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Thema: Wie bei Verlust- und Trennungsangst helfen?

  1. #1
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    Standard Wie bei Verlust- und Trennungsangst helfen?

    Hallo, liebe Forumleser und Fachleute!
    Ich mache mir seit einiger Zeit große Sorgen um einen Bekannten. Er hat keine Kraft für einen Neuanfang bzw. um Entscheidungen zu treffen.

    Er betreut seine gehbehinderte Mutter in seiner Wohnung und sein Vater liegt schwer pflegebedürftig im Heim. Weitere Verwandte hat er nicht-auch keine eigene Familie. Die Wohnung, die er derzeit nutzt, ist zugemüllt, weil ihm die Haushaltsführung über den Kopf wächst und er vieles hortet. Zusätzlich sind noch 2 andre Wohnungen vorhanden, die er seit Jahren nicht mehr bewohnt aber noch vollmöbiliert sind. Meinen Vorschlag, die aktuelle Wohnung aufzuräumen und bei den andren ihm zu helfen, diese nach und nach aufzulösen, lehnt er ab. Ihm fällt es schwer, sich von der Wohnungseinrichtung zu trennen. Er klammert sich regelrecht daran (=Sicherheit?) Bin die einzige Vertrauensperson und der einzige Kontakt nach außen. Wir stehen täglich in Verbindung (Telefon). Er gibt selbst zu, dass er nicht mehr kann und zeigt stark depressive Auffälligkeiten. Außerdem bestehen seit langem Medikamenten- und Alkoholabhängigkeit sowie extreme Schlafstörungen. Wie ich es so einschätze, zeigt er sozialphobische Züge, da er sich gar nicht mehr aus dem Haus traut (Einkäufe werden geliefert).

    Wie kann ich ihm helfen, ohne ihn in die Enge zu treiben? Meines Erachtens wäre es fast erforderlich, soziale Beratungsstellen einzuschalten. Doch das lehnt er definitiv ab. Bin für eure Ratschläge sehr dankbar. Ich kann und will einfach nicht mehr tatenlos zusehen! Mir zerreisst es jedesmal das Herz, ihn so zu sehen! Meine Vorschläge, für die Mutter (ebenfalls depressiv) eine ambulante Pflegestufe zu beantragen und zur Kurzzeitpflege eine vorübergehende Heimaufnahme in Betracht zu ziehen, will er ebenfalls nicht umsetzen, obwohl ihm klar ist, dass die Betreuung daheim immer schwieriger wird und sich mangels Platz sowie fehlender Dusche (nur Badewanne) noch verkompliziert. Eine ambulante Psychotherapie schlug ich mit Fingerspitzengefühl ebenfalls vergeblich vor.

    Dankeschön, liebe Grüße - Katarina

  2. #2
    Schreibkraft Avatar von waiting
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    Hallo Katharina, da hast Du Dir aber eine schwierige Aufgabe ausgesucht. Du willst jemandem helfen, der keine Hilfe will. Anscheinend kommt er bisher schon noch irgendwie klar. Es geht noch. Veränderungen vor denen man Angst hat, werden oft erst möglich, wenn gar nichts mehr geht. Ich weiß ja nun auch nicht, warum er alle Hilfe ablehnt. Scham? Schuldgefühle? Überforderung so sehr, dass selbst Hilfe ihn zu überfordern scheint? Was auch immer es ist. Er muss zuerst das überwinden, den Sprung schaffen zu sagen, ich brauche Hilfe und es ist auch okay, sie anzunehmen. Vielleicht definiert er sich über das, was er da macht, vielleicht ist es ihm wichtig, das alles allein zu schaffen, so dass er das Wissen verdrängt, dass er es schon lange nicht mehr leisten kann. Seine Krankheit kann ihm irgendwann mal einiges davon abnehmen, tut es ja schon jetzt, er muss nicht mehr einkaufen, hat ja eine Sozialphobie. Somit ist zumindest schon ein Stressfaktor so halbwegs abgehakt. Ob das nun wirklich alles so íst, sei mal dahin gestellt, ich wähle es nur mal als Beispiel.

