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Thema: Familie

  1. #1
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    Standard Familie

    Ursprünglich wollte ich diesen Text in meinem Tagebuch hier veröffentlichen, weil ich aber "befürchte", dass niemand ihn liest und ich somit kein Feedback bekomme, veröffentliche ich ihn hier...
    ich wünsche mir Antworten von euch, Antworten, mit denen ich arbeiten kann...

    Heute nach der Arbeit Mama abgeholt und zu meinem Bruder gefahren, als wir dort ankamen, sah ich ihm sofort an, dass irgendwas nicht stimmt. Er war durcheinander, erzählte mir von seinen Problemen mit seiner psychisch kranken, 65jährigen, Nachbarin, die (ironischerweise) das gleiche Krankheitsbild hat wie er und die eben seit längerem schon aus der Bahn läuft (auch, weil sie ihre Medis nicht nimmt).

    Ich war kaputt von der Arbeit und bin eh schon "angespannt", wenn ich näheren Kontakt zu Mama und ihm habe und nun diese Konfliktsituation, die ich nicht wirklich wollte (und im Grunde seit "damals" und sowieso nie wieder haben will!!!). Aber... es ist meine Familie, er tut mir leid und so blieb ich fast zwei Stunden dort. Wobei ich echt dankbar war, dass seine "Betreuerin" auch anwesend war und wir somit zu zweit dort saßen, um ihn aus seiner akuten "Angstphase" herauszuholen (er hatte u.a. Angst davor, dass seine Nachbarin ihn "absticht".)

    Es war für mich eine anstrengende, aber auch lehrreiche Erfahrung, hab ich ihn doch nie zuvor als wirklich "krank" angesehen (oder es wahrhaben wollen?). Es war das erste Mal, dass ich ihn SO erlebte... dieses Reinsteigern in seine Angstpsychose, immer und immer wieder dieselbe "Schleife" (egal, was wir ihm sehr eindrücklich auch mitteilten). Natürlich war irgendwann klar, dass er momentan anscheinend eine Art "Schub" hat und genau deswegen so heftig auf seine kranke Nachbarin reagiert.

    Er wollte dort nur weg - in die Psychiatrie - SOFORT. (Und damit verhält er sich absolut genauso, wie unsere Mutter es damals immer und immer wieder getan... "ich will weg, weg." Diese Beiden hatten immer schon eine "ganz besondere" Beziehung zueinander und ich habe das dumpfe Gefühl, er wiederholt IHR Leben und verliert sein eigenes (wenn er denn jemals eins hatte).

    Ich war sehr dankbar, dass Frau S. anwesend war und ihm andere, sinnvollere Möglichkeiten aufzeigte, denn ich war schlicht und ergreifend überfordert...

    Sie hat ihm Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt (am Montag zu seiner Ärztin, Einweisung, Medikamentenspiegel überprüfen, danach in eine Klinik, um seine Ängste zu be(ver)arbeiten und ich konnte dem einfach nur zustimmen - es gibt nur diesen einen Weg für ihn und ich hoffe, er geht ihn.

    Auf dem Heimweg kam mir immer wieder der Gedanke hoch: "Was habt ihr uns angetan?"
    Verdammt, ich wollte abschließen mit der Vergangenheit, sie soll mein Leben nicht mehr beeinträchtigen oder sonst was.

    Heute spürte ich extrem, dass die Vergangenheit dich immer wieder einholt...
    wenn es gestern dein Vater war, der seinen Schmerz mit Alkohol betäubt,
    wenn es gestern deine Mutter war, die in irgendeiner Form wohl immer schon psychisch krank war (und nein, ich habe echt keine Lust mehr, mich dahingehend auseinanderzusetzen!!!),
    so ist es heute dein Bruder, der dir unendlich leid tut und dem du dennoch nicht wirklich helfen kannst...

    Du willst einen Cut, aber es geht nicht, nicht wirklich.
    Ich bin grad allein mit mir und meinen Gedanken, irgendwie ist es so vertraut, irgendwie ist es Gewohnheit und irgendwie will ich auch das nicht mehr...

    Ich will jemanden, der mich hält, mich in den Arm nimmt, mit mir redet, mir zuhört und mich versteht...

    Ich bin allein, oder?

