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Thema: Der Weg zum Glück

  1. #1
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    Standard Der Weg zum Glück

    Hallo liebe User

    Ich bin neu hier.. Ich entschied mich nach vielen Stunden Beiträge Lesen selber dazu, einen Bericht zu verfassen. Ich erhoffe mir daraus, einerseits durch den Schreibprozess meine Gedanken, Ängste, Wünsche und Utopien selbst lokalisieren zu können, um endlich glücklich zu werden. Andererseits kann ich vielleicht Erfahrungen, Tipps und Weisheiten von Euch mit auf meinen langen Weg nehmen

    Meine Lebenssituation tangiert mehrere Themenbereiche des Forums, doch ich denke die Rubrik "Genesung" trifft es wohl am ehesten. Ich versuche, nicht allzu fest auszuschweifen, um nicht jeden Leser abzuschrecken Einige Eckdaten zu meiner Person: Ich bin 24, männlich, wohne in der Schweiz und wuchs in sehr normalen Verhältnissen in einer wunderschönen Familie auf. Nach 3 Jahren Studium absolviere ich zur Zeit ein Hochschulpraktikum, um nächsten Herbst mit dem Master zu beginnen. Ich denke ich habe eine seltsame Auffassung von Freundschaft, Familie und Beziehung. Das erklärt auch, wieso ich noch nie eine Freundin hatte. Und ich bin unglücklich, sodass ich seit 4 Monaten fast jeden Tag weine. Ich weine, weil ich mit meiner Lebenssituation nicht zufrieden bin. Das, was ich sein möchte und das, was ich bin, unterscheidet sich massiv. Genau hier setzt dieser Thread an. Ich möchte die beiden konvergieren lassen, wobei ich nicht nur der Ist-Zustand verändern will, sondern auch den Soll-Zustand. Ich gliedere den Beitrag nach den Baustellen meines Lebens, geordnet nach Wichtigkeit (m.M.n). Natürlich sind alle miteinander verflechtet und nicht nur isoliert zu betrachten:

    1. Sucht: Ich bin ein Kiffer (Ist-Zustand). Nicht einer mit Rastafari-Kappe oder Hippiementalität, sondern einer, der nicht zu seinem Konsum steht, weil er nicht will, von der "Gesellschaft" als solcher enthüllt zu werden. Dadurch verleumde ich mich nicht nur selbst, nein, ich muss regelmässig Freunde, Familie und Arbeitskollegen anlügen, um ihnen das Ausmass meines Konsums zu verschleiern. Ich brauche Hanf schon lange nicht mehr, um einen geilen Lachflash zu kriegen. Ich (miss-)brauche Hanf als Antidepressivum, um der Realität zu entfliehen. Denn bin ich high, sind die Sorgen weg und ich finde mich in einer Art gefühlsneutralem Zustand wieder. Daraus resultiert die Frage, wieso ich der Realität entfliehen will? Naja, nicht zuletzt weil ich nicht mit der Sorge herumschlagen will, so viel zu kiffen: Es ist eine Art Hamsterrad, in dem ich mich also drehe. Nach etlichen Aufhörversuchen wagte ich mich nun mal wieder an einen, um diesen Loop zu brechen. Ich nahm mir das für das Jahr 2016 vor, obwohl ich Vorsätze hasse. Das ist somit mein dritter cleaner Tag und durch viele gescheiterte Anläufe weiss ich relativ gut Bescheid über die (zeitabhängigen) Gefahren auf meinem Weg. Momentan bin ich in der starken, optimistischen Phase, doch schon bald wird es mir enorm viel Kraft abverlangen, Nein zu sagen. Analog zu einem Alkoholiker interpretiere ich meine Sucht nicht mehr nur als eine Lebensphase, sondern als einen elementaren Bestandteil meiner selbst, der mich ein Leben lang begleiten wird. Einen weiteren Stein in meinem Rucksack auf dem Lebensweg, also.
    -> Ich bin mir in diesem Punkt noch nicht im Klaren, wie ich Sein und Schein verbinden soll. Soll ich meiner Familie sagen, dass ich seit 6 Jahren täglich kiffe? Soll ich die Thematik nach erfolgreicher Abstinenz zu den geheimen Akten legen? Was mache ich, wenn ich den Entzug nicht überstehe? Soll ich mich damit abfinden, dass ich ein Kiffer bin und es öffentlich kundtun?

