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Nach kurzer Überlegung habe ich mich doch dazu entschlossen, mich selbst zu zensieren - der Text, der hier stand, war sehr heftig und ist wahrscheinlich nicht für dieses Forum und einige User geeignet. Auch wenn ich nicht annehme, daß dieses Tagebuch hier von sooo vielen Leuten aufgerufen wird, laß' ich's im Hinblick auf die relative "Offenheit" dann doch sein, einen relativ brutalen Text hier einzustellen.
Geändert von gemeingefährlich (21.09.2011 um 00:41 Uhr)
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24. September
Das Wasser streichelte meine Wangen. Ein so vertrautes, aber dennoch willkommenes Gefühl.
Mit massierenden Bewegungen trug ich das Rasieröl auf, dann rührte ich die Rasiercreme an.
Es dauerte eine Weile, bis sich der Schaum gebildet hatte. Vorsichtig massierte ich ihn mithilfe des Rasierpinsels in die Barthaare ein.
Seit ich vor einigen Jahren in die WG eingezogen war, achtete ich darauf, immer der Erste im Bad zu sein.
Dank der hypermodernen elektrischen Rasierer mit ihrem Infrarotklingensystem war die Rasur nur noch eine Sache weniger Minuten. Und ganz genau so sah sie auch aus.
Mein Geschichtslehrer hatte bereits Ende der 20er Jahre gesagt, daß der letzte Bundeskanzler, der zumindest so aussah, als habe er hin und wieder mal einen Rasierapparat gefunden, Gerhard Schröder gewesen sei, (eine Zeit, die er, damals Anfang 60, noch als Erwachsener miterlebt hatte). „Zumindest das“, pflegte er schließlich voller Ironie zu bemerken, „kann man ihm anrechnen.“
Ich griff zu dem Sicherheitsrasierer, (Merkur Progress - irgendwann in den 2000er Jahren gefertigt - das einzige, wofür ich der modernen Welt dankbar bin, ist, daß sie mir durch Zeitungsarchive und Plattformen wie Ebay die Möglichkeit gibt, die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen), und begann mit meinem morgendlichen Ritual.
An diesem Tag brauchte ich nur zwei Rasurgänge. Zufrieden betrachtete ich das Ergebnis im Spiegel und verließ das Bad. Auf Zehenspitzen tappte ich durch die Küche - ich wollte niemanden wecken, zumindest jetzt noch nicht.
Auf meinem Zimmer zog ich mir zuerst die Socken an - uni schwarz erschien mir angebracht - und befestigte den Sockenhalter. Ich wählte ein weißes Nadelstreifenhemd, eine rote Krawatte und einen schwarzen Zweireiher.
Vorerst zog ich die Hausschuhe an - ich hatte nicht vor, das Haus zu verlassen, zumindest noch nicht -, und ging zurück in die Küche. Am Tisch rief ich die entsprechende Software auf dem Tablet PC auf und loggte mich ein.
Spieler aus aller Welt waren eingeloggt und warteten auf Gegner. Jemand schlug ein Spiel um 500 Euro pro Punkt (Limit: 20.000) vor, und ich willigte ein.
Es war ein unaufgeregtes Spielchen. Ich überlebte eine frühe Blitzattacke (mit darauf folgender Verdopplung) und hatte ein 5-Point-Holdinggame. Mein Gegner hatte einen kleinen Vorteil im Rennen und verdoppelte - zu früh, wie ich fand, und der Computer würde mir später beipflichten. Ich würfelte einen 6er Pasch und verdoppelte meinerseits - er nahm die Verdopplung an und ich gewann knapp. Der Anbieter erhielt 150 Euro Rake, ich bekam 1.850 und wüste Beschimpfungen im Chat als Gratisbonus. Mein Gegner verließ die Seite und ich schmiß den Kaffeeautomaten an.
