ein wahrer Palast erwartete uns, mit weißen Säulen, einer eleganten Treppen zum Haupteingang, Mit Türmchen, mit riesigem Garten und, und, und.
Der Ostrand des Hauses war mit einem Klettergerüst verkleidet, an dem weiße Rosen empor kletterten.
Als Melinda das Haus sah, verliebte sie sich sofort. Jedes Detail, jede Kleinigkeit entsprach ihrem Traumhaus.
Die Verhandlungen dauerten nicht lange. Das Haus war entgegen unserer Annahme ungewöhnlich günstig und wir bekamen auch sofort die Schlüssel überreicht.
Eine Nacht noch, verbrachten wir im Hotel, doch bereits am Nächsten begannen wir mit den Umzugsarbeiten. Möbel wurden verladen, Kleinkram wurde in Kartons verpackt und Alles im geliehenen Umzugswagen verladen.
Es war bereits stockfinster als wir den letzten Karton auspackten und einsortierten. Doch schließlich war alles fertig und wir konnten das erste Mal in unserem neuen Heim übernachten.

Ein Monat lebten wir wie im Paradies. Meine Frau entdeckte jeden Tag etwas Neues dass sie an unserem Haus liebte. Die wundervolle Treppe aus weißem Sandstein, die marmorierten Säulen, der gut zehn Meter hohe Eingangsbereich, die elegante Wendeltreppe in den ersten Stock, der geräumige Keller und vor Allem die Rosen.
Sie waren Schneeweiß und verströmten ihren grandiosen Duft im gesamten Haus. Egal in welchem Raum man sich befand, ob Schlafzimmer oder Bad, ob Küche oder Wohnbereich, jedes Zimmer wurde von diesem feinen Geruch durchströmt.
Jeden Tag Schnitt, Goss und Liebkoste sie die gigantische Pflanze, die bereits die ganze Ostseite des Hauses überwucherte.

Ein weiterer Monat verging wie im Flug und unsere Glückssträhne schien nicht abzureißen.
Am ersten Tag des zweiten Monats wurde ich befördert und in eine Filiale versetzt, die näher an unserem Haus liegt.
Im dritten Monat wurde meine Frau Schwanger.
Unser Glück schien perfekt. Alles war wie man sich sein Leben nur erträumen kann. Jeder Tag brachte neue Überraschungen, jeder Tag war neu mit Glück gesegnet, alles seit dem Kauf unseres Hauses und immer besser roch es. Denn die Rosen wucherten unaufhaltsam weiter. Sie hatte die Grenze der Ostseite längst gesprengt und sich und weiter über die Rückseite des Hauses ausgeweitet.
Immer noch hegte und pflegte meine Frau die Rosen jeden Tag. Jeden Tag schlängelte sie sich ein Stück weiter, sprossen neue Knospen und öffneten sich neue Blüten.

Ich kann mich noch erinnern, als wäre es gestern gewesen, als ich die Pflanze das erste Mal verfluchte.
Es war ein Sonniger Frühlingsmorgen. Ich wurde vom Schein der ersten Sonnenstrahlen, sanft in den neuen Morgen geküsst. Melinda war bereits aufgestanden und arbeitete im Garten. Zaghaft verließ ich die weichen Laken, machte einige Schritte zum Fenster und lehnte mich auf die Fensterbank.

Meine Frau nannte mich einen Jammerlappen nachdem sie, in Panik, nach oben gestürmt kam. Mein Schmerzensschrei war wohl doch etwas übertrieben gewesen, in anbetracht der Tatsache, dass lediglich ein Dorn, der gigantischen Pflanze, in meiner Handfläche steckte. Doch dennoch hatten Dornen auf der Fensterbank nichts zu suchen und ich hatte wohl einfach meine Wut in den Schmerzensschrei geflochten.
Als ich am nächsten Tag von der Arbeit nach Hause kam, stürmte meine Frau aufgeregt aus dem Haus. Sie strahlte übers ganze Gesicht und war ganz außer sich. Wild packte sie mich an der Hand und zerrte mich hinters Haus. Dort, etwa einen Meter unter unserem Fenster offenbarte sich mir ein Rot wie ich es kein zweites Mal gesehen hatte. Eine der Rosen hatte sich blutrot verfärbt und strahlte dabei ein Gefühl von unerklärlicher Behaglichkeit aus, dass niemand sich dagegen wehren konnte. Man musst diese Blüte einfach ansehen, sie (richtiger) anstarren.

Wieder verging ein Monat. Die Pflanze wucherte immer weiter. Verdeckte mehr und mehr die Hausfassade, schlängelte sich bis aufs Dach, hinab zur Eingangstür, kringelte sich um die Säulen, sprich, verhüllte bald unser gesamtes Haus.
Mehr und mehr verfiel meine Frau ihrem Bann, verbrachte den ganzen Tag nur noch im Garten, Sprach mit ihnen, sprühte sie mit Wasser und Düngemittel ein und bewunderte täglich eine volle Stunde, die Blutrote Blüte, die Einsam ihren Kontrast ins eintönige Weis warf.
Am Morgen des fünften Junis diesen Jahres dann, war sie verschwunden.
Ich telefonierte mit ihren Eltern, Freunden, Verwandten, ehemaligen Klassenkameraden, Arbeitskollegen und wandte mich schließlich an die Polizei. Es vergingen sechs Monate der Ermittlungen, ohne Ergebnis.
Ich war nicht fähig zu schlafen, zu essen, oder zu arbeiten.
So verbrachte ich Monat um Monat, verlor meine Arbeit, mein Aussehen und jegliche Hoffnung in solch kurzer Zeit.

Völlig ausgehungert und dem Wahn verfallen klettere ich heute schließlich auf unser Dach, wild entschlossen mir das Leben zu nehmen. Da offenbart sich mir ein Bild unendlicher Schönheit. Ein Meer aus Blutroten Rosen verkleidet die Schindeln nun und schenkt mir neue Kraft.

Ich Pflege jetzt die Rosen meiner Frau, in der Hoffnung sie einmal wieder zu sehen. Ich Liebe die Rosen, sie sind so wunderschön.