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Neuling
Danke!
Habe heute nacht Dienst und hoffe auf eine ruhige Nacht, so werde ich sehr gerne über das nachdenken, was Du gechrieben hast (lohnt sich ohnehin).
liebe Grüße
elke
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Hallo Elke
stimmt, war viel Input beiderseits.
Mich würde deine Lösung interessieren. Wie gehst du an die Sache ran.
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Neuling
Guten Morgen Birgit,
nun war die Nacht also doch nicht so ruhig, wie ich erhoffte. Aber zumindest möchte ich Dir eine Antwort nicht schuldig bleiben, bevor ich mich ins Bette lege:
Ich erzähle Dir gerne ein bißchen von meiner Lösung und würde mich sehr freuen, wenn ich im "Gegenzug" ein bißchen mehr von Deiner Lösung wissen darf.
Ich bleibe übrigens gar nicht stehen bei der Anklage. Darf ich auch gar nicht und kann es auch gar nicht. Ich könnte heute sonst gar nicht dort sein, wo ich bin. Für mich bedeutet Anklage auch nicht zwangsläufig schuldig sprechen. Es geht mir selbst auch gar nicht mal um Schuld. Dagegen in unserer Diskussion sind wir irgendwann auf das Täter-Opfer-Rollenvertauschen in der Eltern-Kind-Beziehung gekommen. Und es gibt keinen Täter ohne Schuld. (Nur so nebenbei, ums loszuwerden
)
Ich bleibe überhaupt niemals stehen. Das gehört für mich auch für das Arbeiten mit mir selbst: Niemals ankommen. Ich möchte niemals abschließen oder meinen "inneren Kampf", wie Du es (sehr treffend) ausgedrückt hast, zu Ende kämpfen. Sondern ich schaue immer wieder hin. Ich mache meine Kindheit und die inneren Kämpfe, die ich habe, zu meinem Anfang für alles, was ich tue und wovon ich überzeugt bin. Und die Lösung(en), die ich finde, ist (sind) nicht meine Antwort, sondern meine Frage. Ich höre nie auf zu fragen. Das ist mir ganz wichtig. Ich habe mit meiner Lösung meinen Frieden nicht gefunden. Ganz sicher nicht. Ich habe aber auch niemals den Frieden zu meinem Ziel gemacht.
Ich bleibe immer bei meiner Geschichte und ich benutze sie jeden Tag. In allen Zusammenhängen. Mit allem, was sie mir zu sagen hat. Und ich setze das, was meine Kindheit ausgemacht hat, immer wieder um. Das heißt gar nicht, daß ich bewußt mit meinen Kindheitserinnerungen lebe. Aber ich umkreise "mich selbst in meiner eigenen Geschichte" immer wieder durch andere Geschichten. Meine innere Stimme ist sozusagen ein Geschichtenerzähler. Diese Geschichten schützen mich vor der direkten Berührung mit meiner persönlichen Geschichte, lassen aber gleichzeitig auch zu, daß ich mich ihr langsam und behutsam nähern kann.
Ich möchte meine Kindheit nicht umsonst gelebt und vor allem nicht umsonst durchlitten haben, ich möchte keinen Schlußstrich ziehen. Sondern ich möchte aus ihr etwas machen. Ich habe meine Kindheit als einen "Ackerboden" entdeckt, und zwar sogar als einen sehr fruchtbaren, auf dem ich (an)baue. Mein Ackerboden macht mich gewiß nicht zu einem glücklichen Menschen. Aber alleine das Ergebnis meiner Arbeit mit diesem Ackerboden und das was ich ihm entlocken kann. Und dieses Ergebnis ersetzt mir in vollem Umfang eine glückliche Kindheit, die ich nie hatte, und alle Liebe und Geborgenheit, nach der ich mich gesehnt habe. Vielleicht ist das ein ganz besonderes Glück sogar. Ich weiß nicht. Eintauschen möchte ich es jedenfalls nicht. Im Umkehrschluß also auch meine Kindheit nicht (wobei mir das immer noch ausgesprochen schwer fällt auszusprechen. Wäre andererseits allerdings auch schade, schon alles «abgeerntet» zu haben. Mich fasziniert jede einzelne Ähre).
Mir liegt nämlich tatsächlich dieses "gerade nur deshalb" besonders am Herzen. Weil nämlich alles was ich bin, ich tatsächlich nur dadurch habe werden können, daß meine Kindheit so war wie sie war - mit all ihren Grausamkeiten und bösen Erfahrungen. Daraus bin ich geworden. Wenn ich irgendwann einmal meinen "inneren Kampf" ausgekämpft hätte, würde ich mich um alles betrügen. Ich bin nicht für den Frieden geschaffen. Eher für den fairen sportlichen Kampf.
Nun, das ist ein kleiner, aber für mich sehr wichtiger Teil meiner vielleicht ja ganz individuellen Arbeit mit meiner Geschichte und meiner Arbeit mit mir selbst. Ich denke, jeder muß unbedingt seine eigene Lösung finden und ganz genau auf seine Ressourcen schauen. Die sind meistens reicher als man glauben mag. Für mich stehen trotz allem aber am Anfang immer die Anklage, die Wut und manchmal auch der Zusammenbruch. (S)einen Überblick und eine Meinung bekommen und fühlen, wo man steht. Und im zweiten Schritt der Mut, sich dem zu stellen, was man sieht mit allem, was man hat.
