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Thema: Hyperaktivität/Legasthenie/Dyskalkulie

  1. #1
    Eliza_Day
    Gast

    Standard Hyperaktivität/Legasthenie/Dyskalkulie

    Hallo an alle!

    Ich arbeite mit Kindern und Jugendlichen und ärger mich darüber, wie leichtfertig diese drei Diagnosen gestellt werden.
    ein Kind hat su Hause keinen Respekt gelernt, also ist es hyperaktiv. Ein Kind ist faul, also leidet es an LRS.
    Besonders nervig finde ich, dass dieseKrankheiten dann als Ausrede genutzt werden. Es bedeutet lediglich, dass es schwieriger für diese Schüler ist, gewisse Sachen zu lernen.
    Ich finde es total verantwortungslos denen gegenüber, die wirklich diese Probleme haben und dadurch in die "Trendkrankheit"s-Schublade gesteckt werden.
    Wie sind eure Erfahrungen? Habt ihr Erfahrungen damit, dass Diagnosen als Ausrede benutzt werden?

    LG
    ELiza Day

  2. #2
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    Standard

    Hallo Eliza Day,
    ich denke, dass solche Diagnosen schon gerechtfertigt sind - ein Kind mit einer Rechtschreibschwäche z. B. andauernd mit Rechtschreibübungen zu beschäftigen und altersentsprechende Erwartungen zu stellen, kann bei Entwicklungsstörungen wie der Rechtschreibschwäche oder auch der Dyskalkulie ja regelrecht zur "Quälerei" werden. Es ist ja für betroffene Kinder nicht nur schwerer, sondern unmöglich "altersgeschrecht" zu schreiben oder zu rechnen.

    Was aber wirklich ein Fehler ist, ist Kinder in den Bereichen, in denen eine Störung vorliegt, gar nicht mehr zu fördern - zeitweilig konnten zum Beispiel Kinder mit ADHS und einer damit verbundenen motorischen Schwäche vom Kunstunterricht befreit werden.

    Ich denke, der Spagat zwischen "ein Kind nicht überfordern" und "eine Diagnose als Ausrede dafür nehmen, dass das Kind kaum /gar nicht mehr gefördert wird" kann nur von Fachleuten erreicht werden, z. B. in Förderkursen für Kinder mit Dyskalkulie oder LRS und da sind Lehrer im Berufsalltag auch überfordert.

    Ich habe selber Mal Schüler mit ADHS unterrichtet und ADHS-Trainingsgruppen für Studenten durchgeführt - und gerade bei den Kindern, die wirklich ADHS haben, konnte man die Probleme mit allem anderen als mit "Faulheit" begründen. Zum Teil waren sie sehr bemüht, es war aber schon eine totale Barriere, zum Beispiel Mal 20 Minuten auf einem Stuhl sitzen zu bleiben, ohne dass dieser umfällt etc... zum Teil habe ich die Kinder dann zwischendurch mit Bewegungsübungen "am Ball" gehalten und da ging das auch mit der Konzentration etwas besser.
    Geändert von SirWiwor (25.03.2011 um 12:13 Uhr)

  3. #3
    Eliza_Day
    Gast

    Standard

    Ich sage ja auch nicht, dass die diagnosen immer ungerechtgfertigt sind und in den Fällen, in denen die Kidner wirklich diese Störungen aufweisen, muss das ernstgenommen werden. Aber ich kann mir kaum vorstellen, dass so viele irgendeine Störung aufweisen.
    Gerade bei ADHS finde ich es auffällig, dass viele Kinde aus sozial schwachen Familien diagnostiziert werden. Ich dneke, dass sie vielleicht zu Hause nicht genug stimuliert werdenu nd deshalb nie gelernt haben, sich auf eine Sache zu konzentrieren.
    Ja, bei der Überforderung stimm ich dir vollkommen zu, das ist für normale Lerher ohne Extra-Ausbildung gar nicht machbar..

  4. #4
    Gast784
    Gast

    Standard

    Sirwiwor hat vor kurzem zu dem Thema Diagnosen nen interessanten Fred aufgemacht.

    Ich glaube nicht, dass die Diagnosen selbst das "Unheil" sind, sondern wie damit umgegangen wird.

    Dass es leider viele Menschen gibt, die sich sozusagen auf Diagnosen - ob gerechtfertigt oder nicht -"ausruhen", können wir auch hier täglich wieder lesen. Da wurde irgendwann was diagnostiziert, womöglich auf einer recht windigen Grundlage (es gibt ja eine gewisse Bandbreite an "Verlegenheitsdiagnosen"), und je nach Typus und/oder auch aufgrund fehlender Förderung und Aufklärung, wird das dann als unabwendbares Schicksal "hingenommen", und vom berüchtigten Krankheitsgewinn profitiert. Und das nicht selten lebenslang. Denn natürlich entwickelt sich aus so was mit der Zeit auch eine gewisse Lebensunfähigkeit. Was auch sonst?
    Darum sind auch die Selbstdiagnosen aus dem Inet so beliebt.


