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Thema: Meine Schwester

  1. #1
    Neuling
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    Standard Meine Schwester

    Liebes Forum.
    Ich benötige Hilfe und hoffe, dass ich hier ein paar Ratschläge und Tipps finden kann.
    Ich habe eine 3 Jahre jüngere Schwester, bei der Trennung unserer Eltern war sie 13, ich 16. Das ist jetzt 10 Jahre her. Seitdem hat sie sich so sehr verändert und mittlerweile mache ich mir wirklich ernsthafte Sorgen.
    Die Ehe unserer Eltern war nie harmonisch und liebevoll, zumindest kann ich mich an solche Augenblicke nicht erinnern. Wir waren nach außen hin sicherlich eine absolut „normale“ Vorstadtfamilie, geregeltes Einkommen, schönes Haus mit Garten, große Kinderzimmer für meine Schwester und mich, jährlicher Sommer- und Winterurlaub. Gekriselt hat es zwischen unseren Eltern jedoch schon früh und sehr oft. Hinterher habe ich von meiner Mutter vieles erfahren, was ich lieber nicht hätte wissen wollen. Beispielsweise, dass mein Vater bereits kurz nach der Geburt meiner Schwester ein Verhältnis zu einer anderen Frau hatte. Oder dass er sich teilweise kriminell im juristischen Sinne verhalten hatte. Klar, sie war nach der Trennung furchtbar verbittert und zornig, aber hätte sie mich damit behelligen dürfen?
    Die Beziehung zu meinem Vater war nie so eng wie seine Beziehung zu meiner Schwester. Sie war sein absoluter Liebling, das habe ich immer gespürt. Ich habe sie gehasst und verachtet. Und ihn natürlich sowieso. Ich war aufsässig und launisch. In jedem Alter, soweit ich mich zurückerinnern kann. Ich habe ständig Contra gegeben, habe meine Eltern provoziert, fand meinen Vater engstirnig und spießig. Meine Schwester habe ich mich Worten verletzt, habe sie oft als ein Nichts bezeichnet, als dick und behindert. Es ist schrecklich, wenn ich jetzt im Nachhinein darüber nachdenke. Es tut mir so furchtbar weh und ich kann einfach nicht verstehen, derart grausam gewesen zu sein.
    So zog es sich die Jahre bis zur Scheidung hin. Die Streitigkeiten zwischen uns allen eskalierten immer mehr und jeder zog sich immer weiter in sich zurück.
    Mein Vater litt zunehmend unter Tinnitus (pfeifende Ohrgeräusche) und musste sich irgendwann in Kur begeben. Ich erinnere mich, dass unser Verhältnis zu dem Zeitpunkt bereits so schlecht war, dass ich ihn nicht besuchen fahren wollte und meine Mutter mit meiner Schwester alleine loszog.
    Nach der Kur zog er aus dem gemeinsamen Eltern-Schlafzimmer in unseren Keller. Ich bekam abends häufig mit, dass er leise telefonierte. Wie sich bald herausstellte, hatte er sich einen Kurschatten zugelegt, eine neue Freundin.
    Ich weiss nicht mehr, wie viele Wochen vergingen, aber es dauerte nicht lange und er verkündete, auszuziehen. Zu seiner Neuen. Unsere Reaktionen liegen bei mir bis heute im Dunkeln. Ich kann mich einfach nicht daran erinnern. Meine Mutter hat es sicherlich gewusst. Meine Schwester und ich nicht, aber für diesen Moment fiel der Vorhang, ich habe absolut keine Erinnerung mehr an den Moment.
    Danach folgte, was üblicherweise folgt: wir mussten das Haus verlassen, weil es nicht mehr zu finanzieren war, sind in eine kleinere Wohnung gezogen, meine Mutter hatte kein eigenes Zimmer mehr, hatte sich eine Schlafcouch für das Wohnzimmer gekauft, die sie jeden Abend ausziehen musste.
    Die Familie väterlicherseits zog sich von uns zurück. Der Kontakt wurde immer dünner, fand letztlich nur noch als jährliche Geburtstagskarte statt. Wir verloren die Großeltern, die Tante und die Cousins.
    Unser Vater kümmerte sich nicht um unser neues Leben und unsere Entwicklung.
    Mütterlicherseits starb unsere Oma. Meine Mutter konnte mit all dem Leid und Verlust nicht mehr leben und erkrankte schwer an Leukämie. Nach wochenlangem Krankenhausaufenthalt und Bangen um sie kam die Entwarnung: sie wird es schaffen.
    Aber auch diese angstvolle Zeit, während sie im Krankenhaus lag, liegt bei mir im Dunkeln. Ich weiss nicht mehr, wie die Beziehung damals zu meiner Schwester war. Gemeinsamkeiten und gleiche Interessen hatten wir noch nie, wir unternahmen also auch nichts in unserer Freizeit, um uns abzulenken oder gegenseitig Mut zuzusprechen. Ich nehme an, wir saßen beide allein in unseren Zimmern, sie öfter als ich, da ich bereits einen Job hatte. Sie muss furchtbar einsam gewesen sein. Und voller Angst, mit der Mutter den Rest der Familie zu verlieren.
    Ich fand kurze Zeit später meine erste große Liebe (die bis heute hält) und war weitgehend abgelenkt. Wenn ich nicht arbeiten ging, traf ich mich mit ihm.
    Meine Schwester jedoch blieb allein. Und ist es bis heute.
    Sie studiert und lebt noch immer bei meiner Mutter. Sie ist sehr zurückgezogen, gibt nicht viel von sich preis. Wenn die Sprache auf unseren Vater fällt, weicht sie sofort aus und möchte mit diesem Thema nicht konfrontiert werden. Ich befürchte, sie spricht mit niemandem über die vergangene Zeit. Meine Mutter kommt genauso wenig an sie heran wie ich.
    Sie ist jetzt 23 und hatte noch nie eine Beziehung geschweige denn eine Bekanntschaft. Zumindest erzählte sie nicht davon. Aber wo soll sie auch jemanden kennenlernen, sie geht fast nicht aus dem Haus. Einen Nebenjob sucht sie sich auch nicht, lebt von dem Geld meiner Mutter. Sie ist jedem Menschen gegenüber sehr distanziert. Egal ob es unsere Mutter oder ein Fremder ist. Ich sehe sie immer vor mir, wie sie in ihrem stillen Kämmerlein sitzt und näht. Das tut sie tatsächlich. Aber sie geht nicht tanzen, nicht feiern, kommt mich und meinen Freund nicht besuchen, interessiert sich nicht für unsere Hochzeit, die nächstes Jahr stattfinden wird. Manchmal glaube ich, sie hat mit ihrer Kindheit und unseren Eltern ihren Elan abgegeben. Sie erlebt nichts. Sie reist nicht. Sie verdient kein Geld, um sich etwas Schönes zu gönnen.
    Ich mache mir Sorgen um sie. Was kann ich denn tun, um an sie heranzukommen? Früher war ich gemein und herzlos ihr gegenüber, später provokant und zickig, dann desinteressiert und gelangweilt. Hasst sie mich? Ich möchte jetzt so gerne für sie da sein und all das wieder gut machen, was früher so falsch gelaufen ist. Ich möchte sie an meinem Leben teilhaben lassen und an ihrem teilhaben. Aber ich kann sie doch auch nicht dazu zwingen. Wie schaffen wir es, aufeinander zuzugehen und Vertrauen aufzubauen?
    Ich habe unendlich viel geschrieben und hoffe sehr, dass sich jemand die Zeit genommen hat, all das durchzulesen.
    Danke.

