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Thema: Im Helferjob arbeiten

  1. #1
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    Standard Im Helferjob arbeiten

    Hallo Ihr's,

    jetzt wähle ich mal dieses Unterforum, weil ich nicht ganz sicher bin, ob das in den Psychologie"talk" passt oder ob ich die Form der "Selbstdarstellung im Tagebuch" wähle.

    Ich habe mich jetzt mal für das zweite entschieden, weil es ja eine ganz persönliche Geschichte ist.

    Mir liegt es einfach mal am Herzen, meine Gedanken zum "Helferjob" einzubringen, wie ich dazu gekommen bin und warum ich so darüber denke, wie ich denke....


    Ich arbeite ja in der Kinder- und Jugendhilfe als hauswirtschaftliche Unterstützung, Unterstützerin im Trainieren der Alltagskompetenzen und als Kinderbetreuung - und ich bin keine SozPäd.

    Zu diesem Job bin ich gekommen wie die Jungfrau zum Kinde:
    über mein ehrenamtliches Engagement in der Flüchtlingsberatung.

    Und um bei "Adam und Eva" anzufangen: wie bin ich damals in der Flüchtlingsberatung gelandet?

    Nicht etwa, weil ich das "Mutter-Theresa-Syndrom" habe und die Welt retten wollte....
    nein, meine damalige Motivation war....Langeweile.

    Schlichtweg die pure Langeweile.
    Meine Kinder waren schulpflichtig, unsere Pflegetochter wurde in einer Ganztagesschule für geistig behinderte Kinder eingeschult und "Muddern" war zuhause.....und hat weder Erfüllung in irgendwelchen "Gerichtsshows" gefunden, auch nicht in irgendwelchen Talkshows.

    Ich habe weder das Kochbuch erfunden, noch die perfekte Haushaltsführung - ich kann mit Nachbarschaftstalk und Mütter- oder Frauenfrühstücks auch nicht sehr viel anfangen.

    Ich gehe nicht gerne bummeln, ich gehe nicht gerne shoppen.
    Den Dingen, denen ich wirklich gerne nachgehe, ist meine Meditationspraxis und meinem Mountainbike.

    Was scheinbar in mir schlummert ist so eine Art "Behördenkommunikationsfähigkeit", die mir als Pflegemama zugute kommt.
    Irgendwann hat meine Freundin mir erzählt, dass der afrikanische Freund ihrer Tochter von Abschiebung bedroht ist und ich dachte mir: "Ich kümmere mich einfach mal um den jungen Mann. Mir ist eh stinklangweilig."

    Dadurch bin ich mit der Flüchtlingsberatung in Kontakt gekommen und habe gefragt, ob ich nicht gleich ehrenamtlich dort arbeiten könnte.

    Es hat "sofort gefunkt".
    Ich habe dort drei Jahre lang ehrenamtlich gearbeitet und durfte Flüchtlinge begleiten, die von Behinderung und Trauma betroffen waren.

    Irgendwie hat das auf eine ganz spezielle Art geklappt.

    Nach etwa einem Jahr habe ich eine Frau "an die Hand" bekommen, die wohl Kriegsflüchtling war und möglicherweise als Kindersoldat versklavt.
    Sie hatte schwerste Verletzungen in ihrer Heimat erlitten und ich wurde gefragt, ob ich sie ein bisschen in formellen Dingen unterstützen könnte.

    Wir haben uns ganz vorsichtig angenähert. Sie war massivst körperbehindert und hatte Kinder, obwohl sie selbst blutjung war.
    Ich konnte sie überzeugen, dass für sie die "Familienhilfe" doch eine gute Lösung wäre, die sie mit unterstützt.

    Also bin ich mit ihr zum Jugendamt (Routine....) und habe die SPFH organisiert, die sie innerhalb von 4 Tagen (!!!) bewilligt bekommen hat.

