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Alt 04.03.2010, 21:49   Mela's Diary Beitrag #1 (permalink)
Neuling
 
Benutzerbild von melantheia
 
Registriert seit: 04.03.2010
Beiträge: 10
Standard Mela's Diary

Ich stelle fest ... Es ist garnicht so einfach, einen Anfang zu finden.
Ich hab so viel zu erzählen, so viel was aus mir raus muss. So viele psychische Baustellen - und keine Ahnung, wie ich das alles in die richtige Reihenfolge bringen soll. Geschweige denn, was wichtig und weniger wichtig ist.
Aber vielleicht fasse ich am sinnvollsten erstmal alle Mela-Daten zusammen.

Ich bin das älteste Kind meiner Eltern und habe noch eine 2 Jahre jüngere Schwester und einen 8 Jahre jüngeren Bruder.
Wir wohnten zusammen im Haus meiner Grosseltern (keine abgeschlossene Wohnung). Mit knapp 19 schmissen meine Eltern mich raus, weil ich ihrer Ansicht nach den falschen Freund hatte.
Der entpuppte sich dann letztlich auch als ein solcher. Kurz wohnte ich alleine, dann lernte ich meinen jetzigen Mann kennen. Relativ schnell zogen wir zusammen und nach 3 Jahren heirateten wir. Das war im September 2000
Es folgten ne Menge Ups and Downs durch finanzielle Schwierigkeiten, die Eigenarten unserer Familien, Krankheiten und ungewollte Kinderlosigkeit. Letzteres klappte dann erfreulicherweise doch noch. Nach 8 Jahren Ehe kam unsere Tochter am 1.10.08 gesund zur Welt.

Ich bin gelernte Verkäuferin - ein Beruf, den ich eigentlich niemals erlernen wollte. Doch meine Mutter drängte mich dazu, weil ich für den Beruf des Tischlers (war mein heissgeliebter Opi) nichts für mich sei.
Nach der Lehre landete ich unter anderem für etwa 3 Jahre bei KiK. Zuletzt vor der Schwangerschaft dann als Spielhallen-Aufsicht.

Mein Mann ... Ja ...
Ich merke grad, dass es mir unglaublich schwer fällt, das in Worte zu fassen, was mir bezüglich ihm durch den Kopf geht.
Er ist ein liebevoller und guter Ehemann und Vater. Er liebt uns über alles und er tut auch alles für mich und unsere Kleine.
Aber wenn es darum geht, ihm Dinge begreiflich zu machen oder ihm nahezubringen, wie es gefühlsmässig in mir aussieht - dann steht er auf dem Schlauch.
Er ist so ein Mensch der glaubt, dass er alles unter Kontrolle hat und alles alleine schafft. Er lässt sich nicht gerne helfen und meint, er kann alles.
Keine Ahnung, warum das so ist. Er schiebts auf schlechte Erfahrungen, aber ich denke, er ist vor allem auch zu schüchtern, um um Hilfe zu bitten.

Ich hab eingangs geschrieben, es gibt ne Menge psychische Baustellen bei mir.
Vielleicht beruht alles, was im Laufe der Jahre so vorgefallen ist und mit dem ich zu kämpfen habe, auf meiner schlechten Kindheit. Ich hasse es, diese Aussage zu machen, denn meiner Meinung nach berufen bzw. rechtfertigen sich einfach zu viele Menschen (vor allem Straftäter) mit einer schlechten Kindheit.
Aber die eigenen Ansichten, Einstellungen, Meinungen bilden sich ja nicht von jetzt auf gleich. Sondern aufgrund von Erlebtem Erfahrungen. Und sicherlich auch aufgrund der Erziehung und dem Verhalten der Eltern.

Ich erwarte hier nicht zwangsläufig Antworten auf diesen Thread, auch wenn ich ihn jetzt im offenen Tagebuch schreibe.
Was mich hierher geführt hat, war die Suche nach einem Ort mit Gleichgesinnten und der Möglichkeit, mich mitteilen zu können. Denn sonst habe ich leider niemanden, der mir zuhört oder bei dem ich zumindest über mich reden darf.
Jeder in meinem Umfeld ist dermassen mit sich selber beschäftigt und an sich interessiert, dass er keine Zeit und/oder Geduld mehr dazu hat, anderen zuzuhören.

