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Thema: Wege der Genesung

  1. #1
    Neuling
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    Pfeil Wege der Genesung

    Hallo zusammen,

    ich bin ein wenig enttäucht darüber, dass so wenig Leute etwas über den Weg der Genesung schreiben. Klar, hier werden Beiträge gepostet, welche aussagen, dass es besser geht und wieder alles gut gelingt. Aber was war es denn, was zu der Besserung führte? Welche Maßnahmen waren nötig? Welche Einsichten bekam der Betroffenen? Half die Therapie? Was änderte sich nach dem Klinikaufenthalt? usw.

    Einfach zu schreiben, dass es mir besser geht, reicht den Betroffenen nicht aus. Es vermittelt lediglich die Botschaft, dass es zu schaffen ist. Jedoch fühlt sich ein Betroffener oft schlecht, sodass ihm solche Botschaften meist noch mehr runter ziehen. "das schaffe ich nie" oder "tja, da lief es halt anders" oder "ich bin noch nicht soweit"

    Natürlich freue ich mich riesig für die Leute, den es besser geht und sie sollen dies auch mitteilen

    Lasst uns doch einfach an eurer Freude und eurem Weg teilhaben. Sagt, was nötig war, damit es euch besser geht. Teilt uns eurer Rezept mit!

    Und ich möchte gern den Anfang machen: Ich bin jetzt 42 Jahre jung und habe einen 19-jährigen Sohn. Die Depressionen begleiten mich seit der Kindheit ohne das man diese als solche erkannte. Erst vor ca. 5 Jahren hatte ich dann einen Zusammenbruch und ging in die Klinik.

    Damals dachte ich, dass es echt schlimm ist, in eine Klinik zu gehen. Heute jedoch ist mir klar, dass es kein Problem ist in die Klinik zu gehen, als vielmehr hinterher auch draußen zu bleiben. Ich begriff recht schnell, dass ein Wissen um die Krankheit, die Krankheit nicht heilt oder abstellt.

    Ebenso verzweifel ich noch Heute daran, dass ich Dinge tue oder sage ohne es zu wollen. Ich kann mich selbst nicht regeln! Es ist manchmal so, als wäre ich nicht die Person die Lebt, sondern jemand anderes. Ich habe das Gefühl, dass mein Gehirn die Macht hat und ich nur das ausführende Organ bin. Dieses Bewusstsein half mir bei meiner Arbeit.

    Ich hatte das Glück, dass ich ca. 3 Wochen nach meinem Klinikaufenthalt einen Platz bei einer Phsychologin bekam. Damals war ich an einem Punkt, wo ich bereits erkannte, dass ich Hilfe brauche, aber auch wusste, dass mein Gehirn alles dagegen unternehmen würde. Entsprechend war meine Begrüßung bei der Phsychologin: Guten Tag, ich brauche eine Person, welche mir die Stirn bieten kann. Denn ich manipuliere Menschen.

    Ebenso war ich der Meinung, dass ein Phsychologe Macht hat. Die Macht Menschen zu manipulieren. Heute weiß ich ,dass dies Blödsinn ist. Jedoch hinderte es mich erstmal daran, ehrlich zu sein. Heute weiß ich, dass ich die Macht habe, mich zu manipulieren und der Phsychologe lediglich die richtigen Wege aufzeigt.

    Während der Therapie -Tiefenpsychologie- wurden viele Dinge freigelegt, welche jetzt nicht wichtig sind. Für die Genesung eines jeden Einzelnen, ist die Ursache jedoch äußerst wichtig! Viele Sachen noch einmal zu erleben und zu betrachten, war nicht einfach. Auch suchten wir danach, warum ich gerade zu diesem Zeitpunkt den Zusammenbruch hatte. Meine Phsychologin sagte dann: Wissen sie, jeder Mensch hat ein Unterbewusstsein. Und irgendwann will das Unterbewusstsein seine Sehnsüchte, Wünsche oder Träume nach außen bringen.

