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Thema: Das bleibt unter uns!!!

  1. #1
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    Standard Das bleibt unter uns!!!

    Hallo,

    am Freitag hatte ich ein Gespräch mit meinem Vater. Ich bin vor 15 Jahren zu hause ausgezogen. Vor 1,5 Jahren hatte ich den Kontakt zu meinen Eltern abgebrochen. Ich wohne 500 km von meinen Eltern entfernt.
    Ich hatte ein Gespräch zu meinem Vater gesucht. Dieses Gespräch habe ich durch E-mails versucht einzuleiten. Ich wollte mit ihm über sein Verhalten in meiner Kindheit sprechen.
    Er rief mich an und fragte über was wir denn sprechen sollten. Ich erzählte ihm von den Themen, die ich ihm in der E-mail geschrieben habe, wie sehr sie mich verletzt haben. Ich weinte dabei. Er fragte und was soll ich jetzt machen. Ich erzählte ihm, dass ich mir als Kind gewünscht hätte, er wäre danach auf mich zugekommen und hätte mir gesagt, dass es ihm leid täte. Ich erzählte ihm, ich würde mich freuen, wenn er sich dafür entschuldigen würde, wenn es ihm leid täte.
    Er meinte, dann solle ich mich aber auch für beleidigende Briefe und E-mails entschuldigen und dass das Thema dann gegessen sei.
    Er fragte wie es weitergehen solle. Ich antwortete ihm, dass ich mir mehr Offenheit von ihm wünschen würde. Er entgegnete, ich würde ja auch nichts erzählen.
    Auf Beispiele, wo ich Informationen gebraucht hätte, antwortete er, ich hätte ja auch fragen können.
    Er beendete das Gespräch, ich solle nichts nach außen tragen.

    Heute morgen war ich bei der Caritas zu einer offenen Sprechstunde, um mich wegen einer Therapie zu erkundigen. Ich erzählte der Psychologin von den Verletzungen aus meiner Kindheit und dem obenbeschriebenen Gespräch.
    Die Psychologin meinte es wäre ein typisches Täterverhalten. Ich habe Kopfschmerzen, die gleichen Kopfschmerzen wie vor 17 Jahren und ich habe Angst, dass er mir etwas antut.

    Meine Mutter hatte mich oft zu ihm geschickt, geh mal Papa helfen. Sie hatte mitbekommen, wenn es mir danach schlecht ging, mich erzählen lassen und anschließend erklärte sie mir, dass ich das alles falsch sehen würde und meinen Vater gefälligst toll finden solle.

    Ich hatte gehofft, sie wäre mal zu meinem Vater gegangen und hätte ihm einen Wink mit dem Zaunpfahl gegeben, er solle mal auf mich zukommen und sich entschuldigen. In dem Gespräch mit meinem Vater kam heraus, dass für meine Mutter das Thema gegessen war, nachdem sie mir erklärt hatte, ich solle meinen Vater gefälligst toll finden.

    Das Gefühl missbraucht, misshandelt und völlig isoliert gewesen zu sein ist wieder da. Es fühlt sich so an wie Schwimmen auf Seifenlauge.

    Habe ich Leidensgenossen/innen oder bin ich völlig alleine?

    Gruß Tommy
    Geändert von Tommy (25.07.2011 um 15:46 Uhr)

  2. #2
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    Hallo Tommy, nein, du bist nicht alleine. Ich kenne deine Gefühle, als ich jung war ging es mir fast ganz genau so wie dir jetzt.

    Mittlerweile habe ich sie endlich überwinden können, das hat lange gedauert. Bei mir war es nicht der Vater, sondern die Organisation, in der ich großgeworden bin. Nach fast 30 Jahren habe ich es vor ein paar Monaten geschafft, mich meiner Angst zu stellen und mit den heute Verantwortlichen zu sprechen. Jetzt komme ich immer mehr zur Ruhe.

    Du bist sehr mutig, wenn du nach so kurzer Zeit in der Lage warst, mit deinem Vater Kontakt aufzunehmen. Wirklich sehr, sehr mutig, ich weiß, wie Angst vor Negierungen, vor dem Ungültig-gemacht-werden, vor dem Schweigegebot usw. sich anfühlen. Unglaublich stark und mutig!

