Manuela Rösel
Typische Borderline-Verhaltensweisen in der abgrenzenden bzw. kritischen Kommunikation
Für Partner von Borderline-Persönlichkeiten ist es oft schwer, sich angemessen zu artikulieren und so ihrem Bedürfnis nach Abgrenzung oder Kritik zu entsprechen. Die meisten Partner sind zu Beginn ihrer Beziehung noch in der Lage sich zu erklären, verlieren aber mit der Zeit ihre Fähigkeit, sich vertrauensvoll zu öffnen und auszudrücken. Das liegt zum großen Teil an einigen typischen, symptomatischen Verhaltensweisen ihres Partners in der Auseinandersetzung, die tief verunsichern und ängstigen können.
Partner verlassen derartige Auseinandersetzungen oft mit dem Eindruck, dass ihnen das Wort im Munde herumgedreht wurde und sie selbst mit ihrem Anliegen anmaßend, verantwortungslos und völlig fehlerhaft sind. Zumeist gehen sie aus einem Gespräch, in dem sie oft nur für die einfachsten Klärungen oder Bedürfnisse sorgen wollten, mit tiefen Schuld- und Schamgefühlen heraus, sind völlig desorientiert und hilflos. Jede derartige Konfrontation hinterlässt ein tiefes Gefühl der Unzulänglichkeit, wobei sich im Laufe der Beziehung dann eine generelle Angst vor jeder Auseinandersetzung entwickelt. Das daraus resultierende ängstliche Auftreten signalisiert dann eine deutliche Empfänglichkeit für Verunsicherungen, was letztendlich immer tiefer in ähnliche destruktive Kommunikationsabläufe führt. Warum sollte eine erfolgreiche Methode sich durchzusetzen auch aufgegeben werden.
In der verantwortungsabweisenden Borderline-Kommunikation werden Gefühle wie Wut, Ohnmacht, Irritation und Hilflosigkeit oft auf den Partner übertragen. Die kleinste Kritik oder minimalste Abgrenzung kann, wie sich aus der mangelnden Objektkonstanz heraus ergibt als Angriff und Bedrohug verstanden werden. Aus der übergroßen Angst heraus nicht richtig
funktionieren und in der Konsequenz verlassen zu werden, resultieren die dann oft massiven und nicht nachvollziehbaren Reaktionen der Borderline Persönlichkeit. In ihrem Bemühen das vermeintlich gefährliche Territorit der Auseinandersetzung schuld-frei zu verlassen und so ihren Ängsten entgehen, weist jede Individualität ihres Partners als „übergriffig Anmaßung" zurück.
Eine gesunde Beziehung braucht aber gerade die Fähigkeit der Partner, sich aus einer Eigenständigkeit heraus auf den anderen einzulassen. Eine erfüllende zwischenmenschliche Bindung kann nur dann entstehen, wenn die individuellen Merkmale des Partners nicht als
Bedrohung.
Zu den typischsten verantwortungsabweisenden Verhaltensweisen zählen:
1. Die Flucht: Das Gespräch wird abgebrochen. Der Betroffene verlässt den Raum, schickt seinen Gesprächspartner weg oder verweigert sich durch schweigen.
2. Der Angriff: Es erfolgt ein Gegenangriff, wobei auf eine vermeintliche Schuld des Partners an einer anderen, vom Thema losgelösten Situativ hingewiesen wird.
3. Die Zeitverschiebung: Es werden als Konflikt wahrgenommer Situationen aus „grauen Vorzeiten" reaktiviert.
4. Die Überschüttung: Eine Vielzahl an Vorwürfen, die sich auf sämtlich als disharmonisch empfundene Beziehungsmomente beziehen, wird über den Kommunikationspartner ausgeschüttet. Darunter befindet sich auch häufig eine Vielzahl an Frustrationen," die sich aus nicht erfüllte Erwartungen ergeben haben, die allerdings nie formuliert wurden (Du hast jederzeit zu erraten, was ich brauche).
5. Die Konfliktverlagerung: Es wird ein anderer Konflikt aktiviert und mit Wertungen und Interpretationen so besetzt, dass der Partner in eine Verteidigungs- bzw. Stellungnahmeposition gedrängt wird.
6. Das Lächerlichmachen des Auslösers: Die Bedürfnisse des Partners, die hinter der Abgrenzung oder Kritik stehen, werden ignoriert, wobei da Auslöser, als zentraler Aufhänger der Situation, abgewertet und klein gemacht wird. Die Belange des Partners werden dabei heruntergespielt und lächerlich gemacht.
7. Die Herabsetzung: Kann sich unmittelbar an das Lächerlichmachen anschließen. Hier wird der Partner direkt verbal oder körpersprachlich beleidigt, beschimpft und herabgesetzt. Das sichert dem Betroffenen den Endruck „über" dem anderen zu stehen, im „Recht" und rantwortungsfrei zu sein.