  2. #2
    Gast784
    Gast

    Standard

    Du willst einen Cut, aber es geht nicht, nicht wirklich.
    Ich bin grad allein mit mir und meinen Gedanken, irgendwie ist es so vertraut, irgendwie ist es Gewohnheit und irgendwie will ich auch das nicht mehr...

    Ich will jemanden, der mich hält, mich in den Arm nimmt, mit mir redet, mir zuhört und mich versteht...

    Ich bin allein, oder?
    Hallo Ulla,

    mir fällt gerade auf, dass es das selbe Lebensgefühl ist, die selbe Situation, die Du auch in Bezug auf Deine Ehe schilderst.

    Du hängst sowohl in der Gegenwarts- wie in der Herkunftsfamilie anscheinend fest.

    Und was mir auch noch auffällt: Du hast anscheinend schon von klein auf das Problem, das Leben mit sehr kranken Menschen bewältigen zu müssen: deine Eltern, Dein Bruder, Dein Partner mit seiner Suchtproblematik, und Du hast doch auch eine behinderte Tochter, nicht wahr? Du bist in ständiger Sorge um Deine Angehörigen. Kann es sein, dass Du unter den Umständen noch gar nie gelernt hast, für Dich selbst zu sorgen?

    Was hat Dir in all den Jahren Kraft gegeben? Wie hast Du aufgetankt, damit Du das durchhalten konntest?

  3. #3
    Gast5147
    Gast

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    Hallo Ulla ,

    "Was habt ihr uns angetan?"

    - Vor einiger Zeit habe ich geglaubt, ich hätte auch mit allen möglichen Dingen aus der Vergangenheit abgeschlossen, bis ich dann merkte, dass es mehr Verdrängung war.
    Warum nicht diese Frage stellen, die Du Dir gestellt hast. Ja, stell sie Dir ruhig!
    Ich finde, jeder hat ein Recht dazu!

    Manchmal sieht man das eigene Kind in sich fast vor sich liegen, wie es verzweifelt ist und traurig. Warum sich dann nicht um sich selbst kümmern und mal ohne das Gefühl, gleich in Selbstmitleid versinken zu müssen, genau jene Frage stellen: Was hat man mir angetan?
    Wie könnte denn etwas verarbeitet werden, wenn es nicht benannt wird?
    Ich meine damit nicht, dass alle Welt Schuld an der eigenen Situation ist; ich meine, dass man auch mal sagen darf: "Ich wurde nicht in den Arm genommen, obwohl ich es brauchte! Ich fühlte mich nicht geliebt! Und das ist schlimm!"

    Wer sollte denn das eigene Kind in sich trösten, wenn man es selbst nicht tut?

    Ich habe keinen blassen Schimmer, ob Dir meine Zeilen etwas bringen - vllt. habe ich zu sehr auf meine Seele geschaut gerade - sollte das der Fall sein: Verzeih!

  4. Die folgenden 2 Benutzer bedankten sich bei Gast5147 für den sinnvollen Beitrag:

    Darkstar (11.12.2010)

  5. #4
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    Standard :)

    Hallo Gabiannarele,

    mir fällt gerade auf, dass es das selbe Lebensgefühl ist, die selbe Situation, die Du auch in Bezug auf Deine Ehe schilderst.

    Du hängst sowohl in der Gegenwarts- wie in der Herkunftsfamilie anscheinend fest.

    Und was mir auch noch auffällt: Du hast anscheinend schon von klein auf das Problem, das Leben mit sehr kranken Menschen bewältigen zu müssen: deine Eltern, Dein Bruder, Dein Partner mit seiner Suchtproblematik, und Du hast doch auch eine behinderte Tochter, nicht wahr? Du bist in ständiger Sorge um Deine Angehörigen. Kann es sein, dass Du unter den Umständen noch gar nie gelernt hast, für Dich selbst zu sorgen?
    Jetzt, wo du das sagst bzw. schreibst, fällt es mir auch auf, irgendwie "hänge ich wohl fest"... Sich immer wieder um andere "sorgen", sich Gedanken machen usw. Das Traurige ist, dass "die Anderen" irgendwie keinerlei Gedanken daran zu verschwenden scheinen, wie ich mich dabei fühle... (und nein, das hat jetzt nix mit Selbstmitleid zu tun!)