    Trotzdem: deine Therapeutin hat Recht, deine Eltern reagieren, wie es typisch ist für Täter. Du kannst sie nicht beeinflussen, du kannst ihr Verhalten rückwirkend nicht mehr verändern, du wirst dir auf diesem Weg nur neue Verletzungen zuziehen, das hast du jetzt erfahren.

    Ich möchte dir trotzdem Mut zusprechen, es ist möglich, davon frei zu werden. Nicht so schnell, das braucht Zeit, Abstand, ein inneres Stärker werden und auch ein wachsendes Vertrauen in dich selbst. Gib dir die Zeit, behalte dein Ziel im Auge und mach weiter. Vielleicht wirst du die Konfrontation irgendwann wieder suchen, vielleicht wirst du dich ganz zurückziehen, vielleicht wird's irgendwann nicht mehr notwendig sein, auf eine Entschuldigung deiner Eltern zu hoffen, weil du wie ich die Erfahrung machen wirst, daß die Kindheitstäter nicht mehr existieren - was irgendwann übrig bleibt werden Menschen sein, alt geworden, nicht mehr gefährlich, nicht mehr Täter, sondern einfach Menschen, die dich nicht mehr erreichen können. Und vielleicht wirst du dann auch die Erfahrung machen dürfen, daß dein Inneres sie irgendwann fast unbemerkt losläßt.

    So ist es mir gegangen, und das fühlt sich gut an. Ich wünsch dir viel Kraft!

  3. Der folgende Benutzer bedankte sich bei Suppenhuhn für den sinnvollen Beitrag:

    Tommy (25.07.2011)

  4. #3
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    Liebes Suppenhuhn,

    (das klingt irgendwie doof, abwertend, Du kannst über Dich selber lachen?)
    das Gespräch bei der Caritas war heftig, es hat mir im Nachhinein verdeutlicht,
    ICH HATTE KEINE CHANCE, NULL, ZERO das gekriegt zu haben, was ich mir eigentlich gewünscht und gebraucht habe: Nähe, Verständnis und Wärme.
    Vielmehr habe ich auch heute keine Chance mehr bei meinen Eltern das zu kriegen was ich mir eigentlich gewünscht und gebraucht habe: Nähe, Verständnis und Wärme.
    Ich fürchte es wird immer ein Verlustgeschäft für mich bleiben. Es war immer ein Verlustgeschäft für mich. Tut weh, sehr weh. Ich kann es schwer annehmen. Ich hatte jahrelang, jahrzehntelang geglaubt, ich hätte irgendwie Einfluss Nähe, Verständnis und Wärme von Ihnen zu bekommen.
    Die Aussage Täterverhalten beinhaltet, dass sie mich hingehalten haben.
    Ich brauche Nähe, Verständnis und Wärme. Vielleicht gibt es ja irgendwo einen Therapeuten, der auf mich zukommt, mich in den Arm nimmt, mich ein bisschen streichelt und mir sagt, es wird alles gut. So wie ich es mir immer gewünscht habe.

    Gruß Tommy

  5. #4
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    Standard Verzeihen ist Balsam und Heilung für die Seele!

    Hallo, lieber Tommy,

    Dein Vater weinte am Telefon und frug Dich, was er denn nun tun solle!

    Also ich finde, daß ist schon sehr viel und so etwas wie ein Schuldeingeständnis und eine Bitte um Vergebung!

    Deinen Texten entnehme ich, daß Dir der Gedanke, Deine Eltern zu verzeihen, offensichtlich noch nie gekommen ist und dabei wäre gerade das, aller Erfahrung nach, der Königsweg zu Deiner Heilung und Deinem Seelenfrieden!

    Ich bewunder Dich für Deine Kraft und Deinen Mut, das Gespräch mit Deinem Vater zu suchen und allem Anschein nach ist er ja auch dazu bereit, wenn auch Du Dich für Deine verständlichen Wutbriefe entschuldigst, was Dir nicht schwer fallen dürfte, denn Du weißt doch sicherlich, daß man mit einem neuen Unrecht keine altes gut machen kann.

  6. #5
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    Guten Morgen Tommy,

    ja, diese Sehnsucht nach Wärme und Verständnis kenne ich auch.

