Wenn ich meine familiäre Problematik hier darstellen sollte, müsste ich Seiten, wenn nicht ganze Bücher, füllen, aber ich werde mich kurz fassen, einfach um zu meinem Thema zu kommen.

Also, um es kurz zu machen:
Wir sind (heute) drei Kinder, die vor Jahrzehnten in einer problematischen Familiensituation aufgewachsen sind:
Vater Alkoholiker (nüchtern der liebste Mensch überhaupt, betrunken dagegen sehr aggressiv), früh verstorben;
Mutter sehr früh schwerst depressiv, zwischendurch auch psychotische Züge.

Meine Schwester und ich entwickelten uns relativ "normal" (bis auf wenige Ausnahmen, die dieses Thema betreffend keine wirkliche Rolle spielen).

Unser/mein Bruder hingegen war von Kind auf an "außerhalb der Norm",
mit zehn Jahren hat er angefangen zu rauchen,
im gleichen Alter bzw. etwas später schon fing er an,
Familienmitglieder zu manipulieren bzw. zu bedrohen (meine Mutter, meine Oma, mich).

Irgendwann erbte er das Haus unserer Oma, unser Elternhaus. War überfordert, trank zuviel, war überfordert mit Job, der Verantwortung etc. und das war`s - das Haus wurde verkauft, er und meine Mutter zogen um ins Nachbardorf.

Seitdem hat er sich nie wieder erholt, auch er bekam psychotische "Anfälle", hörte Stimmen, die ihm "befahlen, sich umzubringen" usw., viele Klinikaufenthalte und diverse Medikamente waren die Folge...

Er hat in unterschiedlichen Wohnungen in diversen Dörfern gelebt in den letzten 20 Jahren und immer war es irgendwann soweit
"Der oder Das verfolgt mich, der oder die Nachbar/in will mir Böses, ich muss weg. Ich habe Angst, Alpträume."

Zu guter Letzt "landete" er in einer Einrichtung für psychisch kranke Menschen ca. 25km von mir entfernt und ich wähnte ihn dort gut aufgehoben; ja, er selbst hatte bis vor zwei Wochen noch geäußert, es ginge ihm gut dort...

Nun ist er wieder in einer Klinik,
seine Ängste waren mal wieder zu stark.

Kurz vor seiner Einweisung hab ich mit ihm telefoniert und er hat mir seine Ängste (zum wiederholten Male) geschildert,
und er sprach u.a. von "Todesangst"...

Es ist noch gar nicht solange her, da hat er mir seine Alpträume detailliert geschildert und er sprach von Vergewaltigungssequenzen in seinen Träumen...
ich hab mir natürlich meine Gedanken darüber gemacht,
hab mich gefragt, ob mein Bruder nicht doch neben allem anderen
auch zutiefst traumatisiert sein könnte,
ob da nicht doch etwas vorgefallen sein könnte,
von dem wir anderen Familienmitglieder keine Ahnung haben...

Ich kann mich kaum an meine Kindheit erinnern,
aber meine Mutter und mein Bruder haben mir des öfteren erzählt,
dass mein Vater geäußert haben soll, falls er gehen müsse,
würde er die beiden "mitnehmen" und er soll meinem Bruder gegenüber auch nicht immer positive Gefühle gehabt haben ("Nebenbuhler"?).

Ich traue es meinem Vater irgendwie nicht zu, andererseits...
eigentlich kenne ich ihn ja nicht,
und manchmal habe ich selbst ihm unterstellt, dass er mit mir etwas getan hat, an das ich mich eben einfach nicht mehr erinnern kann/will.

Aber was wollte ich eigentlich mit diesem "Thema"?

Nun ja, es ist bald Weihnachten, und es geht darum, dass ich vor kurzem mit meinem Mann darüber gesprochen habe, meinen Bruder Heiligabend zu uns zu holen.
- Meine Kinder kommen am 1. Feiertag, beide hatten nix dagegen, dass ihr Onkel auch dazukommt, aber das will ich nicht.
Ich will MEINE Familie an diesem Tag für mich, weit weg von meiner "Stammfamilie" und ich trenne das ganz bewußt;
ist einfach so, und gut. -

Heiligabend sind mein Mann und ich allein, ich muss nicht arbeiten, perfekt also für einen Tag mit meinem Bruder....
Ja ich weiß, klingt blöd, aber ist es nicht.
Er kommt morgens mit dem Bus, wir sitzen gemütlich zusammen, gehen nachmittags in die Kirche, essen abends schön zusammen, er schläft bei uns und nächsten Vormittag fahre ich ihn wieder in die Klinik und dann ist eben Zeit für meine family - voller Leben, Freude, Lachen, mit Enkelkind usw. usw.
- MEIN Leben eben...

Ich glaube, DAS ist eigentlich mein "Thema"...
ich habe ein schlechtes Gewissen ihm gegenüber.
Aber ich muss das nicht haben, oder?

Ich habe keinerlei Verantwortung ihm gegenüber, oder?

Die ganze Zeit schon, eigentlich seit Jahren,
frage ich mich
"Wie kann ich ihm helfen?"
"Soll ich nicht doch mal mit einem seiner Ärzte reden, mit seinem Betreuer?"

"Kann ich ihm überhaupt helfen????"

Habt ihr eine Idee, einen Ratschlag?
Ich bin für jeden Denkanstoss dankbar !