Ein unspektakulärer Sieg - aber dennoch hatte ich ein gutes Gefühl. Es ist schwer zu beschreiben, vielleicht vergleichbar mit dem ersten Orgasmus am Morgen - der erste Höhepunkt, auf dem man sich gut fühlt und noch verdrängt, daß es nach einem Höhepunkt nur noch bergab gehen kann.
Ich drückte auf das Nachrichtenfenster auf dem Display.
„... so müssen wir aber auch darüber informieren“, erklang die Stimme des Moderators, „daß es sich bei den Demonstranten um eine Minderheit handelt, die sich jenseits von Recht und Grundgesetz bewegt.“
Der Vollautomat ächzte und quälte sich bei jedem Tropfen der braunen Flüssigkeit, die mühselig aus der Brühgruppe hinausfloß. Das Ergebnis sah irgendwie nach Kaffee aus - und es schmeckte nach Jahre alten Bohnen, abgestanden, und durch einen findigen Mitbewohner, dem zwei Wochen vor Monatsende das Geld ausging, aus einer Grube im Keller zu Tage gefördert.
„Trotz der besorgniserregenden Ereignisse im Berliner und im Frankfurter Bankenviertel, als auch der Straßenschlacht in Köln, ruft Bundeskanzler Lindner die Bürger zur Besonnenheit auf.“
Ein Videointerview wurde eingespielt. Der Kanzler, aschfahl und verschwitzt, sagte kampferprobt:
„Wir werden uns unsere Politik nicht von diesen arbeitslosen Chaoten diktieren lassen! Jeder Berliner, jeder Frankfurter und jeder Kölner sollte sich nicht durch einzelne gewaltbereite Extremisten an seinem gewöhnlichen, produktiven und geliebten Tagesablauf hindern lassen.“
Es wurde wieder zurück ins Studio geschaltet.
„Auch sollte nicht unerwähnt bleiben, daß der Präsident des Arbeitgeberverbandes, Martin Raffer, bereits geäußert hat, daß die Aufstände kein Grund zur Krankmeldung sind. Er warnt Arbeitnehmer davor, sich aufgrund der Demonstrationen ein verlängertes Wochenende zu erlauben.“
Ich schloß das Fenster, in dem das Nachrichtenprogramm lief.
Eine Tür öffnete sich und einer meiner Mitbewohner trat in die Wohnküche. Er lachte mich an - ein herzloses, zynisches Lachen. Nicht, daß er mir gegenüber negativ eingestellt gewesen wäre - er konnte nur nicht über seinen Schatten springen. Die wenigsten Leute können das - insbesondere dann, wenn ihr Mensch gewordenes schlechtes Gewissen direkt nebenan wohnt.
„Na, hat Opa dir heute wieder deine Sachen hingelegt?“, fragte er mich grinsend.
„Uropa“, korrigierte ich ihn, „aber er ist so komisch in letzter Zeit, seit wir ihn mit dem Vodoozauber zurückgeholt haben. Dankbarkeit sieht anders aus, finde ich.“
Er lachte sein gedämpftes, aber zahnloses Lachen und öffnete die Tür zum Bad. Gerade als er sie hinter sich schließen wollte, fragte ich:
„Bist du heute im Einsatz?“
Er fuhr herum. Sein Blick verdunkelte sich für eine Sekunde. Vielleicht lag‘s aber auch nur am Licht. Es dauerte keine weitere Sekunde, bis er die Contenance zurückgewonnen hatte - nicht vollständig, aber immerhin.
„Ja“, sagte er und räusperte sich, um es nicht all zu weinerlich klingen zu lassen.
„Alles Gute“, sagte ich bedeutungsvoll.
„Ach, die Schweine scheppern `wa einfach weg“, entgegnete er mit einer wegwerfenden Gestik - nun wieder der Bulle, der er sein wollte. Zumindest zur Hälfte. Nachdem er sich unter der Dusche einen `runtergeholt, seine Halbrasur durchgeführt und sich das Haar dürftig gefönt und die allheilige Uniform angelegt hatte, war die andere Hälfte komplett. Alles Menschliche abgelegt, weggewaschen und weggewichst und dann war es Zeit, wen „wegzuscheppern“, im vollen Bewußtsein, ein bedürfnisloser Diener zu sein. Spätestens, nachdem er seine Uniform angelegt hatte, konnte man kein vernünftiges Wort mehr mit ihm wechseln - denn dann war er kein normaler Mensch mehr - er war Polizist. Die Fleisch gewordene Ordnung.