  2. #2
    Schreibkraft Avatar von Anubis
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    Hi fabse,

    Was kann ich denn tun, um an sie heranzukommen? Früher war ich gemein und herzlos ihr gegenüber, später provokant und zickig, dann desinteressiert und gelangweilt. Hasst sie mich? Ich möchte jetzt so gerne für sie da sein und all das wieder gut machen, was früher so falsch gelaufen ist. Ich möchte sie an meinem Leben teilhaben lassen und an ihrem teilhaben.
    Wie wärs, wenn Du erst mal mit ihr darüber redest? Sag Ihr, dass Du Dich damals *******e benommen hast und dass es Dir leid tut und dass Du jetzt gerne mehr mit ihr unternehmen möchtest. Frag sie, ob es Ihr gut geht, ob Ihr mal zusammen was unternehmen sollt, etc.

    Aber sie geht nicht tanzen, nicht feiern, kommt mich und meinen Freund nicht besuchen, interessiert sich nicht für unsere Hochzeit, die nächstes Jahr stattfinden wird.
    Es gibt Menschen die lieber ihre Ruhe haben wollen. Das muss nicht unbedingt aus einem Problem heraus kommen. Auch diese Möglichkeit musst Du in Betracht ziehen. Nicht jeder sieht seine Erfüllung darin tanzen und feiern zu gehen.
    Warum willst Du, dass sie sich für Deine Hochzeit interessiert? Ich kann durchaus nachvollziehen, dass einen sowas nicht die Bohne interessiert, wenn man selbst seit Jahren solo ist.
    Willst Du das nicht eher für Dich selbst, dass sie mehr Interesse an Deiner Hochzeit zeigt?