    Warum willst Du ihm helfen, auch gegen seinen Willen. Woran merkst Du, dass ihm alles über den Kopf wächst? Spricht er mit Dir darüber, dass er so nicht mehr kann? Oder siehst Du es einfach "nur" selbst? Und warum, glaubst Du, lehnt er alles ab? Wie weit ist er denn noch in der Lage, Alltagskompetenz zu zeigen? Warum sieht es für Dich so aus, als müsstest DU nun unbedingt etwas für ihn tun, was er offensichtlich gar nicht will? Welche Chance kann man da haben? Ich glaube Dir sehr gern, dass zusehen sehr schwer ist und man einfach was tun möchte. Doch Du kannst nur unterstützen, wenn er selbst will. Über seinen Kopf und Willen hinweg geht da leider gar nichts, es sei denn, die Mutter zum Beispiel wird vernachlässigt und ist völlig hilflos. Ist schwierig. Du hattest schon so viele Ideen und er lehnt alles ab. Ich denke, den Grund herauszufinden, warum das so ist, das KÖNNTE ein Schlüssel sein. Oder eben abwarten, bis es ihm noch schlechter geht und er dann doch drauf kommt, dass er Hilfe möchte. Es ist schwer, einem erwachsenen Menschen zu helfen, der das selbst gar nicht möchte. Keine Ahnung, was Du nun machen kannst. Dran bleiben, ihm zeigen, dass Du da bist, wenn er Dich braucht. Dort vielleicht helfen, wo er es zulässt. Alles sonst liegt in seiner Entscheidung. Aber ob er tatsächlich zu Entscheidungen fähig ist, immerhin liegen ja auch noch Süchte vor.

    Lieben Gruß, waiting
    Halt mich fern von der Weisheit, die nicht weint, von der Philosophie, die nicht lacht und von der Größe, die sich nicht vor Kindern verneigt.

    Khalil Gibran

  3. #3
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    Liebe waiting,

    vielen herzlichen Dank für Deine Antwort.

    Mein befreundeter Bekannter sagte mir mehrmals, dass er keine Kraft mehr hat und schrieb mir mehrmals suizidale SMS. Das geht seit ca. 6 Jahren so - mal mehr und mal weniger intensiv.

    Laut seinen Aussagen hat er eine schwierige Kindheit hinter sich (Scheidung der Eltern im Alter von 3 J., wenig Kontakt in der Kindheit zu Gleichaltrigen, konservativ geprägte Erziehung, er lebte immer mit der Mutter und bis 2000 noch mit der pflegebedürftigen Oma in einem Haushalt, starker Leistungsdruck im Studium seitens seines dominanten Vaters, mehrere unverschuldete berufliche Scheiterungen - die letzte eben vor 6 Jahren). Wir kennen uns seit damals, denn wir arbeiteten in der gleichen Klinik, die 2004 insolvent wurde. Er ist Allgemeinmediziner und wie ich Mitte 40. Seinen Beruf übte mit viel Engagement, Warmherzigkeit und Empathie aus. Seitdem praktiziert er nicht mehr. Ich verliebte mich damals in ihn, was er später auch durch mich erfuhr. Für ihn ist es aber "nur" eine gute Freundschaft. Wir blieben in den letzten Jahren stets in Kontakt (telefonisch), erst seit Februar diesen Jahres besuche ich ihn auf seinen Wunsch hin (bis dato ca. 6 x). Mir ist die Freundschaft sehr wichtig, er genießt mein vollstes Vertrauen und half mir ein paar mal in privaten Situationen durch seinen Rat. Ich mag ihn noch immer ganz ganz sehr und freue mich ein jedesmal aufs Wiedersehen. Er bat mich (Buchhalterin) in Bürodingen und Bankgeschäften um Hilfe. Dieses tiefe Vertrauen weiß ich sehr zu schätzen. Nach seinen Worten - ich zitiere, bin ich sein "einziger Lichtblick/Sonnenscheinchen" und er hat mich "sehr lieb".

    Dass er Hilfe beim Aufräumen/Entmüllen ablehnt, geschieht m.E. aus Scham. Deshalb lässt er nur den Lieferservice und seit Februar diesen Jahres mich in die Wohnung. Ich gelange nur in den Flur, von dem ich auf den Zustand der andren Räume schloss. Es hat sich auch im Nachhinein durch Zufall und sein Erzählen bestätigt. Überall Müllsäcke, diverse Zeitungen, ... keine freie Stellfläche mehr - selbst auf dem Wohnzimmertisch nicht.

    Er behandelt sich und seine Mutter selbst. Fachkollegen mag er nicht hinzuziehen, da er ihnen wenig Kompetenz und Einfühlungsvermögen zugesteht.

