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Thema: Mein Papa ist Alkoholiker

  1. #1
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    Standard Mein Papa ist Alkoholiker

    ..ein Satz der Teil meines Lebens ist.

    Ich bin am 24.8.1990 geboren, werde also bald 21. Seit ich denken kann ist mein Vater Alkoholiker. 1994 ließ meine Mama sich von ihm scheiden, nach der Wahl "Alkohol, oder die Kinder" Ich habe noch eine Schwester, die 3 Jahre älter ist als ich. 24.
    Durch Erzählungen und Akten weiß ich, dass mein Vater schon seit mehr als 30 Jahren trinkt. Zudem ist er an Depressionen (und Persönlichkeitsstörung) erkrankt. Meine Mutter bat' ihn immer Hilfe anzunehmen und sich helfen zu lassen, er hat es versucht und in einem Klinikaufenthalt erfuhr meine Mutter den Grund der Sucht und der Depression. Mein Papa wurde von seinem Vater Misshandelt, ebenso einer seiner Brüder (er hatte 2 ältere, einer leider schon verstorben, seine Eltern sind auch schon lange Zeit vor meiner Geburt gestorben). Durch die Misshandlungen galt es in der Familie zu schweigen und dafür zu trinken, alle haben getrunken. Mein Vater wollte nie Kinder, laut Psychologen aus einen einfachen Grund: er hatte Angst selbst seine Kinder mal zu misshandeln, also so zu werden, wie sein Vater. Meine Mama hat mich und meine Schwester dennoch bekommen. Beide sind stolz auf uns, sehr. Mein Vater ist auch trotz Alkohol ein toller Mensch. Im Grunde ist er ein toller Papa, nur die Psyche ließ es nicht zu. Mein Vater wurde nie handgreiflich, zumindest soweit ich weiß und hat mich und meine Schwester immer im Herzen. Trotzdem waren immer Alkoholikerverhalten da, Sturrheit, Opferrolle, etc.
    Mein Vater ist nun 61 Jahre alt, seit seiner Kündigung als Optikermeister damals arbeitslos, und hat einen Schwerbehindertenschein mit 70%. Er raucht stark. Den Umständen entsprechend ist auch der Zustand seiner Lunge, Leber und Magen- Darmtragt.
    Zudem lebt er dort allein, hat nur wenige Freunde, die aber auch alle über 70 sind, quasi ein Seniorenviertel.
    Das, eine kleine Vorgeschichte zu meinem Papa.

    Nach der Scheidung zog mein Vater aus, ca. 40km von uns entfernt.
    Meine Schwester und ich waren damals jede Ferien bei ihm. Doch irgendwann fing es an nachzulassen, ich bekam Heimweh und wollte immer seltener zu meinem Papa.
    Ab der Pupertät wurden es dann nur noch Besuche für einige Stunden. Und der Kontakt blieb bestehen durch Briefe und Telefonate.
    Nun hab ich meinen Vater seit mehr als 2 Jahren nicht mehr gesehen.
    Mit Grund.