Es gab viele Dinge, die Harald hätten definieren können. Eigentlich war er nicht besonders aggressiv, er war ein netter Kerl, ein Antiheld im Herzen, keiner, mit dem es eine Frau besonders lange aushielt (aber mit wem halten sie‘s schon lange aus?), hatte einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und die Intelligenz, alternative und funktionierende Problemlösungen zu finden - aber all dies galt ihm nichts. Mit all diesen Eigenschaften wollte oder konnte er sich nicht identifizieren, sie waren nicht das Kleid, das er sich wünschte. Er wollte einen Stoiker aus sich machen, einen klassischen Helden - einen, der nicht wichste, keine Sehnsüchte hatte, einen, der nicht selbstständig „fühlte“, nicht selbstständig handelte, einen, der nicht trauerte, nicht weinte, keine Selbstzweifel hatte, sondern der nur für ein ihm überlegenes Kollektiv funktionierte, weil es denn eben seine „Aufgabe“ sei, die er höher schätzte, als jede seiner eigenen Regungen.
Eine Ameise, die alles für die Königin tat - und brächte es sie auch um.
Als ich ihm antworten wollte, hatte er die Tür bereits geschlossen. Mein Telephon klingelte, ich nahm ab. Katharina war am anderen Ende zu hören, deutlich und wieder nicht. Nach wenigen Sekunden merkte ich, daß die Undeutlichkeit nicht auf eine schlechte Verbindung (Großstädte bringen Funklöcher mit sich) zurückgeführt werden konnte - sie war schlicht und ergreifend vollkommen paralysiert.
„Mein ... mein ... Kater ... ist ... tot“ - Wortfetzen, die nur gepreßt zu hören waren.
„Bist du bei dir zuhause?“, entgegnete ich schnell, aufgeregt. Ich sprang auf und ging in Richtung der Garderobe.
„J-j-j-a“, war es langsam, schleppend am anderen Ende zu hören.
„Ok, bleib‘, wo du bist, ich bin in fünfzehn Minuten da - in Ordnung?“
Ich versuchte, so ruhig wie möglich zu sprechen, doch das Sprechtempo wollte sich dem abgeklärten Klang meiner Worte nicht anschließen.
Ich schlüpfte hastig in meine Schuhe, zog mir einen Mantel über (wir haben einen verdammt kalten September - nur das Feuer wärmt dieser Tage) und eilte hinaus.
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Die Situation auf den Straßen war dramatischer, als es in der Presse kundgetan wurde. Kaum einer war noch unterwegs. Unregelmäßig fuhren Polizeiautos vorbei, die via Megaphon bekannt gaben, daß alles in Ordnung sei und daß man aus reiner Vorsicht daheim bleiben solle, so man es einrichten könne.
Auch die öffentlichen Verkehrsmittel hatten ihren Betrieb eingestellt, seitdem gestern im Frankfurter Bankenviertel ein verlassener Linienbus in Brand gesetzt worden war.
Gierig sogen meine Lungen die smogverseuchte Luft ein. Innerhalb weniger Minuten erreichte ich Katharinas Wohnhaus.
Die Tür zu ihrem Appartement stand auf. Ich trat ein und schloß die Tür hinter mir. Wohnzimmer - und Badtür standen weit offen. Mein erster Blick fiel ins Bad. Der Spiegelschrank lag zertrümmert auf dem Boden. In die Badewanne war Wasser eingelassen. Auf der Oberfläche trieb der kraftlose Körper Katharinas Kater. Ich atmete tief durch und ging zurück in den Korridor.
Als ich das Wohnzimmer betrat, fand ich Katharina auf dem Boden liegend, weinend und nackt vor.