    Ich war noch ehrenamtlich bei ihr, bis sie mit der SPFH ein "eingespieltes Team" war und habe mich nach etwa einem halben Jahr aus der Begleitung herausgezogen.
    Beim Abschied fragte die Familienhelferin, ob ich mich nicht bei dem Träger bewerben möchte.

    Ich habe mir das drei Monate überlegt ---- ich hatte gewaltigen Respekt vor dem Job.
    Nach drei Monaten habe ich "ja" gesagt, seitdem arbeite ich in der SPFH und es macht mir unbeschreiblich viel Freude.

    Übrigens begleite ich inzwischen auch wieder genau diese Frau, die ich an die SPFH damals "abgegeben" hatte.


    Was ich aus dem Grund zum Thema "Helferjob" mal sagen möchte:
    ich habe immer im Hinterkopf, dass ich durch die Notlage anderer Menschen mein Geld verdiene.
    Ich bin also keine "Heilige" oder sowas.
    Mir ist es enorm wichtig, dass ich die Klienten, die mir anvertraut sind, partnerschaftlich und wertschätzend behandle.
    Und ich arbeite daran, dass diese Menschen irgendwann wieder selbstsicher und selbständig werden.

    Ein sehr weiser SozPäd hat mir einmal gesagt: "Ziel für uns ist es, dass wir uns selbst überflüssig machen."
    So sehe ich das auch.

    Ich habe immer wieder mitbekommen, dass sich Menschen, die ich an die Hand bekomme, phasenweise auch mal abhängig von mir fühlen und ich arbeite nach bestem Wissen und Gewissen daran, mit ihnen wieder ihr eigenes Potenzial zu entdecken, so dass sie wieder unabhängig von mir werden.

    So wünsche ich mir das z.B. auch, wenn ich mal psychologischen Rat brauche oder Supervision habe.
    Ich finde es für mich - an beiden Enden des Tisches - ganz wichtig, dass der Job eines Helfers praktisch mit einer gewissen "Bodenständigkeit" gesehen wird.

    Für mich ist meine Psychologin (auch Supervisorin) auch eine wertvolle Unterstützerin und Ratgeberin, trotzdem "vergöttere" ich sie nicht, obwohl ich super dankbar bin, dass ich gerade an "sie" geraten bin.
    Für mich ist sie auch ein Vorbild, wie man Menschen unterstützt, wieder unabhängig zu werden, wenn man mal in eine Notlage geraten ist - und das versuche ich dann auch wieder auf "meine" Klienten zu übertragen.

    Wer immer auch Rat sucht, dem will ich einfach auch mal den Perspektivenwechsel ans Herz legen.
    Wir Helfer sind nichts anderes als dieselben Menschen, die auch mal Rat und Hilfe brauchen.
    Viele Grüße

    "Klee"



  2. Der folgende Benutzer bedankte sich bei Klee für den sinnvollen Beitrag:

    glasheuler (27.07.2011)

  3. #2
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    Standard Gelegenheit, hier mal wieder zu schreiben

    Momentan habe ich eine recht anstrengende Phase im Job.
    In zwei Familien, die ich mit unterstütze, läuft die Familienhilfe gerade aus und parallel dazu habe ich eine neue und sehr große Familie "an die Hand bekommen".

    Das heisst für mich:
    bei zwei Familien steht ein Abschied an, bei einer Familie bin ich gerade in der Phase, eine Vertrauensbeziehung aufzubauen.

    Ich kann im Moment nicht mal sagen, was schwieriger ist. Momentan bin ich irgendwie nur mit dem Kopf bei meiner Planung und muss aber innerlich flexibel genug sein, mich für spontane Änderungen offen zu halten.

    Dabei darf ich meine Gefühlswelt nicht vergessen (in Streßsituationen arbeitet bei mir erst der Kopf und die Gefühle ziehen dann nach. Manchmal gut, manchmal eher ungünstig).