    Vor 1,5 Jahren ca. bin ich selbst an einer mittelschweren Depressions Episode erkrankt. Ich hatte ein Kollaps, bin in der Schule zusammengebrochen. Anzeichen einer Depression waren vorher schon da, die ich aber nicht wahrhaben wollte und habe die Zähne zusammengebissen, bis zum Schluss...
    Von dem Tag an ging garnichts mehr. Ich konnte weder unter Menschen, noch schlafen oder überhaupt noch das Leben wahrnehmen. Ein gang von meinem Zimmer bis in die Küche war eine ganze Weltreise für mich. Nächte habe ich geweint, bitterlich. Ich fing wieder an zu beten, flehte bei Gott um mein Leben. Zudem immer wieder die gleiche Frage: Warum kann mein Papa nicht einfach mal für mich da sein?
    Die Zeit ist für mich wie ein dicker, nebeliger Schleier.. ich weiß nur eins von der Zeit: Das Leben ist an mir vorbeigedüst.
    Nach einiger Zeit bekam ich ein Klinikplatz und war dort 9 Wochen, danach ging es mir wieder besser, wusste aber, dass ich noch einen Ambulanten Therapieplatz brauche, und ich denke jeder hier weiß, wie lang die Wartezeiten sind, wenn man überhaupt mal Glück hat..
    Auf jeden Fall lernte ich in der Zeit viel, viel über die Depression, über mich.. Und fing an zu verstehen, warum es mir so schlecht ging. Ich hatte mein Leben lang eine Verantwortung getragen, die ein Kind einfach nicht tragen kann. Ich habe mich für die Stimmungslage und den Gemütszustand meines Vater verantwortlich gemacht und habe somit nie gelernt, mit Gefühlen umzugehen. Traurigkeit, Wut, Sehnsucht, Angst,.. all das habe ich runtergeschluckt, aus Angst meinem Vater sorgen zu bereiten. Dadurch dass meine Mama alleinerziehend war und es ihr gesundheitlich auch nicht immer gut ging (z.B. Gebährmutterkrebs - schwere OP) hab ich auch in der Familie immer verantwortlich für die Stimmungslage in der Familie gemacht. Ich war immer für meine Familie da, da hatten meine Gefühle einfach kein Platz am Tageslicht. Ich war immer das kleine süße sorgenfreie Mädchen, Clown der Familie.

    Seit Oktober letzten Jahres bin ich in ambulanter Therapie für Tiefenpsychologie bei einer Paar-, Familien-, Kinder- und Jugendtherapeutin
    Und ich danke dafür, den Platz bekommen zuhaben!
    Und ich bin immer noch dabei und auf gutem Wege! Ich fühl mich allmählich sicher im Umgang mit der Krankheit, und sehe das als Neuanfang an. Durch Erfahrungen wächst man. Ich hab im ganzen letzten Jahr mehr über das Leben und mich selbst gelernt, als im ganzen Leben davor.
    Und bin froh, dass mich der Kollaps wachgerüttelt hat. Ich kann auch unheimlich gut die Depression, mich selbst und das Leben mit gesundem Humor nehmen. Aber ich denke das werdet ihr in weiteren Beiträgen von mir noch kennenlernen. Ihr kennt doch schließlich auch die bekannten Situationen in denen einen die Entscheidungsfähigkeit entflieht?

    Nun denn, seit ca. 1,5 jahren bin ich dabei mir einen neuen Lebensweg aufzubauen, einen auf dem ich auf mich acht geben kann. Ich lerne auf mich Rücksicht zu nehmen, meine Meinung zu vertreten und Gefühle zu äußern, was größtenteils auch schon gut klappt! Aber es gilt: Übung macht den Meister.
    Ich bin kämpferisch und trotz der schrecklichen Zeit, war mir von Anfang an klar: Ich will Leben! Das Leben steckt noch voller Abenteuer und es gibt noch viele schöne Dinge die ich sehen und entdecken möchte.

    In den letzten Tagen bin ich an einem Knackpunkt angekommen, was mich innerlich wieder etwas zerreißt.
    Um ehrlich zu sein, zerreißt es mich noch ganz schön..
    Die Sehnsucht zu meinem Vater ist fast schon unerträglich groß, und die Angst vielleicht nicht mehr viel Zeit zu haben, ihn noch einmal in den Arm zu nehmen riesig. Ich will meinen Vater bald besuchen fahren, da bin ich fest entschlossen.
    Ich weiß einfach nicht wie lang er noch lebt. 1 Woche? 1 Jahr? 10 Jahre?
    Man weiß es nicht, ich rechne jeder Zeit damit..
    All die Gedanken und Gefühle zu meinem Vater zereißen mich. Im Rückblick hatte ich schon immer das Gefühl, mein Vater lebt nur noch für meine Schwester und mich.

    Ich habe das Gefühl, das ganze nie richtig verarbeiten zu können.. die Sehnsucht und Traurigkeit tut einfach viel zu sehr weh, es würde mich für einige Zeit zerreißen, dass alles zuzulassen. Er fehlt mir so sehr!

    Wird diese tiefe Wunde irgendwann verheilen und zu einer Narbe werden?


    Das soweit zu meiner Geschichte, ersteinmal
    Für die fleißgen Leser unter euch: ein großes Danke!