    Ich habe mit dieser Aussage gearbeitet und mir meine ganz eigene These zurecht gelegt: Die Unterdrückung der eigenen Bedürfnisse, wie Liebe, Zuversicht, Vertrauen oder sonstiges führt zu einer Depression. Denn ich bin täglich damit beschäftigt, meine eigenen Bedürfnisse zu unterdrücken, wobei ich enorme Energien verschwende. Mein Handeln läuft entgegen meiner Person. -Das tägliche Gefühl... was mache ich da-

    Warum wir das tun, liegt in der Vergangenheit eines jeden Einzelnen. Wenn man einem Jungen ständig erzählt, dass er nicht Weinen darf, wird er auch in Zukunft nicht weinen ohne zu wissen warum. Es ist normal für ihn. Er hat also sein gesamtes Handeln darauf eingestellt. Jedoch verspürt sein Unterbewusstsein immer wieder den Wunsch zu weinen, was dazu führt, dass er unzufrieden ist ohne zu wissen warum.

    Ich habe also seit meiner Kindheit daran gearbeitet, mich oder mein Unterbewusstsein, als nicht wichtig einzustufen. Dieses führte dazu, dass ich mich selbst zerstörte und keinerlei Gefühle zuließ.

    Ich sagte mir nun, wenn der negative Impuls dafür sorgt, dass ich negativ handel, muss es doch möglich sein, positive Impulse zu geben. Leider geht das nicht so einfach. Denn wir bilden mit jedem Gesagtem oder erlebten Nervenbahnen, welche unser zukünftiges Handeln beeinflussen. Entsprechen müssen neue Nervenbahnen gebildet werden, welche mit Positiven gespeichert sind.

    Da jedoch jeder Mensch dazu neigt, den einfachsten Weg zu gehen, fält dies tierisch schwer. Wenn ich zwei Straßen vor mir habe: die eine ist gut ausgebaut und die andere ein Acker mit SChlaglöchern, werde ich immer die glatte STraße wählen. Doch ich habe mich für das Acker entschieden! Denn je öfter ich das Acker befahre, je glatter wird die Oberfläche und je positiver der Impuls.

    Ich habe also irgendwann erkannt, dass ich mein Verhalten oder Denken noch nicht beeinflussen kann. Was ich jedoch beeinflussen kann ist die Ausführung, um nicht wieder die gut ausgebaute Straße zu benutzen. Erkenne ich also, dass ich einen negativen Impuls erhalte, versuche ich eine andere Ausführung.

    Beispiel: Wichtige Dinge erledigen gehört nicht gerade zu den Lieblingsbeschäftigung einer Depressiven. Jedoch, um mich nicht erneut in Schwierigkeiten zu bringen, muss ich diese Dinge erledigen. Ich weiß, dass ich allein nicht dazu in der Lage bin, also bitte ich meinen Mann, um Kontrolle, damit ich es tue.

    Da kommen wir zum nächsten Punkt, welcher enorm zu meiner Genesung beigetragen hat: Ehrlichkeit und Vertrauen! Die Ehrlichkeit, welche ich meinem Mann entgegen brachte, führte dazu, dass er mir vertraute. Er vertraute darauf, dass ich ihn nicht anlog, wenn es darum ging, wichtige Dinge zu erledigen. Er glaubte mir, wenn ich sagte "ich weiß nicht warum, ich nehme es mir vor und Abends leide ich, weil ich es nicht gemacht habe".

    Natürlich sagte ich noch ganz andere Dinge zu ihm. Doch jeder weiß ja, wovon ich rede. Das zu tun, bedeutete für mich Schwäche zeigen. Also das tun, was ich vorher verachtete. Ich legte meine Person in die Hände eines Anderen. Für mich unvorstellbar!

