Ich wurde an einem Freitag geboren. Einem Sportfreitag wie er ihn nannte. Einem Freitag an dem er mich triefend Nass, gemeinsam mit meinen Freunden und Verwandten, mit Ausländern und Andersfarbigen, mit Schuhen und Bällen, in eine kleine kratzigen Sporttasche steckte. Made in China, Made in Taiwan, Made in Autralia, grün, blau gelb, alle waren sie da und alle erwartete das Selbe Schicksal. Er war es der mich erweckt hat, er scheuerte über den Boden und wie aus dem Nichts wurde ich aus dem Stoff, aus dem wir alle kamen, geboren. In eine Welt in Gefangenschaft, angekettet an den Stoff der mich gebar, gemeinsam mit tausenden Anderen die zum Großteil ebenfalls gefangen waren und alle auf dem Selben Weg. Dem einen Weg von dem alle wussten, dem einen Weg an dem alles enden würde, verstoßen, verlassen in alle Ewigkeit gefangen oder verbrand. Dem Weg zur Höllenmaschine, in der Wir gemeinsam mit unserem Geburtsstoff, den Ausländern und Andersfarbigen, gemeinsam mit einer regelrechten Armee von uns und Stoffen aus aller Welt, hineingepackt wurden und eliminiert oder in die absolute Dunkelheit gesperrt. Ich konnte sie deutlich fühlen, die Angst der Anderen. Frisch in diese Welt geboren und bereits zum Tode oder zur ewigen Knechtschaft in absoluter Dunkelheit verdammt.
-Dies ist eine grausame Welt- dachte ich – eine Welt in der unser eins, ohne Verhandlung, ohne die Chance auf einen fairen Prozess, ohne etwas falsch gemacht zu haben, ja sogar ohne auch nur irgend etwas gemacht zu haben, ins Exil oder in den Tod geschickt wird-. Als er in seiner Behausung angekommen war, oder in einer dieser mit Höllenmaschinen voll gestopften Etablissements, –wer weiß das schon so genau der nicht sehen, hören oder reichen kann- ließ er seine ekelhaft kratzige Tasche auf dem Boden fallen und schenkte mir damit die Freiheit, oder zumindest den Anschein von Freiheit. Ich wurde grob von meinem Geburtsstoff gerissen und in die ekelhaft kratzige Tasche geschleudert. Einige Andere wurden ebenfalls begnadigt, kurz bevor der Höllentrip begann.

Die zu Hose, Leibchen, Socken und Unterwäsche genähten Stoffe wurden aus der Sporttasche gerissen und mit unvorstellbarer Kraft in die Höhe gezerrt. Ich konnte sie noch fühlen als ich ein zweites Mal in die ekelhaft kratzige Tasche stürzte. Es war wahrhaftig ein scheußliches Ding, eine schwere, aus Fusselfreiem Material gefertigte, mit Reisverschlüssen bestückte kratzige Ekeltasche der besonderen Art. Ein Ding konzipiert um uns nicht mal die Chance zu gewähren auch nur in diese Welt gesetzt zu werden, nicht die geringste Chance zu haben jemals durch die Luft gewirbelt zu werden, nicht die Chance zu haben, auch nicht in unendlicher Ferne, auch nur gefesselt am Leib der Mutter-Stoff zu hängen. Ein schreckliches, kratziges, Scheusalsding war sie. Die Scheußlichkeit in Person, die Personifizierung des ekelhaft kratzigen. Mir ekelte bereits beim geringsten Anzeichen eines Gedanken den ich daran verschwendete auch nur daran zu denken, an dieses Ekel zu denken.

