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Thema: ein Versuch

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    Standard ein Versuch

    Es ist mir nicht möglich meiner Mutter gegenüber die Dinge bei ihrem Namen zu nennen. Ich kann, im Gespräch mit ihr, nicht direkt den Verdacht äußern, dass sie nicht nur Männern gegenüber gehemmt ist, Liebe zu zeigen, sondern im gleichen Maße auch gehemmt war, ihren Kindern gegenüber Liebe zu zeigen.
    „Natürlich” meinte mein Onkel, als ich ihm genau diesen Satz erklärte, „man kann die Dinge ja umschreiben, sich vorsichtig herantasten“. Nein, kann man nicht - kann ich nicht - nicht in diesem Falle, denn auch jede Umschreibung lässt das Gespräch zähfließender werden, sobald ich mich dieser Thematik nähere.

    Ich merke, ohne das sprechen darüber notwendig wäre, dass meine Mutter nie im Zweifel darüber war und auch heute nicht im Zweifel darüber ist, ob sie vielleicht unterschwellig zu sparsam mit offener Zuneigung gegenüber ihren Kindern war. Ich hörte von meinem Onkel, dass sie es oft war, die meinen Vater ermahnte und ihm vorwarf zu wenig Zeit mit uns zu verbringen. Und er selber, mein Onkel, erinnerte ihn wohl mit den Worten „deine Kinder sind keine Soldaten“ an seine tatsächlichen väterlichen Aufgaben.
    Nun, so frage ich mich, wie passen diese Erinnerungen mit den Erkenntnissen meines Vaters zusammen? So bemerkte er in einem Gespräch mit mir, dass ihm aufgefallen sei, das sowohl er, als auch meine Mutter mit Zuwendung sehr sparsam umgegangen seien und das ihm eben das aufgefallen sei, als H., seine neue Freundin, ihn auf sein Benehmen gegenüber ihrem gemeinsamen Kind, K., aufmerksam gemacht hätte. So sei K. auch sehr viel fröhlicher und ausgeglichener als wir, mein Bruder und ich, es als Kleinkinder gewesen seien.
    Mein Onkel nahm meine Mutter gegenüber diesen Vorwürfen stark in Schutz und meinte zu wissen, dass nur mein Vater ungesunde Distanz zu seinen Kindern gehalten hätte. Er wurde erst nachdenklich und lenkte ein, als ich vermutete, dass meine Mutter die gleiche unterschwellige Distanz, die mein Vater seit dem Beginn ihrer Ehe verspürte, und welche, weil letztendlich offen ausgetragen zur Scheidung führte, auch gegenüber ihren Kindern präsent gewesen sein könnte.
    Was, wenn meine Mutter ein ähnliches Problem mit sich selber hat, wie ich es habe, und es ihr unbewusst einfach nicht möglich ist ein ehrliches liebendes Verhältnis, aufzubauen, auch wenn sie es bewusst will?

    Meine Mutter und ich sind uns in vielen Dingen sehr ähnlich, zu ähnlich, um diesen Gedanken zu ignorieren. Sie scheint hin und her gerissen zwischen Gedanken des ständigen Alleinseins, das sie Zeitweise bevorzugt, des Sehnens und Hoffens auf eine Zukunft mit ihrer Jugendliebe, welche sie auf einen, in naher Zukunft, unerreichbaren Sockel gestellt sieht und dem zögerlichen Streben nach einem Neuanfang mit einem anderen Mann. Zeitweise scheint ihr klar zu sein, dass sie Hilfe bräuchte um ihre Jugendliebe zu vergessen und einen Neuanfang möglich zu machen, die überwiegende Zeit aber reckt sie den Kopf in die Höhe und redet mit kaltem entferntem Blick vom Alleinsein und eigenständigem Zurechtkommen und dem guten Gefühl, das ihr die Ungebundenheit bereitet.
    Ich verspüre Widerwillen, mit ihr zu reden, ich sehe meinen eigene Schatten in ihren Augen, bemerke meine eigene Stare in ihrer Gestik.

