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Thema: Positiv/Negativ

  1. #1
    Ste
    Gast

    Standard Positiv/Negativ

    Immer wieder taucht es auf: Das positive Denken!

    Immer wieder wird man bewertet, nach einem dualen Schema. Positiv oder negativ, fertig.

    Insgeheim untertellt man jedem Opfer, es habe sein Schicksal durch negatives Denken angezogen oder provoziert, oder man habe in einem früheren Leben halt Schuld auf sich geladen.

    Positiv denkende Mordopfer schient es nicht geben zu können. Werden nur negative Menschen umgebracht? Das wär ja dann eine sinnvolle Auslese?!?

    Ist das alles wirklich so einfach? Wie könnte ein positiv denkender Mensch über die Ausschwitz-Birkenau denken oder etwas "positives" dazu sagen? Vielleicht "wir können daraus lernen"? Wäre es positiv gedacht, dass man 6 Millionen Menschenopfer braucht um zu lernen, dass man Leute nicht vergast?

    Der Vorwurf des negativen Denkens als Waffe, gibt es das? Das Totschlagargument "du denkst negativ", wer setzt es wann und warum ein?

    Ist positiv Denken manchmal Flucht vor der Realität? Ist die rosarote Brille ein bewusster Schutz vor Dingen, die man als belatend empfindet und die daher von der Firewall geblockt werden (sollen)?

    Liegt nicht in der Aufteilung in positive und negative Menschen auch eine Art Rassismus zugrunde? Geht es letztlich um den kleinsten Nenner, der da sagt, alles ist entweder gut oder schlecht, basta? Guter Mensch, schlechter Mensch?

    Wenn man mal die Extreme weglässt, also sowohl den Depressiven wie auch den Esoteriker, ist es dannn nicht so, dass fast jede Situation und auch jedes Lebewesen einer Bipolarität unterworfen ist, einer Art Wechselstrom, der beide Pole braucht, positiv und negativ?

    Würde mich freuen über eine Diskussion zu diesen und anderen Fragen, die das Thema betreffen!

    Grüße

    Ste

  2. #2
    Roman Verfasser
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    Standard

    Guter Thread, beschäftigt mich auch grad!

    Ist denn jemand, der negativ denkt, automatisch Opfer?
    Ich denke nicht. Aber vielleicht sieht er sich schneller als eins?
    "Schuld" hat man im Leben äußerst selten, ich präferiere das Wort Verantwortung.
    Man trägt für sich selber die Verantwortung. Und je nach dem, wie man sich sein Leben wünscht, sucht man sich Wege, dahin zu gelangen.

    Manche Menschen finden sofort den richtigen Weg, andere nicht. Das sind die Erfahrungen, die das Leben ausmachen und uns zu unserem Denken verhelfen.

    "Was uns nicht umbingt macht uns hart" - mein Lebensmotto. Schwere Zeiten sind da, um mit ihnen umzugehen, leichte Zeiten, um Kraft zu tanken.

    Aber bitte, wie beschränkt (und ich meine das Wort im eigentlichen Sinne, nicht als beleidigung) ist man denn, wenn man einfach mal andere Erfahrungen nicht als solche animmt, sie wegignoriert, um sich weiter in Trauer/Wut/Depression sulen zu können?

    Meine positive Art zu leben hat 2 Gründe:
    Ich weiß, im Notfall bin ich nicht allein, und 2. ich hab mich selber schon aus so viel Mist rausgezogen, da kann kommen, was will. Ich möchte niemals grundlegend pessimistisch sein.
    Realistisch ja! Wenn was Negatives kommt, nehm ichs auch als solches an. Aber pessimitisch? Wozu?

    Es ist wie beim Kampfsport (Das ist ja eh mein Lebenselexier), kriegt man auf die Schnauze, steht man wieder auf, begutachtet einmal die Blessuren und macht weiter.

    LG, Kaja
    Jeder hat gesagt "das geht nicht", bis einer kam, der das nicht wusste und es einfach gemacht hat.

  3. #3
    Nachwuchs Autor Avatar von martinspin
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    Hi Ste

    Sowohl positives als auch negatives Denken, kann ein Schutz vor unangenehmen inneren und äusseren Realitäten sein. Dem einen hilft es zu Überleben, wenn er auf der negativen Schiene fährt und dem anderen hilft es mehr, auf der positiven Schiene zu fahren. Letztlich sitzen wir alle im gleichen Boot. Wir haben alle unsere Verletzungen, daraus Schlüsse gezogen und Strategien entwickelt.