    Gruß
    Anubis

  3. #3
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    Hallo Anubis und Danke für Deine Antwort.
    Du hast sicherlich recht und ich sollte akzeptieren, wenn sie sich lieber mit sich selbst beschäftigt. Aber ich finde es so schade, dass sie Dinge verpasst, die sie nie wieder aufholen kann. Sich beispielsweise einfach mal eine Nacht mit den Freunden um die Ohren hauen, neue Menschen kennenlernen, sich ein bisschen ausleben und die Jugend genießen. Das wird sie doch nie mehr tun können.
    Aber okay, ich versuche zu verstehen, dass es auch Menschen gibt, die all das nicht tun möchten oder können.
    Und meine Hochzeit, naja sie ist schließlich meine Schwester und ich hätte mir gewünscht, dass es ihr nicht so ganz egal sein würde. Aber wahrscheinlich hätte unsere Beziehung anders verlaufen müssen, damit sie jetzt an meiner Seite stünde und mich unterstützen würde. Ich darf es gar nicht von ihr erwarten, das ist mir klar.
    Wir müssen an unserer Beziehung arbeiten. Ich habe vorhin mit ihr telefoniert, einfach nur so. Um Zeit mit ihr zu verbringen. Und es war schön. Wir haben uns gut unterhalten. Sie war nicht so verschlossen wie sie es ist, wenn unsere Mutter dabei ist. Vielleicht ist sie dann gehemmt? Ich weiss es nicht. Meine Mutter kommt eben gar nicht an sie heran. Aber meine Mutter wird dann auch schnell nörglig und ich kenne es von mir selbst, dass ich dann dicht mache.
    Also denkst Du, dass Hoffnung für uns beide besteht?

  4. #4
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    redet miteinander, so oft es von euch beiden gewünscht ist. es wäre sicher auch sehr gut, wenn du dich mal ehrlichen herzens dafür entschuldigst, wie du sie früher behandelt hast.

    soweit ich das bis jetzt überblicken kann, hast du das vor allem deshalb getan, weil du mit ihr um die liebe eures vater gekämpft hat, der deine schwester vorgezogen hat und du nachvollziehbarerweise eifersüchtig warst. das ist verständlich, aber es war trotzdem fies, dass du sie mies behandelt hast. allerdings gehört das in die kinderzeit und ihr beide seid erwachsen. jetzt hast du die chance, wirklich eine wellenlänge mit ihr zu finden, wenn du geduld hast und freundlich auf sie zugehst.

  5. #5
    Schreibkraft Avatar von Anubis
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    Hallo fabse,

    Ich habe vorhin mit ihr telefoniert, einfach nur so. Um Zeit mit ihr zu verbringen. Und es war schön. Wir haben uns gut unterhalten. Sie war nicht so verschlossen wie sie es ist, wenn unsere Mutter dabei ist. ... Also denkst Du, dass Hoffnung für uns beide besteht?
    Das hört sich doch schon gut an.
    Ein Anfang ist gemacht

    Und alles weitere was ich jetzt noch dazu schreiben würde hat chrissi2366 eben schon geschrieben

    Gruß
    Anubis

  6. #6
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    Hallo, fabse,

    Deine Schwester hat in einer sehr verletzlichen Phase - der Pubertät - viel durchmachen müssen. Genau wie Du. Aber sie scheint mir ein empfindlicherer Mensch zu sein.
    Ich denke, Ihre gesamte Welt ist durch die Trennung Eurer Eltern zusammengebrochen. Und jetzt vertraut sie niemandem mehr.

    Vielleicht gibt sie sich selbst auch ein wenig die Schuld an allem - Kinder neigen dazu.

    Die Verletzungen, die Du ihr zugefügt hast, werden nur langsam heilen. Du hast jetzt die ersten Schritte auf sie zugemacht. Das einzige, das helfen kann, ist wirklich Ehrlichkeit von Deiner Seite. Sag ihr, dass Dir Dein Verhalten von früher leid tut. Das kann Wunder wirken. Aber überfordere sie nicht, lass ihr die Zeit, die sie braucht. Und bitte erwarte von ihr keine Unterstützung bei Deiner Hochzeit. Das kann sie nicht, nicht nach ihren familiären Erfahrungen.
    Ermutige sie, rauszugehen. Aber nicht alleine, sondern biete ihr an, sich Dir und Deinem Freund anzuschliessen. Oder wenn Du mit einer Freundin was unternimmst. Sie wird alleine nicht losziehen, sondern nur in Gesellschaft. Alles andere dürfte ihr zu viel Angst machen.

    Vielleicht ist das ein Weg, den ihr beschreiten könnt.

    Beste Grüße
    Berenice

  7. Der folgende Benutzer bedankte sich bei Berenice für den sinnvollen Beitrag:

    fabse (04.11.2010)

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