    Mir ist es egal, ob ich vielleicht zu wenig Liebe abbekommen habe. „Ich brauche keine Liebe“ sinniere ich und spanne die Kiefermuskulatur und strecke in Gedanken das Kinn hervor.
    Ich fühle nicht, dass es mich berührt und fast scheint mir, als sei mein Streben nach Klärung kein Wunsch nach Aufklärung der Vergangenheit sondern ein Recht-haben-wollen, ein Beharren auf dieser einen Erklärungsversion. Vielleicht aus der einzigen Verzweiflung heraus, dass diese Erklärung die einzige ist, die die Ambivalenz meiner Gegenwart zu erklären vermag. Ein Bindfaden, an den ich mich klammer, als sei er ein Rettungsseil, weil ich hoffe, dass jemand die Widersprüchlichkeit meines Denkens und Handelns erkennt und versteht.

    J. zeigte einen Schimmer von tieferem Verstehen, aber er leuchtete nur kurz durch. Vielleicht verspürte ich deswegen keine Lust, ja sogar Unwillen, sie ein weiteres mal in den zwei Wochen, in denen ich hier bin, zu treffen. Niemand, außer J. schien auch nur in Ansätzen zu verstehen. Jedem dem ich erläuterte „ich bin schizoid“ reagierte auf die eine oder andere Weise, aber niemand schien wirklich zu begreifen.
    Als ich mir meiner 'Schizoidität' sicher war, hätte ich diese Erkenntnis am liebsten laut ausgeschrien. Hätte am liebsten allen Menschen, die mich kennen und kannten diese Entschuldigung und Erklärung für mein früheres und gegenwärtiges Verhalten, mitgeteilt.
    Natürlich tat ich es nicht, nur ein paar ausgewählten Menschen erklärte ich es sehr vorsichtig. Skepsis und Zweifel, Angst, Erstaunen, Erschrecken und Unsicherheit waren die häufigsten Reaktionen und ich sah mich in die Rolle gedrängt meine Erkenntnis zu verteidigen und zu erklären. Eine Rolle, die mir so fern liegt und mir doch so vertraut ist. Ich sah meine Hoffnung, dass jemand mich wirklich verstehen könnte zerbrechen, sah wie ich mir einen weiteren Keil zwischen mir und meine Mitmenschen getrieben hatte. Habe ich das gewollt?
    Bei dem Gedanken, was ich wohl antworten werde, wenn mein Psychologe fragen wird, was ich denn meine erwartet und gewollt zu haben, verspüre ich schon jetzt Unsicherheit und Ratlosigkeit. Ablehnung habe ich nicht gewollt, Unglauben und Skepsis wollte ich nicht hervorufen, obwohl ich befürchtete das ganz konkrete Zweifel bestehen könnten. Ich wollte, dass mir meine gute Selbsteinschätzung bestätigt würde. Ich wollte diese nicht verteidigen, nein, ich wollte auch nicht diskutieren, ich wollte spüren, wie jemand versteht. Nun, in J. habe ich eine solche Person fast gefunden, aber empfinde kaum Lust noch ein weiteres Wort mit ihr darüber zu reden oder über irgendetwas anderes.

    Ich schreibe diesen Text in der Absicht ihn irgendwem zu lesen zu geben. Ich schreibe solche Dinge nicht für mich alleine, ich hätte keinen Antrieb. Es geht mir um Darstellung, vielleicht um narzisstische Selbstdarstellung. Und als klugen Vorwand um mein Geltungsbedürfnis vor mir selber zu verstecken schiebe ich, die für den Aufbau von mitmenschlichen Kontakten hilfreiche Auseinandersetzung und dadurch geförderte Selbstreflexion vor. Während ich diesen Satz schreibe, überlege ich, den Text in ein Internetforum zu stellen, denn dort wäre dieses Geständnis nicht gefährlich.
    Ich stelle mir vor, wie jemand antwortet, „Mensch, Mädchen, dein Bericht ist so wahrhaftig, so kalt und zynisch, so verzweifelt und ablehnend.“ Und ich spüre ich wie ich mich über diese Aussage wundere, obwohl ich sie gewollt hätte, und ich meinen eigenen Text herabsetze und mich frage, was daran so blende und blind mache.