    2. Lügen: Ich war selten ehrlich. Der Ursprung dafür möchte ich nur allzu gern wissen. Mobbing in der Oberstufe zeigte mir auf, dass meine Persönlichkeit, meine Identität von der "Gesellschaft" nicht akzeptiert/toleriert wurde (aus heutiger Sicht totaler Quatsch). Also verwandelte ich mich von einem aufrichtigen, ambitionierten und interessierten Jungen selbst in einen Mainstream-Mobber, indem ich meine angeblich "schwulen" Hobbies ablegte und meine einzigen wahren Freunde verriet, indem ich auch gegen sie fies war. Ich gehörte plötzlich zu den coolen Kids, und dafür gab ich meine Identität auf. Zeitgleich begann ich an meine Mutter zu belügen, um brenzligen Situationen auszuweichen. Traurigerweise bin ich sehr geschickt darin, sodass kaum jemand je durch diese Konstrukte blickt (oder ist das eine Illusion?). Ich wurde für Lügen belohnt, also gab es keinen Grund zu stoppen. Der Sold dafür war Einsamkeit. Ich konnte keine Person in mein Leben lassen. Natürlich meinten alle es ginge mir gut, da ich keinen richtig in mein Leben liess und da ich ja alle täuschen konnte (oder doch nicht?). Noch heute ist es mir wichtig, was die Leute von mir denken (Ist-Zustand), und dafür erstelle ich abgestimmte Fassaden für soziale Kreise und Bezugspersonen. Das kostet natürlich Energie und Nerven und am meisten schlägt es mir auf das Gemüt, dass nicht einmal beste Freunde/Familie mich eigentlich kennen: Es macht einsam, abhängig und von Freiheit ist hier überhaupt nicht die Rede
    -->Die grösste Ursache für die Fassaden sehe ich im Kiffen: Um Besuche zu bekennenden Kiffern zu verschleiern, nannte ich den Fragenden stets einen Namen einer Person, die sie zu schlecht kannten um die Lüge aufdecken zu können. Ein Leben ohne jegliche Lügen und Geheimnisse ist utopisch, doch ich will absolute Ehrlichkeit mir gegenüber und keine schei** Fassaden mehr errichten müssen. Dazu gehört auch, mit Personen über meine schäbige Lebenssituation zu reden. Doch bin ich bereit und stark genug, jemandem sein komplettes Bild von mir innerhalb eines Moments zu verschmettern?

    3. Gefühlslosigkeit: Wie in der Einleitung angesprochen habe ich irgendwie eine kranke Auffassung von sozialen Bindungen. Bisher war meine Auffassung von sozialen Bindungen stets, allen ein geschöntes Bild von mir aufzudrücken. Selten habe ich daran gedacht, dass auch sie ein Recht auf die Realität haben. Ein Egoist, denkt ihr euch! Das denke ich mir auch, doch sicherlich hängt das auch mit meiner einsamen Stellung im ganzen Gefüge zusammen. Wobei sich hier die Frage vom Huhn und dem Ei auftut: Eine befriedigende Antwort werd' ich nie kriegen. Dieser Punkt setzt sich zu grössten Teilen aus Punkt 1 & 2 zusammen: Das Kiffen half sicher nicht die Gefühle zu verarbeiten; im Gegenteil, es führte zu der emotionalen Verstümmelung, die gerne im Zusammenhang mit Drogenkonsum verwendet wird. Auf emotionaler Ebene bin ich etwa im 16. Lebensjahr (Ist-Zustand). Doch ich möchte offen über meine Gefühle sprechen können; Probleme ansprechen, Wünsche äussern, Konflikte lösen und Fehler eingestehen (Soll-Zustand). Ich bin aber immer noch der völlig blöden Überzeugung, Schwäche zu zeigen komme einem Loser gleich.
    -->Der erste Schritt hierbei ist auch der Entzug. Ich habe im Sommer prüfungsbedingt 6 Wochen pausiert und dabei bemerkenswerte Verbesserungen in meinen Emotionen festgestellt.