Liebe Grüße
elke
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Neuling
Liebe Birgit, liebe elke,
ich habe Euren „Streit“ immer mitgelesen, habe mich aber nicht getraut mich einzumischen. Aber es hat da viel in mir gearbeitet. Ich habe viel nachgedacht über das was hier geschrieben worden ist. Vor allem darüber wie sich meine Kindheit aus der Perspektive meiner Mutter angesehen haben mag.
Das habe ich tatsächlich schon längere Zeit. Schon als Teenager habe ich versucht die Erziehungsmethode meiner Mutter zu verstehen. Das Ergebnis war für mich dass ich mich schuldig und minderwertig gefühlt habe. Ich habe in den Jahren danach angefangen mich als Kind, aber auch insgesamt als Mensch zu hassen und ich habe angefangen die Erziehungsmethode meiner Eltern als richtig anzusehen, weil sie die einzige nur gewesen sein kann die mich zu einem anständigen und (vielleicht sogar) nützlichen Menschen machen konnte. Ich habe tatsächlich eine Art Tätergefühl (im ungefähren Sinne) entwickelt und war überzeugt, es nicht anders verdient zu haben. Ich habe mich schon manchmal gefragt, was an mir so furchtbar falsch gewesen sein mag dass diese harte Erziehung für mich nötig war.
Meine Mutter hatte immer wieder betont dass es bei mir ja nicht anders ginge. Ich hatte Schulfreundinnen die selbstsicher waren und nie zuhause geschlagen wurden, dafür aber ein herzliches Verhältnis zu ihren Eltern hatten. Da war sehr viel gegenseitiges Vertrauen war. Ich dagegen war immer auf der Hut vor meiner Mutter, habe viel versteckt und verheimlicht vor ihr und sie auch manchmal angelogen. Und dann muss ich daran denken was hier geschrieben wurde. Dass nämlich ich vielleicht nur auf das reagiert habe, wie meine Eltern mir begegnet sind.
Und ich frage mich oft warum meine Mutter nicht gemerkt haben will, wie ich mich entwickle. Sie hat nie merken wollen dass ich immer eingeschüchterter, unsicherer, gehemmter und unglücklicher wurde und dass ich mich immer mehr zurückgezogen habe. Wenn ich heute einen elterlichen Rat oder Beistand brauche, rufe ich meine Schwiegereltern an (die leider in Ägypten leben). Ich habe zu beiden ein sehr enges und sehr herzliches Vertrauensverhältnis und war auch gerade wieder für zwei Wochen dort. Ich käme niemals auf die Idee mich mit was auch immer an meine Mutter zu wenden.
Ich kenne beide Seiten. Die des Kindes einer immer wieder strafenden Mutter, die ich als verständnislos und nicht liebend empfunden habe und die der Mutter. Ich habe manchmal Angst gehabt zu der Überzeugung zu kommen dass es wohl doch ohne Strafen nicht geht, wenn unsere Kinder wiederholt Verbotenes taten oder einfach nicht tun wollten was man ihnen sagt, oder wenn sie uns provoziert haben. Mein Mann ist da immer ganz ruhig geblieben. Er ist zwar sehr streng mit unseren Töchtern, hat aber eine besondere Art mit Kindern. Statt zu strafen erzählt er kleine altersgerechte Geschichten, die mit dem betreffenden Kind und dem was es getan hat persönliche und individuelle Berührungspunkte haben und die seine Botschaft an das Kind vermitteln sollen. Mein Mann zeigt in diesen Geschichten unseren Kindern auf was sie mit dem anrichten (können), was sie getan (oder nicht getan) haben. Durch diese Geschichten (als Erziehungsmaßnahme) umkreisen unsere Kinder das was sie getan haben und die möglichen Folgen aus verschiedenen Blickwinkeln. Sie verstehen was es bedeutet, ein Teil der menschlichen Gesellschaft zu sein und welche Verantwortung darin liegt. In diesen Geschichten hat das betreffende Kind immer auch eine „Rolle“. Mein Mann geht mit der «Rolle» unserer Kinder in diesen Geschichten sehr sensibel um und die Art und Weise wie er das Kind mit seinem Vergehen/Unterlassen/Ungehorsam/Provokation etc. in die Geschichte einbaut, zeigt immer dass auch das Kind mit seinem Verhalten das Recht auf Verständnis hat.
Auch das mit der Liebe klappt nicht. Ich kann meine Mutter nicht lieben. Mit ihrer strafenden Hand, ihrem Kochlöffel und ihrem Teppichklopfer hat sie es nicht geschafft, mir etwas Liebenswertes an ihr zu zeigen. Lieben kann ich tatsächlich ausschließlich meine Schwiegereltern und vor allem meinen Mann und unsere Kinder. Wir alle haben einen natürlichen Respekt voreinander.
Es stimmt leider, ich wusste als Kind im Gegensatz zu unseren Töchtern wirklich nicht warum ich etwas zu tun oder zu lassen hatte. Ich habe einfach nur gelernt zu gehorchen und mich zu fügen. Oder vielleicht besser: zu unterwerfen.
Liebe Grüsse an Euch alle und Danke für Eure Gedanken und Eure Diskussion
Imke
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