Ich möchte mich Zaubermond anschließen und dafür danken, dass sich so viele User mit mir und meinen Erlebnissen auseinandergesetzt haben!
@ chrissi21366: Ich kann dir nicht genau sagen, woran es liegt, dass ich meinen Eltern das im Moment nicht erzählen kann. Sie haben auf keinen Fall was falsch gemacht, waren mir wirklich IMMER tolle Eltern und haben mir nie das Gefühl gegeben, dass ich durch einen "Fehltritt" oder so, ihre Zuneigung verlieren könnte. Es sind halt mehrere Gefühle und Ängste, die mich zur Zeit noch so sehr davon abhalten: Natürlich die Angst, die Eltern zu enttäuschen. Ich war selbst zu meiner hochpubertären Zeit immer eine relativ "angenehme" Tochter, habe nie Probleme mit Alkohol- und Partyexzessen, Schulschwänzen oder sonst was gemacht, und ich möchte vermutlich selber nicht dieses Bild von der "guten Tochter" zerstören.
Und dann hätte ich auch Angst, dass meine Eltern, wenn sie wüssten was mir passiert ist, mich überbehüten würden. Eine leichte Tendenz dahingehend hatten sie schon immer. Ich möchte aber unabhängig sein, und ich möchte auch dass sie mir das zutrauen.
Ich glaube auch, dass ich überhaupt ein Problem habe, zu vertrauen. Der Mensch, dem ich mit am meisten vertraute (weil hoffnungslos verliebt), hat mir das Schlimmste angetan.
Na ja, dass ich irgendwann auch meinen Eltern alles erzählen muss, um das Ganze "abzuhaken", ist mir klar; momentan bin ich aber sowieso noch meilenweit davon entfernt, auch nur annährend damit abzuschließen...
Dass ich mich mit meinen Gefühlen auseinandersetzen und ergründen muss, warum ich so leicht manipulierbar war und mich zu Dingen habe hinreißen lassen, von denen ich immer behauptet habe, ich würde sie niemals tun... Damit hast du auf jeden Fall recht. Ich denke, tief in mir hat irgendetwas schon gewusst, dass mit diesem Mann etwas nicht stimmt; denn im Nachhinein erscheint es mir so lächerlich, dass ich meine Eltern allein wegen des Altersunterschieds belogen habe. Ich denke mittlerweile, dass da mehr dahinter steckt. Und dennoch habe ich nicht rechtzeitig die Notbremse gezogen...
@ SirWiwor: Als ich deinen Beitrag gelesen habe, schoss mir als erstes die Frage in den Kopf: Inwiefern weißt du, wie es ist, sich ein Leben auf Lügen aufzubauen? Wenn du das hier nicht erzählen möchtest, übergehe meine Frage einfach, das kann ich gut verstehen. Es ist nur, dass mich dieses Thema "Lügen" nicht loslässt, obwohl Außenstehende vielleicht denken, dass meine Gedanken momentan hauptsächlich um den Tod meines Partners und die Prostitution kreisen.
Das ist auch so, aber ich denke auch ganz, ganz viel darüber nach, was ich mit meinen Lügen angerichtet habe: ich habe viele Menschen zutiefst verletzt, und ich glaube, dass z.B. meine Freunde aus HH mir nie wieder wirklich vertrauen würden. Sie würden immer alles in Frage stellen, was ich sage, da bin ich mir sicher. Und zweitens habe ich mir damit auch selbst ein wenig die Fähigkeit genommen, anderen einfach zu glauben. Ich weiß, wie überzeugend Menschen in manchen Situationen lügen können, und wie umfangreich und wie ausdauernd, weil ich es selber getan habe...
Das alles macht mir ziemlich Angst, ich habe durch die Prostitution schon so viel an Selbstvertrauen verloren und dass ich mir nahestehende Personen angelogen habe, das macht mein Selbstbild komplett kaputt. Ich sehe mich manchmal im Spiegel an und frage mich wirklich: WIE konnte DAS aus dir werden? Innerhalb so kurzer Zeit?
Die Verheimlichung... du kannst mir glauben, dass das eine unglaubliche Anstrengung war. Ständig auf der Hut zu sein, dass ja niemand etwas merkt, ständig glaubwürdig sein müssen, ständig den Leuten die man gern hat ins Gesicht lügen... es war furchtbar und hat mich manchmal mehr mitgenommen als die Prostitution... bei letzterer habe ich mit der Zeit meine Strategien gefunden, gedanklich abzuschalten, mich "wegzudenken" und es halt über mich ergehen zu lassen. Diese Lügerei aber verfolgt dich auf Schritt und Tritt, macht kaputt, ist eine enorme Anstrengung allein schon für das Gedächtnis... es war wirklich zermürbend. Aber ich war, wie gesagt, wohl sehr überzeugend, die ganze Zeit. Ohne ansatzweise stolz darauf zu sein, kann ich sagen, dass ich eine verdammt gute Lügnerin war... Mit dem Gedanken im Kopf: Es kann mich das Leben kosten, wenn irgendwer irgendwas erfährt... Ganz so schlimm wäre es vermutlich nicht gekommen, aber Karsten kannte definitiv Mittel und Wege, einem das Leben zur Hölle zu machen. Und davor hätte ihn auch keine Verurteilung abbringen können, da er genügend Leute kannte, die schon dafür gesorgt hätten, dass ich meine Strafe bekomme... man, noch immer läufts mir kalt den Rücken runter wenn ich daran denke...
Also, natürlich wollten Freunde und Familie gerne meinen Freund mal kennen lernen und es war nicht immer leicht, gute Gründe dagegen zu finden. Das letzte halbe Jahr habe ich es immer auf seinen gesundheitlich schlechten Zustand geschoben und behauptet, es wäre ihm unangenehm, wenn ihm fremde Menschen ihn so sehen würden. Anscheinend habe ich das so überzeugend rüber gebracht, dass sich alle Beteiligten letzten Endes damit zufrieden gaben...
Rückblickend ist es wirklich unglaublich was ich mir alles zusammen gesponnen habe...
Mittlerweile ist es so, dass ich eine richtige Wut auf meine Hamburger Freundin, Anika, entwickelt habe. Weil sie diese Lügengeschichten entlarvt hat und das Leben das ich mir neben der Prostitution aufgebaut habe, damit zusammenbrach... Sie kann ja eigentlich nichts dafür, und es ist ihr gutes Recht mich zur Rede zu stellen wenn da Ungereimtheiten auftauchen... aber ich kann da grade nichts gegen tun, dass ich richtig wütend auf sie bin, weil sie alles kaputt gemacht hat was ich mir aufgebaut habe. Privat, weil sie es allen meinen Hamburger Freunden erzählt hat... Beruflich, weil sie es meiner Schulleiterin erzählt hat... Ich habe einfach NICHTS mehr von dem, was ich mir in der Zeit in Hamburg aufgebaut habe.
Mir ist klar, dass es wohl letzten Endes nur gut war, dass meine Lügen aufgeflogen sind. Es war ein enormer Druck, und zumindest der ist nun weg.
So, nun hab ich mir wieder einiges von der Seele geschrieben, soo viel Text, tut mir Leid!
Vielen Dank für alle Beiträge!


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