a) Übersetzung von „Leistung“ in den Ausfluß persönlicher Fähigkeit bzw. Unfähigkeit, getrennt von den inhaltlichen, konkreten Lernanstrengungen, Fehlern und Einsichten
Da alle zu erfüllenden Anforderungen in der Schule als Norm gelten und insofern erfüllt zu werden haben, gilt das Versagen an dieser Norm als persönliche Unfähigkeit der versagenden Schüler, für deren Erklärung nun Lehrer, Psychologen und andere Fachleute mit Theorien nicht geizen, wenn sie gefragt werden (vgl. Schrodi 1999). Die Schule bietet einen normierten Unterricht für alle. Wegen der Priorität der Auslese kann die Institution Schule, die den Unterricht organisiert, gar nicht in der Lage sein und auch objektiv nicht daran interessiert sein, jedem einzelnen Schüler offene Fragen zu erklären und Widersprüche aufzulösen. Durch die objektiven Resultate der betriebenen Auslese, die unter Anwendung moderner didaktischer Methoden und unter chancengleichen Bedingungen entstehen, beugt Schule dem Verdacht auf Versäumnisse vor. Andere Kategorien als die Festlegung der Schülerfähigkeiten in den jeweiligen Persönlichkeiten können demnach nach erfolgreicher Sortierung nicht Grundlage der Leistungen der Schüler gewesen sein. Insofern erübrigen sich Fehleranalysen und Förderdiagnostik von vornherein.
Die Logik des Mathematikversagens aus mathematischer Unfähigkeit, gleichgültig ob multi- oder monokausal gemeint, stützt sich auf ein seit Jahrhunderten gerne verwendetes (ideo-) logisches Verfahren:
Man koppelt „das Problem“ - z.B. die Lernschwierigkeiten von Kindern beim Erlernen von Zahl und Rechnen - inhaltlich von dem ab, worin es besteht - z.B. nämlich von dem konkreten mathematischen Denken und dem Wissensstand der sogenannten rechenschwachen Grundschulkinder. Das Problem erscheint in der so hergestellten theoretischen Ausgangslage dem Betrachter als grundlos bzw. unerklärlich. Dann aber „entdeckt“ man etliche plausible Gründe für Lernschwierigkeiten aller Art in diversen Voraussetzungen des Körpers, der Wahrnehmung, der Denkgewohnheiten, der sozialen Umwelt, der Vererbung, der Begabung und Neigungen, sowie der psychischen Konstitution der Kinder (vgl. Thiel 2001). Weitere Sphären der Begründung könnten ebenfalls zusätzlich plausibel gemacht werden, wenn jemand sich davon einen Nutzen oder auch nur eine „geistige Versöhnung mit der Wirklichkeit“ verspricht. Gründe und Zusammenhänge für die Existenz und Wirksamkeit angeblicher Festlegungen erscheinen als zwingend, aufgrund der Normabweichung, die durch schulische Auslese bereits manifestiert wurde. Die schulisch hergestellte „Abweichung“ wird damit zwar nicht geklärt, aber der logische Zirkel der zu verplausibilisierenden Notwendigkeit wird geschlossen. In frecher Ignoranz gegenüber den nicht verstandenen Lerninhalten schreibt man damit den Kindern eine angeblich an ihnen auffindbare „Mathe-Versagereigenschaft“ zu. Das alles macht denjenigen nicht stutzig, der sich geistig bereits vollkommen auf Konkurrenz und Auslese als schicksalhafte Karrierevoraussetzung und vermeintliches intellektuelles „Lebensmittel“ eingelassen hat.
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