Meine Eltern:
Mein
Vater ... Ich dachte immer, ich kenne ihn.
Er war für mich immer die Person, die dafür sorgt, dass die Familie nicht auseinanderbricht. Im Dauerspagat zwischen meiner dominanten Oma (seiner Mutter) und meiner Mutter, die ständig wegen grösserer und kleinerer Streitigkeiten aneinandergerieten und ihn auf die jeweilige Seite ziehen wollten.
Dazu ackerte er wie ein Pferd - zuerst bis nachmittags im Job, danach noch auf dem Feld und im Wald. Und nie hat man auch nur einen Ton Missmut oder Machtwort von ihm gehört.
Nur uns Kindern gegenüber konnte er sich schwer beherrschen. Wenn meine Mutter den "Startschuss" gab (und der fiel oftmals schon mit den Worten "Warte, bis Papa nach Hause kommt !") dann setzte es was, um es mal vorsichtig auszudrücken.
Das bedeutete dann für ihn (und infolgedessen für uns): Er kam von der Arbeit nach Hause und wurde direkt von Mutter mit den entsprechenden Hiobsbotschaften an der Haustür empfangen. Entweder gings um Streitigkeiten mit Oma oder aber um irgendwelchen Mist, den wir Kinder fabriziert hatten. War letzteres der Fall, dann gings direkt rund.
Wenn wir Glück hatten, gabs nur was mit der Hand auf den nackten Arsch. Oftmals war da aber vorher auch schon der Kochlöffel drauf gelandet.
Ich kann mich aber auch an 2x Prügel mit dem Gummischlauch erinnern, nachdem ich wochenlang grün und blau war an Hintern und Rücken.
Selbstverständlich war das ja alles so nicht gewollt.

Meine Mutter wollte nur ein verbales Donnerwetter von Vater für mich/uns.
Mein Vater ... Führte dieses eben auf seine eigene Art aus. Unfähig zu reden und nur die Erziehung weitergebend, die er selber genossen hat.
Ich fand es weder bedenklich noch seltsam, dass er nach der Arbeit sein Bierchen trank. Hatte er sich ja schliesslich verdient. Und das er dafür auf dem Weg von der Arbeit nach Hause bei seiner Stammkneipe reinschaute ...
Ja und ? Dann war das halt so. Männer machen das doch so, oder nicht ?
Mir ist erst im Laufe der letzten 12 Jahre (also etwa seitdem ich mit meinem Mann zusammen bin) klargeworden, dass mein Vater ein Alkoholproblem hat. Nicht nur, weil mein Mann viel weniger und viel seltener Alkohol trinkt, sondern vor allem dadurch, dass dieses Problem meines Vaters in den letzten 12 Jahren zu einem immer grösser werdenden Problem wurde.
Meine Mutter trennte sich vor etwa 14 Jahren von meinem Vater - unter anderem aufgrund des Alkohols.
Auch, wenn er nicht viel weniger unter ihren Eigenarten und Krankheiten zu leiden hatte als ich oder auch meine Geschwister - irgendwie hat ihm die Trennung seelisch das Genick gebrochen.
Nach 2 kurzen Techtelmechteln hat er mittlerweile seit etwa 8 Jahren eine neue Partnerin, die seltsamerweise (oder vielleicht auch logischerweise) fast die gleichen Eigenarten wie meine Mutter hat.
Die Frau tut ihm nicht gut und das weiss er auch, aber Trennung ? Kommt nicht in Frage.
Aber das ist ein Thema, das werde ich mal extra aufgreifen.
Zu meiner
Mutter hatte ich ja jetzt schon so einiges angerissen - zwangsläufig.
Eigentlich kann man sagen, dass in sehr vielen Bereichen kein Weg an ihr vorbeigeht. Ein bisschen sträube ich mich dagegen, es so auszudrücken. Aber man kann doch irgendwie sagen, dass sie, wenn vermutlich auch unabsichtlich, für sehr viel verschiedenes Leid in unserer Familie verantwortlich ist.
Meine Mutter ist, durch eine schwere Mittelohrentzündung in ihrem 3. Lebensjahr, schwerhörig und trägt seitdem Hörgeräte. Dazu hat sie Bronchial-Asthma. Keine Ahnung, seit wann - ich kenn sie nur so.
Normalerweise müsste ich jetzt sagen, dass sich dadurch vieles relativieren wird. Wie z.B. die Tatsache, dass sie eben nicht alles machen kann.
Aber so einfach ist das nicht.
Ich entschuldige mich schon in Voraus dafür, dass ich hier so scheinbar kaltherzig über einen kranken Menschen schreibe und eine derart schlechte Meinung habe. Aber die Erlebnisse und Erfahrungen, die ich damit in der Vergangenheit (meiner Kindheit) gemacht habe, machen es mir schwer, diese Krankheiten als Entschuldigung oder Ausrede für viele Dinge anzuerkennen.
Die Schwerhörigkeit lasse ich mal aussen vor, denn die war/ist eigentlich das kleinere Übel aus meiner Sicht. Abgesehen davon hat sie mittlerweile diese Cochlear-Implantate und kommt damit auch sehr gut klar.
Früher war es zwar oft so, dass sie plötzlich gut hören konnte, wenn sie es nicht sollte - und umgekehrt. Aber bei welcher Mutter ist das nicht so ?
Das Asthma setzte sie allerdings oft geschickt zu ihren Gunsten ein - und tut das leider manchmal auch heute noch.
Wenn sie irgendwas nicht will, sie sich bedrängt fühlt, sie sich über irgendwas ärgert oder ihr sonstwas nicht in den Kram passt, kriegt sie quasi auf Knopfdruck einen Asthmaanfall. Zumindest tut sie so, denn wirklich nachvollziehen kann man das als Aussenstehender nicht. Und so schnell wie er gekommen ist, ist er oft auch wieder vorbei.