    4. Unklarheit: Ich werde traurig beim Gedanken an mein Leben, das ich verschwende. Freunde/Bekannte betonen immer wieder, sie seien überrascht, dass ich keine Freundin hätte. Ich sei intelligent, witzig, sportlich, einigermassen anzusehen und einfühlsam. Doch würden ebendiese Leute auch so argumentieren, wenn sie mich richtig kennten? Wohl kaum. Wenn ich mich damit auseinandersetze wird mir klar, dass ich doch gar nicht weiss, wer ich bin. Bin ich nun der, den alle in mir sehen und sehe ich mich falsch? oder ist es nicht eher umgekehrt? Sind das normale Fragen, die sich jeder stellt und ich übertreibe nur? Will ich zu viel in meinem Leben? Soll ich mich nicht einfach so akzeptieren, wie ich momentan bin und nichts verändern? Dann hätte ich bestimmt keine solche Probleme. Was meint ihr dazu? Ist meine Lage legitim oder sind das Luxusprobleme und es ist eine Schande, dass ich mir hier so aufspiele? Ich weiss wirklich nicht mehr weiter..
    Diese Fragen sind für mich vergleichbar mit der Frage, was unser Sinn des Lebens bzw. der Sinn des Universums ist: Sie sind nicht gemacht für mein Denkschema und ich kann mich nicht damit auseinandersetzen. Daher wende ich mich an euch in der Hoffnung, pragmatische Antworten darauf zu kriegen.

    Der erste Schritt in Richtung Glück ist m.M.n schon geglückt, indem ich mich dazu entschied, diesen Weg einzuschlagen. In den letzen Monaten war ich am Rande einer Depression, hatte Selbstmordgedanken und linderte alles, indem ich es jeden Feierabend im Rauch eines Joints erstickte. Die nächsten Schritte stehen und fallen mit dem Verlauf meines Entzugs, daher hat dieses Anliegen höchste Priorität für mich. Ich möchte mich wirklich verändern!

    So, mein Hirn ist schon zermartert und ich muss Schluss machen für Heute. Ich bedanke mich herzlichst für alle, die bis zu diesem Punkt gelesen haben. Es ist nicht einfach, die Situation Aussenstehenden zu schildern, doch ich hoffe ihr könnt meine Lage einigermassen nachvollziehen!

    Liebe Grüsse
    Leaffar

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    eambleclai (16.05.2016)

  3. #2
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    Standard

    Beim Lesen deines Beitrages formte sich bei mir ein Begriff.

    Weltschmerz ist ein 1823 von Jean Paul geprägter Begriff für ein Gefühl der Trauer und schmerzhaft empfundener Melancholie, das jemand über seine eigene Unzulänglichkeit empfindet, die er zugleich als Teil der Unzulänglichkeit der Welt, der bestehenden Verhältnisse betrachtet. Er geht oft einher mit Pessimismus, Resignation oder Realitätsflucht. Das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm benennt Weltschmerz als tiefe Traurigkeit über die Unzulänglichkeit der Welt.
    Du reflektierst, du hast Dinge erkannt. Das ist doch schon ein guter Schritt.
    Ich bin unperfekt, mein SOLL ist natürlicherweise größer, besser, k.A. als das IST. Ist nicht unbedingt falsch, es ist Teil einer Philosophie, Teil einer Lebenseinstellung. Es ist quasi das Ziel einer langen Reise, die vielleicht ein Leben dauert, die vielleicht nie ihr Ziel erreicht. Es ist auch nicht erforderlich. Es gibt dir aber eine Richtung. Und die klingt nicht schlecht.
    Der Mensch kann sich ändern, wird sich ändern. Vieles braucht Zeit und Übung.

