Hallo zusammen,

ich möchte euch gerne aus meiner Beziehung zu einem BAler erzählen. Das ist für mich eine neue Erfahrung, die - wie anzunehmen ist - nicht immer leicht und oftmals auch schmerzhaft ist. Ich gebe mir sehr viel Mühe nichts falsch zu machen, Rücksicht zu nehmen und Dinge zu verstehen, hoffe aber durch diesen Post auch ein paar Impulse von Menschen zu bekommen, die ähnliche Situationen schon erlebt haben.

Vorweg: wir sind zwei Männer (27 und 30 Jahre alt). Es ist tatsächlich seine erste Beziehung zu einem Mann, was die Sache natürlich nicht leichter macht. Er ist noch ungeoutet, aber darüber reden wir gar nicht mehr groß, da das Outing wohl als größtes Commitment innerhalb der Beziehung ziemlich am Ende der Schlange steht. Erst durch meine oftmalige Ansprache dieses Themas habe ich gemerkt, dass er BAler ist, da er plötzlich aufgrund meiner "Erwarungshaltung" Panikattacken und Luftmangel bekam. Eindeutiges Indiz. Ich hab mittlerweile viel über das Thema BA gelesen und auch viel über meinen Freund daraus entdeckt.

Noch immer fällt es ihm schwer mich als seinen Freund zu bezeichnen, obwohl wir emotional sehr committed sind. Er sucht viel Kontakt zu mir, schreibt wahnsinnig viel SMS, ist sehr euphorisch und sagt mir oft, wie wahnsinnig er mich mag. Gleichzeitig ist es aber auch so, dass er, wenn er dann da ist wie ein Eisklotz da steht und man ihn wirklich aktiv packen (im Sinne von Umarmen) muss um ein wenig kuschelige Nähe zu bekommen. Allerdings hab ich das Gefühl, dass das peux a peux besser wird. Mittlerweile ergreift er öfter die Initiative, gerade wenn er merkt, dass es mir nicht gut geht.

Ein anderes subtiles Thema (dessen er sich gar nicht so bewusst ist), ist die Erwartungshaltung, die Vermeintliche. Er denkt oft, dass ich etwas erwarte und ist selber über sich enttäuscht, dass er diese Erwartung nicht erfüllt hat und hat ein notorisch schlechtes Gewissen. Ich sage ihm dauernd, dass er nicht glauben brauch, dass ich etwas erwarte, dass er so umsetzen muss und dass ich mich umso mehr freue, wenn er Inititativen zeigt. Es würde mir so viel mehr bedeuten. Gleichzeitig ist es aber auch so, dass ich ab und zu schon persönliche Wünsche habe, wo er aber automatisch sofort abblockt, mir dann aber hinterher gesteht, dass er es sich auch gewünscht hätte und gar nicht weiß warum er sofort zugemacht hat. Mittlerweile kann man auch ab und zu sein Hirn rattern sehen. Wenn er sich (sinnbildlich) in einen Eisblock verwandelt und bspw. morgen sagt: "Ich muss jetzt aufstehen, zack zack, wird Zeit" und ich sage "Wieso denn der Stress?! Ist doch gar nicht nötig, ich hätte gern noch ein wenig geschmust", merkt man mittlerweile wie es in seinem Gehirn klickt und er sich denkt "Ja, wieso eigentlich nicht" und mich dann lieb in den Arm nimmt.

Er hat mir auch erzählt, dass er seine Zeit zuhause für sich braucht, dann aber daheim sitzt, mich vermisst und nicht weiß, warum er nicht einfach zu mir fährt. Oder wenn wir Abends bei mir verabredet sind, würde er seine Fahrt zu mir bis zur letzten Minute rauszögern, obwohl er nur da sitzt und eigentlich schon längst Zeit hätte loszufahren, sich aber trotzdem total freut. Paradox.
Gleichzeitig gibt es auch dieses "morgens aufstehen, schnell fertig machen und nach Hause fahren", obwohl er dann eh nur zuhause sitzt. Natürlich hat er auch 10.000 Hobbies und Verpflichtungen, um die man sich die ganze Zeit kümmern muss.

Das wirklich tragische an dieser Sache ist, dass ich leichte Verlustängste habe. Seine Bindungsängste amplifzieren meine Verlustängste natürlich enorm. Ich befinde mich oft in Schleifen unguter Gedankengänge, obwohl ich weiß, dass er immer ehrlich zu mir ist und mir alles erzählt. Er erzählt mir sogar, wenn er von jemandem angegraben wurde, oder wenn jemand mit ihm flirten wollte. Ich müsste eigentlich keine Angst haben, da er wirklich sehr offen ist und alles teilt, aber über seinen eigenen Schatten kann man oft nicht springen.

Zu guter letzt möchte ich noch etwas zum Thema Sexualität sagen. Das läuft bzw. lief im großen und ganzen gut. Wir haben gerne Sex und auch wirklich guten und menschlich nahen. Allerdings nicht mehr oft. Mein Freund hat sich früher seine menschliche Nähe durch "Fremdsex" geholt. Und zwar sehr oft. Es waren sogar teilweise drei unterschiedliche Typen an einem Abend, wie er mir gestern erzählte. Jetzt, da er sich nicht mehr einsam fühlen würde, gäb es diesen Drang nach Sex und nach der damals implizierten Bestätigung und der fälschlichen menschlichen Nähe nicht mehr so. Er sei etwas gesättigt und würde die intime Nähe mit mir viel mehr genießen. Es wäre etwas Neues sich komplett jemandem anvertrauen zu können und Zuneigung zu geben und zu spüren.Allerdings hab ich auch gelesen, dass diese "Sexunlust" aus dem Unterbewusstsein gesteuert werden kann, um so mehr Distanz zu gewinnen. Normalerweise ist er nämlich ein sehr sexueller Mensch. Wenn ich ein wenig dränge und mehr oder weniger die Inititative ergreife, komme ich schon zu etwas Sex, aber man möchte schließlich auch etwas Initiative sehen, nicht? Habt ihr hierzu eine Idee?

Wie gesagt sind wir beide sehr ineinander verliebt und ich hoffe hoffe hoffe darauf, dass sich manche Prozesse mit der Zeit verbessern oder gar bestenfalls aufschlüsseln. Devise: Steter Tropfen hüllt den Stein. Jedoch ist es meiner Meinung nach auch notwendig, dass er seine Muster verstehen lernt. Nur: ich glaube nicht, dass ich in der Position bin dort viel zu tun, nicht? Propheten im eigenen Hause gelten ja nicht.

Ich bin über jeden Input sehr dankbar und verbleibe mit vielen Grüßen!

R.