Hallo,
mein größtes Problem liegt in meiner Wahrnehmung. Es ist zirka zwei bis drei Jahre her, als ich zum ersten Mal registrierte, dass ich meine Umgebung irgendwie nur noch trüb und traumähnlich wahr nahm. Ich bekam zwar alles um mich herum mit, konnte (relativ) klare Gedanken fassen, aber alles wirkte ziemlich irreal - fast wie in einem Film. Am Anfang bekam ich Panik und hatte Angst, dass dies mit einer körperlichen Krankheit zusammenhängen könnte, ließ mich beim Arzt komplett durchchecken und alles war in Ordnung... Erst als ich mit einigen meiner Freunde Gespräche führte und mir zwei von ihnen ähnliche Symptome aufwiesen, wurde mir klar, dass es etwas Psychisches ist...
Ich begann mich selbst zu analysieren und kam zu dem Schluss, dass es daran liegt, dass ich mir ununterbrochen den Kopf über irgendwelche Dinge zerbreche. Ich kann die Welt um mich herum nicht verstehen. Die meisten Vorgänge, die auf den ersten Blick selbstverständlich scheinen, wirken auf mich unnatürlich und schädlich- kurz zusammengefasst: ich empfinde das System, in dem wir leben als ungerecht und teilweise wirklich unerträglich. Dieses Empfinden wurde in der Schule täglich verstärkt. Lehrer, die meinten, mir sagen zu können, was richtig und falsch wäre - die meinten, meine Meinung abwürgen zu können, wenn sie ihnen nicht gepasst hat. In der zwölften Klasse schwänzte ich oft den Unterricht (teils parallel mit Freunden), was mir für das letzte Schuljahr eine Attestpflicht einbrachte. Auch das kotzte mich an - es kann auch andere Gründe haben, warum jemand es nicht in die Schule schafft als nur keine Lust haben... Eine Attestpflicht ist in so einem Fall kontraproduktiv... Naja, ich brachte die 13 dann hinter mich, auch dort mit einigen Fehlstunden (Attestpflicht macht kreativ) und schloss das Abitur mit 2,8 ab.
Mittlerweile fand ich auch eine Partnerin, mit der ich immer noch zusammen bin. Das war im Sommer 2010, der einen Höhepunkt meines Lebens ist. Ich fühlte mich wohl, war viel unterwegs, schlief wenig. Es fühlte sich einfach alles toll an. In dieser Zeit führte ich mit meinen Freunden viele philosophische Diskussionen, wir organisierten Demonstrationen für eine gerechteres Bildungssystem, gingen gemeinsam gegen Nazis auf die Straße. Es baute sich endlich ein Teilbereich des Lebens auf, in dem es mir möglich war, der ganzen Alltags******* zu entfliehen und mich selbst zu entfalten...
Nach dem Sommer flachte dieser positive Aktivismus leider ab und meine Wahrnehmung hat sich wieder verschlechtert...
Mein damaliger bester Freund, der in diesem Sommer immer und überall dabei war und mit dem ich über alles reden konnte, kapselte sich in eine subkulturelle Parallelrealität ab und zeigte wenig bis kein Interesse mehr an seinem bisherigen Freundeskreis... Ab und zu sehe ich ihn noch und es macht mich ziemlich fertig, wenn ich an diese Zeit zurück denke und es mit dem Status Quo vergleiche...
Hinzu kommt, dass meine Freundin unter Depressionen leidet und ziemliche Probleme in ihrer Familie hat. Ich will sie dabei unterstützen, was teilweise schwer ist, wenn ich selbst nicht ganz klar im Kopf bin. Das eckt häufig an und wir bekamen öfter Streit. Seit einiger Zeit nimmt sie Antidepressiva und ihre Gesamtlage hat sich zum Glück verbessert. Zuvor war es ziemlich auswegslos und ich sah nichts, was ich wirklich tun kann, um ihr zu helfen...
Vor einigen Wochen hatte ich auf Anraten meiner Freundin eine Probesitzung bei einem Psychotherapeutin. Es war eigentlich ziemlich positiv, danach fühlte ich mich wohl. Hauptthematik war überraschenderweise mein oben genannter Freund. Auch der Therapeut nannte den Begriff "Derealisation" und fragte mich, ob ich Cannabis konsumiere. Dies bejahte ich, allerdings bestanden die Wahrnehmungsprobleme schon, bevor ich meinen ersten Joint geraucht hatte... Er vermutete bei mir eine leichte depressive Störung, würde aber gerne weitere Sitzungen abwarten, sofern mir es passen würde.
Auch wenn es mir danach besser ging, schaffe ich es irgendwie nicht mehr, mich wirklich zu motivieren, einen weiteren Termin bei ihm auszumachen. Ich weiß einfach nicht, inwiefern er mir helfen kann. Die ganzen Dinge, die mich in der Gesellschaft fertig machen, ändern das ja nicht. Ich glaube ja, dass ich es selbst irgendwie schaffen muss, diesen positiven Aktivismus vom letzten Sommer zurück zu gewinnen...
Danke für's Lesen.
eldorado


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) und schloss das Abitur mit 2,8 ab.
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