Hallo zusammen,
ich weiss einfach nichtmehr weiter.
Alles begann 2005, da wurde bei meinem Vater (heute 78) Darmkrebs festgestellt. Bis dahin war er ein sportlicher Mann, immer aktiv. Er fuhr viel Fahrrad, spielte Volleyball im Verein, ging bei jedem Wetter spazieren, war gesellig und vom Typ her eher überkorrekt, eitel und sauber, kochte, putzte usw.
Ab dieser verdammten Diagnose hatte sich alles verändert, er bekam Depressionen und ist bis heute wie ausgewechselt. Den Krebs hat er nach OP, Chemo und Bestrahlung besieht, körperlich ist er also wieder ganz gesund, aber psychisch ist er nicht wieder der alte.
Zuhause würde er am liebsten rund um die Uhr schlafen, hilft im Haushalt nur noch nach der x-ten Bitte, was dann oft auch zu Krach mit meiner Mutter führt, weil die natürlich auch genervt ist, wenn sie ihn hundertmal Bitten muss, den Müll runter zu bringen. Bei solchen Krächen kann er auch zutiefst beleidigend werden. Er fühlt sich gegängel und bedrängt, meine Mutter und ich hätten sich ja so verändert. Dabei ist er es, der sich verändert hat. Er wäscht sich vielleicht einmal die Woche, putzt sich wochenlang nicht die Zähne, hat keine Interessen mehr ausser schlafen oder Kuchen essen und vergisst alles, was ihm nicht wirklich wichtig ist. So bekommt er z.B. als Gedächtnisstütze Zettel mit, auf denen notiert steht, wieviel Sprudel er aus dem Keller mitbringen soll. Er würde das sonst vergessen. Andererseits vergisst er nichts, was ihm wichtig ist. Er weiss z.B. genau wielange sein Lottoschein läuft.
Ausserhalb der Wohung ist er jedoch wie ausgewechselt (wir bekommen ihn jedoch nur vor die Tür, wenn wir Einkaufen fahren. Er fährt noch selber Auto, macht dies auch sehr gern und noch sehr gut). Er quatscht alle Leute dusselig, egal ob fremd oder bekannt, spielt immer den Schlagfertigen der einen tollen Spruch auf den Lippen hat. Leider merkt er nicht, dass dies auch oft peinlich ist und jeder nur unterwegs ist um von ihm Unterhalten zu werden. Seiner Meinung nach finden ihn aber alle toll, sie lächeln ihn ja auch freundlich an wenn er seine Spässe macht. Ich sehe aber an den Gesichtern vieler Leute, dass sie aus Höflichkeit lächeln, nicht weils wirklich lustig ist. Vor ein paar Tagen hatten wir das extrem bemerkt, als ich ihn zum Zahnarzt begleitete. Der Zahnarzt hat ihn natürlich Rund gemacht, weil seine neuen Zähne mangels Zahnhygiene nicht lange halten werden. Aber auf jede Ermahnung, jede Warnung, jeden Hinweis des Zahnarztes hatte mein Vater einen witzigen Spruch. Er nimmt sowas garnicht ernst, es ist praktisch nicht möglich überhaupt ein ernstes Gespräch mit ihm zu führen. Er macht aus allem einen Spass.
Mein Vater ist seit Jahren in Behandlung, aber meiner Meinung nach bringt dies nichts. Er bekommt irgendein Antidepressiva, die Ärztin hört ihn seine Witze reissen und denkt, der Mann ist doch gut drauf. Aber sie erlebt ihn ja auch nicht zuhause.
Wir wissen langsam wirklich nicht was wir tun sollen. Wir haben ihm mit Pflegedienst gedroht, wenn er sich nicht wäscht. Den lehnt er ab, er will den nicht ins Haus lassen. Ihn interessiert nichts mehr, was er früher mal geliebt hat bzw. erzählt jedem, er würde wieder Sport machen, demnächst. Aber beim Reden bleibts auch. Er lehnt eigentlich alles ab, was ihn in seiner Bequemlichkeit stören würde bzw. was ihm keinen Spass macht. Aber das kann doch nicht ewig so weitergehn.
Ich bin wirklich für jeden Rat dankbar


LinkBack URL
About LinkBacks
Zitieren




Lesezeichen