Liebe Forumsteilnehmer,
seit einem halben Jahr nun mache ich eine Gesprächstherapie – Auslöser dafür mir einen Therapieplatz zu suchen waren ursprünglich viele Probleme in meiner Partnerschaft, die sich schon gesundheitlich bei mir auswirkten. Inzwischen haben sich viele verschiedene Themen, Fragen und Erkenntnisse entwickelt, mit denen ich mich im Rahmen der Therapie beschäftige und die sich längst nicht mehr nur auf das Thema Partnerschaft beschränken.
Leider ist meine Therapie für ein paar Wochen unterbrochen, gerade zu einem Zeitpunkt, zu dem sich bei mir große Schwierigkeiten auf der Arbeit anbahnen, die nicht mehr nur mit ein bisschen „zusammenreißen“ oder „mir selbst in den Hintern treten“ zu bewältigen sind. Ich möchte kurz schildern, worum es geht und hier im Forum fragen, ob es Teilnehmer gibt, die eine solche Krise überwunden haben oder ob es Anregungen und Ideen dazu gibt, wie damit umzugehen ist.
Also in Kürze: ich arbeite nicht in meinem Traumjob, ich verdiene aber gutes Geld und bin nun seit 13 Jahren immer in der gleichen Firma tätig (ich bin übrigens 37 und weiblich). Ich war nach meiner handwerklichen Ausbildung kurz arbeitslos, bin dann in meinen jetzigen kaufmännischen Job ausbildungsfremd eingestiegen und habe mich nach und nach eingearbeitet, weitergebildet und mir so einen festen und gut bezahlten Job gesichert. Es gab damals mehrere Gründe für mich diese Arbeit anzunehmen obwohl ich bis dahin jede Art von Bürotätigkeit grundsätzlich abgelehnt habe: mein erstes selbstverdientes Geld, mein erstes Auto, ich fand auch Bestätigung und ganz wichtig und heute ein mittelschweres Problem für mich: ich habe den Job durch Unterstützung meiner Eltern gefunden und ich habe damals geglaubt, den Erwartungen meines Umfelds entsprechen zu müssen, indem ich allen zeige, was ich kann und dass ich mich jeder Aufgabe stelle und ich empfand eine gewisse Verpflichtung aus Dankbarkeit für die Hilfe meiner Eltern. Jeder hat mir gesagt: Mensch, Du bist doch intelligent und pfiffig, Du kannst das.
Ich habe mich dadurch angespornt gefühlt und im Verlaufe der Jahre in dieser Firma habe ich auch tatsächlich die Bestätigung für die Aussagen der anderen gefunden. Ich habe jede Aufgabe gemeistert, mich in verschiedenen Abteilungen bewährt und mich immer gut in die Firma integriert. Was hier wie ein Loblied auf mich selbst klingt, ist leider auch der ganze Haken an der Sache: indem ich mich durch die Bestätigung motiviert gefühlt habe, habe ich überhaupt nicht gemerkt, dass ich mich fest an einen Job gebunden habe, der mich völlig unglücklich macht. Ja, ich habe oft das Gefühl gehabt „super, Du hast wieder eine Aufgabe erledigt und bist den Anforderungen gerecht geworden“ – noch nie, aber, niemals in den ganzen 13 Jahren bin ich zufrieden nach Hause gegangen. Noch nie habe ich Spaß empfunden, noch nie Befriedigung, noch nie Selbstbestätigung. Immer nur war das Gefühl da „schön, alle anderen werden zufrieden mit mir sein, also ist es gut so wie es ist“.
Durch die Therapie habe ich gelernt ein bisschen besser acht zu geben, was ich fühle und in mich hineinzuhorchen. Schon vor einigen Monaten habe ich entdeckt, welch riesiger Druck jeden Morgen auf mir lastet, wenn ich zur Arbeit gehe, wie mein Herz schwer wird, mein Magen kribbelt und welch unbeschreibliche Langeweile mich packt, während ich meine Aufgaben schön korrekt erledige. Ich habe diese Gefühle bisher einfach nicht beachtet oder auch geglaubt dass das normal ist.
Ich habe dann beschlossen mehr auf mein Gefühl zu hören, mich neu zu orientieren, aber so lange weiter meinen Aufgaben gewissenhaft nachzugehen, bis meine Ideen reif genug sind, um in die Tat umgesetzt zu werden.
Jetzt, einige Monate später, wird die Belastung auf der Arbeit unerträglich. Mit Stress hat das nichts zu tun – im Gegenteil. Ich bin unmotiviert und gelangweilt und dafür schäme ich mich sehr. Wenn ich vor meinem Bildschirm sitze und zum hundertsten Mal schweifen meine Gedanken ab, dann habe ich ein schlechtes Gewissen. Ich kann niemals still sitzen, renne herum oder zappele auf meinem Stuhl. Komme ich abends nach Hause, bin ich unglücklich und unzufrieden und das führt zu Herzrhythmusstörungen, Magenschmerzen und ständiger Müdigkeit. Morgens muss ich mich zwingen aufzustehen und wieder hinzugehen.
Ich bin sehr verzweifelt und fühle mich hilflos, denn ich weiß nicht, wie ich aus diesem Gefühl wieder herauskommen soll. Dafür, meiner Partnerschaft mal wieder ein paar Gedanken zu widmen, ist im Augenblick gar kein Platz.
Natürlich, ich bin ja auf das Geld angewiesen, was ich dort verdiene, das ist noch mein täglicher Ansporn. Und dann ist da noch eine gewissen Angst: ich kann doch nicht jedes Mal weglaufen, wenn’s schwierig wird! Wie soll ich da je lernen Probleme zu meistern, wenn ich sie durch Flucht löse?
Ich weiß nicht, ob ich das nun wirklich nachvollziehbar geschildert habe. Meine Gedanken und Gefühle kreisen nur noch um dieses Thema zur Zeit, denn inzwischen habe ich glasklar für mich erkannt, dass meine beruflichen Aufgaben völlig entgegen meinem Naturell, meinem Gewissen und auch meinen Interessen steht. Ich fühle mich von Tag zu Tag kraftloser und erschöpfter – kein Wochenende bringt mir mehr Erholung. In den letzten Wochen habe ich sowohl Panikattacken als auch Schwächeanfälle erlebt, die eine ganz neue Erfahrung für mich sind und natürlich weitere Ängste auslösen.
Meine Hemmungen aber, von diesem Job abzulassen sind so groß, dass ich es nicht mal schaffe an die Ideen heranzukommen, die mich beruflich stärker motivieren und mir persönlich besser entsprechen. Sie sind da, ich weiß das, aber es scheint so als wenn ich mir selbst nicht erlaube sie zu finden. Ich habe wirklich keine Ahnung, wie ich da herankommen soll und ich habe keine Ahnung, wie lange es so weitergehen kann.
Wie schon erwähnt: leider kann ich zur Zeit auch nicht in der Therapie nach einer Lösung suchen.
Danke fürs Lesen und viele Grüße, beeboo


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