    Halte vom täglichen Kiffen nicht viel, habe es selber jahrelang gemacht und es tat mir nicht gut. Mittlerweile mache ich es ganz selten, ein paar Mal im Jahr, wenn es hochkommt, es gab aber auch Jahre wo ich nichts geraucht habe. Aber ich würde es den Eltern nicht unbedingt anvertrauen. Habe selber eher schlechtere Erfahrung damit gemacht.
    »Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen«, sagte der Fuchs. »Aber du darfst sie nicht vergessen. Du bist für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast. Du bist für deine Rose verantwortlich.«

    aus "der kleine Prinz"

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  5. #3
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    Hallo Silbo

    Ich danke dir für deine Worte. Der Begriff Weltschmerz trifft den Nagel auf den Kopf würde ich sagen. Ich war schon immer sehr neugierig, auch im Bezug auf mich selbst. Normalerweise kriegte ich auf die meisten Fragen eine Antwort, nur halt im Bereich Psyche verhedder(t)e ich mich ständig in einer Aneinanderkettung von Fragen: Warum geht es mir so? Wieso frage ich mich überhaupt, wie es mir geht? - Ginge es mir nicht besser, wenn ich mir die Frage nicht stellen würde? Wieso kann ich es dann nicht lassen, mir diese Frage zu stellen, da ich sowieso keine Antwort darauf erhalte?
    Deinen Rat mit den Eltern werde ich mir zu Herzen nehmen. Schliesslich bin ich nicht mehr 17 und leb' eigentlich recht unabhängig von ihnen. Ich hoffe ich werde nie darunter leiden, ihnen nicht die (ganze) Wahrheit erzählt zu haben.

    Nichtsdestotrotz geht es mir schon viel besser. Ich bin schon viel aktiver und erkenne wieder andere, schönere Dinge im Leben als das Kiffen. In diesem Jahr hatte ich noch keinen psychischen "Meltdown" und musste noch nie weinen. Der Grund dafür ist wohl die noch anhaltende Euphorie, weil ich mir beweise wie stark ich sein kann. Als ich kürzlich in einigen Situationen enorm stolz auf mich und meinen Willen war, realisierte ich, dass jene Situationen für andere Menschen absolut ungewöhnlich, ja alltäglich sind. Doch es störte mich nicht, und das freute mich enorm! Ich denke ich bin langsam am einsehen, dass Menschen, Charakterzüge, Charisma nicht in eine Waagschale gelegt und anhand einer universellen Masseinheit miteinander verglichen werden können. Hierzu ein kleines Zitat von einem dänischen Philosoph des 19. Jahrhunderts
    Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.
    Ich hatte bisher kein Bedürfnis nach Kiffen, obwohl in meiner Schublade noch ein grosser Beutel herumliegt und ich schon dabei war, als mein Nachbar sich einen Joint anzündete. Darauf - denke ich - kann ich getrost stolz sein. Auch die erwarteten Wutausbrüche blieben bisher aus. Ich litt in meinen Kiff-Pausen wegen den Uni-Prüfungen immer enorm unter Zeitdruck, daher kamen wohl die Wutausbrüche und daher bleiben sie jetzt aus. Ich merke langsam, wie sich mein Hirn wieder aufrappelt und wie sich mein Körper entgiftet. Ein wunderbares Gefühl!

    Ich kann zum heutigen Zeitpunkt sagen, dass es mir seit 4 Monaten nicht mehr so gut ging wie jetzt. Klar, 6 Tage sind nichts und von einem Trend darf noch nicht geredet werden. Für mich ist die Zwischenbilanz aber recht toll, ich bin auch sonst schon viel glücklicher unterwegs und muss das wohl auch ausstrahlen. Denn auch gegenüber meinen Mitmenschen kann ich mich jetzt wieder unbeschwerter und offener verhalten als früher. Bleibt zu hoffen, dass der Effekt nachhaltig wirkt.

