Hallo,
ich leide mittlerweile seit fast zwei Jahren unter neurotischen Störungen und Depressionen. Eine Psychotherapie hatte ich bisher noch nicht, habe aber schon einen Termin gegen Mitte April (was mich auch freut). Es handelt sich um einen psychologischen Psychotherapeuten. Solch einen hat mir auch mein Hausarzt empfohlen, da eine Gesprächstherapie wohl sinnvoll sei. Als ich einmal für etwa eine halbe Stunde bei einem Psychiater sprach und einmal für ungefähr eine viertel Stunde im Krankenhaus, erwähnte ich natürlich auch die Scheidung meiner Eltern vor gut zehn Jahren. Außerdem redete ich viel mit meinem Vater, das heißt, wenn ich ihn überhaupt mal sah. Ich merkte auch, dass sich die Gespräche immer wieder zur Scheidung und die Zeit danach richteten, egal, mit wem ich darüber intensiv redete. In einem Diagnosebericht heißt es auch, dass dieser psychische Konflikt, die Scheidung, von mir wohl nicht genug verarbeitet wurde, weshalb sich solche sehr lästigen Symptome herausbildeten. Das erwähnte ich auch mal in einem anderen Thread vor nicht langer Zeit, auf jenen Thread aber werde ich besser ein anderes Mal eingehen, da mir dieses Thema hier wichtig ist.
Ich will mal aufzeigen, wie unsere familiäre und personelle Situation vor und wie nach der Trennung war.
DIE ZEIT VOR DER SCHEIDUNG
- Wir wohnten zu Fünft in einer recht kleinen Wohnung. Wir drei Kinder teilten uns ein Zimmer. Aus meiner Sicht ging es uns allen gut dort.
- Mein Vater genoss seinen beruflichen Erfolg. Wir Kinder wuchsen langsam auf bis zu 10-, 8- (ich) und 6-Jährigen, daher stieg der Bedarf nach mehr Freiraum/Zimmer. Das waren also zwei Gründe, weshalb wir uns entschlossen, in ein Haus in einem Dorf zu ziehen.
- Unsere Schulleistungen waren stets mittelmäßig bis gut.
- Das Leben in diesem Dorf können wir als den Höhepunkt unseres Familienlebens bezeichnen. Es ging uns prima, die Schulleistungen waren weiterhin gut und mein Vater wurde mit seiner Unternehmensgründung sogar noch selbstständig. Wir hatten unsere eigenen Zimmer. Freunde hatten wir auch einige, wenn auch nicht gerade viele, gefunden.
DIE ZEIT NACH DER SCHEIDUNG
- Mutter nahm uns Kinder mit, zurück in die alte Stadt, in der wir vorher wohnten.
- Vater hingegen musste im Haus bleiben und zusätzlich Unterhalt und Kindergeld an uns zahlen. Dadurch tappte er schnell in die Schuldenfalle, von der er noch heute mit einer Höhe von etwa 30.000 Euro nicht rausgekommen ist. Er musste zudem sein Unternehmen aufgeben.
- Wir Kinder hatten zwei Zimmer (ich teilte mit einem Bruder), all unsere Schulleistungen fielen zunächst rapide nach unten. Mein großer Bruder und ich konnten uns über die Jahre zwar noch mit einem guten Realschulabschluss retten, aber da mein kleiner Bruder noch in die Grundschule ging, musste er leider in die Hauptschule (ich finde immer noch, dass Realschule für ihn viel besser gewesen wäre), kein Abschluss erreicht.
- Mein großer Bruder wurde nach der Schule immer antriebsloser, jahrelang, bis ein Streit zwischen Mutter und ihm eskalierte und er seither zu Vater floh. Bis dahin hatte Vater schon eine kleinere Wohnung gefunden.
- Ich wollte Abitur machen. Beendete die 11. Klasse. Schließlich brach ich zusammen, war wohl ein heftiger Nervenzusammenbruch. Es kam für mich eher überraschend als erwartet, so musste ich ein Jahr pausieren. Jetzt bin ich wieder in der Schule, 12. Klasse. Mein kleiner Bruder hat zum Glück eine Ausbildung gefunden.
- Vater geht es psychisch sehr schlecht, da er unter seiner Einsamkeit und der damaligen Scheidung leidet, sagt er mir.
FAZIT
Die ganze Familie entwickelte sich gesund und ohne nennenswerten Einschränkungen. Sie konnte ihre gesamten Leistungen immer mehr steigern, bis die Trennung nicht nur einen Schnitt durch den familiären Zusammenhalt, sondern auch noch in den Persönlichkeiten an sich machte. Kurz nach der Trennung ging es allen schlecht: Vater nahm Antidepressiva, Mutter ging zum Nervenarzt und wir Kinder holten oft schlechte Noten nach Hause. Inzwischen sind Mutter, großer Bruder und kleiner Bruder weitestgehend darüber hinweg, nur Vater und ich leiden offensichtlich noch viel.
Der Psychiater hat meiner Meinung nach eine gute Diagnose gestellt, da neurotische Störungen sozusagen Entwicklungsstörungen und Fehlanpassungen an die Umwelt sind. Vater trauert noch viel der schönen Vergangenheit nach, mir geht es oft auch so (ist aber auch logisch, finde ich). Und worin habe ich mich nicht gut oder gut genug angepasst? Ich denke an die Tatsache, dass es besser wäre, meine Eltern mit anderen Augen zu betrachten. Nämlich, dass es besser ist, sie zum einen als unpassend zueinander und zum anderen als Eltern anzusehen, die es nicht geschafft haben, ihre Kinder ausreichend gut zu erziehen (auch wenn sie immer wirklich sehr viel Mühe um uns gegeben haben). Ich sollte also sowohl Mutter (die die Scheidung einreichte), als auch Vater (der der Scheidung zum Opfer fiel) als Menschen ansehen, die viele Fehler begangen haben. Nicht, dass sie schlechte Eltern gewesen sind, aber das Erziehen nicht ausreichte.
Das sind zwar alles Worte von mir und so denke ich das Ganze auch, aber irgendwie ist es doch leichter gesagt als getan. Habt ihr vielleicht irgendwelche Tipps für mich, wie es mir einfacher fallen könnte, mich richtig anzupassen? Seid ihr eigentlich derselben Meinung wie ich, könnt ihr etwas ergänzen oder denkt ihr, ich gehe eher in die falsche Richtung mit meiner "Analyse"? Vielleicht sind es auch ganz andere Probleme?
Und noch etwas ganz wichtiges: Wie wahrscheinlich ist es überhaupt, dass mein Problem bei der Elterntrennung liegt? Genauso gut kann es doch auch ein schräger Furz sein, wodurch ich krank wurde, oder nicht?


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