Viele der Anderen, die mit mir in die – ich werde ihren Namen von nun an auspiepsen- “PIEPS“, gefallen waren, hatten sich an ihre Freunde geklammert als diese in die Höllenmaschine geworfen wurden. Ich hingegen lag da, inmitten der “PIEPS“ und erfreute mich an meiner neu erworbenen Freiheit. Der Freiheit die Chance zu habe herumgewirbelt zu werden, die unvergleichbare Freiheit des Gleitens. Kaum hatte er die “PIEPS“ vollständig entleert, wendete er sie und putzt, mit einem kleinen borstigen Besen, mich und all meine zurückgebliebenen Kompagnons, sowie einige winzige, von immenser Kleinheit bestraften, unbedeutenden, Staubkörner hinaus und schenkte uns damit vollends die Freiheit. Ich konnte mein Glück kaum fassen, endlich Frei! Nach so langer Zeit der Angst und des Bangens, nach unendlichen Minuten in denen ich bereits Meterweit fort sein könnte, vom Wind geblasen, von Stoffen, Händen oder Schuhen getragen, Meilenweit könnte ich bereits weg von hier sein. Nun, etwas erbost über die unerträgliche Dauer meiner Rettung, wandte ich mich von meinem Erlöser ab und ließ mich wahrlich in alle Ewigkeit nicht mehr bei ihm blicken. Kein Windstoß könnte mich jemals zu ihm zurück tragen, keine Hand, keine Hose, kein Schuh wäre jemals dazu in der Lage gewesen mich meinem Retter, oder ehemaligen Besitzer oder noch besser, meinem Peiniger zurück zu bringen. Niemals könnte diese Fräfelei an jeglicher Vernunft zu tragen kommen. Nein, das würde wahrlich niemals passieren. Niemand würde es wagen, niemand könnte dieser unendlich lastenden Sünde je Buße tun. Keiner wird es wagen. So, in absoluter Sicherheit diesem Unbarmherzigen Tyrannen nie wieder in die Fänge zu laufen, begann mein Weg.

Der Weg der mir erlaubte die Welt zu erfühlen, über Steine zu gleiten, über Bäume, über Sträucher, Bäche und Seen. Ja, überall wollte ich vorbeigleiten, an jedem Ast, von jedem Baum, an jedem auch noch so kleinen Kiesel oder Sandkorn, mit unbedeutend winzigen Staubkörnern um die wette gleiten, oder mich gemeinsam mit ihnen präsentieren, um meine unvorstellbare Größe zu demonstrieren. Ich badete in einem Meer der Zufriedenheit und Vorfreude und wurde so, leichten Herzens weggeblasen. Endlich weggeblasen, hinaus in die Welt und streifte auch sogleich die warme Backe eines Menschen Kindes. Ich verhedderte mich in dessen Haaren und kam schließlich zum stillstand. Inmitten einer glatten, reinen, unendlich schönen Haarpracht die mein Gefährt nach draußen darstellen würde. Der Aufenthalt in der Kammer der Höllenmaschinen war glücklicherweise von unbedeutend kurzer Dauer. Das kleine warmhäutige Kindlein, dessen Haare mir Halt boten, war Schnur stracks wieder unterwegs auf die Straße, die Unendlichkeit der Straße, die sich durch die ganze Welt zog, die überall hinführte, an jeden Fleck dieser gigantischen Welt. Ich klammerte mich mit ganzer Kraft an die Haarpracht des Mädchens, um nicht aus Versehen auf mein bestes Fortbewegungsmittel verzichten zu müssen. Der kalte Wind blies ihr durch die Haare und schleuderte mich durch die Luft. Nun endlich war es da, das unendliche Freiheitsgefühl des Gleitens, des durch die Luft gewirbelt Werdens, das unglaublich famosen Gefühls des Windes der dich mit Leichtigkeit an jeden Ort dieser Welt befordern konnte. Ich streifte auf meinem Weg so manche Laterne, wurde von Verwirbelungen der Bruchstellen von Kanten und Ecken im Kreise gedreht, streifte dabei Mauerwerk, Fenster, Autos und Menschen von verschiedenster Hauttypen. Manche mit weicher Haut, manche mit aufgerauter trockener Haut, manche mit Haut wie aus Porzellan, an der ich spielend abprallte. Es war fabelhaft, grandios und überwältigend.

Mehr als fünfzig Stunden sind seit dem vergangen. Nun um genau zu sein sind es exakt 3453 Minuten oder noch besser, es ist 207180 Sekunden her. In dieser unendlich wirkenden Zeit habe ich tausende Dinge gestreift, bin von ihnen abgeprallt oder kurz vor dem Aufprall von einem Windstoß in die Höhe geschleudert worden. Habe Sand, Stein, Eisen, Kiesel gespürt, hab mich neben einem, unnatürlich klein wirkenden, Staubkorn aufgeplustert, mich an meiner Größe und Überlegenheit ergötzt, mich geformt gewandelt. Nun bin ich in einen Tümpel gefallen. Das durchdringende Nass hat mich umfasst und zerrt mich jetzt in seine eisigen Tiefen. Gefangen in alle Ewigkeit hocke ich nun am Grund des dunklen Tümpels und schwelge in Erinnerungen an die gute alte Zeit. Die wundervolle Zeit meiner Abenteuer.