    Ich werde den Thread nutzen, um in unregelmässigen Abständen etwas über den Stand der Entwicklung, Vorfälle, Gedanken und Geschehnisse zu schreiben


    Machts alle gut
    Leaffar

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    eambleclai (16.05.2016)

  7. #4
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    Klingt gut und würde mich freuen wenn du dabei bleibst und wenn du hier ab und an was schreibst.
    »Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen«, sagte der Fuchs. »Aber du darfst sie nicht vergessen. Du bist für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast. Du bist für deine Rose verantwortlich.«

    aus "der kleine Prinz"

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    eambleclai (16.05.2016),leaffar (12.01.2016)

  9. #5
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    So, ich hatte einen relativ schlechten Wochenstart. Gestern übermannten mich meine Gefühle und ich hatte einen Zusammenbruch: Ich war mit Freunden und meinen Eltern in den Bergen um Snowboard zu fahren. Eigentlich eine superschöne Sache, und ich freute mich auch sehr darauf! Ich war happy, bis zu dem Zeitpunkt als meine Eltern von ihren Stories erzählten, die sie in unserem Alter (24) erlebten. Ich realisierte plötzlich, dass sie ein unheimlich viel schöneres, unbeschwerteres und aufregenderes Leben in meinem Alter hatten als ich. Ein Leben, welches ihre Persönlichkeit mitformte und welches wohl ein Grund für ihr noch heute andauerndes Lebensglück ist. Wir tranken viel Wein und Bier, daher konnte ich die Gedanken gut "unterdrücken" (eine Stärke von mir). Wir gingen noch kurz in eine Bar und da merkte ich wieder, wie es mich bedrückte. Ich wollte aber nichts mehr trinken und nur noch nach Hause. Am nächsten Tag dann war es (wie in den letzten Tagen immer) schlechtes Wetter, und das war der Trigger, der das Fass zum Überlaufen brachte: Meine Freunde wollten nicht mehr auf die Piste, doch ich als angefressener Snowboarder wäre auch bei schlechtem Wetter sehr gerne gegangen. Es ist ein Gefühl von Freiheit, dass ich auf der Piste erlebe; ein etwas ganz besonderes, das mir das Leben sonst selten bieten kann. Ich wurde traurig, fing an zu zicken und wechselte in den "Sch****egal"-Modus. Jeder blöde Spruch meiner Freunde nahm ich ernst, ich fing an zu bereuen, dass ich sie überhaupt eingeladen hatte. Kurz darauf merkte ich wie die Tränen in meine Augen schossen und ich sperrte mich im Klo ein, um nicht gesehen zu werden und dagegen anzukämpfen. Ich versuchte, mir etwas schönes vorzustellen und da realisierte ich, dass es gar nichts gibt, an dem ich mich erfreuen könnte - die Augen wurden noch röter. Nachdem ich den Kampf gegen die Tränen gewonnen hatte fuhren wir nach Hause, es war eine bedrückte Stimmung und meine Freunde erkannten langsam meine Apathie/Teilnahmelosigkeit. Sie versuchten mich vergebens aufzumuntern, ich schwieg. Im Elternhaus fragte mich meine Schwester, ob sie mich mit nach Hause in die Stadt nehmen soll. Ich lehnte mit einer unglaubwürdigen Ausrede ab (Sie dachte sich sicherlich, es lag an ihr oder so). Ich machte mich zu Fuss auf den Weg zum Bahnhof und die Tränen machten sich wieder breit. Ich fragte mich Fragen, was ich auf dieser Sch****-Kugel überhaupt für eine Bestimmung habe und ob ich nicht das Recht habe, über mein Leben