    Im Grunde krankt doch unser ganzes Selbstverständnis gegenüber Krankheiten und Abweichungen von der "Norm" (wie immer die auch festgelegt sein mag). Wir reißen alles aus dem Zusammenhang und pathologisieren es, anstatt noch den Sinn dieser Zustände zu hinterfragen und nach den Aufgaben, die sich daraus ergeben, zu forschen. Alles ist krank, vor allem, was wir nicht verstehen, das muss ja krank sein, also wird die chemische Keule geschwungen, oder wir müssen uns jahrelang im Problemsumpf unserer Kindheit suhlen.

    Starkt überspitzt natürlich formuliert. Aber ich fürchte, diese Diagnosen und Pathologisierungen sind einfach eine Folge unseres zunehmend unnatürlichen Menschenbildes. Und dann wundert man sich, dass die Gegenströmung ins nicht weniger Absurde geht und alles schulmedizinische verteufelt.
    Geändert von Gast784 (25.03.2011 um 12:24 Uhr)

  5. Die folgenden 2 Benutzer bedankten sich bei Gast784 für den sinnvollen Beitrag:

    Darkstar (25.03.2011)

  6. #5
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    Standard Etikettenschwindel

    Die sogenannten Teilleistungsstörungen sind ein Spiegelbild zum Lernen unter Auslesebedingungen. Wenn Leistungen in der Schule immer bedeuten, dass man die altersgemäßen Anforderungen, die von der Schule als Auslesekriterium gestellt werden, zu erfüllen hat, um eine vornormierte Bewertung zu bekommen, so wundert es niemanden, wenn es für "besondere Leistungsmängel" entsprechende Rechtfertigungsetiketten gibt. Daraus können nämlich dann nur noch Schuldfragen herauskommen, aber keine Gründe und auch nicht unbedingt Hilfen abgeleitet werden - weshalb die Hilfen dann auch keinen Bezug zur definitionsgemäßen Diagnose mehr haben, außer "ist" oder "ist nicht". Die Abgrenzungsdefinitionen der Teilleistungsstörungen geben selbst noch Auskunft darüber, dass diese Etikletten nicht als "echte Krankheitsbegriffe" gemeint sind, sondern selbst einfach definieren, wie man Individuen als unangepasste Ausleseobjekte definiert haben will.

    Will man solchen Kindern helfen, so muss man zunächst die konkreten Probleme - z.B. Missverständnisse und Wissensmängel in Mathematik - herausfinden und mit ihnen so daran arbeiten, dass sie in ihren Problemen ernst genommen, nicht überfordert und nicht blamiert werden. Das geht allerdings in der Regel nur außerhalb der Schule und einzeln, weil in der Schule Konkurrenz herrscht, Fehler und individuelle Schwierigkeiten als persönlicher Mangel genommen werden und nicht als Ausgangspunkt für normale Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfen. Was Leistung ist definiert die Schule und sortiert danach, d.h. es müssen auch genügend "schlechte Schüler" herauskommen (siehe auch: Sabine Czerny: "Was wir unseren Kindern ...). deshalb kommt Förderung immer zu kurz, ist in der Regel nicht sachgemäß und stellt meistens eine reine Alibiveranstaltung dar.
    Geändert von yacofred (25.03.2011 um 13:47 Uhr)
    Gruß yacofred

  7. #6
    Verleger Avatar von Waris
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    Standard

    Dass diese Diagnosen bei sozialschwachen Familien öfter vorkommen, ist ganz logisch zu begründen:

    Sie sind erblich bedingt. Jemand mit so einer Schwäche wird schnell "sozialschwach".
    Sie werden durch Alkohol- und Drogenmissbrauch begünstigt.

    Ich erlebe es eher umgekehrt: Es werden heutzutage Anforderungen an die Kinder und Jugendlichen gestellt, die diese gar nicht erfüllen KÖNNEN. Dadurch werden sie dann als "faul" abgestempelt.

    LG Waris
    Wenn Sie mich suchen, ich halte mich in der Nähe des Wahnsinns auf, genauer gesagt auf der schmalen Linie zwischen Wahnsinn und Panik, gleich um die Ecke von Todesangst, nicht weit weg von Irrwitz und Idiotie.

    Ich bin frei und ich l(i)ebe es!!!