    Du hast dich nicht darüber geäußert, was deine Eltern dir zugefügt haben, daß du bereits mit 15 von ihnen weg bist, kannst/magst du dazu was schreiben? Ich versuche dir zunächst möglichst allgemein zu antworten, will nicht Gefahr laufen, zu viel "eigenes" auf dich und deine Situation zu übertragen. Mit "Täterverhalten" ist gemeint: geschehene Dinge unausgesprochen zu lassen und demjenigen, der darunter gelitten hat, zu vermitteln, daß die eigenen Erinnerungen zu "dramatisch" und eigentlich falsch seien und daß eigenes Fehlverhalten die Ursache für Lieblosigkeit, auch Gewalt oder Übergriffe der 'Täter' gewesen wären.

    Egal, was einem als Kind zugefügt oder vorenthalten worden ist: wo Täter da sind, gibt es auch Opfer - in diesem Fall also bist das du. So eine Erkenntnis ist schmerzhaft, sie führt zu denselben Gefühlen, die man als Kind empfunden und unter denen man gelitten hat, so wie du es auch beschrieben hast. Eine notwendige Erkenntnis aber auch, denn sie hilft dir zu erkennen, daß du damals nicht verantwortlich und auch nicht in irgend einer Form schuldhaft warst, es gar nicht sein konntest als Kind. Für mich habe ich das so übersetzt: das Erkennen, daß ich als Kind Opfer geworden bin, ließ mich begreifen, daß ich keine Chance gehabt hatte, irgend etwas an meiner Situation zu ändern oder das Verhalten meiner "Täter" irgendwie zu beeinflussen. Fand ich sehr schmerzhaft, denn damit mußte ich auch erkennen, daß meine Versuche - auch als Erwachsene noch - doch noch Verständnis, Zuwendung oder Akzeptanz zu bekommen, ganz aussichtslos waren. Ich bin als junge Frau noch gelegentlich ins Kinderdorf gefahren und hoffte jedesmal wieder, durch mein mittlerweile "erwachsenes Auftreten", vielleicht endlich doch noch ein Zeichen von Anerkennung zu bekommen, und war jedes Mal bitter enttäuscht, wenn das ausblieb und mir erneut durch Bemerkungen oder Relativierungen vermittelt wurde, daß ich nichts wert sei.

    Heute sehe ich: meine Versuche, wenigstens als junge Frau noch Zuneigung von dieser Kinderdorfmutter zu bekommen, waren im Grunde "Kind-Strategien". Sowas funktioniert nicht, die Eltern oder Erziehungsberechtigten werden keine anderen Menschen, nur weil man selbst erwachsener geworden ist und "vernünftiger" und sich so zeigt, wie man glaubt, daß es die Eltern immer von einem erwartet hätten, weil es im Grunde genommen überhaupt nie die Chance gab, das Verhalten derjenigen, die einem die Liebe vorenthalten, zu beeinflussen.

    Als ich mir später die Frage stellte, was denn wäre, wenn meine Kinderdorfmutter mich in den Arm nähme und sagen würde, sie sei stolz auf mich und würde mich lieben, mußte ich mir eingestehen: ich hätte es ihr nicht geglaubt, hätte es ihr gar nicht glauben können. Damit will ich dir vermitteln: deine Bedürfnisse nach Zuneigung, nach Zärtlichkeit und vielleicht auch Vergebung sind Kindbedürfnisse - sie mögen stark sein, aber sie lassen sich im Erwachsenenalter nicht mehr in der Form nachholen, daß danach "alles gut" wäre. Weder durch die Eltern, noch durch "Ersatzeltern" in Form von Therapeuten.

    Du bist jetzt erwachsen. Und damit möchte ich zum zweiten wichtigen Punkt kommen, nämlich: Täter / Opfer. Du befindest dich im Moment an einem ganz entscheidenden Punkt in deinem Leben, an dem du wahrnimmst und erkennst, daß deine Eltern dir nicht das gegeben haben und es auch in Zukunft nicht tun werden, was du als ihr Kind gebraucht hättest. Kopfschmerzen und Kummer hast du erwähnt, die sich so anfühlen wie du dich früher gefühlt hast. Aber: das ist jetzt auch so eine Art möglicher Wendepunkt, weil du damit anfangen kannst, die Verantwortung für dein künftiges Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Das ist ein schwerer Schritt, denn das bedeutet, daß du erkennen mußt, daß deine Eltern dich auch heute nicht emotional "satt" machen werden, ebenso wenig wie das ein Therapeut oder sonstwer kann, das heißt: du wirst loslassen müssen.

