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Thema: Emotionslosigkeit und das Gefühl, nirgendwo dazuzugehören

  1. #1
    Neuling
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    Standard Emotionslosigkeit und das Gefühl, nirgendwo dazuzugehören

    Hallo Leute!

    Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich dazu durchringen konnte, mich hier anzumelden und um Rat zu fragen. Bisher konnte ich meine Probleme immer selbst lösen. Jetzt ist jedoch der Punkt gekommen, an dem ich eingesehen habe, dass es so nicht mehr weiter gehen kann. Jeder Versuch, meine Lage zu bessern, hat nicht funktioniert und so bleibt mir nur, euch um Hilfe zu bitten.

    Vorgeschichte (nur wen's interessiert, sonst überspringen!):

    - Scheidungskind.
    Mein Vater war Alkoholiker und verprügelte regelmäßig meine Mutter, was quasi meine frühesten Erinnerungen sind. Als ich 5 Jahre alt war ließen sich meine Eltern dann scheiden und ich verlor quasi mein komplettes Umfeld.

    - Intensives Mobbing.
    Das ging bereits im Kindergarten los. Ich konnte damals schon flüssig lesen und interessierte mich für alles Naturwissenschaftliche. Basteln fand ich langweilig und wollte lieber etwas lernen. Die anderen Kinder fanden das natürlich komisch und grenzten mich aus. Das ging weiter bis ich in der 8. Klasse auf dem Gymnasium war. Das volle Programm, mit auf dem Nachhauseweg verfolgt werden, körperlichen Angriffen, Fahrradreifen aufschlitzen, Sportklamotten unter der Dusche versenken, und anderen Dingen die ich euch an dieser Stelle ersparen möchte. Erst ab der 9.-10. Klasse wurde das besser (besser im Sinne von: ich wurde endlich komplett in Ruhe gelassen). Soziale Einbindung, was ist das?

    - Probleme mit Männlichkeit.
    Dass ich von meinem Vater nichts hatte und er auch kein Vorbild war, habe ich ja schon erwähnt. Mein Stiefvater hat sich in seiner vorherigen Ehe satte 20 Jahre lang unterdrücken und mundtot machen lassen. Symbolisch gesagt: Keine Eier in jeglicher Form vorhanden. Durchsetzungsvermögen? Pfft. Handwerkliches Arbeiten? Was ist das. Charisma? Fehlanzeige. Stärke und Zielstrebigkeit? Nope. Von beiden habe ich was Männlichkeit angeht daher nichts gelernt und musste mir somit selbst erschließen, was sich dahinter verbirgt. Das hat mich schwächlich werden lassen, unsicher, und mir viele Nachteile eingebracht.

    - Leistungsdruck.
    Meine Mutter und mein Stiefvater legten übertrieben hohe Erwartungen in mich, weil ich ja leider das Pech hatte etwas intelligenter zu sein als die anderen. Eine 1 war toll, eine 2 war in Ordnung, für eine 3 gab's ein missmutig verzogenes Gesicht, eine 4 war ein tagelanges Drama und eine 5 war die Apokalypse höchstpersönlich. Insbesondere in meinen beiden "Lieblings"fächern Mathe und Latein schrieb ich daher Fünfen am laufenden Band, während ich in anderen Fächern wo kein Leistungsdruck bestand super Noten hatte. Das ging so weit, dass ich hier noch ein Halbjahreszeugnis rumliegen habe, wo ich in Informatik 1 und in Mathe 6 stehe. (könnt euch ja vorstellen, dass alle meine Lehrer wochenlang auf mich eingeredet haben wie das bloß sein kann, und zuhause gabs natürlich das vernichtende Höllenfeuer zubereitet von Diablo himself)