  8. #7
    Eliza_Day
    Gast

    Standard

    Meines Wissens nach gibt es keine Untersuchungen, die aufzeigen, dass diese Schwächen erblich bedingt sind. Wenn du eine Quelle für mich hast, freu ich mich.
    Ich glaub jedenfalls nciht, dass es erblich ist.
    In dem Land, in dem ich lebe (nicht Deutschland) sind die Anforderungen in Schulen in den letzten 20 Jahren konsequent gesenkt worden, aber die Schüler haben schlechtere Noten als früher.
    In Deutschland kann ich dir teilweise zustimmen, die Gymnasien übertreiben ein bisschen.

  9. #8
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    Standard ideologische Begründungen

    Da hätte ich ein Zitat, das erklärt, wie man sich alle möglichen Begründungen für die Festgelegtheit eines lernenden Individuums durch allen möglichen Unsinn einleuchten lassen soll, wenn man will (? am Beispiel Rechenschwäche !)):

    (aus: http://www.ifrk-ev.de/content/steeg.htm)


    a) Übersetzung von „Leistung“ in den Ausfluß persönlicher Fähigkeit bzw. Unfähigkeit, getrennt von den inhaltlichen, konkreten Lernanstrengungen, Fehlern und Einsichten

    Da alle zu erfüllenden Anforderungen in der Schule als Norm gelten und insofern erfüllt zu werden haben, gilt das Versagen an dieser Norm als persönliche Unfähigkeit der versagenden Schüler, für deren Erklärung nun Lehrer, Psychologen und andere Fachleute mit Theorien nicht geizen, wenn sie gefragt werden (vgl. Schrodi 1999). Die Schule bietet einen normierten Unterricht für alle. Wegen der Priorität der Auslese kann die Institution Schule, die den Unterricht organisiert, gar nicht in der Lage sein und auch objektiv nicht daran interessiert sein, jedem einzelnen Schüler offene Fragen zu erklären und Widersprüche aufzulösen. Durch die objektiven Resultate der betriebenen Auslese, die unter Anwendung moderner didaktischer Methoden und unter chancengleichen Bedingungen entstehen, beugt Schule dem Verdacht auf Versäumnisse vor. Andere Kategorien als die Festlegung der Schülerfähigkeiten in den jeweiligen Persönlichkeiten können demnach nach erfolgreicher Sortierung nicht Grundlage der Leistungen der Schüler gewesen sein. Insofern erübrigen sich Fehleranalysen und Förderdiagnostik von vornherein.

    Die Logik des Mathematikversagens aus mathematischer Unfähigkeit, gleichgültig ob multi- oder monokausal gemeint, stützt sich auf ein seit Jahrhunderten gerne verwendetes (ideo-) logisches Verfahren:

    Man koppelt „das Problem“ - z.B. die Lernschwierigkeiten von Kindern beim Erlernen von Zahl und Rechnen - inhaltlich von dem ab, worin es besteht - z.B. nämlich von dem konkreten mathematischen Denken und dem Wissensstand der sogenannten rechenschwachen Grundschulkinder. Das Problem erscheint in der so hergestellten theoretischen Ausgangslage dem Betrachter als grundlos bzw. unerklärlich. Dann aber „entdeckt“ man etliche plausible Gründe für Lernschwierigkeiten aller Art in diversen Voraussetzungen des Körpers, der Wahrnehmung, der Denkgewohnheiten, der sozialen Umwelt, der Vererbung, der Begabung und Neigungen, sowie der psychischen Konstitution der Kinder (vgl. Thiel 2001). Weitere Sphären der Begründung könnten ebenfalls zusätzlich plausibel gemacht werden, wenn jemand sich davon einen Nutzen oder auch nur eine „geistige Versöhnung mit der Wirklichkeit“ verspricht. Gründe und Zusammenhänge für die Existenz und Wirksamkeit angeblicher Festlegungen erscheinen als zwingend, aufgrund der Normabweichung, die durch schulische Auslese bereits manifestiert wurde. Die schulisch hergestellte „Abweichung“ wird damit zwar nicht geklärt, aber der logische Zirkel der zu verplausibilisierenden Notwendigkeit wird geschlossen. In frecher Ignoranz gegenüber den nicht verstandenen Lerninhalten schreibt man damit den Kindern eine angeblich an ihnen auffindbare „Mathe-Versagereigenschaft“ zu. Das alles macht denjenigen nicht stutzig, der sich geistig bereits vollkommen auf Konkurrenz und Auslese als schicksalhafte Karrierevoraussetzung und vermeintliches intellektuelles „Lebensmittel“ eingelassen hat.
    Gruß yacofred

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