    Klingt jetzt vielleicht schlimmer, als es letzten Endes ist, denn das Bewußtsein, daß du alleine für dein künftiges Leben Verantwortung trägst fühlt sich vielleicht erstmal einsam und traurig an, vielleicht wirst du auch aufbegehren und wütend oder verzweifelt sein - das wäre in Ordnung und sogar gut, wäre auch kein Dauerzustand - aber es birgt die Chance in sich, innerlich stärker zu werden, alte Verletzungen wahrzunehmen und zu verarbeiten, es birgt die Chance, für dich selbst zu sorgen und letztendlich auch, als Erwachsener Zuneigung, Fürsorge und Liebe empfinden und annehmen zu können. Anders als im "Kindmodus" - nicht mehr so abhängig, sondern frei und selbstbewußt. Das ist wichtig, weil du damit mehr und mehr auch lernen kannst, daß du ein liebenswerter Mensch mit Stärken und Schwächen bist, daß du auch ein Mensch sein kannst, dessen Wohl und Wehe nicht davon abhängt, ob ein im Grunde unerreichbarer "Elternersatz" gerade mal Lust hat, dir ein paar Brocken Zuneigung zu geben oder auch vorzuenthalten. Wenn du das tust, wirst du in der Lage sein, nach und nach aus deiner Opferrolle herauszutreten. Das bedeutet: du wirst in der Lage sein, deine 'Täter' sozusagen aus ihrer Rolle zu 'entlassen' - nicht, weil sie damit nun bessere oder andere Eltern werden, sondern weil sie dir nichts mehr zufügen können - weder durch Bemerkungen noch durch das, was du in dir selbst von ihnen jetzt vielleicht noch mitträgst.

    Das "Verzeihen", das Rainer-JGS anspricht - entschuldige, das halte ich zum jetzigen Zeitpunkt und in diesem Zusammenhang schlicht für Bullshit. Als mir ganz zu Beginn ein Therapeut sagte, ich müsse lernen zu Verzeihen, wäre ich dem fast an die Gurgel gesprungen, mich hat diese Aussage damals fertig gemacht weil ich dadurch das Gefühl vermittelt bekommen habe, ich wäre bloß ein überempfindliches Mimöschen, das nicht fähig wäre, olle Kamellen ruhen zu lassen. Hat für mich damals nicht funktioniert, ich mußte erstmal lernen, daß mir schlimme Dinge zugefügt worden sind, mußte das akzeptieren, darüber auch Wut und Trauer empfinden, um überhaupt in die Lage zu kommen, diese Dinge zu bewältigen und dann loszulassen. Das geht. Wenn ich heute von 'innerer Versöhnung' spreche, dann hat das mit dem "Verzeihen", wie Rainer es beschreibt, eigentlich wenig zu tun, sondern: mit Loslassen, mit dem Aussöhnen mit mir selbst - das tritt irgendwann, wenn man sich von alten Verletzungen befreit hat, von selbst ein - und damit verliert sich auch der Zorn und das Verletzsein gegenüber den früheren Tätern. Nichts, was man zu Beginn einer Therapie forcieren müßte.

    Lieben Gruß - falls dir "Suppenhuhn" zu albern klingt: ich lache gern und ziemlich oft über mich selbst, aber du kannst mich gerne Fritzie nennen.

  7. Die folgenden 4 Benutzer bedankten sich bei Suppenhuhn für den sinnvollen Beitrag:

    Darkstar (26.07.2011),gemeingefährlich (26.07.2011),Magdolna (29.07.2011),Tommy (26.07.2011)

  8. #6
    Neuling
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    Lieber Rainer,

    leider war es nicht mein Vater, der geweint hat, sondern ich selbst.
    Es war auch meine Absicht ihm zu verzeihen.
    Leider hatte mein Vater zu den Verletzungen meiner Kindheit Ausreden parat oder einfach verleugnet, dass es doch gar nicht so schlimm gewesen sein könnte

    In dem Gespräch allgemein, waren folgende Erwartungen meines Vaters, die mich gestört haben:

    a) Das Gespräch wird nicht nach außen getragen
    b) Es ist jetzt alles gegessen, Es wird nicht mehr über das Thema gesprochen
    c) Ich solle mich für Briefe entschuldigen.
    d) Ich solle ihm in Zukunft mehr erzählen, damit er das Vertrauen hat auch etwas von sich zu erzählen.
    e) Ich entscheidende Dinge durch Fragen selbst herausbekommen solle.