    Ich war auf sein Feedback angewiesen. Er wusste alles von mir und konnte mir so immer wieder mitteilen, wenn ich die gut ausgebaute Straße befahre. Er war mein Spiegelbild, auf das ich mich verlassen konnte und noch immer kann.

    Das Urgefühl eines Depressiven ist die Angst. Und genau dieses Urgefühl nutzte ich für mich. Denn, wie tief sollte ich denn noch fallen?

    Ich bin noch lange nicht über den Berg, dass wird noch Jahre dauern. Aber, ich weiß inzwischen, was ich will und was mein Unterbewusstsein wünscht. Die Verbindungsstraßen zwischen Beiden muss ich weiter bauen und hoffe, das es mir noch lange gelingt.

    Ich bin von der selbstständigen Unternehmerin mit einem Arbeitspensum von mindestens 14 Stunden zu einer liebenvollen Ehefrau und Halbtagskraft im Büro gereift. Und ich fühle mich sauwohl!

    Natürlich konnte ich hier nicht alles beschreiben. Aber, wenn ihr Fragen habt oder so, schreibt einfach. Und..... ich hoffe, dass uns jetzt mehr Leute mit Ihrer Genesungsgeschichte erfreuen werden.

    Liebe Grüße

  2. Der folgende Benutzer bedankte sich bei violetta für den sinnvollen Beitrag:

    maltesertraum (16.01.2011)

  3. #2
    Gast784
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    hallo Violetta,

    danke für den Fred und ich hoffe auch, dass sich in diesem Unterforum mit der Zeit mehr Leute tummeln. Ich hab mir das hier nähmlich extra gewünscht, damit mal ein Gegengewicht zu den vielen Problemen entsteht. Schließlich ist Psychologie kein Synomym für Probleme.

    Ich denke, die Schlaglöcher werden glatter durch die neuen Erfahrungsräume. Denn die neuen positiven Erfahrungen sind es, welch die neuen Neuronetzwerke im Hirn entstehen lassen und uns auf die Weise ermöglichen, uns neue Lebensstrategien anzueignen.

    Ein ganz wichtiger Punkt ist bestimmt diese Ehrlichkeit und das Vertrauen, von dem Du schreibst. Ich erlebe das auch als Erleichterung, wenn man bezüglich seiner Schwächen sehr offen und unterstützend miteinander umgeht. Ich kenne es von beiden Seiten: die Erleichterung, in meinen Schwächen authentisch sein zu können und um Unterstützung bitten zu dürfen, und die Erleichterung, wenn der Partner das tut und ich mich drauf verlassen kann, dass er auf die Weise für sich selbst sorgen kann.

    Klingt nach wirklich sehr großen Veränderungen, was Du da schreibst. Hut ab

    Was mir übrigens auch öfter auffällt: als Betroffener merkt man selber oft gar nicht, welch große Schritte man schon gemacht hat
    Dafür wäre dieses Unterforum und dieser Fred eigentlich auch gut, dass man das sich selbst durchs Aufschreiben auch mal klar macht

  4. #3
    Neuling Avatar von Naramudi
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    Standard Genesung

    Auch ich freue mich über Berichte, die den Weg nach draußen mitteilen und beschäftige mich mit den Erkenntnissen, die notwendig sind, um Menschen aus der Dunkelkammer heraus zu holen. Mich würde interessieren, welche veränderte Sichtweise das Aussteigen aus dem Depressionskreislauf möglich gemacht hat.

  5. #4
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    Der Gedanke, man könne anderen Menschen mit psychischen Verletzungen durch eigene 'Erfolgsberichte' weiterhelfen, ist schon reizvoll, ich bin nur nicht sicher, ob das wirklich der Fall ist.

