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09.08.2010, 16:09
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#1 (permalink)
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Neuling
Registriert seit: 25.06.2008
Beiträge: 33
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Weigerung
Guten Tag!
War ja erst vor einigen Wochen/Monaten "hier" bei euch in anderer Sache, die jetzt aber - so sieht es momentan aus ! - ausgestanden ist, nachdem ich mich zu einer Entscheidung durchgerungen (durchgedacht?) habe..
In anderer Sache folgendes in diesen Thread, weil die Überschrift so exakt zu passen scheint.
Der Mann ist 43 (seit 6 Jahren arbeitslos)
und schon seit jeher depressiv.
Die Sache hat sich aber dahingehend verschärft, dass ich fragen will: Was ist das für eine Depression, wenn der Betroffene alle Hilfeleistungen (Arzttermine etc.) ablehnt??
Ich schreibe Euch mal einen Brief an ihn, der ihn wachrüteln soll:
Hallo S.
Klar und offensichtlich ist ja, dass Du krank bist.
Weisst es ja selbst...
oder doch nicht??
Du hast es mir ja vor einem Jahr auch endlich eingestanden.
Leider - wie es aussieht - bist Du "manisch" depressiv.
Soweit ich hörte (weiss es aber nicht), kann
man dagegen fast gar nix mehr machen,
weil ja der Betroffene die Behandlung, also auch die Chance auf Heilung, ablehnt,
weil er gar nicht mehr Hilfe will....
Ich appeliere allerdings immer noch an Dein Mitgefühl.
Wenn DU ganz "aussteigen" willst, wie es ja aussieht,
dann ist das natürlich auch zuerst D e i n Bier.
Aber denke doch mal wenigstens e t w a s
an die Menschen, die Dir nahe stehen...
also Geschwister, Mutter, Freunde etc.
Das nennt man Empathie. Versetz Dich mal in deren Lage.
Sie haben Deine Krankheit, Deine Selbstaufgabe nicht begriffen bzw. begreifen wollen.
Aber gerade deshalb solltest Du doch wenigstens versuchen, DIESE Menschen zu schonen, soweit es geht.
Soll heissen:
Melde Dich einfach öfters und sag, dass Du gerade das machst oder Dich dort aufhältst... statt Dich unabgemeldet zu verstecken!
Auch wenn denen das dann nicht gefällt,
es ist immer noch mit weniger Schmerz verbunden,
als wenn DU DICH g a r n i c h t mehr meldest.
Schaffste das wenigstens noch in Zukunft??
Übrigens am Rande:
Laut Ines solltest Du heute zum Arzt und ausserdem musst Du Miete überweisen...
Gruss
M.
Was meint Ihr Experten zu dieser Krankheit?
Danke
Mike
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09.08.2010, 18:57
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#2 (permalink)
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Schreiberling
Registriert seit: 14.05.2010
Beiträge: 515
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menschen, die wirklich depressiv sind, sind nicht mehr in der lage, über andere nachzudenken und deren wohl. das ist es, was sie immer schon getan haben und sie sind damit am ende. sie können sich nicht einfach so melden. schon der gedanke daran, sich weiterhin mit der umwelt auseinander zu setzen, ist für sie so grauenhaft, dass sie sich so weit abkapseln, wie es irgend geht, weil sie nicht mehr genug kraft haben, das zu tun. sich um miete usw zu kümmern ist so anstrengend, dass sie das nicht mehr oder kaum noch hinbekommen. auch nur aus dem haus zu gehen, selbst die kleinsten hausarbeiten, sind so kräftezehrend, dass schon die vorstellung, es zu tun, zu viel ist.
jemand der wirklich depressiv ist, ist dort hingekommen, nachdem er ein leben lang probiert hat, trotz der energie, die ständig von der seele abgezogen wurde, zu überleben. sie sind immer für andere da, aber nicht für sich selbst, sie nehmen sich selbst nicht zur kenntnis. das tun sie so lange, bis sie nicht mehr können, bis sie so ausgebrannt sind, dass der tod als die bessere alternative erscheint. nach einem selbstmordversuch erscheinen dann oft die freunde und verwandten und fragen, warum derjenige nichts gesagt hat. aber das kann er nicht mehr, weil die auseinandersetzung mit anderen kraft fordert, die derjenige nicht mehr hat. er ist ausgebrannt, am ende, völlig fertig...ich hab damals kaum den weg vom wohnzimmer ins bad oder die küche geschafft, geschweige denn mehr. mir war alles egal. dass ich mich nicht umgebracht habe, liegt daran, dass ich mir ganz egoistisch die zeit genommen habe und auf nichts mehr reagiert habe.
was du für ihn tun kannst, ist ihm sachen abzunehmen, die schnell getan werden müssen, damit er sie nicht tun muss. praktische sachen, die miete überweisen, einkaufen, ihm was kochen. wenn er sich in behandlung begeben will, ihm helfen, einen arzt zu finden, bei seiner krankenkasse organisatorische dinge erledigen. aber halte dich zurück mit auseinandersetzungen, du treibst ihn damit nur tiefer in die depression, vergiss nicht, er hat keine kraft mehr zum kämpfen. appelliere nicht an irgendein ehrgefühl in ihm, er hat lange versucht, zu kämpfen und auf andere rücksicht zu nehmen, lass ihm einfach zeit. vielleicht ist er ja, wenn er ein wenig mehr kraft hat, bereit zu einer behandlung im krankenhaus.
sei einfach als freund ganz unaufdringlich für ihn da, ohne ihm vorwürfe zu machen. glaub mir, er will das nicht so, aber es ist so...er kann einfach nicht mehr.... ach und lass den brief weg, er wird nichts ändern
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09.08.2010, 19:36
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#3 (permalink)
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Gesperrt
Registriert seit: 02.10.2009
Ort: in der kulturellen Diaspora
Beiträge: 2.104
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Hallo MV,
Zitat:
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Was ist das für eine Depression, wenn der Betroffene alle Hilfeleistungen (Arzttermine etc.) ablehnt??