8. Der körperliche Übergriff: Hier wird versucht, die Situation durch körperliche Überlegenheit unter Kontrolle zu bekommen. Emotionale Konflikte werden auf eine körperliche Ebene verlegt, wobei die Anspannung durch nach außen gerichtete Aggressivität ausagiert wird und der Partner in eine körperliche Verteidigung (Einlassen auf diese Ebene) genötigt wird. Dabei spielt genauso der körperliche Übergriff des Betroffenen auf den Partner, wie auch der provozierte „Übergriff" durch den Partner hinein. Z. B. das bewusste Fallenlassen oder Stürzen der oder des Betroffenen mit der Suggestion an den Partner ... das hast du mir angetan.
9. Der sachbezogene Übergriff: Hier werden Gegenstände attackiert oder zerstört, vorwiegend Dinge, die dem Partner wertvoll sind.
10. Das Implizieren von Schuldgefühlen: Dem Partner wird suggeriert, dass er kein Recht auf die formulierte Kritik oder Abgrenzung hat, da er in einem Schuldverhältnis zum Betroffenen steht. Hier wird jede Gefälligkeit oder Hilfe die irgendwann einmal gewährt wurde benutzt, um Undankbarkeit und Scham zu implizieren. Die hintergründige aber nicht ausgesprochene Aussage ist ... du stehst in meiner Schuld, wie kannst du es wagen ... Emotionale Erpressung und das Heraufbeschwören von Konsequenzen des Leidens für den Betroffenen, werden hier gnadenlos dem Partner angelastet. Frei nach der Botschaft: Wenn du an deinem Anliegen festhältst, werden ich oder andere darunter leiden - und du bist schuld!
11. Die Bedrohung: Es werden konkrete Bestrafungen formuliert, wenn der sich Abgrenzende nicht bereit ist, auf seine Bedürfnisse zu verzichten. Hier findet sich ebenfalls Emotionale Erpressung in Reinkultur wieder. Es wird genötigt, bestraft und gedroht, um einzuschüchtern und zu ängstigen und den Partner so gefügig zu machen.
12. Das Senden von Schlüsselreizen/Triggern: Der Betroffene nutzt wissentlich die ihm von seinem Partner anvertrauten emotionalen Schwachpunkte, um stark emotionale und unkontrollierte, erschrockene Reaktionen zu forcieren. Er vermittelt Botschaften und Aussagen, die in ihrem Inhalt den Partner an erlebte traumatische Erlebnisse erinnern und ihn dadurch emotional aufwühlen. Aus den daraus resultierenden Reaktionen bezieht er sich dann in seiner Argumentation, um sich seiner Verantwortung für die aktuelle Situation zu entziehen und diese dem ja so „unkontrollierten und hysterischen" Partner zuzuweisen.
13. Das Selbsttriggern: Hier triggert sich der Betroffene selbst, indem durch, z. B. für ihn schmerzhafte Schlüsselwörter, Situationen wiederbelebt, die es ihm erlauben, sich emotional aufzuputschen und einer Opferposition zu sehen. Dabei vermischen sich eigene traumatische Erfahrungen mit dem aktuellen Geschehen und „berechtigen" zu der Annahme, verfolgt, attackiert und bedroht zu werden, was dann natürlich entsprechende Gegenmaßnahmen rechtfertigt.
Besonders im letzten Punkt spielt die symptomatische Wahrnehmungsverzerrung eine große Rolle. Obwohl sie auch in alle anderen Methoden mit einfließt, entwickelt sich aus der Vermischung des einen traumatisch Erlebten und der aktuellen Konfrontation eine unglaublich intensive emotionale Reaktion, die mit der Realität des Augenblicks oft in keinem Zusammenhang steht. Für den Partner völlig unverständlich, erlebt dieser nicht nachvollziehbare Reaktionen, die für ihn in keinem Zusammenhang zum eigentlichen Ursprung stehen.
Kennzeichnend aber für alle oben beschriebenen Verhaltensweisen der Verantwortungsübertragung, ist das Heraufbeschwören von Situationen, die vom eigentlichen Thema wegführen und gleichzeitig belegen sollen, dass der Empfänger der Kritik oder Abgrenzung, keinerlei Verantwortung an der aktuellen Konfliktsituation trägt. Zugleich wird durch massiven, emotionalen Druck der Beweis angetreten, dass schon immer und jedes Mal der Partner „schuldig" war und ist und, wie es zukünftig auch immer wieder angeführt werden wird, auch bleibt.


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(Eröffne ich vllt. mal einen Thread dazu ...). 

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