So viel Whisky und so wenig Zeit.
Ein Abend mit Freunden. Trinkende sind immer Freunde. Zumindest bis zum Beweis des Gegenteils. Unter Freunden gibt es manchmal Reibereien, denn was sich liebt, das neckt sich. Und trifft sich in der Notaufnahme wieder.
Die Freunde taten das, was sie immer tun; trinken, „reden“, weltmännisch sein und absolut unzurechnungsfähig. Ich fühle mich nicht wohl unter Freunden. Was daran liegen könnte, daß ich selbst kein Freund bin.
Also saß ich da mit meinem Glas in der Hand, noch einsamer als ganz ohne Freunde.
Einige der Freunde bekunden ihre gegenseitige Zärtlichkeit durch einen kräftigen Stoß an keinen bestimmten Ort des Körpers - Hauptsache, dorthin wo es wehtut, denn wahre Männerfreundschaft tut immer weh. Andere waren bereits da angekommen, da sie ihre Freunde nicht mehr erkannten, und sich ernsthaft dem Barhocker als momentanen besten Freund zuwandten.
Die Gesprächsfetzen, die ich wie unter einer Käseglocke wahrnahm, waren von der Belanglosigkeit der ganzen Situation geschwängert. Eine Zwangsgesellschaft, zusammengehalten nur durch den Alkohol.
In den Diskotheken gibt‘s wenigstens noch das Balzverhalten gratis, aber dort wollte ich nicht hin. Zu weite Anfahrt und zu viele Rotlichtaktivitäten.
Warum bin ich überhaupt dort hingegangen? Junge, Du mußt mal unter Menschen! Keine Akademiker, sondern richtige Menschen! Super! Jetzt war ich da, unter richtigen Menschen, und lernte die falschen schätzen. Das heißt nicht ganz, aber das geht ja auch gar nicht. Einsam bin ich unter allen Menschen - nur war dies eine andere Einsamkeit, eine neue Form von Einsamkeit. Nicht, daß das unangenehm gewesen wäre; im Gegenteil. Sich unter Freunden als Alien zu fühlen, ist durchaus nicht unschmeichelhaft. Es gibt Gruppen, in denen man gerne einsam ist. Nun, ehrlich gesagt, bin ich in jeder Gruppe gerne einsam.
Bedauerlicherweise habe ich mich im Laufe der letzten Jahre daran gewöhnt, Lokalitäten (nicht solche freilich) aufzusuchen und dort Gespräche zu führen. Gespräche mit einem Menschen, bei dem ich wußte, daß er mich versteht. Daß er wirklich alles versteht, auch die non-verbalen Zeichen.
Wenn man damit aufwächst, daß sich Geschichtslehrer mit einem „endlich mal auf Deutsch“ (was ist das? „Deutsch for dummies“?) unterhalten wollen, und daß man in Newsgroups und Foren der Lüge bezichtigt wird, weil man ja niemals 13 oder 14 Jahre sein kann und eigentlich nur ein pädophiles Arschloch ist, das sich nicht sonderlich gut verstellen kann - kurzum: Häufig Verständigungsschwierigkeiten hatte, da man nicht in der Lage war, jede Information adäquat zu vereinfachen, dann ist das eine verdammt coole Erfahrung. Auch in Anbetracht der Tatsache, daß keiner derjenigen, der verstand, was man sagen wollte, es auch wirklich teilte.
Vergangenheit ... Und da sitze ich nun, unter Freunden, mit meiner Vergangenheit. Vor mir ein Glas Whisky, von dem ich weiß, daß ich es nicht trinken sollte. Das tue ich auch nicht - wer würde den einzigen Freund an so einem Abend denn töten wollen?
Ich denke nach. Über alles und nichts. Keine neuen Pfade, keine gefährlichen Minenfelder - sondern zertrampeltes, brüchiges Gras, das schon viele Wanderschuhe gesehen hat.
Ich hole meine E-Zigarette 'raus, ernte verständnisloses Lachen. Lächle, ob des verständnislosen Lachens. Höre Gesprächsfetzen. Ein Kleinstadtphilosoph - reichlich abgefüllt, aber das sind sie immer, besonders die Kleinstadtphilosophen - stellt die hochtrabende Frage, wie man Liebe „beschreiben“ würde. Er meine wirklich „beschreiben“ - „so wie Liebe schmeckt und riecht und so“ (er spielte auf die sinnliche Wahrnehmung an - zum Verständnis). Lachen. Anstößigkeiten. Verlegenes Schweigen. Jemand verweist auf sein Bier. Und prost! Der Schädel dankt‘s, besonders am nächsten Morgen. Liebe ist, wenn der Rausch nachläßt.
Ich schaue mich um, nehme einen Zug von der E-Zigarette (Tiramisu - ein tabakähnliches Liquid hätte mich an diesem Abend vor Bitterkeit umgehauen) und sehe die Aschenbecher um mich herum. Lächle leise und denke mir, daß ich nach Hause gehen sollte.
Auf dem Heimweg denke ich mir, daß ich ein ziemlich verbitterter Typ bin. Auch wenn mir das kürzlich noch (sehr indirekt, und sehr clever - rhetorisch betrachtet) im Chat unterstellt wurde, so bin ich nicht verbittert ob der Welt um mich herum - nicht einmal annähernd.
Wenn sich eine unliebsame, aber gewohnte Lebenssituation gravierend ändert, man von heute auf morgen einen anderen Eindruck ob dieser Situation erhält - und einem der Grund für diesen Eindruck dann wieder abhanden kommt - dann entsteht eine sehr tiefe und schmerzvolle Lücke.
Was das anbetrifft, bin ich stark verbittert. Vielleicht sogar noch mehr als das.
Liebe schmeckt, als lecke ein Raucher in Ermangelung an Zigaretten einen Aschenbecher aus. Kalte trockene Asche - zeugend noch von dem zurückliegenden Akt des Rauchens. Liebe ist das keuchende, zischende, geifernde Schmatzen der Bisse, die in totes Gewebe eindringen.
Pathetisch? Hell yeah!


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