    Wem danach ist, kann gern sich dazu äußern. Vielleicht kennt der ein oder andere von euch das Gefühl der Sehnsucht und Traurigkeit, und versteht, was ich meine.

    Ich freu mich von euch zuhören.
    Bin aber jetzt erstmal hundemüde und kuschel mich ins Bett.

    liebste Grüße,
    eure keksli

  2. #2
    Bestseller Autor Avatar von glasheuler
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    Standard Hallo Keksli,

    obwohl ich Dein sehnsuchtsvolles Verlangen Dich auszusprechen verstehen kann
    würde ich Dir nicht empfehlen wieder unmittelbaren Kontakt zu suchen. Warum,
    ist ganz einfach erklärbar: anderthalb Jahre sind eine lange Zeit, da
    kann einiges passiert sein.

    Für mein Dafürhalten hast Du Dich in dieser Zeit ganz enorm wieder aufgerappelt.
    Das wäre mit einem Schlag wieder hin- würdest Du mit dem fast vergessenen
    Dilemma auf ein neues konfrontiert. Dann fängst Du bei Null wieder an.

    Und im übrigen : Hätte Dein Vater nicht auf die Idee kommen können (kein Interesse ?) sich kurz zu melden ? Nicht D u hast etwas gutzumachen, ganz eindeutig er, wenn ich mir Deine Leidensgeschichte ansehe.

    Gruss
    glasi
    Geändert von glasheuler (05.08.2011 um 10:08 Uhr)
    Das Wort "Glück" würde seine Bedeutung verlieren hätte es nicht
    den Widerpart in der Traurigkeit.
    C.G.Jung

  3. #3
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    Hallo Glasheuler,
    erstmal danke für deine Antwort!

    Hätt ich vllt dabei schreiben sollen: wir hatten Kontakt in der Zeit. Am Anfang habe ich ihm einen langen Brief geschrieben und alles ausgedrückt wie es mir geht und warum und dass seine Alkoholsucht mir meinen Vatergenommen hat und mir im Grunde immer die Vaterrolle im Leben sehr gefehlt hat. Er hat auch gut drauf reagiert und geantwortet.
    Danach habe ich mich erstmal auf die Therapie konzentriert.
    Aber seit gut 10 Monaten haben wir wieder Kontakt, schreiben Briefe und telefonieren auch.
    Er hat sich mehrmals bei mir entschuldigt und auch oft gesagt, dass er es am liebsten gutmachen möchte. Zudem hat er sich sorgen um mich gemacht und hat auch öfter reingehört wie es mir geht und mich auch unterstützt, in dem er sagte, dass ich nicht aufgeben soll und er wahnsinnig stolz ist auf mich.

    Mir fehlt seine Nähe, eine Umarmung die all das rund macht. Eine Umarmung die ohne Lügen stattfindet. Komisch das zu beschreiben..

    Und klar, es kann sein dass mich das wieder zurück wirft, aber ich weiß mich aufzufangen und zu dem habe ich meine Psychologin noch im Rücken.
    Zudem würd mich es glaub ich mehr kaputt machen, wenn mein Vater stirbt und ich die Chance ihn nochmal in die Augen zu sagen, dass ich ihn lieb habe und ihn in die Arme zu nehmen nicht wahrgenommen habe. Das würde nochmal ein kampf mit den Schuldgefühlen.

    Ich möchte ihn nochmal gern wiedersehen, ich möcht diesen Schritt gehen.

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    glasheuler (05.08.2011)

  5. #4
    Neuling Avatar von gemeingefährlich
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    Hallo Keksli,

    ich habe Deinen Beitrag schon gestern (bzw. heute nacht) gelesen, wußte allerdings nichts wirklich darauf zu antworten. Du bist eine beeindruckend starke junge Frau und es ist eine große persönliche Leistung, wie Du Dich selbst mit Deinen gerade einmal 20 Jahren selbst aus dem Sumpf gezogen hast.
    Jetzt, da eine negative Antwort bzgl. eines Besuchs Deines Vaters eingetrudelt ist, laß' mich kurz meinen Eindruck schildern, nach dem was ich gelesen habe: Du scheinst Deinen Vater sehr zu lieben, und ich habe den Eindruck, daß er durchaus einsieht, daß seine schwere Erkrankung einen negativen Einfluß auf Dich hatte (Du erwähntest u.a., daß Du in der vergangenen Zeit Kontakt zu ihm hattest, er also auch den Prozeß Deiner Therapie mitverfolgt hat, und somit auch wissen wird, weshalb Du in Therapie bist).