    Vor ca. 2 Jahren beleidigte er mich, als er wieder einmal volltrunken war, als "Sozialschmarotzer" (ich beziehe Hartz IV - trotz mehrerer Weiterbildungen und intensiver Jobsuche) sowie mit weiteren, sehr privaten,demütigenden Worten. Ich brach damals zutiefst enttäuscht und verletzt den Kontakt ab. Später schätzte ich diese Telefonaktion als Hilferuf ein. Nach ca. 6 Monaten und zahlreichen Entschuldigungen und Flehen von ihm bzw. besonders seiner Mutter nahm ich die Verbindung wieder auf, denn auch mir fiel die Funkstille total schwer. Seine Mutter schüttete bereits auch ihr Herz bei mir aus.

    Ich versicherte ihm erst am Wochenende wieder, dass ich immer zu ihm stehe, egal welche Entscheidungen er trifft bzw. nicht trifft.

    Ich beabsichtige im Laufe diesen Jahres umzuziehen, damit ich mich besser um meine chronisch kranke Mutter (Depression, M.Parkinson, RLS, etc.) und meinen 82jährigen Stiefvater kümmern kann. Bin wie mein Bekannter Einzelkind und wir beide hatten auch noch nie so eine richtig feste Bindung. In vielen Dingen ähneln wir uns und in manchen Sachen(Verpflichtung, sich um die Eltern zu kümmern/ Angst vor Neuanfang, christliche Lebenseinstellung) kann ich ihn verstehen. Er bedauert meine Pläne sehr und er zog schon in Betracht, in die Nähe zu mitzuziehen. Mich würde dies rießig freuen! An seinem aktuellen Wohnort haben weder er noch die Mutter sozialen Rückhalt-außer halt dem Vater, der sich aufgrund eines Schlaganfalls im Heim befindet und nicht mehr kommunizieren kann sowie zeitlich udn räumlich desorientiert ist. Allerdings wurde er vom Vormundschaftsgericht für dessen Betreuung bestellt, was ihn auch an die Grenze brachte. Doch er möchte keinen Berufsbetreuer beauftragen, was ich nachvollziehen kann. Wer will schon Fremde in seine Privatsphäre Einblick gewähren.

    Ich werde nun immer auf seinen 1. Schritt warten und mich bei den nächsten Besuchen mit meinen Vorschlägen arg zurückhalten, damit ich nicht wieder über das Ziel hinaus schieße. Oder was meinst DU????

    Vielen lieben Dank für Deine Zeit. LG, Katarina

  4. #4
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    Liebe waiting,

    Du fragtest mich, warum gerade ich helfen will.

    Als ich 21 bzw 30 Jahre alt war, verlor ich zwei mir sehr nahestehende Menschen durch Suizid, darunter meinen Vater. Das steckt tief in mir drin und ich werde seitdem wegen Depressionen behandelt. Ich kann also in gewissen Dingen nachvollziehen, wie sich mein Bekannter fühlt und fuhr in Bezug auf Suizidgedanken von ihm sämtliche Antennen aus. Seit einigen Jahren bin ich dank Medikamente gut eingestellt. Vor ca. 2 Jahren warf mich allerdings Mobbing am Arbeitsplatz kurzzeitig aus der Bahn, was dazu führte, dass ich einen unbefristeten Dienstvertrag aus gesundheitlichen Gründen selbst aufkündigte. Außerdem kam ich durch die Erziehung meiner Mutter in eine christliche Glaubensgemeinschaft, die ich später aufgrund ihrer verschiedenen Dogmen als Sekte definierte. Mittlerweile fand ich den Absprung, auch durch viele Gespräche mit meinem Bekannten.

    Liebe Grüsse, Katarina

  5. #5
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    Hallo Katarina, puh, ganz schön schwierige Geschichte. So viele Probleme miteinander verquickt.

    Mein befreundeter Bekannter sagte mir mehrmals, dass er keine Kraft mehr hat und schrieb mir mehrmals suizidale SMS. Das geht seit ca. 6 Jahren so - mal mehr und mal weniger intensiv.
    Hm. Wie geht es DIR damit? Was tust Du, wenn Du solch eine SMS bekommst? Was bezweckt er Deiner Meinung nach damit? Er schreibt Dir so was per SMS. Was erwartet er? Du hast doch gar keine wirkliche Möglichkeit. Im Grunde ist das sogar unfair.


    Seine K-heit, sicher schwierig, nichts einmaliges, dennoch sicher prägend, vielleicht eine Begründung, aber keine Entschuldigung, dass er sich so gehen lässt.