    Ich meine - so rein von meiner Biografie, meinen im wahrsten Sinn des Wortes "multiplen Erkrankungen" (boh, den Begriff "Krankheit" lehne ich in solchen Zusammenhängen ab!) und über viele Therapien über den Zeitraum von 16 Jahren könnte ich so nach und nach berichten. Und ich kann gerne davon erzählen, was ich über die Jahre für "Etappen" gegangen bin, welche Einbrüche es gab, welche Fortschritte ich gemacht habe und daß ich heute ziemlich glücklich und zufrieden lebe - "nicht perfekt, aber ziemlich gut" trifft's so in etwa. Aber hilft das wirklich?

    Allenfalls vielleicht die Botschaft: ja klar, man KANN sich sein Leben zurückerobern, man kann selbst schwerste Traumatisierungen überwinden, man kann aus Depressionen, Abhängigkeiten, selbst aus massiven Persönlichkeitsstörungen herausfinden und sich ein geliebtes, wertschätzendes, innerlich ruhiges Leben "erarbeiten". Hrm. Während einer akuten Depression oder anderen seelischen Notlagen wird das nur nicht auf offene Ohren, Augen, Seelen stoßen, fürchte ich. Im Lauf der Jahre sind mir immer wieder Menschen begegnet - Mitpatienten, Beziehungspartner/-innen, Freundschaften usw., und nicht selten bekam ich - sozusagen als letztes Argument, warum die eigenen Erfahrungen für den akut Leidenden nicht hilfreich sein können, zu hören: "Ja aaaaaaaber - DU bist ja stark, DIR fällt das alles leicht!"

    Pfff. Leicht ist mir nie etwas gefallen. Ich habe nur nie geglaubt, daß andere für mein Wohlbefinden zuständig seien. Mag ungerecht klingen, aber ich denke heute so im Rückblick: egal, wie schwerwiegend die Dinge, die einen in die seelischen Notlagen geführt haben, auch waren - loswerden kann und muß man sie alleine. Das ist schwer. Aber ein gangbarer Weg.

  6. #5
    Gast784
    Gast

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    Das Argument mit dem Stark-sein kenne ich Suppenhuhn. Als gäbe es eine Alternative

    Ich finde die Genesungs-Unterabteilung so wichtig und interessant, weil es uns anscheinend generell leichter fällt, über Probleme zu schreiben, über Dinge, die uns stören, fehlen, wir an uns nicht so mögen etc, als über Positives, Schönes, Gelungenes usw. Wir müssen oft erst (wieder) lernen, uns mal selber auf die Schulter zu klopfen ,uns zu loben, und uns selbst anzuerkennen. Das gehört aber alles zur Selbstliebe und die ist oft genug flöten gegangen.

    Oder auch einfach nur, um das, was gut läuft, mal anzuerkennen, die Wahrnehmung darauf zu lenken, dafür kann man dieses Unterforum auch gut nutzen. Es mag menschlich sein, zu jammern, oder still zu sein. Gut finde ich es nicht. Wäre es nicht besser, wir würden einen Ausgleich schaffen zwischen "jammern" und freuen? Das ist wie mit dem halbvollen und halbleeren Glas.

    Ich bin absolut kein Verfechter des sog. "positiven Denkens". Das wird zu oft zum Zudeckeln mißbraucht und hat dann den gegenteiligen Effekt. Aber ich finds schon wichtig, den Blick immer wieder mal auf die erfolgreichen Dinge (wie immer man das auch definieren mag) zu lenken. Das sollte im Vordergrund eines solchen Freds/Unterforums stehen. Nicht das "helfen". Den Anspruch habe ich nicht mal in den Problemunterforen. Ob Posts jemandem helfen oder nicht, das kann sowieso nur der entscheiden, der sich auf diesem Weg Hilfe sucht.
    Geändert von Gast784 (08.07.2011 um 14:27 Uhr)

  7. #6
    Neuling
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    Hallo,

    ich habe diese Unterabteilung gerade erst entdeckt .

    Bei mir ist es so, dass ich oft selbst nicht weiß, wieso es mir gerade wieder gut geht - und ich die Gründe dann deshalb auch schlecht aufschreiben könnte. Vielleicht geht es ja anderen auch so und deshalb steht hier so wenig "Konkretes"?