und Tod zu entscheiden. Ich sah auf meiner Uhr, dass ich sehr knapp dran war, doch es war mir alles egal. Ich ging mit gleichem Tempo weiter. Mit einem kurzen Sprint hätte ich den Zug erwischt, doch es war mir zuwider. Dann ging ich einfach weiter, über Feldwege, Strassen, usw. Schlussendlich lief ich 2.5 Stunden im grössten Regen recht orientierungslos von Dorf zu Dorf, es war mir alles egal. Ich weinte fast den ganzen Weg und wünschte mir, dass ich sterbe. Während ich den Gleisen entlang ging fragte ich mich, wie schön es doch wäre, mich dort hinzulegen und zu warten. Zu warten, bis sich die Probleme alle ganz von alleine auflösen. Doch ich könnte es nicht. Nie. Zumindest nicht auf eine Art, bei der ich ein anderes Leben dazu zerstöre. Ich träumte von einem Unfall, beispielsweise einer Lawine, die mich begräbt und tötet, während ich durch den Matsch ging. Ich stellte mir die Situation vor, in der ich meiner Mutter alles beichtete. Dass ich ihr sagen konnte, wie leid es mir ginge und wie sehr ich mein Leben hasste. Ich stellte mir vor, dass sie sich dadurch Schuldgefühle auferlegte, obwohl sie (denke ich) absolut unschuldig an der Sache ist und mich stets beschützte und liebte. Was für ein wunderbarer Mensch, dem kann ich doch so etwas nicht antun. Es war ein äusserst erbärmlicher Moment in meinem sonst schon recht kaputten Leben und ich blendete wirklich alles rund um mich herum aus. Ich war bis auf die Knochen durchgenässt, aber es war mir egal. Meine Hosen waren schmutzig und ich hatte kalt, aber es störte mich nicht. Als ich nach rund 11km ein bisschen näher an die Agglo kam (es ist nicht so eine grosse Stadt, in der ich lebe) erwischte ich einen Zug und fuhr in die Wohnung.
    Ich weiss nicht genau, was ich davon halten soll. Das ist sicherlich ein Nachbeben vom Kiffen, denn nun kann ich nicht mehr einfach in den bekifften, gefühlsneutralen Zustand wechseln. Nein, ich muss es ausbaden, mich der Realität stellen. am Sonntag ging mir auch oft der Gedanke durch den Kopf, dass ich schon nur vom Aufbau meiner Persönlichkeit, meinen Wünschen und Ängsten nie fähig sei, jemals glücklich zu werden. Ich habe Angst vor der Zukunft und der Vergangenheit, von der Gegenwart ist ganz zu schweigen. Dann bin ich ein Angsthase und ein Feigling, der sich nicht traut? Vielleicht. Oder sind die Fragen, die ich mir stellen, generell nicht beantwortbar und ist das der Grund für meine Traurigkeit? Sollte ich mich in diesem Fall einfach wieder zukiffen, um solche Hirngespinste im Keim zu ersticken?
    Meine Frage an euch: Fragt ihr euch auch solche Fragen oder bin ich einfach nur dumm? Bewerte ich der Sinn des Lebens und der Wille nach Glück zu hoch? Ist es falsch, Glück in einzelne (gesellschaftlich auferlegte?) Faktoren wie Liebe, Geborgenheit, Ehrlichkeit, Integrität usw. herunterzubrechen? Muss ich denn ein zumindest gleich gutes Leben führen wie meine Eltern? Und wer definiert "Gut"? Bin ich es, ist es die Gesellschaft oder sind es die Werte, nach denen mich meine Eltern erzogen bzw. zu erziehen versuchten?
    Sorry für den Stuss, aber so fühlt es sich nun einmal in meinem Kopf an. Ich bin es mir gewohnt, Dinge zu strukturieren und dann nach einem Schema die Infos zu erhalten, die ich brauche. Doch sobald es um meine Gefühle, Haltung, mein Sein geht sprengt es mein Vorstellungsvermögen.

