Hi Gemeinde,
ich komme gerade von einer 5-tägigen Radtour am Alpenrand entlang zurück. Und mir kam dabei öfter der Gedanke, dass dies - oder eine mehrtägige Wanderung (Pilgerweg etc) vll bei psychischen Störungen erstmal gemacht werden sollten, bevor man zu Pillchen greift. Sehr provokativ, ich weiss
Aber ich meine es tatsächlich ernst.
Für mich war es zumindest in einer Beziehung so was wie der immer wieder herbeigesehnte "Resetknopf". Ich war in den letzten Wochen sehr angespannt aufgrund einer gesundheitlichen Unklarheit, hatte einige Untersuchungen und immer wieder warten...Dazu kamen noch Dinge, die mich emotional erschüttert haben.
Ich hab kurz vor dem Urlaub zum Glück noch eine gesundheitliche Entwarnung bekommen und das strampeln half mir, zumindest diese Sache aus dem Kopf zu kriegen. Vorher wurde der Alltag doch immer mehr gefärbt davon. Man überlegt sich praktisch jede Entscheidung, weil man nicht weiss, was auf einen noch zukommt.
Die essentiellen Fragen, die diese Krankheitsgeschichte aufgeworfen haben (es ging letztlich um Krebs), bin ich dadurch natürlich nicht los geworden. Aber das ist auch gut so. Ich habe aber wieder eine neue Kraft durch die kurze Auszeit gekriegt und stelle fest, dass ich auf manches dadurch etwas anders blicken kann. Das gleiche mit der grossen inneren Einsamkeit, mit der ich in letzter Zeit massiver als sonst konfrontiert war. Ihr steht jetzt auch wieder ein stück mehr innere Kraft entgegen. Es geht wohl immer nur um die Balance.
Diese Tour war mehr als das allabendliche sich-das-Hirn-raus-sporteln. Denn die Natur trägt und nährt. Und die Nachhaltigkeit und Kontinuität haben eine andere Wirkung als kurzes knackiges Auspowern. Die Sinne und der Blick werden wieder weit, das Zeitgefühl verändert sich, ich finde dabei wieder so was wie eine schlichte elementare Zufriedenheit oder gar Glücksmomente.
Und es ist für jeden machbar, der sich halbwegs bewegen kann. In dieser Form für Hartzempfänger eher nicht finanzierbar, ist trotzdem jeder in der Lage von seiner Haustür ab loszulaufen, ein paar Tage, mit Zelt oder eben einfachster Ausstattung.
Und wir leben in einem Land, wo man bzw. frau sich das ruhig allein trauen kann. Das gilt auch nicht als Ausrede. Ich habe immer wieder die gleichen Leute getroffen, die in etwa die selben Etappenlängen wie ich gewählt haben. Man tauscht sich aus, geht vll auch mal miteinander essen usw. Ich fand es daher viel besser, so was alleine zu machen. Denn am Berg kämpf ich sowieso lieber ohne Zeugen
Wir lesen hier oft von Leuten, die sich nicht sicher sind, ob sie schon Depressionen oder Angststörungen haben. Ich könnte mir vorstellen, dass sie mehr darüber und über sich herausfinden, wenn sie sich eine solch aktive Auszeit nehmen. Man muss sich bei der Planung mit sich schon auseinandersetzen: wieviel brauche ich wirklich, wie hoch ist mein Sicherheitsbedürfnis, was sind meine finanziellen und gesundheitlichen Möglichkeiten und was kann ich daraus machen (man kann aus allem was machen). Und während der Tour passiert gedanklich viel von allein, schaltet ab, regeneriert sich oder klärt sich. Aber man lernt auch seine Grenzen kennen und wie man damit umgeht, ob und wie man kämpft. Im positiven Sinne.
5 Tage sind eigentlich zu wenig, aber besser als nix. Und ich habe von Leuten ähnliche Erfahrungen gehört, die pilgerten (muss man nicht unbedingt für die Religion, kann man auch für ganz andere Sachen machen) Und sicher bin ich dadurch kein anderer Mensch geworden. So eine Tour kostet zwar so viel wie eine Woche Malle, aber ich hab mich wesentlich besser dabei erholt, als ich das als tote Eidechse am Stand könnte.
Eben weil sich der Kopp neu sortiert.
Da ich nicht so lange am Stück Auszeiten nehmen kann, werde ich es dafür regelmäßiger machen. Im Juni hab ich wieder ne Woche
Mir sind zum Glück die schlimmsten Entscheidungen erspart geblieben, wo ich schon dachte, ich müsste die Tour dafür nutzen. Und emotionale Probleme kuriert manchmal einfach nur die Zeit. Diese Tour hat es aber vll ein bisschen verkürzt, weil ich mich wieder zu mir selbst und zu meiner Art der Spiritualität zurückkoppeln konnte.
Ich will nur einfach mut machen, dass manche Mittel näher liegen als man denkt und sich einfach umsetzen lassen. Wenn jemand Lust gekriegt hat und nicht genau weiss, wie er es anpacken soll, oder noch ein paar Mutworte braucht - schreibt mich einfach per PN an
Und vll gibts ja noch ein paar Rad-/ Wanderer hier, die ähnliches erlebt haben.
lg Gaby


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Dazu kamen noch Dinge, die mich emotional erschüttert haben.
Eben weil sich der Kopp neu sortiert.
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