psychologische Beratung von erfahrenen Psychotherapeuten und Psychologen, psychologe.de
Ergebnis 1 bis 1 von 1

Thema: die traurigkeit

  1. #1
    Neuling
    Registriert seit
    19.09.2006
    Beiträge
    9
    Danke
    0
    0 mal in 0 Beiträgen bedankt

    Standard die traurigkeit

    Es war eine kleine Frau, die den staubigen Feldweg entlang kam. Sie war
    wohl schon recht alt, doch ihr
    Gang war leicht und ihr Lächeln hatte den frischen Glanz eines
    unbekümmerten Mädchens.
    Bei einer zusammengekauerten Gestalt blieb sie stehen und sah hinunter.
    Sie konnte nicht viel erkennen.
    Das Wesen, das da im Staub auf dem Wege saß, schien fast körperlos. Sie
    erinnerte an eine graue Flanelldecke
    mit menschlichen Konturen. Die kleine Frau bückte sich ein wenig und
    fragte: „Wer bist du?“ Zwei fast leblose
    Augen blickten schlafen.gif auf. „Ich? Ich bin die Traurigkeit“, flüsterte die
    Stimme stockend und leise, dass sie kaum zu
    hören war. „Ach, die Traurigkeit!“ rief die kleine Frau erfreut aus,
    als würde sie eine alte Bekannte grüßen.
    „Du kennst mich?“ fragte die Traurigkeit misstrauisch. „Natürlich kenne
    ich dich! Immer wieder hast du mich ein
    Stück des Weges begleitet.“ „Ja, aber“, argwöhnte die Traurigkeit,
    „warum fürchtest du dich dann nicht vor mir?
    Hast du denn keine Angst?“


    „Warum sollte ich vor dir davon laufen, meine Liebe? Du weißt doch
    selbst nur zu gut, dass du jeden Flüchtling
    einholst. Aber was ich dich fragen will: Warum siehst du so mutlos
    aus?“
    „Ich ....bin traurig“, antwortete die graue Gestalt mit brüchiger
    Stimme.
    Die kleine alte Frau setzte sich zu ihr.
    „Traurig bist du also“, sagte sie und nickte verständnisvoll mit dem
    Kopf.
    „Erzähl mir doch, was dich so bedrückt.“

    Die Traurigkeit seufzte tief. Solltet ihr diesmal wirklich jemand
    zuhören wollen? Wie oft hatte sie sich das schon
    gewünscht. „Ach weißt du.“ Begann sie zögernd und äußerst verwundert,
    „es ist so, dass mich einfach niemand mag.
    Es ist nun mal meine Bestimmung, unter die Menschen zu gehen und für
    eine gewisse Zeit bei ihnen zu verweilen.
    Aber wenn ich zu ihnen kam, schreckten sie zurück. Sie fürchten sich
    vor mir und meiden mich wie die Pest.“
    Die Traurigkeit schluckte schwer. „Sie haben Sätze erfunden, mit denen
    sie mich bannen wollen. Sie sagen:
    Papperlapapp, das Leben ist heiter. Und ihr falsches Lachen führt zu
    Magenkrämpfen und Atemnot.
    Sie sagen: gelobt sei, was hart macht. Und dann bekommen sie
    Herzschmerzen.
    Sie sagen: man muss sich nur zusammenreißen. Und spüren das Reißen in den
    Schultern und im Rücken.
    Sie sagen: nur Schwächlinge weinen. Und die aufgestauten Tränen
    sprengen fast ihre Köpfe. Oder aber sie betäuben
    sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht fühlen müssen.“
    „Ohja“, bestätigte die alte Frau, „solche Menschen sind mir schon oft
    begegnet.“
    Die Traurigkeit sank noch ein wenig mehr in sich zusammen. „Und dabei
    will ich den Menschen doch nur helfen.
    Wenn ich ganz nah bei ihnen bin, können sie sich selbst begegnen. Ich
    helfe ihnen , ein Nest zu bauen, um ihre
    Wunden zu pflegen. Wer traurig ist, hat eine besonders dünne Haut.
    Manches Leid bricht wieder auf, wie eine
    schlecht verheilte Wunde, und das tut sehr weh. Aber nur, wer die
    Trauer zulässt und all die ungeweinten Tränen
    weint, kann seine Wunden wirklich heilen. Doch die Menschen wollen gar
    nicht, dass ich bei ihnen bin. Statt dessen
    schminken sie sich ein grelles Lachen über ihre Narben. Oder sie legen
    sich einen dicken Panzer aus Bitterkeit zu.“
    Die Traurigkeit schwieg. Ihr Weinen war erst schwach, dann stärker und
    schließlich ganz verzweifelt.
    Die kleine Frau nahm die zusammengesunkene Gestalt tröstend in ihre
    Arme.
    Wie weich und sanft sie sich anfühlte,
    dachte sie und streichelte zärtlich das zitternde Bündel. „Weine nur,
    Traurigkeit“, flüsterte sie liebevoll, „ruh dich aus,
    damit du wieder Kraft sammeln kannst. Du sollst von nun an nicht mehr
    alleine wandern. Ich werde dich begleiten,
    damit die Mutlosigkeit nicht noch mehr an Macht gewinnt.“
    Die Traurigkeit hörte auf zu weinen. Sie richtete sich auf und
    betrachtete erstaunt ihre neue Gefährtin. „Aber...aber –
    wer bist du eigentlich?“
    „Ich?“ , sagte die kleine, alte Frau schmunzelnd, und dann lächelte sie
    wieder so unbekümmert wie ein kleines Mädchen.
    „Ich bin die Hoffnung.“


    ps.ist nicht von mir....
    Geändert von samy (23.09.2006 um 21:14 Uhr)

Stichworte

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  
Psychologen beraten am Telefon und im Chat. Jetzt testen!