Eine ganze Weile legte ich mich neben sie und umarmte sie leicht. Doch sie schien von meiner Anwesenheit keine Kenntnis zu nehmen. Nach gefühlten 30 Minuten fuhr sie herum.
„Was ist passiert?“, fragte ich. Es klang heiserer und tonloser als ich wollte. Männer wollen immer sicher und abgeklärt klingen, wollen ein Fels in der Brandung sein, aber dann sind sie doch wieder nur kleine Jungen, die sich unter der Dusche einen `runterholen und hoffen, daß sie niemand dabei erwischt, weil es ihnen unangenehm sein könnte. Nur die wenigsten von uns sind Mensch gewordene Polizisten.
„Sie ... sie waren plötzlich da ... wollten das Geld eintreiben und ich ...“
„Die Schutzgelderpresser?“, fragte ich.
Sie nickte. „Ich hatte kein Geld da und da haben sie ...“ Sie schluchzte.
...Findus ertränkt, setzte ich im Geiste fort. „Haben sie dir etwas getan?“, fragte ich besorgt.
Sie schüttelte den Kopf. „Ich ... ich wollte duschen, als ...“ Sie senkte den Blick. „Aber sie haben mich nicht ...“ Sie beendete den Satz nicht.
Ich ging ins Schlafzimmer und kam mit einigen Kleidungsstücken wieder. Dann half ich ihr, sich anzukleiden und tat mein möglichstes, sie zu beruhigen. Was nicht besonders viel war.
Wir vereinbarten, den Kater irgendwo im Wald zu begraben. Sie hing sehr an dem Tier - er war viele Jahre ihr treuer Begleiter gewesen. Wut stieg in mir hoch, als ich den Leichnam aus dem Wasser barg und ihn provisorisch in einen Karton legte.
„Ich werde zur Polizei gehen“, sagte ich.
Sie lächelte müde. „Weißt du, warum ich mich in dich verliebt habe?“, fragte sie tonlos. Die Antwort gab sie wenige Sekunden darauf: „Trotz allem Zynismus bist du immer noch naiv.“
Ich nickte und holte meine Geldbörse aus der Innentasche des Mantels und warf meine Credcard auf den Tisch.
„Wenn sie wiederkommen sollten“, sagte ich, „gib‘ ihnen meine Credcard. Da sind noch 10.000 Euro drauf. Das ist nicht die Welt, aber das sollte ihre Forderungen befriedigen.“
Sie nickte, steckte die Credcard ein und antwortete nicht.
„Ich äh“, sagte ich zögerlich, „bin in spätestens zwei Stunden wieder da, wenn Du magst. Soll ich Deine Ma anrufen?“
Sie schüttelte den Kopf. „Ich werde sie selbst anrufen ... Gleich. Bitte komm‘ wieder.“
Ich nickte und gab ihr einen Kuß.
Als ich auf die Straße trat, fischte ich meine E-Zigarette aus der Manteltasche. Der Akku war am Vortag stark beansprucht worden - ich war froh, daß er noch halbwegs geladen war.
Die Gewalt auf den Straßen schien zuzunehmen. Die Polizisten waren zu Wasserwerfern übergegangen und einige Viertel waren kaum noch aufsuchbar.
Das Schutzgeldgeschäft hatte sich in den vergangenen zehn Jahren vollends entfaltet. Es wurde gedroht, geprügelt und hier und da mal gemordet - teils auch unter stiller Duldung einzelner Streifenpolizisten.
Das Geschäft mit der Angst ist eine der verheerenden Folgen der Dumpinglohngesellschaft, gegen die die Leute heute demonstrieren - die Menschen haben nicht genug, um über die Runden zu kommen und sie haben nicht den Zugang zum ersten Arbeitsmarkt - also verdingen sie sich als Handlanger der Mafia und ähnlicher Bandenstrukturen.
Daß hier und da die Polizei, motiviert durch einige 100.000 Euro, ein Auge zudrückt, ist weithin bekannt.