    Langsam aber sicher habe ich das Gefühl, dass ich nie weiterkommen werde. In keiner Hinsicht. Ich glaube, ich will nur möglichst schnell da durch kommen um endlich im Sterbebett erlöst zu werden. Ist das nicht krank? Doch, und langsam beschleicht mich das Gefühl, dass ich mächtig eine an der Pfanne habe hier oben an dem Ort, an dem Liebe, Gefühle, Empathie und der ganze Kram gedeihen könnte. Doch lieber würde ich sterben als zu einem Therapeuten zu gehen. Dieser Aspekt macht mich noch einmal trauriger, denn mein Wunschbild lässt Hilfe zu, während ich in der Realität alles verweigern und mir eine supergute Ausrede parat machen würde. Auch das Gespräch mit meiner tollen Mutter wird nie stattfinden. Dafür hasse ich mich.

  10. Der folgende Benutzer bedankte sich bei leaffar für den sinnvollen Beitrag:

    eambleclai (16.05.2016)

  11. #6
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    Zitat Zitat von leaffar Beitrag anzeigen
    Ich war happy, bis zu dem Zeitpunkt als meine Eltern von ihren Stories erzählten, die sie in unserem Alter (24) erlebten. Ich realisierte plötzlich, dass sie ein unheimlich viel schöneres, unbeschwerteres und aufregenderes Leben in meinem Alter hatten als ich. Ein Leben, welches ihre Persönlichkeit mitformte und welches wohl ein Grund für ihr noch heute andauerndes Lebensglück ist.
    Keine Ahnung wie es bei deinen Eltern ist. Bei mir (bin über 40) denke ich auch an eher positive Erlebnisse zurück und vieles von dem Erlebten kann ich auch interessant und toll klingen lassen. Aber im Grunde genommen weiß ich auch, dass nicht immer alles Sonnenschein war. Dass ich meine schlechten Phasen in besseren Zeiten hatte. Dass ich viele Selbstzweifel hatte.
    Und du bist erst 24. Da hatte ich beispielsweise auch noch nie eine Freundin gehabt und eine schwere Lebenskrise. Irgendwann danach kam dann noch eine schöne, unbeschwerte und aufregende Zeit. Ich persönlich denke, dass Menschen die durch solche Krisen gehen, viel mehr vom Leben gelernt haben. Nicht immer nur glatt und problemlos. Beispielsweise sind für mich Musiker, Künstler mit solchen Krisen irgendwie interessanter als welche ohne. Auch wenn es von letzteren nicht viele gibt. Ist aber sehr subjektiv.

    Wenn du eine Freundin findest, deine Krise überwindest, dann hast du noch reichlich Zeit für tolle Erlebnisse.

    Es ist ein Gefühl von Freiheit, dass ich auf der Piste erlebe; ein etwas ganz besonderes, das mir das Leben sonst selten bieten kann.
    Finde diesen Freiheitsbegriff nicht schlecht : "freedom is just another word for nothing left to loose". Es kann auch Freiheit sein, dass sowieso nichts schlechter werden kann. Wenn es eh nicht schlechter werden kann, kann ich alles tun. Kann Mut machen. An manchen Tagen.
    »Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen«, sagte der Fuchs. »Aber du darfst sie nicht vergessen. Du bist für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast. Du bist für deine Rose verantwortlich.«

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    siddhi (12.01.2016)

  13. #7
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    Finde diesen Freiheitsbegriff nicht schlecht : "freedom is just another word for nothing left to lose". Es kann auch Freiheit sein, dass sowieso nichts schlechter werden kann. Wenn es eh nicht schlechter werden kann, kann ich alles tun. Kann Mut machen. An manchen Tagen.
    Den Begriff finde ich klasse! Habe auch schon bemerkt wie es mich aufmuntert wenn ich daran denke, dass ich manchmal an richtig kleinen Dingen eine riesen Freude entwickeln kann. Vielleicht liegt es daran, dass ich bisher einfach noch nicht so oft auf der sonnigen Seite des Lebens stand. Aber wie du schön sagtest, das kann sich ändern. Heute Mittag fiel ich wieder in ein Loch, doch ein paar Minuten später war ich wieder total gut drauf. Kennst du das auch, die aprubten Wechsel zwischen Happy und Traurig? Grenzt irgendwie schon an eine manisch depressive Veranlagung. Oder aber ich kann mir gut vorstellen, dass dies vom Gras(-Stopp) kommt, da sich meine Gefühle zuerst wieder einpendeln müssen. Mir fällt auch auf, dass ich oft nicht sicher bin, ob ich wirklich Lebensglück suche oder doch eher ein kapputtes Leben führen sollte.
    Ich rechne schon damit, mal eine Freundin zu haben, denn "eigentlich" müsste ich mit meinen Attributen auf eine Frau anziehend wirken. Der Grund liegt wohl an meiner verkommener Ausstrahlung durch meine innere Hässlichkeit.