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Na ja: eine Depression eben. Dieses Verhalten ist ein Teil von ihr (wie auch von vielen anderen Störungsbildern).
Ich stelle mir gerade vor, ich hätte damals Deinen Brief bekommen ...
Er ist sicher gut gemeint - nur hätte er zumindest mich so erst recht fertig gemacht. Er hätte mir nicht geholfen, Hilfe von außen anzunehmen, sondern mich, im Gegenteil, nur noch weiter in die Hilflosigkeit und Starre getrieben.
Die Intention, in der Du ihn geschrieben hast, ist eben nicht das Entscheidende: es ist das, wie er ankommt, was er an Gedanken und Bildern im Empfänger auslöst.
Ich kann natürlich nicht beurteilen, was ihn jetzt in seine Depression geführt hat und wie seine inneren Zwänge da aussehen. Es gibt ihn nicht, den Depri mit Strukturen gemäß Definitionsblatt. Was ich schreiben könnte wäre, was meine persönlichen, individuellen, Muster waren und wie und warum Dein Brief mich nur noch zusätzlich getriggert hätte - aber nur, weil ich inzwischen die nötige Distanz zu mir selbst und den in mir wirkenden Prozessen bekommen habe.
Er ist noch mittendrin in ihnen und in ihnen gefangen.. "Normale" Logik und "normales" Denken können da nicht greifen - sonst wäre es ja keine Depression ...
Vielleicht mal anders herum: was willst Du mit diesem Brief bei ihm bewirken und wie stellst Du Dir seine Empfindungen und Prozesse vor?
Welche Gedanken macht er sich, wie empfindet er den Rat von außen und warum wehrt er sich gegen Hilfe?
Wenn Du ihm den Schritt zum Arzt/Therapeuten erleichtern willst, dann solltest Du auch eine Ahnung davon haben, was ihn bisher daran gehindert hat, ihn zu machen, oder?
Was genau könnte dies bei ihm sein? Was denkst Du?
Versuche mal, Dich in seine Lage zu versetzen und stelle Dir vor, Du bekämst Deinen Brief. Wie würde er sich für Dich lesen, was würde er in Dir auslösen? Welche Bilder und Gedanken könntest Du Dir vorstellen, dann zu sehen?
Was wäre für Dich dann "hilfreich", was würde den Druck nur noch schlimmer machen?
Was würdest Du an seiner Stelle von Dir an Empathie erwarten? Über welchen Weg könnte man da Zugang zu Dir bekommen und wo lägen die Minen?
lg
Geändert von Darkstar (09.08.2010 um 19:53 Uhr)
Grund: Einfachere Sätze erleichtern das Lesen ... *schäm*
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12.09.2010, 19:56
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#4 (permalink)
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Nachwuchs Autor
Registriert seit: 30.04.2010
Beiträge: 641
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Multi Vista, eine Freundin ist manisch-depressiv. Z.Z. steckt sie gerade in der Manie. Depressive Schübe laufen ganz anders bei ihr ab. Auch in der Manie zeigt sie noch einen Rest von Krankheitseinsicht; sie nimmt immerhin ihre Tabletten ein. Man könnte die Symptome -vielleicht etwas übertrieben gesagt-auf Null bringen. Nur dann könnte sie nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Meine Frau ist schizoaffektiv. Der Arzt hat sie vor die Wahl gestellt: Entweder ich dosiere so hoch, sodass sie am Leben nicht mehr teilnehmen können. Oder ich dosiere etwas weniger, sodass sie noch arbeiten können, aber dann nicht mehr ganz symptomfrei wären. Sie hat sich fürs Arbeiten entschieden.
Ohne Tabletten, ohne Spritzen, ohne engmaschige Betreuung? Es ist bewunderswert, wie du ihn noch retten willst. Aber was mich erstaunt, ist, dass er weiter keine Auffälligkeiten zeigt. Hatte er den schon Selbstmordabsichten geäußert, hatte er z.B. in seiner Manie schon einen Polizeieinsatz ausgelöst oder Gerichte beschäftigt?
Die eine Freundin hatte sich in ihrer Manie im Elysee, ein Luxushotel in HH, eingemietet. Dem Empfangschef erzählte sie, dass ein arabischer Prinz aus Paris einfliegen würde. Sie wollten hier im Hotel heiraten. Das ist nur eine der vielen wilden Geschichten.
Ich kann dir nur wünschen, dass du trotzdem zu ihm Zugang findest. Stelle ich mir nur schwierig vor, weil hier offensichtlich eine psychiatrische Erkrankung vorliegt.
Geändert von Bertrand (12.09.2010 um 20:12 Uhr)
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