    Für ihn ist es aber "nur" eine gute Freundschaft.
    Was ist es jetzt für Dich? Nicht kopfmäßig, was tut Dein Gefühl? Hoffst Du noch auf mehr als das, was jetzt da ist? Ist das der Grund dafür, dass Du ihn retten willst, eventuell auch bis zur Selbstaufgabe?

    Dieses tiefe Vertrauen weiß ich sehr zu schätzen.
    Ist es das? Ist es tiefes Vertrauen? Buchhaltung machen zu lassen, von jemandem, den man schon lange kennt und wenn man ohnehin jemanden dafür braucht?

    Nach seinen Worten - ich zitiere, bin ich sein "einziger Lichtblick/Sonnenscheinchen" und er hat mich "sehr lieb".
    Ja, das drückt Dir aber auch recht viel Verantwortung auf. Reicht Dir das so? Reicht es „einziger Lichtblick“ zu sein und ist es nicht eigentlich auch eine schwere Last? Du musst immer zur Verfügung stehen, wenn es ihm schlecht geht. Und Du bist da. Du stehst in der Warteschleife. (muss auch nicht sein, ist nur mein momentaner Eindruck) Reicht Dir „sehr lieb“? Und wie viel würdest Du dafür geben, damit es mindestens so bleibt. Und reicht all das, um zu entschuldigen, dass er sich nicht um Hilfe bemüht und sich im Grunde auf dem Wissen ausruht, Du bist ja da? Was gibt er zurück außer „Lichtblick“ und „sehr lieb“? Warum reicht Dir das?

    Dass er Hilfe beim Aufräumen/Entmüllen ablehnt, geschieht m.E. aus Scham. Deshalb lässt er nur den Lieferservice und seit Februar diesen Jahres mich in die Wohnung. Ich gelange nur in den Flur, von dem ich auf den Zustand der andren Räume schloss. Es hat sich auch im Nachhinein durch Zufall und sein Erzählen bestätigt. Überall Müllsäcke, diverse Zeitungen, ... keine freie Stellfläche mehr - selbst auf dem Wohnzimmertisch nicht.
    Ja. Aber was soll daraus werden? Was denkst Du, ist da machbar? Und was tut er dann dafür?

    Er behandelt sich und seine Mutter selbst. Fachkollegen mag er nicht hinzuziehen, da er ihnen wenig Kompetenz und Einfühlungsvermögen zugesteht.
    Nun, wenn es dort so aussieht, wie Du beschreibst, dann kann er sich schon aus anderen Gründen nicht leisten, jemanden hinzuzuziehen.

    Vor ca. 2 Jahren beleidigte er mich, als er wieder einmal volltrunken war, als "Sozialschmarotzer" (ich beziehe Hartz IV - trotz mehrerer Weiterbildungen und intensiver Jobsuche) sowie mit weiteren, sehr privaten,demütigenden Worten. Ich brach damals zutiefst enttäuscht und verletzt den Kontakt ab. Später schätzte ich diese Telefonaktion als Hilferuf ein. Nach ca. 6 Monaten und zahlreichen Entschuldigungen und Flehen von ihm bzw. besonders seiner Mutter nahm ich die Verbindung wieder auf, denn auch mir fiel die Funkstille total schwer. Seine Mutter schüttete bereits auch ihr Herz bei mir aus.
    Was hat sich verändert? Ein Hilferuf, wenn jemand volltrunken jemanden beleidigt? Kann ich so nicht werten. Einmalig mag so was noch mal durchgehen. Doch in diesem Zustand scheint er öfter zu sein. Warum möchtest Du für so einen Menschen da sein? Wenn er nicht bereit ist, an sich zu arbeiten, etwas zu verändern?

    Ich versicherte ihm erst am Wochenende wieder, dass ich immer zu ihm stehe, egal welche Entscheidungen er trifft bzw. nicht trifft.
    WARUM? WAS springt dabei für Dich heraus? Ich meine das nicht materiell. Hast Du nicht Angst, Dich selbst zu verlieren?

    Allerdings wurde er vom Vormundschaftsgericht für dessen Betreuung bestellt, was ihn auch an die Grenze brachte. Doch er möchte keinen Berufsbetreuer beauftragen, was ich nachvollziehen kann. Wer will schon Fremde in seine Privatsphäre Einblick gewähren.
    Das will jeder, der einsieht, dass er am Ende seiner Kraft angekommen ist. Und das bedeutet nicht, dass man sich ja nun nicht mehr um ihn kümmern muss/kann/darf/soll.