    - Schwierigkeiten, Freunde zu finden, und ein zerbrochener Freundeskreis.
    Während all dieser Jahre hatte ich nur einen einzigen Freund, und der war selbst Außenseiter.
    Als ich 17 war, wendete sich das Blatt und ich holte binnen weniger Monate unglaublich viel in meiner Entwicklung nach. Ich veränderte mich innen und außen komplett, hatte einen großen Freundeskreis aus ca. 15 sehr unkonventionellen und intelligenten Leuten, und hatte meine erste Freundin.
    Als ich 21 war, zerbrach dieser Freundeskreis (schon vorher verließen uns viele gute Leute) weil mein bester Kumpel mir meine Freundin ausspannte und im Zuge dessen alle meine Freunde mit sehr ausgeklügelten Lügen gegen mich aufhetzte.
    Nachfolgend war ich 9 Monate lang komplett allein und zuhause gab es auch Stress ohne Ende. Dann begann mein Studium und ich hoffte sehr, dass es wieder besser werden würde, aber Fehlanzeige. Warum, das behandle ich gleich in einem extra Punkt.

    - Berufliche Hölle vor dem Studium.
    Ich hab 2006 mein Abi gemacht und danach wollte ich eigentlich studieren gehen. Da meine Eltern aber ein eigenes Haus hatten und mit dessen Finanzierung (Alkohol sei Dank) überhaupt nicht mehr klar kamen, konnte ich diese Idee nie verwirklichen. Sicher, ich hätte BAföG beantragen können; vom Staat hätte ich aber nix bekommen, und den Teil meiner Eltern hätte ich mir einklagen müssen. Das hätte das Verhältnis zu meinen Eltern dann wohl völlig zerstört und dazu war ich nicht bereit, zumal ich noch zuhause wohnte. (Rückblickend hätte ichs wohl mal besser gemacht...)
    Daher fing ich 2006 mit einer Ausbildung zum Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung an, die mich aber psychisch und physisch völlig ruinierte. Ich habe nach 3 Wochen gekündigt. Meine Eltern jedoch (das ist jetzt kein Scherz) riefen meinen Chef hinter meinem Rücken an und verlangten dann von mir, wieder dort arbeiten zu gehen, von wegen berufliche Zukunft bla bla. Mangels Alternativen ging ich dann 1,5 Jahre dort arbeiten bis ich komplett im Eimer war.
    2008 fing ich dann mit meinem Zivildienst an, der das krasse Gegenteil war. Das machte mir super Spaß, geregelte Arbeitszeiten, nette Kollegen und eigentlich wär's einfach nur toll gewesen - wenn zu dieser Zeit nicht die genannte Sache mit meinem Freundeskreis passiert wäre.
    2009 beschloss ich dann, ein Lehramtsstudium für Bio und Chemie anzufangen. Ich tat das einzig Richtige und ließ meinen Eltern keine Wahl. Entweder mit deren Unterstützung oder ohne. Das Geschrei war groß aber am Ende hab ich sie alle auf meine Seite bringen können.
    Das Studium ist z.T. echt anstrengend aber interessanterweise nicht so sehr wie meine Ausbildung. Es ist halt eine andere Form von Stress. Das Studieren vertrage ich viel besser.

    - Nirgendwo dazugehören.
    Nach dem Zerbrechen meines Freundeskreises habe ich nie wieder wirklich Anschluss gefunden. Ich bemühte mich 5 Semester lang vergeblich darum, aber die Kontakte erfüllten mich nicht. Ich passte nicht zu den Leuten, und die Leute nicht zu mir. Es war alles viel zu oberflächlich und man hätte das wohl Bekanntschaften, nicht jedoch Freundschaften nennen können.
    Jetzt aktuell habe ich endlich wieder eine kleine Gruppe aus 2-3 Leuten gefunden, mit denen ich mich gut verstehe. Doch gerade als alles gut zu werden schien, dreht eine Person aus der Gruppe total am Rad und destabilisiert alles. In Folge dessen löst sich alles zunehmend wieder auf. Ich habe zu zwei wirklich guten Leuten noch regelmäßigen Kontakt, aber nichts Intensives. Man läuft sich mal in der Uni übern Weg oder verabredet sich alle 4 Wochen mal zu irgendwas. Das war's. Den Rest der Zeit verbringe ich, so bitter das auch klingt, mit mir. Mit 24 Jahren, wo ich eigentlich mitten im Leben stehen sollte.