Das mal für den Anfang. Am Wochenende werd ich Euch dann mal ein bisschen was über meine verkorkste Familie erzählen.
melantheia ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 04.03.2010, 22:33   Mela's Diary Beitrag #2 (permalink)
Nachwuchs Autor
 
Benutzerbild von glasheuler
 
Registriert seit: 01.03.2009
Beiträge: 963
Standard Hi Melantheia,

herzlich willkommen im Forum. Du findest hier für Deine Herzensangelegenheiten auf jeden Fall ein offenes Ohr. Ob es Dir
letztendlich hilft bleibt abzuwarten, es ist ja oft schon eine totale
Erleichterung überhaupt darüber reden zu können und nicht mehr
alleine auf weiter Flur zu stehen.

Themen welche Du in eine Diskussion hinnübergleiten möchtest sollen
nach Möglichkeit aus dem Tagebuch ausgekoppelt sein weil Tagebuch-Einträge nicht zwingend von Forumteilnehmern kommentiert werden sollen.


Liebe Grüße
glasi
glasheuler ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 04.03.2010, 22:46   Mela's Diary Beitrag #3 (permalink)
Verleger
 
Benutzerbild von Natz
 
Registriert seit: 02.01.2008
Ort: where the vine grows....
Beiträge: 4.128
Standard

Hallo Melanthia!
Du hast schon mal einen Anfang gemacht und das ist doch die Hauptsache! Ich kann mir vorstellen, dass es gerade bei so Ketten wie Kik echt kein Zuckerschlecken ist und gerade, wenn man den Beruf eh nicht erlernen wollte. Jetzt erst mal viel Spaß und kleine Erfolge hier
Natz ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 09.03.2010, 21:07   Mela's Diary Beitrag #4 (permalink)
Neuling
 
Benutzerbild von melantheia
 
Registriert seit: 04.03.2010
Beiträge: 10
Standard

Vielen Dank, Ihr beiden.
@ Natz Kurioserweise war KiK im Vergleich zu anderen Jobstationen garnicht so schlimm. Zumindest so im Nachhinein betrachtet.
Ja, es gab Mobbing dort (ich werd mal im Verlauf des Tagebuches noch darauf eingehen) - aber Mobbing im Job gibts ja leider irgendwie fast überall und diese Form war eigentlich noch erträglich. Bzw. es wäre eigentlich kein Grund für mich gewesen, dort komplett aufzuhören. Im Grunde genommen habe ich gerne dort gearbeitet.

Aber ich wollte Euch heute erstmal meine Familie genauer vorstellen, damit Ihr ein Bild von den Menschen bekommt, die mich so umgeben und um die sich meine Gedanken notgedrungen dauernd kreisen.

Meine Geschwister:
Mein 8 Jahre jüngerer Bruder war eigentlich immer sowas wie mein bester Freund oder die Person die mir zeigte, dass nicht alle Mitglieder meiner Familie egoistisch und rücksichtslos sind.
Ich schreibe war, denn seit Ende 2006 lebt er in Österreich, kommt 2x im Jahr nach Deutschland und klappert in der kurzen Zeit dann auch noch sämtliche Verwandte und Freunde ab.
Den Rest des Jahres halten wir den Kontakt über ICQ und Skype - was aber nicht mal annähernd vergleichbar ist mit früher.
Zumal er beruflich auch ziemlich eingespannt ist.
Es war immer so schön einfach, mit ihm über die Eigenarten und Ticks der Leute zu reden, die er ebenso gut kennt wie ich.
Keine ewig langen Erklärungen vorher, keine Vielzahl von Beispielen, keine langen Überlegungen, wie man mit diversen Situationen umgehen sollte.
Mein Bruder ist so ein Mensch, der vieles ganz genau so einfach sieht, wie es meistens ist. Der macht sich keine Gedanken über "was denkt der dann wohl über mich ?" oder "Trete ich dem damit jetzt auf die Füsse ?" oder "Kann ich das so sagen oder muss ich das anders formulieren ?"
Er sagt geradeheraus, was er denkt und steht dazu. Ohne Angst und schlechtem Gewissen, dass man ihm seine Meinung übelnehmen könnte.
Dafür bewundere ich ihn.
Dadurch, dass mittlerweile kaum noch Zeit zum Reden vorhanden ist, werden unsere Gespräche zunehmend oberflächlicher. Das ist schade.
Sollte ich ihm vielleicht mal so sagen ...

