es ist mal wieder an die Zeit für die Zehnjährige,
die, nebenbei bemerkt, heute als fast fünfzigjährige seit kurzem mal wieder in ihrem Traumberuf arbeitet und absolut glücklich ist in der Altenpflege!
Gut, lasse ich die Zehnjährige mal wieder zu Worte kommen,
sie hat lange drauf gewartet, also bitte:
Vor zwei Jahren bin ich mit Sarah und Lea nach Brandenburg gefahren, geplant war erstmal drei Tage Zelten an einem See und danach zu meiner Tante Lilo nach Zehdenick, der Heimat meines Vaters.
Es war im Mai, wir kamen an am See und es war schweinekalt, eine Nacht hielten wir durch im Sturm, am nächsten Tag schon beschlossen wir spontan, meine Tante anzurufen... kein Problem, natürlich konnten wir vor der verabredeten Zeit kommen, bei ihr übernachten usw. Und als wir spätabends dort ankamen, war der Tisch reichlich gedeckt und man merkte ihr an, dass sie sich sehr freute über unseren Besuch.
Ich war zuvor schon des öfteren in Zehdenick gewesen, das erste Mal mit meiner Schwester, dass war... lange her, keine Ahnung.. 1991? Ja, so ungefähr...
Schon damals hatte ich das Gefühl, ich wäre nicht allein dort in Zehdenick, schon damals hatte ich das Gefühl, dass Papa mich begleitet, irgendwie.
Zehdenick ist seine Heimat, sein Zuhause und er hat mir früher davon erzählt (insoweit ich mich erinnere) und ich hab seine Traurigkeit gespürt (insoweit ich mich erinnere...)
Wie auch immer, ich war nun schon ein paar Mal in Zehdenick und es ist immer eine Art Heimkommen und mittlerweile denke ich wirklich, dass nicht ich heimkomme, sondern er. Denn ich habe mein Zuhause (Schiol) und es ist einfach sein Zuhause, seine Heimat...
Als ich vor zwei Jahren mit meinen Töchtern Richtung Zehdenick fuhr und das Ortsschild sah, da hätte ich fast angefangen zu heulen, so emotional war das Ganze für mich... erstaunlich, oder?
Ich war zutiefst berührt, ja.
Ich kenne die Lebensgeschichte meines Vaters nur zum Teil, und das, was ich kenne, lässt mich einen gewissen Teil des Ganzen erahnen, nur ein Teil, aber immerhin...
Mein Vater war das 5. Kind meiner Großeltern, die Schwangerschaft war nicht gewollt und so hat mein Opa reagiert, wie er nach Aussage meiner Mutter schon zuvor reagiert hatte, er wollte die Stricknadel nehmen und das ungewünschte Kind abtreiben...
meine Oma wehrte sich erfolgreich und so wurde mein Vater geboren, ob Opa nu wollte oder nicht.
Zu seinem 18. Geburtstag legte sein Vater ihm eine Flasche Schnaps ans Fussende seines Bettes... ob das nun irgendeine Auswirkung auf sein späteres Trinkverhalten hatte oder nicht, kann ich nicht beurteilen, es ist eben eine Aussage, die hängengeblieben ist... und die etwas aussagt über das Verhältnis zwischen Vater und Sohn.
Ich mein, welcher Vater macht so etwas??
1957 bist du abgehauen, hast alles, auch deine Familie, hinter dir gelassen, bist auf Urlaub gefahren zu deiner Tante in den Westen.
Und dein Bruder Herbert, der Mann von Lilo, hat dir damals noch gesagt
"Vergiss das Wiederkommen nicht!"
Herbert hat geahnt, dass du nie wieder heimkommen würdest,
er hat es gewusst, gespürt.
16 Jahre später warst du tot, all dies und so vieles mehr wurde zu Geschichte,
zu Vergangenheit oder was auch immer...
und vielleicht wurde es irgendwann zu unserer gemeinsamen Geschichte,
16 Jahre später existiertest du nicht mehr.
Du hast diese Welt verlassen,
einerseits ohne etwas,
andererseits mit sehr viel...
mit mir
Ich habe Herbert noch kennenlernen dürfen,
und damit auch ein Stückweit von dir...
ich weiß nicht, wieviel von dir in Herbert war,
ich weiß nur, dass Herbert mich sehr beeindruckt und auch ein wenig...
nun ja, verängstigt hat.
Herbert war ein Mann, der nie Ruhe fand, er stand einfach nie still.
Er konnte auch nicht einfach nur spazierengehen, er rannte, rannte,
rannte einfach nur.
Ich weiß nicht, wovor er davongelaufen ist, werd es wohl auch nie mehr erfahren.
Ich mochte ihn, mochte ihn total, einfach, weil er dein Bruder war
und ein Teil deiner, und somit auch meiner Vergangenheit.
Und als Onkel Herbert starb war es für mich, als würdest du erneut sterben...
ein Teil von dir, ein Teil von mir.
Herbert war der Letzte von euch, der überlebt hat,
es gibt nun keinen wirklichen "Lemke" mehr,
es gibt niemanden mehr, der mir Fragen beantworten könnte,
Fragen, die immer noch da sind...