    - Anderes Moral- und Wertesystem.
    Jetzt kommt der bittere Part wo sich bei euch Psychologen bzw. Psychologe-Interessierten wohl die Fußnägel hochklappen werden. Ich halte den allergrößten Teil der Menschen für egoistisch, egozentrisch, und immer auf der Suche nach dem persönlichen Vorteil. Ethik und Moral zählen für die nicht viel. Ich könnte das seitenlang ausführen aber das lassen wir besser. Sagen wir einfach, ich habe über die Jahre festgestellt, dass man die Menschheit in grob zwei Teile unterteilen kann: Die Egoisten, die sich primär für ihren persönlichen Vorteil interessieren und alle anderen Menschen entweder als Mittel zum Zweck oder als Bedrohung ansehen; und die seltenen Leute, die noch fähig sind wirkliche Beziehungen zu anderen Menschen einzugehen, sich wirklich auf sie einzulassen, Interesse zu zeigen, und dabei bis zu einem gesunden Maß selbstlos zu sein bzw. den eigenen Vorteil nicht als das Wichtigste anzusehen.
    Ich weiß, dass das sehr abstrakt klingt, also mach ich mal ein paar Beispiele:
    * Wenn ich eine Beziehung mit einer anderen Frau will, dann beende ich zuerst offen und ehrlich meine jetzige Beziehung und fange dann erst etwas Neues an.
    * Wenn ich etwas verspreche, dann halte ich es auch, egal ob sich die Situation dadurch zu meinen Ungunsten verändert.
    * Geheimnisse bleiben bei mir geheim. Ich plaudere nichts aus, auch dann nicht, wenn ich einen Nutzen davon hätte.
    * Andere Menschen und deren Wohlergehen interessieren mich. Ich grenze niemanden aus, nur weil ich ihn nicht mag, und ich urteile über niemanden, bevor ich ihn nicht wirklich eine Zeit lang kennengelernt habe.

    Das machen viele Leute leider anders und solche Verhaltensmuster begegnen mir so häufig, dass die Menge an Leuten, bei denen ich mich wohl fühle und mit denen ich theoretisch eine Freundschaft anfangen könnte, sehr klein ist.
    (Ja, ich halte das auch für einen Schutzmechanismus vor erneuten Verletzungen, bevor ihr euch das fragt.)


    Das Problem
    Ich weiß gar nicht mehr wo ich überhaupt anfangen soll. Ich bin emotionslos geworden. Meine Freizeit verbringe ich mit Studium und meinen persönlichen Interessen, aber kaum mit anderen Leuten, was ich sehr schade finde. Ich weiß, dass ich sofort aufblühen würde, wenn ich nur endlich die passenden Leute finden würde, aber wohin ich nur blicke sehe ich nur Leute mit denen ich nichts anfangen kann.
    Aktuell habe ich vielleicht die Chance, in einen sehr unkonventionellen emotionsgeladenen Freundeskreis reinzukommen, aber das steht völlig in den Sternen. Und selbst wenn ich das schaffen sollte, würden mich die o.g. Erinnerungen vermutlich daran hindern, von den anderen dort akzeptiert zu werden.
    Eigentlich blicke ich jetzt mit fast 25 Jahren auf mein Leben zurück und fälle das Ergebnis: "Schattenwolf, du bist ein sozialer Totalschaden."

    Die Lösung?
    Ich suche daher eine Inspiration, wie ich wieder besseren Zugang zu meinen Emotionen finden kann.

