Hallo Anck,
hatte ich fast gedacht ... Dies ist nach Deiner Ausbildung die erste Stelle?
Es ist also nicht nur die Firma, sondern auch der "Realitätsschock"
Ausbildungen sind ja immer ganz toll, vor allem, wenn man in einem vernünftigen Ausbildungsbetrieb gelandet ist.
Die häufige Firmenrealität sieht aber leider zu oft ganz anders aus. Das, wofür Du ausgebildet wurdest, beherrschst Du.
Diese Projektarbeit ist aber ein ganz anderes Kaliber, weil sie nicht nur Deine erworbenen Kenntnisse betrifft.
In den Worten von Kü:Projektmanagement basiert auf Prozessmanagement....das Projektmanagement in dieser Firma eher ein Minenfeld [ist]...
Gerade bei Firmen, die sich von kleinen Unternehmen aus "hochgewirtschaftet" haben, gibt es oft so einen Punkt, an dem die bisherigen Methoden und Vorgehensweisen nicht mehr zur gewachsenen Größe passen - dies seitens der Führungsetage aber nicht wahrgenommen wird.
Deine Fähigkeiten als TZ in allen Ehren: als Projektverantwortliche hättest Du auch klare Kompetenzen gegenüber den zuarbeitenden Stellen bekommen müssen, es hätten Meilensteine und regelmäßige Verlaufsgespräche stattfinden müssen - mit klaren Anweisungen, wie Probleme abgestellt werden sollen etc.
Ich gehe mal davon aus, dass Du da ziemlich in der Luft gehangen hast, oder? Hättest Du dies wissen müssen? Wohl eher nicht ...
Gut, das Projekt ist jetzt gegen die Wand gefahren - lass Dich jetzt aber nicht in eine Schulddiskussion verstricken.
Das Ding war ne Nummer zu groß für Dich - dies hätten Deine Chefs aber wissen müssen. Dass Du da vll etwas zu blauäugig rangegangen bist: okay, stimmt zwar, aber es ist ein Lernprozess. Wenn Du noch nie vorher soetwas eigenverantwortlich gemacht hast und keine Führung und Unterstützung bekommst - dann geht dies auch aufs Konto der Firma.
Interessant aber, wie Du anscheinend versucht hast, die Situation zu "retten": Dich hineinverbeissen, alles selbst machen, Extrastunden abreissen ...
Hast Du Dir dabei die Schuld gegeben, dass es nicht läuft? Dich "zur Strafe" noch mehr mit Arbeit zugeschüttet?
Du schreibst, Du hättest Deine Chefs auf die Probleme hingewiesen. Auch klipp und klar die wunden Punkte nennen und Abhilfe einfordern können? Wohl eher nicht ... ?
Ich muss das schaffen ... ich muss das doch können ... ich strenge mich nur nicht genug an ... dann muss ich eben noch mehr arbeiten ... ich muss mich beweisen ... ich muss mir beweisen, dass ich wirklich so gut bin, wie ich bisher geglaubt habe ... ich will in der Firma / von den Kollegen akzeptiert werden ... ich bin für alles verantwortlich ... ich will meinen Job nicht verlieren ...
Trifft hiervon einiges auf Dich zu? Hast Du perfektionistische Tendenzen? Wie sehr hängt Dein eigenes Selbstbewusstsein davon ab, gute oder sehr gute Ergebnisse erzielen zu können?
Hast Du eine andere Wahl? Es hört sich erst einmal so banal an: ja, Du hast sie. Und nicht nur eine.
Du kannst das Erlebte als Erfahrung akzeptieren, wenn auch als negative. Aber Du kannst daraus für Dich lernen: wie kannst Du in Zukunft solche Entwicklungen vermeiden?
Ob dies negative Konsequenzen für Deinen Job hat? Hängt davon ab, wie Deine Chefs gepolt sind ...
Vll nehmen sie es jetzt als moralisches Druckmittel, um noch mehr Leistung aus Dir herausquetschen zu können (Du bist ja schließlich "schuld" ...). Vll wird Dir gekündigt - so what: willst Du Dir wirklich vorstellen, auf Dauer so weiterarbeiten zu können? Eine Kündigung würde Dir ja auch einige Probleme abnehmen, oder?
Nur, und da hat Kü absolut Recht: so läuft es in großen Teilen der Wirtschaft nun mal
Maximale Leistung zu minimalen Kosten.
Warum wohl hat mein ehemaliger Chef das Stammpersonal abgebaut und durch Azubis ersetzt? Warum wurden Leute eingestellt, deren Selbstbewusstsein aufgrund irgendwelcher "Zwänge" auf wackligen Füßen stand? Wenn etwas nicht lief, weil es vor diesem Hintergrund gar nicht geleistet werden konnte (Standardreaktion bei Problemen: dies ist ihr Problem ...) - nun ja: dann muss man sich eben mehr anstrengen = Überstunden ...
Wie wäre es, wenn Du Dir mal eine andere Frage stellst: wie hat sich dies jetzt auf Dich ausgewirkt, welche wunden Punkte hat es zum Vorschein gebracht?
Nicht im Sinne von Fehlern ("Versagen" / "Unfähigkeit") - wie sieht es mit Deinem Selbstverständnis aus?
Hier kannst Du ansetzen und daran arbeiten - für Dich.
Wie hast Du Dich bisher definiert? Wie stellst Du Dir einen Job vor? Vom Gefühl her, das Du dabei haben willst.
lg


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