    Mein Bruder ist gestern schon in die Psychiatrie gegangen, ich hatte es nicht anders erwartet. Da sitzt er jetzt und seine Betreuerin und ich können regeln, was zu regeln ist... ich fahre heute in seine Wohnung, leere den Kühlschrank, packe die notwendigen Klamotten, die er in der Eile nicht mehr packen konnte. Ich habe absolut keinen Nerv mehr, in diese Klinik zu fahren, zu viele schlechte Erinnerungen usw. (Mama), aber irgendjemand muss es tun...


    Seine Betreuerin macht sich derweil Gedanken, was aus seiner Katze werden soll (ich selbst habe drei und kann Suse bei aller Liebe nicht aufnehmen).
    Abgesehen davon will er absolut nicht mehr in diese Wohnung zurück und die anderen sollen doch jetzt bitte alles Erforderliche regeln, am besten noch vor Weihnachten... boaaah ne, dieses Denken kann einfach nicht mehr mit seiner Krankheit entschuldigt werden.
    (Nein, meine Tochter ist nicht behindert, da hast du dich vertan)

    Was hat Dir in all den Jahren Kraft gegeben? Wie hast Du aufgetankt, damit Du das durchhalten konntest?
    Genau diese Frage hat mir vor Jahren schon mal jemand gestellt...
    ich habe immer noch keine Antwort darauf gefunden und merke, dass ich mich damit nicht auseinandersetzen will (oder kann?)... ich weiß es echt nicht.

  6. #5
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    Standard :)

    Hallo Madness ,

    als ich deinen Beitrag das erste Mal gelesen habe, musste ich weinen...

    "Ich wurde nicht in den Arm genommen, obwohl ich es brauchte! Ich fühlte mich nicht geliebt! Und das ist schlimm!"
    Genau, es ist schlimm! Und auch ich habe das Recht, diese eine Frage zu stellen, OHNE in Selbstmitleid zu versinken... genau!

    Manchmal sieht man das eigene Kind in sich fast vor sich liegen, wie es verzweifelt ist und traurig. Warum sich dann nicht um sich selbst kümmern und mal ohne das Gefühl, gleich in Selbstmitleid versinken zu müssen, genau jene Frage stellen: Was hat man mir angetan?
    Wie könnte denn etwas verarbeitet werden, wenn es nicht benannt wird?
    Ich meine damit nicht, dass alle Welt Schuld an der eigenen Situation ist; ich meine, dass man auch mal sagen darf:
    Wer sollte denn das eigene Kind in sich trösten, wenn man es selbst nicht tut?
    "Das eigene Kind" war es wohl, welches angesichts deines Beitrages geweint hat... so empfinde ich es jetzt jedenfalls. Und ich sehe die Kleine immer noch da liegen, wo sie seit Jahren schon liegt und ich sehe, dass ich mich um sie kümmern und sie trösten möchte. Ja, das möchte ich so gern, ich weiß nur noch nicht genau wie.

    Ich habe keinen blassen Schimmer, ob Dir meine Zeilen etwas bringen - vllt. habe ich zu sehr auf meine Seele geschaut gerade - sollte das der Fall sein: Verzeih!
    Ich bin dir sehr dankbar, alles ist gut !

  7. #6
    Gast784
    Gast

    Standard

    hallo Ulla,

    jetzt ist es mir endlich wieder eingefallen, mit wem ich Dich verwechselt habe. Der Name ist so ähnlich. Darum das mit der langen Beziehung, Alki und beh. Kind. Sry

    Naja, dass Kiffer und Spritis ganz ähnliche Strukturen haben, haben wir ja schon festgestellt...

    Das Traurige ist, dass "die Anderen" irgendwie keinerlei Gedanken daran zu verschwenden scheinen, wie ich mich dabei fühle
    nein, das können sie natürlich nicht, sonst wären sie ja nicht krank.

    Und ausserdem hast Du für Dich bisher wahrscheinlich auch zu wenig gefordert, weil Du es vll bei Deinen gestören Eltern gar nicht lernen konntest, für Dich zu sorgen, indem Du auf einen gebührenden Ausgleich guckst.