    Ihr müsst auf diesen Roman nicht antworten. Aber vielleicht wisst ihr einen Rat für mich, außer dem obligatorischen Kommentar
    "Begib dich in psychologische Behandlung. Nur ein professioneller Psychologe™ kann dir helfen, deine Vergangenheit aufzuarbeiten."

    Viele Grüße,
    Schattenwolf

  2. Der folgende Benutzer bedankte sich bei Schattenwolf für den sinnvollen Beitrag:

    Erwin (12.02.2012)

  3. #2
    Neuling Avatar von Regentänzer
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    Wolf,
    ich habe in deinem Post einen Teil meines eigenen Lebens wiederfinden können. Das Gefühl, auf seine schiefe Biographie zurückzublicken sowie auf "die Anderen" die so mühelos durchs Leben zu gleiten scheinen. Den GAU oder Totalschaden zu diagnostizieren am Anfang eines verdammten Lebens. Ich denke, ich kann das etwa in der selben Intensität nachvollziehen wie es sich deiner Formulierung nach für dich anfühlen muss. Das ist ein ziemlich krasses Gefühl, wie wenn du dir eine Platte anhörst und der letzte Song darauf könnte ein verbales Abziehbild deines wirren Geistes sein.

    verdammt

    Ich habe ähnliche Erfahrungen mit dem Leben gemacht wie du, besonders dein Beitrag über die moralisch/ethische Verkommenheit der Meisten unserer Spezies spricht mich sehr an. Daher habe ich eine Weile überlegt, was die Konklusion oder die Essenz meines Textes zu deinem Nutzen sein könnte, aber es gibt einfach keine. Ich kann nur sagen ich fühle mit dir, bin in ähnlicher Not - ich denke nicht dass dir das hilft aber möglicherweise doch ein wenig....

  4. #3
    Neuling
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    Hallo Regentänzer,

    ich denke das Wichtigste ist, dass man sich dieser Lage bewusst ist ohne gleich ein inneres Zerbrechen zuzulassen. Es ist nicht einfach und es gibt so manche Tage, da denke ich aus Versehen auf dem falschen Planeten aufgewacht zu sein, aber davon darf man sich nicht beirren lassen.

    Ich weiß, dass es da draußen noch andere Leute wie dich und mich gibt, und zwar - und das ist das Wichtige - welche, die das Dilemma aus welchen Gründen auch immer überwinden konnten und jetzt ein glückliches und aktives Leben leben. Solche Leute versuche ich zu finden, wann immer ich kann, aber sie sind sehr selten (und kostbar).

    Danke für deinen Kommentar. Du hast recht, es hilft leider nichts. Aber das hält mich nicht davon ab, nach einer Lösung zu suchen.

    Viele Grüße,
    Schattenwolf

  5. #4
    Neuling Avatar von Regentänzer
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    Die Hoffnung stirbt zuletzt.

    Bleib dran, wenn du wirklich so denkst hast du das Beste Fundament für Erfolg

    Alles Gute

  6. #5
    Neuling
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    In der Tat. Der Tag wird kommen, an dem ich mich wehleidig zum Verhaltenstherapeuten schleppen werde. Aus Mangel an anderen Optionen - nicht weil ich denke, dass der mir wirklich helfen kann.

  7. #6
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    Das mit der Gesellschaft sehe ich genauso! Deshalb ist es unheimlich schwer für mich vorallem einen Mann zu finden mit dem ich eine Beziehung eingehen kann. Weil ich sowieso schon davon ausgehen kann, dass die ethischen und moralischen Vorstellung mittlerweile zu weit entfernt von meinen sind. Genau deshalb, kann ich schwer loslassen was ich habe.

