Um über mein Problem zu berichten, muß ich etwas ausholen. Als Kind bin ich sehr streng erzogen worden, so daß ich nicht den Freiraum hatte, meine Persönlichkeit und ein Selbstbewußtsein zu entwickeln.
Je älter ich wurde, desto mehr haben viele Mitmenschen das bemerkt und ausgenutzt, um auf mir rumzutrampeln und mich zu übervorteilen. Ich habe nicht den Mut gehabt, mich dagegen zu wehren. Mit der Zeit habe ich mich auch daran gewöhnt, so daß ich völlig das Gefühl dafür verloren habe, wann mich jemand ausnutzt. Genauso habe ich das Gefühl dafür verloren, wann etwas beleidigend ist und wann sich jemand noch fair verhält. Mich läßt das Gefühl nicht los, daß ich so ein ständiges Opfer bin.
Dadurch habe ich viele Nachteile hinnehmen müssen. Früher fand ich das alles noch einigermaßen normal. Doch seit einiger Zeit ändert sich was in meinem Leben, in mir rebelliert es gegen diese Opferrolle, die ich immer einnehme. Damit geht auch einher, daß ich die ganzen blöden Geschichten aus der Vergangenheit anders einschätze. Heute ärgere ich mich darüber, was ich mir alles habe gefallen lassen. Wegen der Benachteiligungen ist es mir oft sehr schlecht gegangen doch heute habe ich überhaupt keinen Gewinn durch mein Aushalten und Leiden zu verzeichnen. Ich erwarte immer noch so etwas wie eine Belohnung oder Entschädigung.
Jetzt im Nachhinein verletzt es mich, was früher für mich erträglich war. Diese Geschichten kriege ich nicht mehr aus dem Kopf. Sie plagen mich schon morgens wenn ich aufgestanden bin. Ich verachte mich, weil ich mir so Vieles habe wegnehmen lassen!
Das was mich gerade am meisten demütigt ist der Verlust einer Eigentumswohnung. Als ich das erste Mal verheiratet war, habe ich mit meinem Exmann eine Eigentumswohnung in der Türkei gekauft. (Damals war ich gerade 23 Jahre alt.) D. h. er hat sie gekauft. Als Türke ist er in der Lage in der Türkei Immobilien zu erwerben. Ich dagegen als Ausländerin in der Türkei habe nicht das Recht dazu. Die Rechtslage ist eben nicht anders.
Also steht er im Grundbuch und ist der 100%ige Besitzer und Eigentümer. Wir beide haben die Wohnung gemeinsam finanziert, ich habe sogar den größeren Teil getragen. Damals war ich so sonderbar drauf, daß mir klar war, was passieren kann, doch mir war alles egal. Was aus mir, meinem Geld, meiner Zeit oder meinem Leben wurde hat mich nicht interessiert. Irgendwie hatte ich aufgegeben. Nach unserer Scheidung hatte ich nicht die Kraft neben dem ganzen anderen Krieg, noch um die Wohnung oder deren finanziellen Wert zu kämpfen. Zumal die Rechtsgrundlage gegen mich steht und es auch keinen Vertrag gibt, der beweist, daß ich mein Geld für die Wohnung dazugegeben habe.
Auf einem Mal ärgert es mich maßlos, daß ich nichts mehr von diesem Erfolg habe.
Nicht nur diese Geschichte, sondern auch zahllose andere bringen mich dazu, mich heute selbst geringzuschätzen und keine Achtung mehr vor mir zu haben. Ohne Abscheu kann ich nicht mehr in den Spiegel sehen.


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