Bis zur nächsten Polizeidienststelle war es ein weiter Weg. Es war gespenstisch ruhig - hin und wieder hörte man von Weitem ein dumpfes Donnergrollen, das sich wie das Geräusch einer Kriegstrommel anhörte. Ein weit entfernter Donner, der ein Vorbote des drohenden und verheerenden Gewitters ist.
Es gibt Tage, da fühlt man sich schlecht und beklagt sich darüber, daß man sich schlecht fühlt. Lautstark, unüberhörbar und nervig für jeden, der einem in die Quere kommt.
Dann gibt es Tage, an denen man wütend ist - an denen man, wie es Harald ausdrückte, jemanden „wegscheppern“ möchte.
Aber dann gibt es Tage, an denen man sich leer fühlt. Wie als habe jemand das teure Porzellangeschirr kaputtgeschmissen - man steht davor, sieht die Verwüstung und kann nur noch die Scherben zusammenkehren. Das tut man eifrig und in aufgesetztem Aktionismus - doch wenn die Scherben zusammengekehrt und weggeschmissen sind, steht man vor dem Papierkorb und weiß, daß man nichts weiter wird tun können. Hilflos erträgt man die Zerstörung, die geschehen und das „Opfer“, das unabänderlich erbracht worden ist.
Dies ist ein verheerendes, ein kaltes Gefühl, das einem wie eine Klinge aus Eis erwischt, sich in das Herz bohrt und es zu einer deprimierten Mördergrube macht. Giftig zwar, aber jeder Widerstand ist zwecklos - ist ein Schaden angerichtet, dann ist er durch nichts in der Welt wieder rückgängig zu machen.
Im Polizeirevier wurde ich sogleich in Empfang genommen.
„Ich möchte eine Anzeige aufgeben“, sagte ich.
„Soso“, nuschelte der Beamte. „Als was arbeiten Sie denn?“
„Freiberufler.“
„Freiberufler“, äffte er nach. Es klang ätzend. „Und was freiberufeln Sie so?“
„Strategiespiele. Schach.“ Schach klingt immer besser als Backgammon - zumindest für den Unwissenden.
Lachen. „Oho, ein ganz feiner, was? Na, was wollen Sie denn anzeigen?“
„Schutzgelderpressung.“
Hätte ich ihm gestanden, letzte Nacht seine Tochter mit K.O.-Tropfen betäubt und mißbraucht zu haben, hätte dies seinen Blick nicht noch mehr verdunkelt jetzt.
„Du, Fred“, rief er in den Raum, ohne seinen Blick von mir abzuwenden, „da will ein Freiberufler Schutzgelderpressung anzeigen.“
Lachen. Lauthals. Aus unterschiedlichen Richtungen. Das Gesicht schien sich noch mehr zu verdunkeln - aber ich täuschte mich. Als ich mich umdrehte, hatte mich eine Traube an Polizisten umzingelt.
Wie selig ist der Gedächtnisverlust! Als ich wieder zu mir kam, hatte man mich irgendwo in eine Gasse geschmissen.
Schmerz, oh du seliger Schmerz, der mir zeigt, daß ich noch lebe! Du bist überall, allgegenwärtig ...
Langsam rappelte ich mich auf. Meine Stirn hatte einen Cut abbekommen. Offenbar war einer der Bullen besorgt genug, die blutende Stelle provisorisch zu verbinden - wie fürsorglich! Aber eine verblutete Leiche macht immer Ärger.
Meine vorderen Schneidezähne waren ausgeschlagen, der Mund blutig. Ich spuckte aus. Als ich prüfen wollte, ob meine Brieftasche noch da war, merkte ich, daß mein linker Mittelfinger schmerzte. Höchstwahrscheinlich gebrochen.
Meine Brieftasche hatten sie entwendet. Sei‘s drum. Personalausweise kann man beantragen.
Ich torkelte weiter durch die Straßen. Niemand anderes war mehr unterwegs, dabei war es erst später Nachmittag.