    Es gibt ein Welt jenseits der Bewertung. Wenn ich mich und andere immer wieder bewerte (positiv oder negativ), empfinde ich mich als Gefangener meiner Gedanken. Eigentlich möchte ich das nicht. Es steckt eine grosse Portion Hilflosigkeit dahinter wenn ich auf der Bewertungs-Schiene fahre. Wenn ich mir und den Menschen ohne bewerten begegnen kann, kommt Leben in die Bude und es geschehen Dinge, die ich nie und nimmer berechnen könnte. Der Kopf trennt und das Herz vereint. Beides braucht es wohl im Leben.
    Liebe Grüsse, Martin

    I Psychologieforum.de

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  4. #4
    Ste
    Gast

    Standard

    Danke für die Teilnahme!

    Es ist wie beim Kampfsport (Das ist ja eh mein Lebenselexier)
    Das finde ich gut, Kampfsport würde ich gerne zum Pflichtfach an Schulen machen. Man kann als Kampfsportler kaum eine neagtive Grundeinstellung haben und auch die Opferrolle ist in diesem Metier kaum zu finden.

    Ich sehe in so manchen Lebensaufgaben sportliche Herausforderungen und ich habe sportliche oder pseudosportliche Leitbilder (Rocky). Das Leben als Boxkampf über 15 Runden zu sehen, ist spannend! Verlieren erlaubt, aufgeben nicht!

    Nun hat man es beim Sport mit Gegnern zu tun, nicht mit Opfern. Es gibt Regeln und man trainiert hart, geht nur gesund "in den Ring". Da ist das wirkliche Leben unsportlicher, unfairer. Hier gibt es Täter und Opfer, das ist Fakt. Hier gibt es Verbrechen. Nicht nur, aber auch.

    "Was uns nicht umbingt macht uns hart" - mein Lebensmotto. Schwere Zeiten sind da, um mit ihnen umzugehen, leichte Zeiten, um Kraft zu tanken.
    Kindesmisshandlung hat mich nicht umgebracht, aber auch nicht hart gemacht. Indiander kennen Schmerz. Jungs auch.

    Aber ja, ich lebe noch und ich gestalte mein Leben heute selber, bin im realen Leben aus der Opferrolle herausgekommen, für die ich aboniert war. Aber man kann Traumata nicht wegpositiveren, jeder Psychologe hat mir das bestätigt.

    " Was mit ihnen gemacht wurde, dass kann man nicht mit ein par Jahren Therapie reparieren. Damit werden sie immer wieder zu tun haben, auch in Form von Wut, Trauer und Schmerz" [Diplom Psychologe B.]

    "Sie haben sich das Leben aus den Rippen geschnitten, sie sind ein Überlebenskämpfer" [Diplom Psychologe O.]

    "mhmm, ja, sie sind ein Getriebener" [Chefarzt Dr. S]

    Ich beziehe übrigens viel Kraft aus meinem festen Glauben, dass mir Unrecht angetan wurde und dass dies nicht relativierbar und nicht entschuldbar ist. Ich lehne auch jede Schuld dafür ab, Verantwortung hatte ich dafür als Kind auch nicht, Kinder haben keine Verantwortung für erlebte Gewalt.

    Eines scheint klar, Optimisten kommen leichter durchs Leben und bewältigen Krisen besser. Wer eine hohe Resilienz hat, steht auch Entführung und Folter durch, die ist aber angeboren, brüsten kann man sich damit nicht, wem sie fehlt, der ist daran nicht schuld, sondern der braucht halt dann mehr Rücksicht und auch mehr Hilfe von seinen Nächsten. Ist doch logisch, der stärkere hilft dem Schwächeren.

    Martin: Es gibt ein Welt jenseits der Bewertung
    Ja, die gibt es. Vielleicht führt Liebe zu so einer Welt, christliche Liebe, nicht die hysterisch-erotische.

    Grüße

    Ste

  5. #5
    Nachwuchs Autor Avatar von martinspin
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    Standard

    Hi Ste

    Super, du klingst momentan sehr entspannt und versöhnlich
    Liebe Grüsse, Martin

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  6. #6
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    Also mir wäre es auf jeden Fall öfters lieber, dass Personen positiver denken. Wenn man eine Person mag, will man einfach, dass sie glücklich ist. Und wenn sie immer Depression ist ohne ersichtlichen Grund (auch bekannt als "Ich weiß nicht was mit mir los ist"-Syndrom), dann kann man der Person eigentlich auch gar nicht helfen, höchstens versuchen über seine Menschenkenntnis den wahren Grund selbst zu erraten. Da man die Person halt mag und sie immer traurig sieht, ist es halt sehr belastend und man würde am liebsten einfach sagen "Hey dein Leben ist doch super, denk mal positiver und lass dich nicht zu hängen, du Nase!" Im Prinzip würde man alles dafür tun, dass die Person glücklich ist, aber weiß einfach nicht wie, außer ihr zu sagen, dass man doch für sie da ist und sie doch alles bekommt, was sie will und sie gefälligst nicht mehr depri sein soll.