    Das ist leider das gleiche Muster wie vor 15 Jahren. Die Schuld wurde auf mich abgeschoben. Ich bin in die Ecke gedrängt worden.

    Ich hatte am Samstag ein Beichtgespräch gesucht, weil ich nicht verzeihen konnte.

    Das Gespräch mit meinem Vater hat mich daraufhin gedeutet, wie hilflos ich damals wirklich war.
    Ich war ein Kind, das sich nicht wehren konnte und auf das auch noch, die Schuld abgewälzt wurde. Dies war möglich weil ich so hilflos war.
    Ich meine ein Verzeihen ist nur möglich, wenn ich diese doppelte Hilflosigkeit annehme.

    Hilflos a) psychisch und physisch verletzt zu werden und
    b) dafür verantwortlich gemacht zu werden

    mit b) habe ich noch die größten Schwierigkeiten.

    Gruß Tommy

  9. #7
    Gast784
    Gast

    Standard

    hallo Tommy,

    das Ziel kann auch nicht sein, dem Täter zu verzeihen. Das Ziel kann nur heissen: sich in sein eigenes Leben einzufinden und ein gutes Leben zu führen, d.h. seine Kraft und seine Möglichkeiten - und somit die Liebe zum Leben leben. Und damit erübrigt sich jedes Verzeihen.

    Und einer der schwierigsten, aber wichtigsten Schritte dahin heisst, sich selbst verzeihen und annehmen können, so wie man gerade ist. Du kannst nicht mehr tun, als das Dir jetzt im Moment Mögliche zu leben. So mutig, wie Du das tust, das zeigt doch, dass Du das beste aus den Gegebenheiten machst, was Du machen kanst. Und damit bist Du auf einem guten Weg

    Irgendwann, wenn Du genug Distanz zu der ganzen Geschichte hast, kannst Du die Dinge auch an den Platz rücken, an den sie gehören, Verantwortungen und Schuldverteilungen dahin zurück geben, wo sie hingehören usw., indem Du eine Systemaufstellung machst. Das kannst Du aber auf Dich in Ruhe zukommen lassen.
    Geändert von Gast784 (26.07.2011 um 10:00 Uhr)

  10. #8
    Neuling
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    Zitat Zitat von Suppenhuhn Beitrag anzeigen
    Guten Morgen Tommy,

    Du hast dich nicht darüber geäußert, was deine Eltern dir zugefügt haben, daß du bereits mit 15 von ihnen weg bist, kannst/magst du dazu was schreiben? Ich versuche dir zunächst möglichst allgemein zu antworten, will nicht Gefahr laufen, zu viel "eigenes" auf dich und deine Situation zu übertragen.
    Liebe Fritzie,

    ich bin vor 15 Jahren zu hause weg.

    Mein Vater hat mich als kleiner Junge übers Treppengeländer gehalten und gedroht, jetzt lasse ich Dich fallen.

    "Kämpfchen" simuliert, bei denen er mir mit der Faust aufs Gesicht zu und kurz vorher abbremste.

    Mir gedroht, mich in die Waschmaschine zu stecken,

    Mir erklärt ich müsse aufpassen, wenn ich mir weh getan habe,

    Auf Fragen geantwortet, soetwas müsse man mit meiner jeweiligen Altersangabe doch wissen,

    Ich solle fröhlicher helfen, weil ich viel kosten würde.

    Mir an den Hintern gefasst. Ich habe ihn oft gebeten, damit aufzuhören. Einmal grinste er mich dabei an und erklärte mir, es bleibt ja unter uns.