    Mit den Freunden hatte ich etwas ähnliches... war auch eher ausgegrenzt und das häßlige Entlein. Habe aber auch mit 16 ca eine große Veränderung durchgemacht und auch Anschluss in 2 größeren Gruppen gefunden.... die ich eignt auch bis heute habe ( auch fast 25) ...mal mehr, mal weniger Kontakt, einige bessere Freunde, weiß auf wen ich mich verlassen kann usw...also manchmal wünsche ich mir schon mehr und manchmal fühl ich mich auch trotz alledem irgendwie nicht als einer von Ihnen...ist halt vieles eher Bekanntenmäßig... aber nunja... vlt bin ich einfach anders aber ich halte vorallem an meinen engeren einzelnen Leuten fest! Einen wirklichen Rat habe ich lkeider nicht für dich, außer das du dir deine Veränderungen, deinen Mut immer vor Augen halten solltest, denn das ist schon stark was du selbst bis jetzt geschafft hast !!!! Und vlt laufen dir auch bald die richtigen Leute übern Weg!

  8. #7
    Nachwuchs Autor Avatar von martinspin
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    Hi Schattenwolf

    Vielen Dank für dein sehr intensives Posting. Ich glaub nicht, dass ein Therapie momentan weiterhilft. Es hilft auch nicht, irgend eine Lösung für dein Problem zu suchen. Du wirst nix finden

    In deinem Fall hilft wohl einfach, zu akzeptieren was ist und da hindurch zu gehen. Es ist unendlich einfacher, sich mit dem Strom treiben zu lassen, als gegen den Strom zu schwimmen. Du hast es doch schon lange akzeptiert, dass du anders bist. Warum machst du dir überhaupt Sorgen um deine Zukunft?

    Du bist anders und wirst es immer sein, was nix mit deiner Geschichte zu tun. Um im Leben glücklich zu werden, brauchst du andere Mittel und Wege wie die grosse Menge.

    Erst wenn du deine Eigenständigkeit und die ganzen Differenzen zur Gesellschaft voll und ganz akzeptieren kannst, wirst du Wege finden, zufrieden und in Harmonie mit dir Selbst zu leben.

    Diese Lernprozesse werden dir nicht geschenkt und es bedeutet eine Menge harter Arbeit an dir selbst. Ich schätze es so ein, dass du das schaffst und du noch sehr viele positiven Erfahrungen im Leben machen wirst
    Liebe Grüsse, Martin

    I Psychologieforum.de

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  9. #8
    Neuling
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    Hallo martinspin,

    leider sehe ich das komplett anders.

    Meine Andersartigkeit ist kein Zufall; sie ist das Produkt aus allen Erfahrungen die ich bislang gemacht habe. Als simples Beispiel lehne ich regelmäßiges, ritualisiertes Alkoholtrinken ab (z.B. Alkohol als Getränk zum Essen), weil ich bereits in frühester Kindheit kapiert habe, dass dieses Zeug extreme negative Auswirkungen haben kann.

    Auch das "mit dem Strom schwimmen" hat für mich eine völlig andere Bedeutung: Ich akzeptiere mich (im Großen und Ganzen) so, wie ich bin; aber ich weiß auch ganz genau, dass ich nicht glücklich werden kann, solange ich von einer Gesellschaft umzingelt bin, die ich nicht als die meine ansehe. Ich renne von Mensch zu Mensch und versuche verzweifelt, mir die Rosinen rauszupicken, die wenigen "guten" Leute mit denen ich klar komme. Aber das ist kein mit dem Strom schwimmen, im Gegenteil, genau das ist gegen den Strom schwimmen!
    Mit dem Strom schwimmen würde bedeuten, mich der Gesellschaft anzupassen. Und exakt hier beginnt das Dilemma. Denn meine sagen wir mal negativen Erfahrungen begannen so früh in der Kindheit (quasi ab meinem ersten Atemzug, krass gesagt aber trifft den Kern der Sache), dass sie mich von Anfang an verändert haben. Ich bin niemand, der früher mal glücklich war, dann ist irgendein schlimmes Erlebnis passiert, und dadurch geht's mir jetzt schlecht, und wenn man das therapiert hat werde ich wieder glücklich. So funktioniert das bei mir nicht. Ich bin von klein auf quasi von einer blöden Situation in die nächste gerasselt, an Glücklichsein kann ich mich gar nicht erinnern, nur in wenigen Momenten zwischendurch. Somit kann man festhalten: Die Erfahrungen haben mich von Beginn meines Lebens an geprägt, und diese Prägung verursacht die Andersartigkeit.
    Wenn ich jetzt beginnen würde mich anzupassen und mit dem Strom zu schwimmen, würde mich das ebenso unglücklich machen wie gegen den Strom zu schwimmen. Denn wenn ich meine Individualität annehme und auslebe, bin ich einsam, und wenn ich mich stattdessen der Gesellschaft anpasse, verbiege ich mich und werde dadurch unglücklich.

