Typischerweise beginnen Beiträge in dieser Rubrik wahrscheinlich mit „ich habe Angst vor…“, mein Thema ist etwas anders gestrickt. Daher bin gerne bereit dieses verschieben oder löschen zu lassen, sollte es hier nicht reinpassen.
Worum geht es mir?
Solange ich denke kann, habe ich unter Angststörungen (soziale Phobien, Panikattacken, Herzangst, Angst vorm Zahnarzt, Angst vor Höhe, Angst vor Brücken, Angst vor weiten und engen Räumen etc.) gelitten. Mit Hilfe einer Therapie und meiner Freundin (mit der ich seit meinem 24 Lebensjahr zusammen bin, also 6 Jahre) habe ich meine Phobien weitgehend in den Griff bekommen! :-D Ich hätte mit 20 Jahren niemals geglaubt, dies eines Tages von mir behaupten zu können. Nun bin ich mit Anfang dreißig so angstfrei, wie seit meiner Kindheit nicht mehr. Auch meine übrige Lebenssituation ist objektiv gut; ich habe ein abgeschlossenes Studium, einen (mehr oder weniger) gutbezahlten und sicheren Job (Beamter) und eine stabile Beziehung.
Mein Problem ist, dass sich in mir eine zunehmende Orientierungslosigkeit und innere Leere breit macht.
Konkret am Beispiel des letzten Jahres:
Zuerst habe ich mich erfolgreich für ein Masterstudium beworben, dann auch mit Erfolg für einen Job mit vermeintlich besserer Perspektive. Für diesen Job sagte ich das Studium ab, da ich mit dem neuen Job das Studium zeitlich nicht geglaubt hätte verknüpfen zu können. Mein Chef überzeugte mich (mehr Geld!) und meine Kollegen überredeten mich, auf meiner alten Stelle zu bleiben. Ich sagte also auch den neuen Job ab. Das wichtige ist, weil symptomatisch für mich: ich wollte den neuen Job ohnehin absagen und war dankbar für die Rationalisierung (mehr Geld!) der Entscheidung. Für jede Entscheidung fallen mir genauso viele und gute Gründe dafür als auch dagegen ein. Ich kann eine Familie gründen, Karriere machen oder einen alternativen Buchshop in Berlin-Friedrichshain eröffnen. Es fühlt sich mich für alles gleich an. Ende des Jahres wollten wir uns ein Haus kaufen (Familie!). Wir kamen bis zum Notartermin, dann habe ich den Kauf abgesagt. „Objektiver“ Grund war das Bankengezicke, welches sich aber beseitigen gelassen hätte. Ich fühlte mich einfach nicht mehr, wie der Typ für das Haus und die anstehenden Arbeiten, da ich absolut kein Handwerker und ein reiner Stadtmensch bin. Das Haus ist ein Resthof (wo immer was zu tun ist) in einem kleinst Dorf.
Was hast das mit meinen Ängsten zu tun?
Seit meiner frühesten Jugend haben meine Ängste mein Leben geprägt. Ich habe mich immer für die Alternativen entschieden, die mir am wenigsten Angst gemacht haben. Die Phobien gaben mir auch eine Menge Kraft. Sie gaben mir die Energie mit dem Rauchen aufzuhören und über 30 Kilo abzunehmen. Ich hatte eine innere Richtschnur, die leider im Ergebnis dazu führten, dass sich mein Leben heute nicht wie mein eigenes anfühlt. Ich war von meiner Einstellung eigentlich immer irgendwie „Punk“, „Verrückter“, interessiert an Literatur usw..und heute bin ich Beamter! Ich traf immer die sicherste Entscheidung.
Nun ist diese Richtschnur (oder Henkershaken?) nicht mehr da und ich fühle mich leer. Ich weiß nicht, wenn ich z. B. meine festen Strukturen verlasse, ob dann nicht die Phobien wiederkommen. Ich weiß nicht, ob ich dabei in eine Depression abzudriften oder ob ich überhaupt im klinischen Sinn krankhafte Symptome aufweise (ist eigentlich auch egal). Ich frage mich nur, was ich tun soll. Ich habe eine Art Torschusspanik, etwas aus meinen Leben machen zu können, sodass es mich glücklich macht.
Ich befürchte, dass dieser Zustand der inneren Orientierungslosigkeit heute normal ist. Jeder ist dazu aufgerufen die immensen Freiheiten unserer Gesellschaft zu nutzen und sein Leben „zu optimieren“. Wer dies nicht schafft, ist ein „Versager“. Man kann die Schuld nur noch schwer auf irgendwelche Umstände schieben, sie fällt immer auf einen selbst zurück. Wenn man aber alle Freiheiten hat, alle Alternativen da sind, dann sind alle auch wieder gleich. Ich glaube an gar nichts mehr. Und ich habe davor auch keine Angst mehr.
Ich sage mir, dass ich mir Zeit geben soll. Dass ich als Person erst aus den verbrannten Gras meiner Phobien wachsen muss. Ich befürchte nur, die Zeit nicht zu haben. Wenn ich Kinder und Familie haben will, dann muss ich mich bald entscheiden. Ob ich die richtige Frau gefunden habe, muss ich auch wissen.
Ich sage mir auch, dass die äußeren Lebensumstände nicht das Glück bestimmen, sondern die innere Einstellung zu der Welt und sich selbst. Ich muss mit mir selbst ins reine kommen, einen Zustand innerer Ruhe erreichen. Jede Entwicklung ist dann sowieso gleich. Aller Besitz ist eitel und das Haben ist nicht entscheidend, sondern das Sein. Aber wie kann ich einfach sein?
Geht es hier jemanden ähnlich? Gibt es noch mehr die so ähnlich fühlen, ist mein aktuelles Lebensgefühl symptomatisch für eine Generation? Oder bin ich verirrt?


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