Hallo,
ich habe ein paar Fragen wegen einer Therapie. In 4 Wochen habe ich ein Aufnahmegespräch in einer Tagesklinik. Auf einer Broschüre der Klinik steht, daß man nach Möglichkeit ein Ziel der Therapie benennen sollte. Gerade hier liegt mein Problem. Ich weiß, daß das sehr widersprüchlich klingt aber ich kann es im Moment wohl nicht direkt sagen, was ich eigentlich genau will.
Vor einem Monat hat meine Freundin mir mir schluß gemacht. Damit komme ich überhaupt nicht zurecht. Das verarbeiten zu können wäre wohl eines der Ziele die ich nennen könnte. Aber es kommen noch einige Dinge hinzu, von denen ich nicht sagen kann, was oder wie ich das ändern möchte.
Ich bin ein Mensch, der sehr zum Grübeln und Nachdenken neigt. Auch habe ich oft einen Hang zur Melancholie. Es klingt sicher merkwürdig und mag für außenstehende schwer zu verstehen sein. Aber ich erfreue mich an dieser Schwermut. Immer wenn etwas Gutes in meinem Leben gewesen ist, etwas was mir Spaß machte dauerte es nicht lange, bis es sich ins Gegenteil gedreht hat. Mittlerweile verbinde ich Glück und positive Gefühle fast ausschließlich mit schlechten Erinnerungen. Traurigkeit ist jedoch etwas für mich, was mir keiner nehmen kann. Es gibt Tage, an denen bin ich völlig emotionslos, kalt und fühle garnichts. Das ist furchtbar für mich, denn ich will fühlen. Aber ich kann es jetzt nicht mehr ins positive drehen. Es geht einfach nicht. Und so suche ich wieder halt an der Schwermut. Ich hülle mich in sie ein wie eine kalte Decke, die mir doch so viel wärme gibt. Es ist wie eine Freundin die mich besucht, mir beisteht, mich etwas fühlen läßt, was mir keiner nehmen kann. Oft stürze ich mich da auch mit Absicht hinein. Ich will es so und es fehlt mir an manchen Tagen wenn ich mal nicht so traurig bin.
Es ist kein Selbstmitleid. Und ich mache das auch nicht, um auf mich aufmerksam zu machen. Niemand bedauert mich deswegen und ich verbringe meine Zeit auch alleine damit. Es geht einfach nur darum zu fühlen. Und ich fühle mich dabei zwar schwer aber lebendig. Es ist vielleicht so wie für einen Süchtigen der endlich seine Droge bekommt. Die ganze Sicht auf die Welt verändert sich in diesem Moment, alle Sinne werden plötzlich so scharf und ich kann mich ganz dieser Sache hingeben. Jeder kleine Geruch, Windhauch, das Rascheln von Laub, Licht und Schatten ich nehme das dann alles ganz bewußt wahr. Es ist vielleicht zu Beschreiben wie der Herbst. Obwohl die Natur „stirbt“ ist sie doch so farbenfroh. Wer kann das schon verstehen, daß man sich gerade in solch einer Trauer so lebendig fühlt?
Und soll ich denn meine Gefühle abstellen? Das ist wohl auch so ein Kernthema. Was mit meinen Gefühlen machen? So wie ich die traurigen und schweren Dinge wahrnehme, so erfahre ich dadurch auch die Guten (so es denn mal welche gibt). Selbst nach 2 Jahren Beziehung war es für mich ein hoch intensives Erleben meine Freundin zu berühren. Und das meine ich nicht in sexueller Hinsicht. Einfach nur ihre Haut zu sehen, ihren Mund beim Reden zu beobachten, ihre Hand zu fühlen. Wenn ich sie gestreichelt habe ging ein wohliges Gefühl durch meinen ganzen Körper. Als würde ich da etwas aufsaugen. Es gab jeden Tag so viele kleine Dinge zu entdecken. Manchmal war es so als wäre ich nach Ewigkeiten aus dem Nichts ins Leben zurück gekommen. Und so ist jetzt leider auch jede Erinnerung so schwer. Ich weiß noch genau, wie wir uns das erste mal trafen. Ich sehe das Licht, den trüben Himmel noch genau vor mir. Ich habe immer noch dieses Gefühl als würde ich jetzt direkt in diesen Moment zurückkehren und ihn nochmal erleben. Und so blitzen jeden Tag die Erinnerungen auf. Es reichen winzige Dinge um das auszulösen.
Ich will aber doch meine Gefühle nicht ablegen oder zurückstufen. Ich will nicht abstumpfen. Was soll ich also machen? Ist es denn so abnormal so intensiv zu fühlen? Muß ich das überhaupt ändern. Nun, das kann ich wohl nur selbst beantworten. Jemand bei der Telefonseelsorge sagte mir etwas, was wohl auch auf das nächste Thema was ich gleich ansprechen möchte zutrifft. Ich soll mich keinesfalls ändern. Ich soll nur einen Weg finden damit zurecht zu kommen, sodaß ich nicht daran zerbreche.
Das Nächste wäre das Nachdenken. Ich mache mir sehr viele Gedanken über alles was ich sehe und nicht verstehen kann. Vielleicht bin ich zu dumm dafür es zu verstehen. Aber es wirft jeden Tag so viele Frage und Gedanken in mir auf wenn ich sehe wie die Menschen miteinander umgehen, wie sie sich den Tieren oder dem Planeten gegenüber verhalten. Ich frage mich, warum so viele Menschen sich vor dem Fernseher so „verdummen“ lassen. Warum so viele auf materielle Dinge so fixiert sind. Warum lassen sich die Menschen von der Industrie ihre Bedürfnisse vor diktieren? Was zählen heute noch richtige Werte? Ich könnte die Liste ewig fortsetzen. Aber was soll ich denn dagegen machen, daß sich diese Fragen in mir aufwerfen? Ich kann und will mich diesem Prozess der Massen nicht anpassen. Ich will doch nur ich sein. Ich kann nicht mein ganzes Denken verwerfen und sagen „ok, es bedrückt mich, also sehe ich zu, daß mir das alles egal wird“. Ich will ja auch darüber nachdenken und das dann in Bilder umsetzen. So werde ich wohl die Welt nicht verändern, aber vielleicht denkt ja dann doch der ein oder andere mehr über etwas nach. Ich will keine Blumen oder Häschen malen. Sicher möchte ich mich auch an Stillleben oder so probieren. Aber ich will mich gerne ausdrücken und „künstlerisch“ Tätig sein. Was anderes kann ich mir für mich nicht vorstellen. Aber wenn ich doch diese ganzen Gedanken verwerfen oder gar übergehen würde, wie soll ich dann noch malen? Das klingt vielleicht paradox. Aber was soll ich daran ändern? Gibt es nicht eine Möglichkeit einen Ausgleich zu schaffen? Ich habe Angst, daß ich das sage und ich darauf hin nicht mehr in der Klinik angenommen werde. Vielleicht versteht mich ja jemand. Ich meine, es ist schon mein ganzes Leben lang so, daß ich so viel über alles nachdenke. Habe ich den 27 Jahre völlig falsch gelebt? Ist es denn krank, wenn einen solche Themen beschäftigen? Bin ich zu sensibel, daß ich so darauf reagiere?
Wenn ich das jetzt alles ändern soll dann denke ich, daß ich meine ganze Persönlichkeit aufgeben müßte. Das macht mir große Angst.


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