Meine Schwester ... Schwieriges Thema
Seit jeher gibts zwischen uns immer mal wieder Zeiten, in denen wir uns gut verstehen und Zeiten, in denen wir uns aus dem Weg gehen.
Woran das liegt ? Vermutlich hauptsächlich an mir.
Unsere Mutter hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass S. ihr Lieblingskind ist. Wahrscheinlich verstehen mein Bruder und ich uns auch deshalb so gut.
S. war/ist aus einem unerklärlichen Grund etwas Besonderes - oder vielleicht ist sie unserer Mutter auch einfach nur besonders ähnlich - rein charakterlich gesehen. Diese Einschätzung habe ich schon von mehreren gehört und selbst bin ich der gleichen Ansicht.
Ich war knapp 2 Jahre alt, als meine Schwester auf die Welt kam und wurde fortan zu meinen Grosseltern abgeschoben.
Eigentlich war das schon vorher der Fall; dies aber aus dem Grund, weil meine Mutter damals noch arbeiten ging. Nach der Geburt meiner Schwester war das dann übrigens nie wieder der Fall.
Sie war die Prinzessin. Die, die nicht oder kaum bestraft wurde, wenn wir *******e gebaut hatten. Die, die nicht oder kaum helfen musste im Haushalt. Die, bei der alles süss war was sie tat, während man sich bei mir für die gleichen Taten schämte.
Als sie mit 15 den ersten Freund hatte, wurde es misstrauisch beäugt aber gebilligt. Mein beginnendes Interesse an Jungs als damals 16-jährige wurde direkt im Keim erstickt.
Alles in allem gab es immer wieder Gründe für mich, eifersüchtig zu sein. Heute ist das nicht mehr so, weil mir mittlerweile klargeworden ist, dass sie sich diesen Status "Lieblingskind" weder ausgesucht noch gewünscht hat.
Trotzdem geht sie mir von Zeit zu Zeit einfach auf den Keks mit ihrer Art und Weise.
Grad aktuell würde ich am liebsten den Kontakt zu ihr abbrechen, weil sie nur noch 3 Themen kennt: Hausbau, unsere demenzkranke Oma (97) die bei ihr lebt, unser Vater der sie mit eben dieser Oma hat sitzen lassen.
Aber ich kann ihr schlecht sagen, dass mich diese immer wiederkehrenden Themen, bei denen jedes Gespräch letztlich im Nichts endet, ankotzen.
Dass ich es nicht mehr hören kann, nicht mehr hören will und ich mit meinen Problemen auch alleine klarkommen muss.
Grad weil das so ist, kann ich mich nicht einfach abwenden.

mal zwischenspeichern
melantheia ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 09.03.2010, 22:23   Mela's Diary Beitrag #5 (permalink)
Verleger
 
Benutzerbild von Natz
 
Registriert seit: 02.01.2008
Ort: where the vine grows....
Beiträge: 4.128
Standard

Mir fiel da spontan meine Mutter ein: auch da war es eine Dreierkonstellation, wo meine Großmutter im Prinzip gewollt oder nicht gewollt die Geschwister gegeneinander aufgehetzt hat. Das konnte sich jetzt auch erst richtig nach 40 Jahre klären, als die Großmutter einige Jahre verstorben war und meine Mutter und ihre Schwester über ihren Schatten gesprungen sind-das ist ein schwieriges Thema..
Natz ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 09.03.2010, 22:33   Mela's Diary Beitrag #6 (permalink)
Neuling
 