    Der eine Abschied, der ansteht, ist der Abschied von einem Kind, das ich jetzt nicht ganz ein halbes Jahr ein Stück weit begleitet habe und das mir schnell ans Herz gewachsen war.

    Der andere Abschied ist von einer Klientin, bei der ich jetzt ein Jahr Unterstützung geleistet habe.

    Beides ist gar nicht so einfach.
    Wie es mit dem Kind konkret weitergehen wird, weiß ich nicht und werde mit der Ungewissheit umgehen lernen müssen.

    Bei der Klientin weiß ich aber, dass sie ihr altes Leben hier zurücklassen wird und auf sie ein neues Leben wartet, auf das sie sich freut.
    Sie ist eine der taffsten Mütter, die ich je kennengelernt habe und ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich mich über ihre Selbständigkeit freue.

    Auch wenn der Abschied erst mal "zwickt", kann ich aufatmen, ihr innerlich nachwinken und sagen: "Mach's gut - Du wirst es gut machen!"


    Die neue Familie, die ich an die Hand bekommen habe, wird wohl zum Beziehungsaufbau Zeit brauchen.
    Da ist aber der Vorteil, dass ich selbst eher ein Mensch bin, der Zeit zum Beziehungsaufbau (aber auch zum Abschiednehmen) braucht.

    Da hilft es mir, wenn ich möglichst konzeptlos und unbefangen in den Tag gehe und alles mal auf mich zukommen lasse.

    Eine kleine Momentaufnahme, aus dem, was ich derzeit als "Chaoszentrale" bezeichne (und mir heute einen Gang zum Friseur gegönnt habe ).
    Viele Grüße

    "Klee"



  4. Der folgende Benutzer bedankte sich bei Klee für den sinnvollen Beitrag:

    glasheuler (27.07.2011)

  5. #3
    Bestseller Autor Avatar von glasheuler
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    Standard .

    interessante Beiträge, Kannst Du mal ein Beispiel nennen, Situationen in denen
    Du Deine eigene Gefühlswelt nicht vernachlässigen durftest? Einmal entschiedest
    Du Dich für eine Kopf- das andere mal für eine Bauch-Reaktion. Nach welchen Kriterien hast Du jeweils umgesetzt ?
    Das Wort "Glück" würde seine Bedeutung verlieren hätte es nicht
    den Widerpart in der Traurigkeit.
    C.G.Jung

  6. #4
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    Standard

    Hallo Glasheuler,

    ich habe gar kein Konzept, welche Kriterien ich für "Kopf" oder "Bauch" ansetze.
    Das passiert irgendwie ganz automatisch.

    Spontan würde ich mal sagen, dass ich meistens aus dem Bauch heraus entscheide und den Kopf "nur" dann einsetze, wenn eine Situation eher außergewöhnlich belastend ist oder werden könnte.

    Mal so ausgedrückt:
    Kopf in Situationen, wie z.B. Erste Hilfe bei einem Unfall (habe ich mal geleistet, da war gar nix mehr mit Bauch) oder eben in gefühlten Chaos-Situationen - wenn ein "kühler Kopf" erforderlich ist.

    Ansonsten vorwiegend aus dem Bauch heraus.
    Viele Grüße

    "Klee"



  7. Der folgende Benutzer bedankte sich bei Klee für den sinnvollen Beitrag:

    glasheuler (27.07.2011)

  8. #5
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    Standard

    Klee schreibt

    ich habe immer im Hinterkopf, dass ich durch die Notlage anderer Menschen mein Geld verdiene.

    Ich selbst habe in diesem Fall eine klare Meinung. Aber in anderen Fällen bin ich dann auch unschlüssig. Es ist die Nähe, die einen uU ganz anders urteilen lässt. Da können dann die Linien verschwimmen zwischen subjektivem Empfinden und dem objektiven Erfordernis.
    Geändert von Bertrand (01.11.2011 um 11:39 Uhr)

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