Als ich, nach gefühlten sechs Stunden, endlich daheim angekommen war, führte mich mein erster Weg ins Bad. Das Wasser streichelte meine Wangen - nur, daß es jetzt wie ein Stich wirkte. Ausgeführt mit größter Heimtücke. Im Becken sammelte sich Blut, nur um Sekunden später mit dem Wasser eine Verbindung einzugehen, und dann im Abfluß zu versinken. Eine kurze Liaison - zeitlos, heftig, aber genauso böse und verheerend.
Aus Destruktivität kann nichts Produktives entstehen. Allein das Wasser hat eine reinigende Wirkung - möge es das Destruktive hinwegspülen, filtern, die Zerstörung an sich binden, nur, um sie loszulassen, zu entschärfen, und schlußendlich zu vernichten.
Wasser ... nicht zerstörend, sondern neutralisierend. Hinwegziehend, in sich aufsaugend - alles, restlos. Die Demonstranten dort draußen auf den Straßen, all die Arbeitslosen, die Anarchisten und Kommunisten, die Demokraten, die Friedenstauben - hinweggeschwemmt, „gereinigt“, neutralisiert im Wasser. Kater Findus in seinem dunklen Kasten - hinweggeschwemmt, „gereinigt“ neutralisiert.
Beide Male, um etwas zu „erhalten“, das verflucht ist zur Destruktivität.
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Ich hätte zum Arzt gehen sollen. Als ich zurück in die Wohnküche torkelte, merkte ich, daß ich mir ebensogut eine innere Blutung zugezogen haben könnte.
Plötzlich - es mochte einige Zeit vergangen sein, mein Zeitgefühl ist nicht das beste - wurde die Tür aufgerissen. Harald platzte in den Raum, aggressiv, den See Genezareth in den Augen.
„Du verfluchtes Dreckschwein!“, brüllte er, tränenverzerrt, mehr ein Weinen als ein Schrei, kehlig, hart, metallern. Er trat gegen einen Stuhl.
„Du verfluchtes Arschloch!“, brüllte er wieder.
„Hab‘s kapiert“, sagte ich gleichgültig, „ich bin richtig doll verflucht.“
Er packte mich am Kragen und schubste mich, ohne den Griff zu lockern, mit dem Rücken gegen den Küchentisch.
„Weil du verfluchter Mistkerl“, er schluchzte, bemerkte es aber nicht in seiner Wut, „eine Schutzgelderpressung anzeigen musstest, haben sie mich gefeuert! Weil ... du bei mir wohnst! Ein notorischer Querulant!“
Er verpasste mir einen harten Schlag ins Gesicht, seine Faust landete in der Magengrube.
Als ich mich vor Schmerz krümmte, landete die Spitze seines Springerstiefels direkt auf meinem Mund. Kreischend fiel ich zurück, verschluckte dabei einen Teil meines ausgeschlagenen Zahnes.
Er traktierte mich weiter, aber zum zweiten Mal wurde ich ohnmächtig.
Das Nächste, was ich sah, war das Gesicht von Jerome, einem weiteren Mitbewohner, der mich mit Ohrfeigen traktierte, die, im Vergleich zu der eingesteckten Prügel, wie zärtliche Streicheleinheiten wirkten. Er schüttelte mich.
„Boah, Alter, komm‘ mal klar!“, rief er.
„Wird gemacht, Chef“, brachte ich mühselig hervor.
Jerome hatte Verbandszeug dabei und behandelte mich. Es ist immer gut, einen Medizinstudenten im Haus zu haben - fast eine Flirtempfehlung, aber nur fast.
Als er mich notdürftig verarztet hatte, sagte er: „Mann, damit mußt du ins Krankenhaus! Warst du bei einer Demo?“
Ich rappelte mich auf und ging zur Kaffeemaschine.