Benutzerbild von melantheia
 
Registriert seit: 04.03.2010
Beiträge: 10
Standard

Meine Eltern:
Mein Vater ... Ich dachte immer, ich kenne ihn.
Er war für mich immer die Person, die dafür sorgt, dass die Familie nicht auseinanderbricht. Im Dauerspagat zwischen meiner dominanten Oma (seiner Mutter) und meiner Mutter, die ständig wegen grösserer und kleinerer Streitigkeiten aneinandergerieten und ihn auf die jeweilige Seite ziehen wollten.
Dazu ackerte er wie ein Pferd - zuerst bis nachmittags im Job, danach noch auf dem Feld und im Wald. Und nie hat man auch nur einen Ton Missmut oder Machtwort von ihm gehört.
Nur uns Kindern gegenüber konnte er sich schwer beherrschen. Wenn meine Mutter den "Startschuss" gab (und der fiel oftmals schon mit den Worten "Warte, bis Papa nach Hause kommt !") dann setzte es was, um es mal vorsichtig auszudrücken.
Das bedeutete dann für ihn (und infolgedessen für uns): Er kam von der Arbeit nach Hause und wurde direkt von Mutter mit den entsprechenden Hiobsbotschaften an der Haustür empfangen. Entweder gings um Streitigkeiten mit Oma oder aber um irgendwelchen Mist, den wir Kinder fabriziert hatten. War letzteres der Fall, dann gings direkt rund.
Wenn wir Glück hatten, gabs nur was mit der Hand auf den nackten Arsch. Oftmals war da aber vorher auch schon der Kochlöffel drauf gelandet.
Ich kann mich aber auch an 2x Prügel mit dem Gummischlauch erinnern, nachdem ich wochenlang grün und blau war an Hintern und Rücken.

Selbstverständlich war das ja alles so nicht gewollt. Meine Mutter wollte nur ein verbales Donnerwetter von Vater für mich/uns.
Mein Vater ... Führte dieses eben auf seine eigene Art aus. Unfähig zu reden und nur die Erziehung weitergebend, die er selber genossen hat.

Ich fand es weder bedenklich noch seltsam, dass er nach der Arbeit sein Bierchen trank. Hatte er sich ja schliesslich verdient. Und das er dafür auf dem Weg von der Arbeit nach Hause bei seiner Stammkneipe reinschaute ...
Ja und ? Dann war das halt so. Männer machen das doch so, oder nicht ?
Mir ist erst im Laufe der letzten 12 Jahre (also etwa seitdem ich mit meinem Mann zusammen bin) klargeworden, dass mein Vater ein Alkoholproblem hat. Nicht nur, weil mein Mann viel weniger und viel seltener Alkohol trinkt, sondern vor allem dadurch, dass dieses Problem meines Vaters in den letzten 12 Jahren zu einem immer grösser werdenden Problem wurde.
Meine Mutter trennte sich vor etwa 14 Jahren von meinem Vater - unter anderem aufgrund des Alkohols.
Auch, wenn er nicht viel weniger unter ihren Eigenarten und Krankheiten zu leiden hatte als ich oder auch meine Geschwister - irgendwie hat ihm die Trennung seelisch das Genick gebrochen.
Nach 2 kurzen Techtelmechteln hat er mittlerweile seit etwa 8 Jahren eine neue Partnerin, die seltsamerweise (oder vielleicht auch logischerweise) fast die gleichen Eigenarten wie meine Mutter hat.
Die Frau tut ihm nicht gut und das weiss er auch, aber Trennung ? Kommt nicht in Frage.
Aber das ist ein Thema, das werde ich mal extra aufgreifen.

Zu meiner Mutter hatte ich ja jetzt schon so einiges angerissen - zwangsläufig.
Eigentlich kann man sagen, dass in sehr vielen Bereichen kein Weg an ihr vorbeigeht. Ein bisschen sträube ich mich dagegen, es so auszudrücken. Aber man kann doch irgendwie sagen, dass sie, wenn vermutlich auch unabsichtlich, für sehr viel verschiedenes Leid in unserer Familie verantwortlich ist.
Meine Mutter ist, durch eine schwere Mittelohrentzündung in ihrem 3. Lebensjahr, schwerhörig und trägt seitdem Hörgeräte. Dazu hat sie Bronchial-Asthma. Keine Ahnung, seit wann - ich kenn sie nur so.
Normalerweise müsste ich jetzt sagen, dass sich dadurch vieles relativieren wird. Wie z.B. die Tatsache, dass sie eben nicht alles machen kann.
Aber so einfach ist das nicht.
Ich entschuldige mich schon in Voraus dafür, dass ich hier so scheinbar kaltherzig über einen kranken Menschen schreibe und eine derart schlechte Meinung habe. Aber die Erlebnisse und Erfahrungen, die ich damit in der Vergangenheit (meiner Kindheit) gemacht habe, machen es mir schwer, diese Krankheiten als Entschuldigung oder Ausrede für viele Dinge anzuerkennen.