    Ich möchte Bewunderung und werde im Zweifel sein, ob sie gerechtfertigt und ich es wert sei, wenn ich sie bekomme. Ich bin stolz auf meine Unnahbarkeit und Eigenständigkeit, meine Intuition und mein Auffassungsvermögen, ich würde es aber vor jedem herabspielen oder leugnen, der mich dafür bewundern würde.
    Ich möchte verstanden werden und fühle mich durchschaut und angegriffen, wenn jemand der mir nahe steht, zu viel versteht. Ich kann keine Freundschaft 'auf Augenhöhe' führen.

    Die Freundschaften die ich habe sind gekennzeichnet von vertikaler Distanz, Intellektualisierung oder Gleichgültigkeit. In der Vergangenheit hatte ich Freundschaften in denen ich mir eine unterlegene Rolle zusprach - oder sie sogar innehatte - und stets um Anerkennung kämpfte. Dieser Kampf hat mir das Aushalten der Freundschaft ermöglicht. Die unterlegene Rolle verbat mir zu viel von mir preiszugeben, schaffte mir die nötige Distanz. Gegenwärtig übernehme ich in Freundschaften die überlegenere Rolle, schaffe es mich hinter zu viel Reden zu verstecken, erwecke so den Eindruck im anderen, er sei Vertrauensperson, wahre den Schein des Komplexen und kann mich drauf verlassen, das der Kern meines Wesens nicht verstanden wird. Oder in anderen Freundschaften trage ich ein Scheinich nach außen, weiß sicher, das die Freundin nicht durch die Fassade blickt. Überlege oft ihr mehr über mein Innerstes zu erzählen, schrecke aufgrund der aktuellen Begebenheiten zurück und bleibe an der Oberfläche.

    Meine Mutter distanzierte sich von meinem Vater mit Beginn der Eheschließung. Sie wurde prüde und unnahbar und entzog sich zeitweise meinem Vater auch körperlich. Nach Jahren trennten sie sich. Meine Mutter entdeckte ihre Jugendliebe, behauptete sie habe ihn immer geliebt und ihr sei es deswegen nicht möglich gewesen meinen Vater zu lieben. Jetzt, nach der Trennung, liegt eine Beziehung zu ihrer Jugendliebe in weiter Ferne, ist unerreichbar. Trotzdem klammert sie sich daran wie ein Betrunkener an seine Bierflasche und ist dieser 'Liebe' treu, redet von einem gemeinsamen Leben im hohen Alter. Ich kenne diese Sehnsüchte von mir selber, weiß wie angenehm es ist, eine 'große Liebe' auf einen hohen Altar zu stellen und anzubeten, ihm treu zu sein und den perfekten Vorwand für sich zu haben auf keinen anderen eingehen zu können. Wie lange dachte ich, der dramatische Beziehungsversuch mit C. sei tatsächlich Schuld an meinem Unvermögen eine andere Beziehung zu starten, geschweige denn aufrecht zu erhalten. Hätte ich heute nicht verstanden, dass frühere Charakterzüge meinerseits dieses Dilemma schon vorprogrammiert haben, würde ich jetzt noch, nach einigen Jahren, C. hinterher trauern. Ich habe aufgehört in das erschaffene Bild von ihm verliebt zu sein. Trotzdem ist es mir bisher nicht möglich gewesen irgendeine Beziehung überhaupt zu starten? Warum? Weil ich vermutlich ein ähnliches Problem habe, wie meine Mutter, ich kann keine Liebe geben und nehmen. Ich habe Angst vor emotionaler Abhängigkeit ich bin kalt und unnahbar nach außen und sehe mich doch in meinem Innersten so sehr nach jemandem, der mich auffängt und festhält.
    Geändert von a priori (12.03.2009 um 15:17 Uhr)

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