„Mittlerweile“, erwiderte ich, „komme ich mir so vor, als wäre ich die ganze Woche auf einer Demo gewesen. Falls du einen Sparringspartner brauchst, der viel einsteckt und sich wenig wehrt - ich bin dein Mann.“
Jerome lachte. Ein silbernes, freundliches Lachen. „Alter, so viel, daß dir die blöden Sprüche ausgehen, kannst du gar nicht abkriegen.“
„Ich mach‘ uns `nen Kaffee“, sagte ich, während ich den Inhalt der Kaffeedose dahin füllte, wo heute Morgen die alten Bohnen gewesen waren.
Während die Maschine das Wasser aufheizte, rief ich bei Katharina an. Ihre Mutter ging ans Telephon. „Sie schläft jetzt“, sagte sie besorgt. „Hat sie sich einigermaßen erholt?“, fragte ich.
Ja, antwortete ihre Ma, aber sie habe nach mir gefragt. Sich Sorgen gemacht. Ich sagte, daß die Sorgen berechtigt gewesen seien, und erklärte knapp und kurz - die schmutzigen Details und meine anstehende Bereicherung der Zahnarztzunft auslassend - was geschehen sei.
„Du klingst, als hättest du einen Korken zwischen den Zähnen“, sagte sie. „Ich wäre froh, wenn ich überhaupt irgendetwas zwischen den Zähnen haben könnten“, entgegnete ich und sie verstand. Jedenfalls so viel, daß sie nicht weiter nachfragte.
Als ich auflegte, warf mir Jerome einen vorwurfsvollen Blick zu.
„Ey, Alter, guck‘ dir die ******* an!“
Er zeigte mir die Kaffeetasse, die er sich gerade aufgebrüht hatte. Die Brühe sah ziemlich grün und schlammig aus.
„Du hast das gesamte Weed, das wir noch hatten, in die Kaffeemaschine geschüttet!“
Eine Sekunde lang musterte ich Jerome verständnislos, dann fing ich aus vollstem Herzen zu lachen an.
„Alter, das ist nicht witzig! Ich hab‘ 15.000 für das Zeug bezahlt!“
Ich konnte nicht aufhören, zu lachen. Er schüttelte mit dem Kopf.
„Du gibst mir das Geld wieder!“
Er ging in Richtung Bad. „Ich hab‘ da irgendwo noch eine kleine Zange - du hilfst mir, das Teil aufzuschrauben und das Weed daraus zu holen, klar?“
Er wartete nicht auf meine Antwort, sondern ging ins Bad. Wir brauchten die Polizei und den Notarztwagen gar nicht mehr zu alarmieren - Jeromes Schrei versetzte das ganze Haus in Angst und Schrecken.
Harald hatte sich ein Bad eingelassen. Möglicherweise hatte er ursprünglich wirklich nur die Absicht, zu baden, als er das Maniküreset gesehen und es ihn auf dumme Gedanken gebracht hatte. In jedem Falle hat er sich mit allerhand Werkzeug heftig zugerichtet. Er muß wohl schon einige Stunden dort gelegen haben. Der Notarzt konnte nur noch seinen Tod feststellen, und ihn dann aus der Badewanne fischen lassen.
Menschen, die wütend sind, machen eine Menge dummer Sachen. Und Helden, die wütend sind, machen noch dümmere Sachen - vor allem dann, wenn sie die Gewißheit haben, Helden zu sein.
Und wieder verliert sich alles im Wasser - hinweggespült, unwiderbringlich. Ich sitze im Wohnzimmer, kann nicht reden, nicht schreien, nur schreiben. Ich glaube, ich werde gleich das Porzellangeschirr aus dem Schrank holen und es zertrümmern, bloß, damit ich mir die Verwüstung ansehen, dem Gefühl ein Bild geben kann.
Vielleicht frage ich auch die Nachbarin, ob ich bei ihr ein Bad nehmen kann. Ein reinigendes Bad ... streichelnd, ölig, barmherzig. Auf daß es die Welt, in all ihrer Unbarmherzigkeit, hinwegspüle, neutralisiere - oder zumindest reinige, ausfiltere ...
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