    Man hört immer wieder, dass man an sich arbeiten müsse und das hart sei - und ich bewundere dich wirklich violetta, dass du für dich einen Weg gefunden hast.

    Ich habe vor Jahren alles aufgeschrieben, Gedanken die ich hatte, als es mir schlecht ging. Oft hat es mir geholfen. Und ich gewann auch neue Erkenntnisse über mich und warum ich so geworden bin(glaube ich).

    Heute ist mir das alles "fern" - bzw. ich komme nicht mehr weiter. Vielleicht habe ich Fortschritte gemacht, die ich nicht wahrnehme. Aber meist habe ich das Gefühl, ich bin wie ein Schiff auf dem Meer - also mal sind die Wellen stärker oder schwächer, aber ich kann es nicht beeinflussen. Ich glaube, bei mir ist es einfach so, dass ich mich damit abgefunden habe, so zu leben - und wie schon jemand schrieb, dass es immer irgendwann auch wieder besser wird.

    Was ich mir vorstellen kann, ist dass Tiere einem helfen können. Weil sie einen so akzeptieren, wie man ist.

  8. #7
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    Standard Ganz neuen Mut gefasst

    Ein schönes Thema.
    Ich habe ja hier bereits einiges über meine Therapie berichtet. Drei Monate war ich in der Klinik. Und ich habe wiederholt gesagt, dass diese Zeit mein Leben verändert hat.

    Schon lange vorher wusste ich im Grunde, dass bei mir eine Klinik-Behandlung angesagt war. Aber, ich bin Jahrgang 1950, immer noch gab es da die Vorstellungen von der Psychiatrie, wie sie in der Vergangenheit ja wohl auch mal war.

    Mein Weg in die Klinik war nicht ganz freiwillig, weil mich die Polizei nach einer Suizid-Ankündigung aus der Wohnung holte. Zunächst landete ich auf einer geschlossenen Station. Dennoch hatte ich nie das Gefühl eingesperrt zu sein. Und auch meine Befürchtung, dass sie mich jetzt mit der chemischen Keule in einen willenlosen Zustand versetzten, stellte sich als grundlos heraus.

    Sehr angenehm überrascht, ja menschlich berührt, war ich von Freundlichkeit und der Fürsorge durch das klinische Personal, egal ob Ärzt/innen oder Pfleger/innen. Im Übrigen durfte ich bereits nach wenigen Tagen erst in einer Gruppe, dann aber auch alleine nach draußen.

    Nach drei Wochen auf der geschlossenen Abteilung verlegten sie mich auf eine offene Station. Wieder erlebte ich aufgeschlossene, sehr engagierte Pfleger/innen und gute Therapeut/innen. Und sie widmeten sich meinen Problemen sehr umfassend. Zum ersten Mal nach vielen Jahren hatte ich das begründete Gefühl., dass mir wirklich geholfen wurde.

    Behutsam, aber zielstrebig gingen sie mit mir meine Situation an und sorgten dafür, dass ich nicht nur psychisch und körperlich wieder stabilisiert wurde, sondern sie gingen mit mir gemeinsam auch meine äußeren Umstände an. Schon lange vor meiner Einlieferung hatte meine Wohnung einen messiehaften Zustand erreicht. Sie beschaften mir Hilfe. Das ermöglichte mir dann nach 12 Wochen in ein akzeptables Wohnumfeld zurückzukehren.

    Den Erfolg meiner Therapie aber rechne ich vor allem dem Echo an, dass mir meine Therapeuten und auch meine Mitpatienten gaben. So erlebte ich eine Wertschätzung, die wesentlich zu meinem Therapie-Erfolg beitrug. Meine mich betreuende Therapeutin spiegelte mir wiederholt meine Wirkung auf meine Mitpatienten, egal ob junge Menschen oder ältere Semester wie ich, ob männlich oder weiblich.