Schon damals hiess es, dass sie Aufregung vermeiden und sich keinem Stress aussetzen solle, weil dies Anfälle begünstigen würde.
Das war sozusagen das ärztliche Go für die Ausnutzung dieser Krankheit.
Da kam dann diese Leidensbittermiene und die theatralische Aussage: "Mir gehts überhaupt nicht gut !" und dann wusste man direkt, was einem blüht.
Für uns Kinder (jaaaa, in diesem speziellen Fall dann auch mal meine Schwester, und später der Bruder) hiess das dann in den meisten Fällen: Mamas Hausarbeit erledigen.
Während wir nach der Schule die aufgewärmte Tüten- oder Dosensuppe aßen, sass Muttern (nicht immer aber sehr oft) im Schlafanzug mit ner Turnierpackung Milkaschokolade und bewaffnet mit irgendwelchen Arztromanen vor der eingeschalteten Glotze.
Und da sass sie meistens noch, wenn wir mit den Hausaufgaben fertig waren, abgespült und aufgeräumt hatten und was sonst noch so anfiel.
Sie war früher schon so ich-bezogen. Vor allem was das finanzielle betrifft.
Gute Absichten anderen gegenüber hat sie genug. Aber wenns dann soweit ist, dann sind die leider sehr schnell vergessen, denn erstmal kommt sie und dann ganz lange nichts.
Ihre Glaubwürdigkeit ist gleich null. Auf jeden Fall bin ich dazu übergegangen, ihr gegenüber keine Erwartungshaltung mehr zu haben, um nicht enttäuscht zu werden. Zu oft hat sie in der Vergangenheit Versprechen gemacht und nicht eingehalten.
Tragischerweise ganz oft meiner Tochter gegenüber. Und seien es nur so "banale" Dinge wie das Versprechen, zu Besuch zu kommen.
Dann ruft sie ne Stunde vorher an, sagt mit Leidenston "Mir gehts heute garnicht gut, ich komme nicht." um mir dann am nächsten oder übernächsten Tag zu erzählen, was sie in der Zeit alles gemacht hat, in der sie hier sein wollte. Einfach, weil sich ihre Welt nur um sich dreht und sie in diesem Moment bereits vergessen hat, dass sie und warum sie abgesagt hat.
Lustigerweise neidet sie meinen Schwiegereltern den häufigen Kontakt zum Enkelkind. Sie hätte die Kleine gerne wesentlich öfter um sich, doch am liebsten so ganz ohne eigenen Aufwand.
Ich möchte Euch noch ein bisschen was zu meinen
Grosseltern erzählen. Vor allem die Eltern meiner Mutter waren ein äusserst wichtiger Bestandteil in meinem Leben und werden es auch immer sein. Auch, wenn sie leider schon seit fast 20 Jahren tot sind.
Meine Grosseltern gaben mir Halt, Vertrauen, Liebe, Respekt, Geborgenheit. Alles, was ich zu Hause nicht oder kaum bekommen habe.
Kuscheln mit meinem Vater ? Undenkbar - ich kann mich nicht mal daran erinnern, ob er mich jemals in den Arm genommen hat.
Für meinen Opa war das selbstverständlich. Immer, wenn ich in den Ferien dort war, sassen wir abends aneinandergekuschelt auf der Couch und ich durfte das Sandmännchen gucken.

Mein Opa spielte mit mir Karten; lernte mit mir beim MauMau spielen rechnen. Er brachte mir das Radfahren bei und ging mit mir wandern.
Er baute das Kinderbettchen, in dem ich als Baby schlief - und in dem heute meine Tochter jede Nacht friedlich schläft.
Meine Oma strickte für mich. Bei ihr lernte ich das kochen und wie man Gemüse anbaut.
Beide banden mich in ihr Leben und ihre tägliche Arbeit mit ein. Ich hatte auch bei ihnen meine Aufgaben zu erledigen, aber sie gaben mir nie das Gefühl, es zu müssen und nur deshalb dort willkommen zu sein.
Wir taten die Dinge
gemeinsam.
Meine Grosseltern verpassten mir in jeden gemeinsam verbrachten Ferien (und das waren gottlob die meisten) die nötige Portion an dickem Fell und Selbstvertrauen, um die Zeit bis zu den nächsten Ferien zu meistern.
Mal abgesehen von meinem Bruder und einer gut funktionierenden Freundschaft sind sie die Personen, die ich am allermeisten vermisse.
Mir fehlen diese "Aufbaukuren" - fast körperlich. Es ist so, als würde ich von meinem Mann keinerlei Streicheleinheiten mehr bekommen.
Wenn ich so lese, was ich bisher geschrieben habe ... wie ich über die Personen aus meinem nahen Umfeld denke; über meine Vergangenheit - und dabei ist dies hier nur ein kleiner Teil davon - ...
Dann fällt es mir schwer zu glauben, dass auch nur ein einziger Aussenstehender glauben könnte, dass stimmt, was ich erzähle.
Das klingt alles so extrem, so unwahrscheinlich.
Aber es war so, es ist so. Und es bricht immer mal wieder über mich herein. In Momenten wie diesen. In denen ich Zeit zum Nachdenken habe und mich frage, wie anders mein Leben verlaufen wäre, wenn ich diese oder jene Entscheidung anders gefällt hätte.
Oder ob ich vielleicht einfach ein extremer Mensch bin, der die Dinge, die ihm passiert sind, als heftiger einstuft, als sie in Wirklichkeit sind.