Ich war zehn, als er starb. Unsere gemeinsamen Jahre waren geprägt von seiner Alkoholsucht, seiner Krebserkrankung, seiner Angst vor dem Leben, seiner Angst vor dem Tod.
Ich war einfach nur ein Kind, von Anfang an. Er war mein Vater,
er, und nur er, hätte die Verantwortung tragen, sie übernehmen sollen...
er tat es nicht, konnte es nicht.
Ich hab dir nie sagen können, wie sehr ich dich liebe.
Ich hab dir nie sagen können, wie sehr du mir fehlst.
Du hast deine Enkelinnen nie kennengelernt...
Ach Papa,
sie sind wunderbar, einzigartig,
schau sie dir nur an!
Nach seinem Tod wurde uns Kindern nichts erklärt, es wurde nicht weiter drüber gesprochen...
seine Reisetasche wurde "abgeliefert" und ich erinnere mich daran, dass ich mir seinen Bademantel daraus hervorzog, ihn festhielt und versuchte, zumindest seinen Geruch für mich zu haben... irgendetwas...
Mein Vater war Alkoholiker und wir haben echt schwere Phasen seinetwegen durchlebt. Ich kann mich kaum noch an diese Zeiten erinnern, sehr wahrscheinlich hab ich auch vieles verdrängt.
Ich weiß um unzählige Nächte, in denen wir nur im Nachtzeug (auch im Winter) aus dem Elternschlafzimmerfenster kletterten, vor ihm flüchteten, um irgendwo im Nachbardorf bei irgendwelchen Leuten zu schlafen.
Ich erinnere mich an eine blutverschmierte Tür, an meinen Vater, der halb besinnungslos irgendwo rumlag... an den Polizisten, der meiner Mutter erklärt, dass er erst etwas unternehmen könne, wenn "wirklich" etwas passiert.
Ich erinnere mich aber auch an diese kleinen, kostbaren Augenblicke, in denen er nüchtern war...
Weißt du noch, als du draußen auf dem Rasen mit uns geturnt hast?
Erinnerst du dich?
Du warst soooo groß, so stark, so GESUND,
Und ja, erinnerst du dich, als wir beide zusammen geschaukelt haben?
Ich saß auf deinem Schoß, ein Gewitter kam auf und Mama stand in der Verandatür...
Oh Papa, erinnerst du dich???
Ich hab mich so geborgen, so wohl gefühlt bei dir.
Ich liebe dich wirklich sehr, weißt du das?
Mama hat uns nur zwei Jahre nach deinem Tod "verlassen",
eines Tages legte sie sich auf`s Sofa, wollte oder konnte nicht mehr,
wie auch immer. Kurze Zeit später folgte ihr erster Aufenthalt in der Psychiatrie.
Ich war zwölf, als sie ging. Die folgenden Jahre waren geprägt von ihrer Depression und der zwischendurch auftauchenden Psychose, die sich in einer Art von Verfolgungswahn äußerte...
Ich war allein, auf mich selbst gestellt (so wie meine beiden Geschwister).
Allein.
Es ist nicht nur die Trauer um meinen/unseren Vater, es ist auch die Trauer um meine/unsere Mutter...
(Wir drei hatten plötzlich keine Eltern mehr und nur die Tatsache, dass wir in dem Haus unserer Oma lebten, rettete uns davor, in ein Heim zu kommen.)
Bis heute bin ich unserer Oma sehr dankbar für all das, was sie trotz ihres hohen Alters für uns getan hat, sie war unser Schutzengel damals.
Wie umgehen mit all dieser Trauer?
Jahrelang war ich überzeugt davon, ich hätte es geschafft.
Alles ganz easy, bei mir läuft alles supi.
Nein, es war nicht supi und es war auch nicht easy...
mein Leben bis jetzt ist wohl ein Resultat dessen,
was ihr mir mitgegeben habt...
Danke euch dafür, yes.
Ne, im Ernst jetzt,
so schlecht war mein Leben bisher gar nicht,
ich habe diese zwei wunderbaren Menschen zur Welt gebracht!
Ich "Versager"... ICH...
hab sie zur Welt gebracht, ich habe sie geboren
und ja, ich erinnere mich an diese Augenblicke,
an jeden einzelnen Moment ihrer Kindheit.
Ich hab sie großgezogen,
ihnen vieles beigebracht,
hab ihnen meine Liebe gezeigt,
ihnen mitgeteilt, wie wichtig es ist,
zu vertrauen.
Wir drei haben schwierige Zeiten/Jahre hinter uns,
aber wir sind immer noch zusammen,
und wir lieben, wir vertrauen uns.
Vertrauen...
hat auch etwas mit "Trauer" zu tun,
oder nicht?
In dem Moment, als meine Kinder zur Welt gekommen waren,
fing ich, zu hinterfragen, mir Gedanken zu machen.
Um euch, um uns/ere Kinder, um mich.
Und mir wurde bewußt,
dass mein, euer Weg,
mit deinem Sterben (Papa)
und deiner Flucht (Mama)
noch lange nicht zu Ende ist.
Meine Trauer endete nicht 1973 oder 1975,
sie ist immer noch da
und sie hat mich bis heute begleitet.
Meine Traurigkeit um diesen Verlust ist der Schatten,
der mich und meine Kinder begleitet hat in all diesen Jahren.
Ich bin es ihnen und auch mir schuldig,
all dies aufzuarbeiten...
es ist an der Zeit... endlich!


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