    Du erwähntest mehrfach, daß Du Deinen Vater sehr gern hast. Es mag, darum vielleicht auch glasheulers Beitrag, im ersten Moment immer schön klingen, sich selbst vor allen Einflüssen zu schützen. Aber wenn eine offensichtlich sehr große Zuneigung vorhanden ist, so hielte ich persönlich es für sehr, sehr wichtig, diesen Menschen noch einmal zu sehen. Nun weiß ich natürlich nicht, wie kritisch sein Zustand wirklich ist - aber wenn es so schlimm um ihn bestellt ist, würde ich Dir, nach allem was Du geschrieben hast, auch raten, ihn zu besuchen. Nicht, weil er "ja Dein Vater" ist - hätte er Dir irgendetwas angetan und wäre uneinsichtig, dann würde ich ganz anders schreiben - sondern, weil Du ihn sehr zu lieben scheinst, und er, trotz aller negativen Einflüsse, auch eine positive Bezugsperson für Dich ist.

    Und da Du ja auch wie Du schreibst zur Zeit in Therapie bist, wäre da jemand in der Lage, Dich aufzufangen, falls es einen negativen Effekt hätte.
    Aber grundsätzlich und in Anbetracht der Schilderung Deiner Empfindungen, tendiere ich persönlich dazu, Dir zu einem Besuch zu raten. Wenn es wirklich so schlecht um ihn steht, dann gibt es Dir die Gelegenheit, Dich zu verabschieden. Und das ist sehr, sehr viel wert.

    Liebe Grüße,
    gemeingefährlich

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  7. #5
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    Ich lese Deinen Beitrag und denke nur "wow!" Du hast all meinen Respekt!!
    Eine Krankheit und eine traurige Familiengeschichte und dennoch sagst Du "ich will leben"
    Wie viele Menschen kenne ich, die sagen "es geht nicht, ich kann nicht".
    Du siehst Deinen Zusammenbruch als Chance und Du hörst Dich sehr stark an!

    Ich kann aus eigener Erfahrung nichts raten, aber ich glaube, es ist das richtige auf Dein Herz zu hören!!
    Ich kann absolut nachvollziehen, dass Du es nicht ertragen könntest, ihn nie wieder zu sehen.
    Vielleicht würdest Du jetzt fallen - das mag gut sein - aber Du klingst stark! Du kennst Dich scheinbar selber gut und Du weißt, wohin Dein Weg gehen soll.
    Und nachdem, was ich von Dir lese, glaube ich, dass Du es schaffst.

    Deine Psychologin wird Dich sicher unterstützen. Und sie wird Dir sicher sagen können, wie ein Kontakt aussehen kann.

    LG, Kaja
    Jeder hat gesagt "das geht nicht", bis einer kam, der das nicht wusste und es einfach gemacht hat.

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    gemeingefährlich (05.08.2011),glasheuler (05.08.2011),Keksli (05.08.2011)

  9. #6
    Bestseller Autor Avatar von glasheuler
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    Gut, das ergibt eine andere Ausgangs-Position. Unter diesen Umständen würde ich ihn natürlich auch kontaktieren. Er wird dadurch (wahrscheinlich) mit allem versöhnt und Du kannst ein düsteres Kapitel erstmal beenden.

    Viel Kraft wünsche ich Dir.

    Gruss
    glasi
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    den Widerpart in der Traurigkeit.
    C.G.Jung

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    Keksli (05.08.2011)

  11. #7
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    wie sag ich denn hier danke?

    Also an euch ein großes Danke, die Worte tun gut, und auch dass man hier einfach mal der Seele freien Lauf lassen kann und feedback erhält! Wirklich toll
    danke euch!

    liebe Grüße,
    Keksli

  12. #8
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