    Deshalb mache ich mir in der Tat große Sorgen um meine Zukunft. Beruflich nicht, aber privat. Der eigentliche Kern des Lebens (soziale Kontakte, Freundschaften, gemeinsame Erlebnisse und gute Zeiten) fehlt komplett. Alles was ich im Leben erreicht habe ist bedeutungslos, solange ich im sozialen Bereich ein Totalversager bleibe. Ich habe viel gelernt und viel begriffen, die ungeschriebenen Regeln und Gesetze der Gesellschaft, aber egal wie sehr ich mich bemühe, ich kratze doch nur an der Oberfläche.

    Innerlich bin ich fast komplett gebrochen. Ich weiß, dass ich das nach außen hin gut überspielen kann - wenn man anders ist, lernt man, ein guter Schauspieler zu sein. Lass dich davon nicht täuschen, ich habe da gravierende Probleme aufgetürmt.
    Der Punkt, den Lulane anspricht, hat mir das ein für alle mal klar gemacht: An eine Partnerschaft ist nicht im Traum zu denken, die letzte habe ich selbst beendet, als mir klar wurde wie sehr ich mich doch von "den normalen Menschen" unterscheide. Und erst wenn ich mit mir selbst ins Reine gekommen bin darf ich wieder versuchen, jemand anderem wirklich nahe zu sein, vorher würde ich nur mir und ihr unnötiges Leiden zufügen.
    Du magst recht haben wenn du sagst, dass ich weit gekommen bin, aber ich habe jetzt langsam wirklich keine Kraft mehr noch weiter zu gehen. Es widert mich an, zu sehen, wie man sich einfach nur anpassen und konform mit der Gesellschaft gehen muss, um ein problemloses Leben leben zu können - und gleichzeitig zu wissen, dass das keine Option für mich ist, weil ich doch so anders bin als die meisten.

    Die Emotionslosigkeit, die ich ansprach, ist nur der Gipfel des Eisbergs. Sie ist das Resultat einer massiven Selbstkontrolle und emotionalen Kastration, die ich mir selbst in jeder Sekunde meines Lebens auferlege, um den ganzen negativen emotionalen Ballast unter Kontrolle halten zu können. Was glaubt ihr, was ich am liebsten mit den Leuten tun würde, die mich damals verraten haben; mit meinem besten Kumpel, der für seinen persönlichen Vorteil bereit war einen der seinen zu vernichten (er war ja selbst Außenseiter gewesen); mit den Mitläufern und Schauspielern aus meinem damaligen Freundeskreis; mit denjenigen, die mich gemobbt, fertig gemacht und ausgegrenzt haben, die ihre Machtspielchen mit mir abgezogen haben; Liste beliebig fortführbar.

    Eigentlich, und das ist bitter, hab ich schon 'ne ziemlich gute Vorstellung davon, woher meine Probleme kommen. Aber ich sehe da keinen Ausweg, egal wie sehr ich mich bemühe. Anpassen oder Einsamkeit.

    Viele Grüße,
    Schattenwolf

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