    Das baute mein ramponiertes Selbstbild wieder erheblich auf. Ich erfuhr die Stärkung meiner positiven Eigenschaften, meiner starken Seiten. Und dadurch konnte ich meine an mir ungeliebten Züge dann auch akzeptieren, vor allem aber ich konnte mich mit meiner Vergangenheit versöhnen, wirklich versöhnen

    Eine gute Freundin, der ich später euphorisch berichtete, aber nicht ohne mich gleichzeitig für meine Eurphorie zu entschuldigen, reagierte sehr lieb, in dem sie mir sagte, ich habe allen Grund, mich zu freuen. Das stehe mir jetzt zu.

    Es gibt immer noch (wer hat das nicht?) Probleme, mit denen ich zu kämpfen habe. Aber das ist jetzt anders. Mit Unterstützung gehe ich sie an, stecke nicht mehr den Kopf in den Sand. Mein Umfeld registriert das und zeigt mir nicht nur Sympathie, sondern unterstützt mich auch.

    Im Unterschied zu meiner Zeit vor der Klinik, blicke ich nicht mehr gramgebeugt zurück, sondern optimistisch und positiv nach vorne. Das ist ein ganz neues Lebensgefühl.

    Das Leben macht wieder Spaß.

    Paperback

  9. Der folgende Benutzer bedankte sich bei Paperback für den sinnvollen Beitrag:

    Darkstar (04.12.2011)

  10. #8
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    Standard

    Ich bin jetzt irgendwie noch nicht richtig einzuordnen im klinischen Spektrum, habe ich das Gefühl. Allerdings habe ich natürlich auch Probleme und bin irgendwann zu einem Psychologen gegangen. Für mich war wichtig, dass ich nicht wieder zu lange warte wie bei körperlichen Problemen zum Beispiel und dass ich mich selbst dazu bringe, dort hin zu gehen. Denn nur wenn ich etwas ändern will, können mir andere helfen. Oder besser: Nur wenn ich für mich selbst noch Liebe empfinde, können andere mich auch lieben. Klingt pathetisch, aber nicht blöd.

    Dinge, die mir während einer Krise immer geholfen haben, waren Selbsterkenntnis und Mut. Selbst aktiv werden, sich selbst etwas zugestehen, in den Spiegel schauen, auf andere zugehen, die Kritik anderer aufnehmen und einordnen, nach vorne blicken, kreativ werden, ... Auf andere zuzugehen fällt mir davon noch am schwersten und hätte mir in all den Jahren eine Menge Kummer und Probleme ersparen können. Aber jetzt weiß ich, dass ich das üben muss. Ich beobachte die Situationen, in denen ich mit anderen in Kontakt komme, mache mir Notizen/ schreibe Tagebuch und versuche etwas "weicher" zu werden. Ich habe für mich festgestellt, dass man in allen Lebensbereichen Ausgleich braucht. Also muss ich meine sozialen Kompetenzen erweitern, weil ich die nie richtig gefördert habe.

    Die Idee mit den Tieren kann ich nur unterstützen. Tiere haben eine unglaubliche Präsenz. Meine Oma ist bei unserem Hund so versöhnlich geworden, dass sie einige Ansichten geändert hat. Wer nicht mit Tieren kann, kann sich aber auch ehrenamtlich irgendwo im sozialen oder kulturellen Raum aufhalten. In der positiven Psychologie gibt es ein paar Tipps, die man täglich anwenden kann als Prävention. Es gibt Studien, nach denen das Gefühl, gebraucht zu werden oder helfen zu können, einen gesund macht. Vor allem kann es helfen, aktiv zu bleiben und etwas zu TUN. Statt sich wie in einer Depression üblich zurückzuziehen, also hinauszugehen und sich den Problemen zu stellen. Prävention ist eigentlich immer besser.
    aufwachen, träumerle...!


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