Die Schwerhörigkeit lasse ich mal aussen vor, denn die war/ist eigentlich das kleinere Übel aus meiner Sicht. Abgesehen davon hat sie mittlerweile diese Cochlear-Implantate und kommt damit auch sehr gut klar.
Früher war es zwar oft so, dass sie plötzlich gut hören konnte, wenn sie es nicht sollte - und umgekehrt. Aber bei welcher Mutter ist das nicht so ?
Das Asthma setzte sie allerdings oft geschickt zu ihren Gunsten ein - und tut das leider manchmal auch heute noch.
Wenn sie irgendwas nicht will, sie sich bedrängt fühlt, sie sich über irgendwas ärgert oder ihr sonstwas nicht in den Kram passt, kriegt sie quasi auf Knopfdruck einen Asthmaanfall. Zumindest tut sie so, denn wirklich nachvollziehen kann man das als Aussenstehender nicht. Und so schnell wie er gekommen ist, ist er oft auch wieder vorbei.
Schon damals hiess es, dass sie Aufregung vermeiden und sich keinem Stress aussetzen solle, weil dies Anfälle begünstigen würde.
Das war sozusagen das ärztliche Go für die Ausnutzung dieser Krankheit.
Da kam dann diese Leidensbittermiene und die theatralische Aussage: "Mir gehts überhaupt nicht gut !" und dann wusste man direkt, was einem blüht.
Für uns Kinder (jaaaa, in diesem speziellen Fall dann auch mal meine Schwester, und später der Bruder) hiess das dann in den meisten Fällen: Mamas Hausarbeit erledigen.
Während wir nach der Schule die aufgewärmte Tüten- oder Dosensuppe aßen, sass Muttern (nicht immer aber sehr oft) im Schlafanzug mit ner Turnierpackung Milkaschokolade und bewaffnet mit irgendwelchen Arztromanen vor der eingeschalteten Glotze.
Und da sass sie meistens noch, wenn wir mit den Hausaufgaben fertig waren, abgespült und aufgeräumt hatten und was sonst noch so anfiel.

Sie war früher schon so ich-bezogen. Vor allem was das finanzielle betrifft.
Gute Absichten anderen gegenüber hat sie genug. Aber wenns dann soweit ist, dann sind die leider sehr schnell vergessen, denn erstmal kommt sie und dann ganz lange nichts.
Ihre Glaubwürdigkeit ist gleich null. Auf jeden Fall bin ich dazu übergegangen, ihr gegenüber keine Erwartungshaltung mehr zu haben, um nicht enttäuscht zu werden. Zu oft hat sie in der Vergangenheit Versprechen gemacht und nicht eingehalten.
Tragischerweise ganz oft meiner Tochter gegenüber. Und seien es nur so "banale" Dinge wie das Versprechen, zu Besuch zu kommen.
Dann ruft sie ne Stunde vorher an, sagt mit Leidenston "Mir gehts heute garnicht gut, ich komme nicht." um mir dann am nächsten oder übernächsten Tag zu erzählen, was sie in der Zeit alles gemacht hat, in der sie hier sein wollte. Einfach, weil sich ihre Welt nur um sich dreht und sie in diesem Moment bereits vergessen hat, dass sie und warum sie abgesagt hat.

Lustigerweise neidet sie meinen Schwiegereltern den häufigen Kontakt zum Enkelkind. Sie hätte die Kleine gerne wesentlich öfter um sich, doch am liebsten so ganz ohne eigenen Aufwand.