  7. #7
    Roman Verfasser
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    Standard

    Ich denke, man kann da unterscheiden zwischen momentanem negativem Denken, was nach einer harten Zeit einfach normal ist, und dem Dauerzustand "negativ".
    Jemand, der quasi immer dieses "Jammern auf hohem Niveau" betreibt, da krieg ich echt zuviel und das ist sicher nicht zu vergleichen mit einem Menschen, der grad eine starke Belastung aushalten muss.
    Jammern ist ja bei manchen Menschen eine Art Volkssport - da wende ich mich dann meist auch schnell ab.

    LG Kaja
    Jeder hat gesagt "das geht nicht", bis einer kam, der das nicht wusste und es einfach gemacht hat.

  8. #8
    Ste
    Gast

    Standard

    Einige Zitate:

    Eine zu starke Fokussierung auf Positives Denken kann dazu führen, dass negative Situationen, Gedanken und Gefühle nicht mehr bewusst verarbeitet, sondern verdrängt werden. Dadurch können Teile der Persönlichkeit abgespalten werden.
    "der/die sieht alles durch dir rosarote Brille"

    Problematisch wird positives Denken dann, wenn Unglück und Leid als vom Menschen selbst verschuldet gelten. Die soziale Komponente bleibt bei dieser sehr individualistischen Sicht ausgeklammert.
    "Wem schlimmes passiert, der ist selber schuld hat es nicht anders gewollt, wer so denkt, dem muss es ja schlecht gehen..."

    Psychologen und Psychiater warnen ausdrücklich davor, dass die Methoden labile und depressive Patienten weiter schädigen können. Besonders bei unkritischen Menschen können sie auch zu einem Realitätsverlust führen.
    "wer einen leidenden oder kranken Menschen gerne tief verletzen und dauerhaft schaden will, sollte ihm/ihr also mit positivem Denken kommen"

    Oswald Neuberger, Professor für Psychologie an der Universität Augsburg, sieht in der Methode des Positiven Denkens eine zirkuläre Falle: „Wenn du keinen Erfolg hast, dann bist du eben selber schuld, weil du es offensichtlich nicht richtig probiert hast. Der Trainer aber bleibt unfehlbar.“ Zudem werde das Problem des Versagens individualisiert, Misserfolge personalisiert, das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem aber von Schuld freigesprochen.
    "Man reduziert alles auf den einzelnen, der isollierte Ich-Mensch ist geboren. Hat er Erfolg ist das 100% sein Verdienst, scheitert er, hat er 100% selbst Schuld. Die Gesellschaft erhält einen General-Freispruch (auch die Nazis?!?!) und es entstehen Normen, was zu schaffen ist und auch wie (andere können das auch, warum (nur) du nicht?

    Nun muss man aber auch sehen, dass man heute der Meinung ist, dass erfolgreiches Lernen nur in einer positiven Umgebung möglich ist. Stress und Angst verhindern, dass ein Mensch gut lernen kann, sich gut entwickeln kann.

    Ein kranker Mensch hat bessere Chancen auf Heilung, wenn er daran glaubt und es auch fest will. Ein fester Wille ist überhaupt es grundlegend positives, weil die Richtung ganz klar in Richtung vorne/oben/gewinnen geht. Ein verbissener, selbstgerechter Mensch, der sich immer gegen alle durchsetzen will/muss, ist allerdings auf neurotische Weise "positiv".

    Ich suche die Ausgeglichenheit und ich denke, dass es Glückskekse ebenso wie Melancholiker geben darf und muss, die Mischung machts. Ein rosaroter Brillenträger mag manchmal froh sein, wenn ein Mensch ihn vor zuviel Wagemut warnt, der ängstliche wiederum wird froh sein um einen kräftiger Anschubser in die richtige Richtung.

    All das ist ja normales zwischenmenschliches Wirken und war auch schon immer so, die Leute gewöhnlichen haben das aber nicht untersucht oder analysiert, man hat über Generationen weitergegeben, wie man als Mensch durchs Leben kommt. Kinder haben dem Großvater oder der Großmutter mit offenen Mündern und großen Augen zugehört und sie lernten. Heute ist dies den Kindern weitgehen genommen, auch die Kirchen haben ihre Rolle und Bedeutung verloren.

    Der Psychomarkt dagegen boomt, Lebenshilfe ist ein Milliardengeschäft.
    Kann das Goßmutter und Großvater ersetzen? Kann das glückliche Kleinkindjahre bei der Mama aufwiegen?

    Ich merke, ich werde wieder negativ

    Grüße

    Ste

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