    Zitat Zitat von Suppenhuhn Beitrag anzeigen
    Egal, was einem als Kind zugefügt oder vorenthalten worden ist: wo Täter da sind, gibt es auch Opfer - in diesem Fall also bist das du. So eine Erkenntnis ist schmerzhaft, sie führt zu denselben Gefühlen, die man als Kind empfunden und unter denen man gelitten hat, so wie du es auch beschrieben hast. Eine notwendige Erkenntnis aber auch, denn sie hilft dir zu erkennen, daß du damals nicht verantwortlich und auch nicht in irgend einer Form schuldhaft warst, es gar nicht sein konntest als Kind. Für mich habe ich das so übersetzt: das Erkennen, daß ich als Kind Opfer geworden bin, ließ mich begreifen, daß ich keine Chance gehabt hatte, irgend etwas an meiner Situation zu ändern oder das Verhalten meiner "Täter" irgendwie zu beeinflussen. Fand ich sehr schmerzhaft, denn damit mußte ich auch erkennen, daß meine Versuche - auch als Erwachsene noch - doch noch Verständnis, Zuwendung oder Akzeptanz zu bekommen, ganz aussichtslos waren. Ich bin als junge Frau noch gelegentlich ins Kinderdorf gefahren und hoffte jedesmal wieder, durch mein mittlerweile "erwachsenes Auftreten", vielleicht endlich doch noch ein Zeichen von Anerkennung zu bekommen, und war jedes Mal bitter enttäuscht, wenn das ausblieb und mir erneut durch Bemerkungen oder Relativierungen vermittelt wurde, daß ich nichts wert sei.
    Liebe Fritzie,

    für diesen Absatz möchte ich Dir ganz besonders danken. Weißt Du, mein Vater hat mir auch am Freitag noch suggeriert ich hätte eine Chance gehabt, wenn ich mich entsprechend verhalten hätte. Ich hätte eine Chance auf ein gutes Sohn Vater Verhältnis, wenn ich

    das Gespräch nicht nach außen tragen würde,
    das Thema nicht mehr anschneiden würde,
    mich für meine Briefe und E-mails entschuldigen würde,
    Ich ihm in Zukunft mehr über mich erzählen würde, damit er Vertrauen gewinnt auch mehr über sich zu erzählen.
    Ich entscheidende Dinge durch Fragen herausbekomme.

    Ich glaube ihm nicht. Andererseits waren diese Erwartungen jahrelang meine Hoffnung etwas ändern zu können. Es tut weh, sehr weh, zuzulassen (loszulassen), dass mein Vater mich angelogen hat, ich hätte oder habe mit diesen Verhaltensweisen Einfluss auf sein Verhalten, er könne ein besserer Vater sein, wenn ich mich nur entsprechend verhalten würde.

    Diese Erwartungen sind nicht neu, in ähnlicher Form habe ich sie auch in meiner Kindheit von ihm und meiner Mutter abbekommen.
    Ich hatte als Kind oft Existenzängste, wenn ich nicht
    a) alles für mich behalte,
    b) Themen, die mich beschäftigen zurückhalte
    c) meinen Vater für toll halte, obwohl ich ihn innerlich verachte,
    d) mehr Angriffsfläche biete (mehr von mir erzähle), worauf er mir erklären kann, was ich eigentlich tun soll
    e) ich zu meinem Vater gehen soll und ihn Dinge frage, worauf er mich zunächst ignorieren kann, beleidigt tun kann und mir schließlich Masslosigkeit vorwerfen kann

    dann bringt mich mein Vater um oder läßt mich eiskalt verhungern. (Er ist ja derjenige gewesen, der das Geld nach Hause gebracht hat, was ich ihm ja so teuer koste)

    Ich bin katholisch erzogen worden und hatte als Kind die Meinung, das Gewissen sitzt in den Knien und Armgelenken, bis mir mein Großvater anvertraut hat, das wäre einfach nur Angst.
    Es war die Angst vor meinem Vater, meinen Eltern

    Ich kann mich erinnern, dass ich von Klassenfahrten nach hause gekommen bin und im Bus geweint habe, so schlimm wie zu hause ist es nirgendwo.

    Wenn ich mir die Erwartungen meines Vaters anschaue, dann fällt mir auf, dass diese Erwartungen exakt das sind, was einen guten Vater ausmacht. (Ist mir nie aufgefallen)

    Es tut gut dies aufschreiben zu können, nach außen tragen zu können.
    Danke fürs Lesen!

    Gruß Tommy

  11. Der folgende Benutzer bedankte sich bei Tommy für den sinnvollen Beitrag:

    Suppenhuhn (26.07.2011)

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