Wie war Papa früher, als Kind, als Jugendlicher usw. usw.
Na ja, interessanterweise gibt es u.a. noch jemanden, der Papa kennt, sich an ihn erinnert, früher mal mit ihm zusammengearbeitet hat, hier im "Westen". Dieser Mensch war damals Lehrling im Baugewerbe, und er arbeitet heute, witzigerweise, in der gleichen Firma, in der mein Mann arbeitet...
U. Andresen...
Ich weiß nicht, was konkret ich mir von diesem Mann erwarte, welche Aussage... "Dein Vater war ein toller Mensch. Er war liebevoll, zärtlich, zuverlässig, vertrauensvoll."
Was erwarte ich?
Ich will dich kennenlernen Papa, ich will wissen, wer du warst.
Ich will dich außerhalb von dem sehen, was du mir warst in unseren zehn Jahren. Ich will den anderen Mann sehen können, der, den es auch noch gegeben haben muss.
Ich weiß von Mama, dass du eine Zeit lang eine Geliebte hattest, ein sog. Kurschatten und du warst kurz davor, ihretwegen deine Familie zu verlassen.
Inge Hansen... ich hab sie im Telefonbuch gefunden, war kurz davor, anzurufen...
"Hallo, ich bin die Tochter von Richard Lemke, ich wollte nur mal fragen, wie er so gewesen ist. Können Sie mir sagen, wie war mein Vater als Mann, wie war er als Mensch?"
Natürlich habe ich sie nie angerufen, aber die Fragen, die bleiben...
Wie warst du so, als Mensch, als Mann?
Wie und wer warst du?
Es gab auch das Gerücht, dass du Männer mögen würdest,
ich glaub, das kam auch von Mamas Richtung (ihr Sohn).
Es soll da mal so einen "Vorfall" in Hamburg gegeben haben...
warst du insgeheim schwul, oder bi????
Auch egal Papa, total egal, echt.
Für mich als deine Tochter
bist du sowas von weit entfernt irgendwie,
es ist, als hätte es dich niemals gegeben,
als hättest du nie existiert
- einerseits.
Andererseits bist du in mir,
in meinem Herzen, in meiner Seele, in meinem Sein,
du bist stets und ständig da
und ich liebe dich einfach nur,
weil ich es will.
Und je größer der Abstand zwischen uns beiden wird,
desto näher komme ich dir.
Merkwürdig nicht?
Ja, ich weiß, du kannst darüber überhaupt nicht lachen,
aber ich kann es, na ja, ich kann zumindest lächeln...
ist doch schon mal was.
Wir mögen Jahrzehnte voneinander entfernt sein,
unsere Wege haben sich vor langer Zeit schon getrennt.
Ich folge deinen Spuren, unbeirrt und ohne Zögern.
Mit jedem einzelnen Schritt in deine Richtung
will ich dich finden.
Ich werde dich niemals mehr haben können,
so, wie ich es mir wünsche.
Ich werde dich niemals mehr in den Arm nehmen können,
du wirst niemals mehr vor mir stehen
und mir sagen, dass du mich liebst...
Ich werde niemals mehr deine lachenden Augen sehen,
diesen starken lebendigen Körper vor mir.
Die Arme, die mich damals hielten, sind nicht mehr.
Es ist und bleibt egal, mit wie vielen Menschen ich über dich rede,
du kommst nicht mehr zurück?
Ich kann diese Tür nicht mehr öffnen,
ist es das?
Diese Tür bleibt verschlossen, du hast sie verschlossen, du hast den Schlüssel weggeworfen. Warum auch immer...
Erinnerst du dich? Es ist schon ein paar Jahre her, da war ich bei einem Medium, einer Frau, die Kontakt herstellen konnte.
Ich lag bei ihr auf der Couch, alles war gut, ich war entspannt, hab vieles gesehen, nur dich nicht. Du kamst einfach nicht zu mir.
B. hat ihre Tochter getroffen, später kam ihr Vater, er hat zu ihr gesprochen, alles war gut...
Ich hab mich so oft gefragt, warum du nicht zu mir gekommen bist, lag es an mir? Wolltest du nicht?
Selbst in diesem Augenblick damals hatte ich Schuldgefühle...
aber das ist nicht richtig. Ich muss keine Schuldgefühle haben Papa. Du warst nicht bereit, vielleicht warst du auch gar nicht mehr da, vielleicht ist deine Seele schon so viel weiter, ich weiß es nicht...
Alles, was ich weiß. Alles, was ich spüre...
Das bist du. Immer nur du.
Je älter ich werde, desto präsenter bist du.
Ich hab so viel an Liebe zu geben,
so viel Liebe nur für dich.
Ich schäume über vor lauter Liebe,
nur für dich.
Also komm, nimm sie einfach nur an,
meine Liebe.
Ich schenke sie dir.
Ich erwarte nichts.
Nimm.


LinkBack URL
About LinkBacks
!
.
Zitieren
. Und ich bin mir sicher, dieser Punkt, der wird bald überschritten sein; aber es ist gut, alles ist gut... ich fühl mich sauwohl dort

Lesezeichen