Hallo an alle,
Ich weiß nicht,ob das Thema hier hin passt. Ich hab lange überlegt,ob ich überhaupt darüber schreibe, aber ich hab was erlebt,was mich nicht mehr loslässt. Es geht dabei gar nicht um mich,auch nicht um einen Freund/eine Freundin, nicht um ein Familienmitglied und noch nicht mal um einen nahen Bekannten.
Aber erst mal noch kurz zu mir, damit es vielleicht besser nachvollziehbar ist,warum mich dieses Erlebnis so mitnimmt.
Bin 27 Jahre. Hab mit 24 (nach Ende des Studiums) Panikattacken bekommen,mir allerdings nix weiter dabei gedacht. Eine Weile war Ruhe und außer einer ständigen Unruhe-die ja aber auch nich bedenklich is in diesen hektischen Zeiten-ging es mir ganz gut. Plötzlich mit 25 bekam ich massive Panikattacken mit extremen Herzrhythmusstörungen, Lähmungen, Schweißausbrüche,Zittern...wobei die ersten beiden Symptome für mich nahezu wie der Tod selbst waren. Innerhalb kürzester Zeit wurde mein Leben davon bestimmt,wann,wie lange und ob ich überhaupt raus gehen sollte. Negativ beeinflusst wurde das ganze noch davon,dass ich von zu Hause aus gearbeitet habe. Ich hatte also keinen wirklichen Grund rauszugehen. Wenn ich zum Supermarkt musste um Lebensmittel einzukaufen (der Supermarkt lag übrigens direkt vor meiner Haustür,musste nur die Straße überqueren) habe ich mir schon spätestens am Abend vorher darüber Gedanken gemacht. Die Abwärts-und Angstspirale war so mächtig, daß ich meine Verhaltenstherapie abgebrochen habe. Ich hab meinen einzigen Ausweg in Antidepressiva gesehen. Ob das mit dem Abbruch der Therapie der richtige Weg war, weiß ich nicht. Auf jeden Fall haben mir aber die Tabletten (Cipralex 10mg, 1x pro Tag) den größten Teil meiner Lebensqualität zurückgegeben und ich bin noch heute – 1,5 Jahre später - dankbar über jeden Tag ohne Angst. Ich hab mein Selbstbewusstsein wieder aufgebaut – neuer Job mit viel Verantwortung, Wertschätzung von Freundschaften und sich auch über kleine Dinge freuen-und wenn es „nur“ ein gutes Buch ist.
Nun aber endlich zu meinem eigentlichen Anliegen:
Letzte Woche hatte ich mal wieder den halbjährlichen Kontrolltermin bei meiner Neurologin. Auf dem Weg dorthin ist mir ein Typ aufgefallen, der ca. 20m vor mir lief. Er war nicht besonders auffällig, noch relativ jung (vielleicht anfang 20) trug weite Hosen, nen Rucksack und ne Winterjacke. Auf einmal schlägt er sich mit der Faust mit voller Wucht ins Gesicht und schreit. Ich bin erschrocken und hab gedacht, daß er vielleicht das Torret-Syndrom hat. Aber irgendwas an seiner Art war so seltsam...so wahnsinnig. Er ist langsamer geworden, weshalb sich der Abstand zwischen uns verringerte. Er weinte und schrie sehr laut, wiederholte immer wieder die Worte „Ich bin tot. Ohgott ich bin tot. Ich bin so tot“ und schlug sich noch mehrmals mit der Faust ins Gesicht. Er lief schließlich so langsam, daß mir nichts anderes übrig blieb, als ihn zu überholen. Als wir auf gleicher Höhe waren, schaute er mich von der Seite an und sagte so etwas wie „Nee, das geht nicht“ Mir war ganz komisch zumute, es war kein Mitleid...aber dieser Wahnsinn von dem er scheinbar besessen war, war fast greifbar. Ich war regelrecht froh endlich bei meiner Ärztin angekommen zu sein um die Gedanken an ihn abzuschütteln. Ich meldet mich an, ging noch kurz zur Toilette und als ich wiederkam, kam mir der junge Mann entgegen. Im Wartezimmer saßen außer mir noch fünf Leute. Er nahm auch Platz. Er redete die ganze Zeit vor sich hin, mal laut, mal leise, spielte panisch mit seinem MP3-Player und atmete sehr heftig und tief. Er roch nach Zigaretten, nicht nach Alkohol, nicht nach Kiffen...nur nach Zigaretten. Um mich abzulenken nahm ich mir eine dieser „Klatschzeitungen“.Ich blätterte aber nur darin herum, um mich abzulenken, weil mich das Blabla