    Ich danke dir, silbo, für die zeit, die du dir für mich nimmst
    Liebe Grüsse

  14. #8
    Moderator Avatar von siddhi
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    Hallo leaffar,

    Silbo hat das wunderschön gesagt mit dem Freiheitsbegriff. Mir fällt gerade nicht mehr viel dazu ein. Dafür habe ich eine "Geschichte" für Dich. Weiss nicht, ob Du sie schon kennst. Ich find sie gut. Du vielleicht auch.

    Was sind die wichtigen Dinge in deinem Leben?

    Eines Tages hält ein Zeitmanagementexperte einen Vortrag vor einer Gruppe Studenten, die Wirtschaft studieren. Er möchte ihnen einen wichtigen Punkt vermitteln mit Hilfe einer Vorstellung, die sie nicht vergessen sollen. Als er vor der Gruppe dieser qualifizierten angehenden Wirtschaftsbosse steht, sagt er: „Okay, Zeit für ein Rätsel“.

    Er nimmt einen leeren 5-Liter Wasserkrug mit einer sehr großen Öffnung und stellt ihn auf den Tisch vor sich. Dann legt er ca. zwölf faustgroße Steine vorsichtig einzeln in den Wasserkrug. Als er den Wasserkrug mit den Steinen bis oben gefüllt hat und kein Platz mehr für einen weiteren Stein ist, fragt er, ob der Krug jetzt voll ist. Alle sagen: „Ja“. Er fragt: „Wirklich?“ Er greift unter den Tisch und holt einen Eimer mit Kieselsteinen hervor. Einige hiervon kippt er in den Wasserkrug und schüttelt diesen, sodass sich die Kieselsteine in die Lücken zwischen den großen Steinen setzen.

    Er fragt die Gruppe erneut: „Ist der Krug nun voll?“ Jetzt hat die Klasse ihn verstanden und einer antwortet: „Wahrscheinlich nicht!“ „Gut!“ antwortet er. Er greift wieder unter den Tisch und bringt einen Eimer voller Sand hervor. Er schüttet den Sand in den Krug und wiederum sucht sich der Sand den Weg in die Lücken zwischen den großen Steinen und den Kieselsteinen. Anschließend fragt er: „Ist der Krug jetzt voll?“ „Nein!“ ruft die Klasse. Nochmals sagt er: „Gut!“

    Dann nimmt er einen mit Wasser gefüllten Krug und gießt das Wasser in den anderen Krug bis zum Rand. Nun schaut er die Klasse an und fragt sie: „Was ist der Sinn meiner Vorstellung?“ Ein Angeber hebt seine Hand und sagt: „Es bedeutet, dass egal wie voll auch dein Terminkalender ist, wenn du es wirklich versuchst, kannst du noch einen Termin dazwischen schieben“. „Nein“, antwortet der Dozent, „das ist nicht der Punkt. Die Moral dieser Vorstellung ist: Wenn du nicht zuerst mit den großen Steinen den Krug füllst, kannst du sie später nicht mehr hineinsetzen. Was sind die großen Steine in eurem Leben? Eure Kinder, Personen, die ihr liebt, eure Ausbildung, eure Träume, würdige Anlässe, Lehren und Führen von anderen, Dinge zu tun, die ihr liebt, Zeit für euch selbst, eure Gesundheit, eure Lebenspartner? Denkt immer daran, die großen Steine ZUERST in euer Leben zu bringen, sonst bekommt ihr sie nicht alle unter. Wenn ihr zuerst mit den unwichtigen Dingen beginnt, dann füllt ihr euer Leben mit kleinen Dingen voll und beschäftigt euch mit Sachen, die keinen Wert haben und ihr werdet nie die wertvolle Zeit für große und wichtige Dinge haben.“
    gefunden auf Lichtkreis *punkt* at

    Liebe Grüsse
    siddhi
    Ein Leben ohne Freude ist wie eine weite Reise ohne Gasthaus. (Demokrit)

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    Mirjam (15.01.2016)

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