Ich möchte Euch noch ein bisschen was zu meinen Grosseltern erzählen. Vor allem die Eltern meiner Mutter waren ein äusserst wichtiger Bestandteil in meinem Leben und werden es auch immer sein. Auch, wenn sie leider schon seit fast 20 Jahren tot sind.
Meine Grosseltern gaben mir Halt, Vertrauen, Liebe, Respekt, Geborgenheit. Alles, was ich zu Hause nicht oder kaum bekommen habe.
Kuscheln mit meinem Vater ? Undenkbar - ich kann mich nicht mal daran erinnern, ob er mich jemals in den Arm genommen hat.
Für meinen Opa war das selbstverständlich. Immer, wenn ich in den Ferien dort war, sassen wir abends aneinandergekuschelt auf der Couch und ich durfte das Sandmännchen gucken.
Mein Opa spielte mit mir Karten; lernte mit mir beim MauMau spielen rechnen. Er brachte mir das Radfahren bei und ging mit mir wandern.
Er baute das Kinderbettchen, in dem ich als Baby schlief - und in dem heute meine Tochter jede Nacht friedlich schläft.
Meine Oma strickte für mich. Bei ihr lernte ich das kochen und wie man Gemüse anbaut.
Beide banden mich in ihr Leben und ihre tägliche Arbeit mit ein. Ich hatte auch bei ihnen meine Aufgaben zu erledigen, aber sie gaben mir nie das Gefühl, es zu müssen und nur deshalb dort willkommen zu sein.
Wir taten die Dinge gemeinsam.
Meine Grosseltern verpassten mir in jeden gemeinsam verbrachten Ferien (und das waren gottlob die meisten) die nötige Portion an dickem Fell und Selbstvertrauen, um die Zeit bis zu den nächsten Ferien zu meistern.

Mal abgesehen von meinem Bruder und einer gut funktionierenden Freundschaft sind sie die Personen, die ich am allermeisten vermisse.
Mir fehlen diese "Aufbaukuren" - fast körperlich. Es ist so, als würde ich von meinem Mann keinerlei Streicheleinheiten mehr bekommen.


Wenn ich so lese, was ich bisher geschrieben habe ... wie ich über die Personen aus meinem nahen Umfeld denke; über meine Vergangenheit - und dabei ist dies hier nur ein kleiner Teil davon - ...
Dann fällt es mir schwer zu glauben, dass auch nur ein einziger Aussenstehender glauben könnte, dass stimmt, was ich erzähle.
Das klingt alles so extrem, so unwahrscheinlich.
Aber es war so, es ist so. Und es bricht immer mal wieder über mich herein. In Momenten wie diesen. In denen ich Zeit zum Nachdenken habe und mich frage, wie anders mein Leben verlaufen wäre, wenn ich diese oder jene Entscheidung anders gefällt hätte.
Oder ob ich vielleicht einfach ein extremer Mensch bin, der die Dinge, die ihm passiert sind, als heftiger einstuft, als sie in Wirklichkeit sind.

Geändert von melantheia (09.03.2010 um 22:46 Uhr)
melantheia ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 09.03.2010, 22:50   Mela's Diary Beitrag #7 (permalink)
Schreiberling
 
Registriert seit: 20.01.2010
Ort: NRW
Beiträge: 476
Standard

Hallo

die unglaubwürdigsten Dinge sind meist die, die wahr sind....würde man einen Film drehen der so abgeht würde er als "übertriebende Soap" gesehen.....und dabei ist genau das das Leben

Ich erkenne viel meiner Kindheit wieder.....meine Schwester war immer heißgebliebt und deren Kinder als Enkel immer besser als meine.....und wie bei euch konnte sie eigentlich nichts dafür und so wie ich unter mangelnder Aufmerksamkeit "gelitten" habe hat sie sich von der Liebe erschlagen gefühlt....sie hat mich um die "Freiheit" beneidet das ich meinen Mann, meine Kinder hatte und weggezogen bin von daheim und sie musste sich bis vor einigen Jahren mit Mutter u Oma rumschlagen....ich konte ihre ewigen gleichen Themen auch nicht mehr hören....habe nie überlegt daß sie das als belastend empfand was ich ja nie hatte.

Komisch, scheint ein Erziehungsproblem der Nachkriegsgeneration zu sein das es in vielen Familie so zuging.....gut das wir heute anders denken, anders an unsere Kinder rangehen...auch wenn ich sicher bin das sich solche Fehler wiederholen..wenigstens wissen wir das es anders gehen muss...und kann
ksaderfi ist offline   Mit Zitat antworten
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