sowieso nicht interessiert. Ich dachte die ganze Zeit, daß die anderen Leute ja gar nicht wußten, wie er sich unten auf der Straße verhalten hat. Ich dachte ich würde es nicht aushalten, wenn er jetzt auch anfinge zu schreien und zu weinen und sich zu schlagen. Ich vermied es ihn anzuschauen, weniger weil ich Angst hatte seine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen,sondern eher, weil ich Angst hatte, was ich in seinen Augen und seinem Gesicht sehen würde. Schließlich ging er raus aus dem Wartezimmer. Seltsamerweise, ich meine obwohl er ja nur ein bisschen vor sich hin geredet hat, schienen die anderen Patienten es auch zu merken, welcher Wahnsinn ihn umgab. Alle atmeten erleichtert auf, als er draußen war. Ich fühlte mich irgendwie beklommen. Ich meine alle im Wartezimmer (außer ich) starren ihn an, reden über ihn und er sitzt da, konnte sich vielleicht gerade noch dazu aufraffen die Praxis der Ärztin aufzusuchen und is vielleicht irgendwie gefangen in sich selber. Die Sprechstundenhilfe fragte ihn, ob er schon gehen wollte und er antwortete ganz normal, daß er nur mal zur Toilette müsse. Auch später mit der Ärztin redete er in der Anmeldung ganz normal. Schließlich kam er zurück und mit ihm dieses fast schon greifbare Gefühl. Er lief ein paar mal vor den Leuten im Wartezimmer auf und ab, wie ein gehetztes Tier und immer begleitete von diesem durchdringenden Zigarettengeruch. Er setzte sich schließlich wieder. Auf einmal wurde er laut und sagte zu zwei Frauen, die ihm schräg gegenüber saßen: „Ich hol gleich meine Spritze raus, da hätte ich jetzt so Bock drauf“. Ich weiß es ist feige, aber ich musste das Wartezimmer verlassen und hab mich auf nen Stuhl im Anmeldungszimmer gesetzt. Das hab ich nicht ausgehalten. Die Ärztin hat ihn dann auch bald dran genommen. Am Rande habe ich mitbekommen, daß er sofort in eine Klinik (Sektorklinik....was ist das?) gehen soll. Was ich nicht verstanden hab-warum soll er denn alleine da hin gehen? Kann man da keinen Krankenwagen rufen? Ist das so üblich? Als er aus dem Sprechzimmer herauskam fand ich mich aufeinmal alleine mit ihm im Anmeldungszimmer. Ich hatte so eine Panik vor diesem Jungen und seinen Ausbrüchen und schämte mich gleichzeitig dafür, weil die Panik nur durch meine Unwissenheit kam. Er tat mir natürlich nix, lief nur auf und ab, streichelte die Blätter einer Grünpflanze und murmelte weiter mal laut, mal leise vor sich hin. Dann kam die Ärztin nochmal und wieder redete er ganz normal mit ihr. Dann war er weg und ich hatte nur noch Fragezeichen im Kopf.
Am liebsten hätte ich meine Ärztin gefragt, was mit ihm los ist, warum er so ist, wie er ist, ob ihm geholfen werden kann und wenn ja-wie? Ich kann sie natürlich nicht fragen und weil mich das Ganze nicht loslässt, schreibe ich es hier, in der Hoffnung ein paar Antworten zu bekommen. Ich möchte nichts theoretisches über Schizophrenie oder drogenbedingte exogene Psychosen oder Wahnvorstellungen oder so was wissen. Darüber hab ich schon genug gelesen. Ich würd so gern wissen und verstehen, was in so jemandem vorgeht, der sich selber schlägt und schreit und weint und trotzdem noch den klaren Gedanken fassen kann zum Arzt zu gehen. Welche Droge löst denn sowas aus? Kann es auch durch was anderes gekommen sein? Wie muss es sich denn anfühlen wenn man so allein ist, alle einen anstarren, weil man sich „komisch“ benimmt? Klar hat jeder von uns sein Leben selbst in der Hand, jeder kann wählen, nur wenn man ab und zu die falsche Entscheidung trifft, sieht es schlecht aus.
Bitte haltet mich nicht für blöd...ich will nur versuchen zu verstehen und wäre euch dankbar, wenn mir jemand vielleicht ein bisschen was erklären könnte.
Danke schonmal!
Pitti


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