    Da kannst Du nur schauen, dass Du Dir einen Kreis aufbaust und soweit Du ihn schon hast, pflegst, wo die Leuts mit Dir auf einer Augenhöhe sind, um in einen kraftgebenden Austausch zu kommen.

    boaaah ne, dieses Denken kann einfach nicht mehr mit seiner Krankheit entschuldigt werden
    Deinen Hals kann ich gut verstehen. Ich sag nur: "Krankheitsgewinn". Auch wenns nix ändert. Im Gegensatz zu Dir wird die Betreuerin für ihre Arbeit damit aber bezahlt. Also würd ich so viel wie möglich ihr überlassen, ehrlich gesagt.

    PS: ich weiss ja nicht, was Deine ursprüngliche Intension war, Dich hier Ullakind zu nennen, aber durch diesen Fred hier kriegt das natürlich eine ganz besondere Bedeutung
    Geändert von Gast784 (12.12.2010 um 11:06 Uhr)

  8. #7
    Gast5147
    Gast

    Standard

    Hallo nochmal,

    "Und ich sehe die Kleine immer noch da liegen, wo sie seit Jahren schon liegt und ich sehe, dass ich mich um sie kümmern und sie trösten möchte. Ja, das möchte ich so gern, ich weiß nur noch nicht genau wie."

    - Also mir hat es schon gereicht, oder besser gesagt, meinem Kind hat es schon gereicht, dass ich ihm vermittelte, dass ich es verstehe und dass es weinen dürfe, dass es auch wütend sein dürfe.
    Und außerdem: Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich mein inneres Kind irgendwann selbst verletzte, weil ich es nicht so akzeptierte, wie es war; oder ich es nicht ertrug, dass ich so viel Traurigkeit inne hatte. Dann agiert man plötzlich dem eigenen inneren Kind gegenüber wie es auch all die anderen getan haben ...

    Es reichte mir vollkommen, damit aufzuhören, ihm weiter weh zu tun.
    Eigentlich ist ein Kind relativ leicht zu befriedigen: Es braucht Liebe und Verständnis und auch Ordnung. Zumindest war das bei mir so, das wird sicherlich noch individuellen Charakter haben

    LG

  9. #8
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    Standard

    Hallo ullakind,

    ich kann aus deinen Zeilen drei Aspekte herauslesen: Zum einen die Traurigkeit, das eigene, verzweifelte und Trost suchende "innere Kind", aber auch große Kraft: du versuchst "trotz" allem, deinem Bruder noch zu helfen, mit seiner Betreuerin zusammen seine Angelegenheiten abzuwickeln. Und als drittes den starken Wunsch, die "kranke Familie" mit all ihren dazugehörenden Mustern "hinter" dir zu lassen, mit der Vergangenheit abzuschließen, für dich selbst weiterzukommen.

    Ich denke, der erste und der dritte Aspekt sind gut und bringen dich weiter, aber die Kraft brauchst du wahrscheinlich jetzt vor allem für dich selbst... daher stimme ich gabi zu, dass du der Betreuerin die meisten Aufgaben überlassen solltest. Dass dein Bruder psychisch krank ist, dafür kann er natürlich nichts, aber er raubt dir und anderen dadurch zugleich viel Kraft, die du auch für dich selbst brauchst... Das hat auch nichts mit "mangelnder Liebe" gegenüber deinem Bruder zu tun und damit, dass du zu wenig für deine Familie da bist, sondern mit den eigenen Grenzen, der eigenen Belastbarkeit.

    (...) Was hat Dir in all den Jahren Kraft gegeben? Wie hast Du aufgetankt, damit Du das durchhalten konntest? (...)

    Vielleicht war es die "Liebe" zu deiner Familie, der Wunsch, die Familie zusammenzuhalten? Es gibt so etwas wie "Familienmythen", das sind Annahmen, auf denen das Zusammenleben in einer Familie aufbaut und mit denen Rollenzuschreibungen verbunden sind. Ein Familienmythos kann zum Beispiel sein "Wir halten alle zusammen, egal, was passiert" und die damit verbundenen Rollen "Einer, der zuhört", "einer, dem vor allem zugehört wird" usw. Solche "Familienmythen" sind sehr stabil und können manchmal dazu führen, dass man bis zur Erschöpfung in ihnen "lebt"... Es lohnt sich, darüber nachzudenken, welche "Rolle" man selber in der Familie hatte und ob man die noch länger einnehmen will oder kann...

    Liebe Grüße
    SW

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