    Ich werde nun immer auf seinen 1. Schritt warten und mich bei den nächsten Besuchen mit meinen Vorschlägen arg zurückhalten, damit ich nicht wieder über das Ziel hinaus schieße. Oder was meinst DU????
    Ich frage mich, was eigentlich das Ziel ist? In allen Sätzen lese ich, wie es ihm geht, warum er was wie macht oder auch nicht. Wo bist Du? Wie geht es Dir wirklich damit? Es klingt eigentlich so hoffnungslos und nach unendlichem Stress. Ist es eine Aufgabe für Dich, ist es jemand, dem Du Dein Gefühl schenken kannst, weil sonst keiner da ist? Es ist nie eine Schande, wenn jemand Hilfe braucht. Es ist aber eine, wenn man diese nicht annehmen will. Er müsste selbst viel tun. Doch Du nimmst ihm das ab, wenn Du immer Wege suchst und findest, um ihm alles zu erleichtern. Letzten Endes wird er aber daran gehindert festzustellen, wie sehr er schon in einer Sackgasse steckt. Es geht ihm immer noch gut genug. Und jeder hat selbst die Verantwortung für sein Leben.


    Das steckt tief in mir drin und ich werde seitdem wegen Depressionen behandelt. Ich kann also in gewissen Dingen nachvollziehen, wie sich mein Bekannter fühlt und fuhr in Bezug auf Suizidgedanken von ihm sämtliche Antennen aus.
    Nachvollziehen ist okay. Aber Du scheinst jetzt das zu tun, was eventuell bei Deinem Vater keiner gemacht hat? Willst Du ihm jetzt die Tochter sein, die Du damals nicht sein konntest? Jeder Mensch ist für sein Leben selbst verantwortlich und auch dafür, wenn er es wegwirft. Und auch dafür, sich Hilfe zu holen, wenn man sieht, dass man es nicht schafft allein. Du hast das auch getan. Hast Du keine Angst, dass Du Deinen Erfolg riskierst, wenn Du Dich zu sehr auflöst in den Problemen eines anderen Menschen, der gar nicht will, dass man ihm hilft?

    Ich kann gut verstehen, was Du da machst und ich denke, ich kann auch nachvollziehen, warum Du das machst. Deshalb schrieb ich, was ich schrieb. Ich hoffe, nichts kommt als Vorwurf an, da sind keine Vorwürfe, nur der Versuch, mal Deine Situation mit etwas weniger Gefühl zu analysieren. Kann sein, wenn Du so weiter machst, Dich noch mehr in die Helferrolle fallen lässt, wirst Du zum hilflosen Helfer. Du willst Dich jetzt bald um Deine Eltern kümmern. Das wird viel Kraft von Dir erfordern. Denkst Du nicht, ein Mensch/Freund/Partner, der Eigenverantwortung zeigt, der vielleicht auch mal Dich unterstützt, wäre für Dich mal eine schöne, neue Situation. Vielleicht sogar eine, mit der Du erst mal gar nicht umgehen könntest? Du musst nicht ALLES tun, um Liebe, Sympathie, Anerkennung zu erhalten. Liebe wird geschenkt. Und zwar dafür, dass man einfach so ist, wie man ist. Nicht dafür, dass man etwas tut.

    Du hast schon so viel erreicht in Deinem Leben. Schau, was Dir diese Beziehung WIRKLICH gibt. Wenn Du glücklich bist damit, dann ist das okay. Aber einem Menschen helfen wollen, der das nicht will, das wird Dich zerstören. Wäre schade drum.

    Ich verstehe Dich.

    Liebe Grüße, waiting
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    Khalil Gibran

  6. #6
    Gast784
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    Als ich 21 bzw 30 Jahre alt war, verlor ich zwei mir sehr nahestehende Menschen durch Suizid, darunter meinen Vater
    Hallo Katharina,

    dazu noch ein Gedanke von mir:
    kann es sein, dass Du Deine eigene Hilflosigkeit in jenen Situationen durch Deine selbstaufOPFERnde Hilfsbereitschaft in dieser Beziehung kompensierst? Aber damit wiederholst Du nur die Situation von damals - indem Du Deine Hilflosigkeit noch bestätigst. denn diesem Mann ist nicht zu helfen, weil er keine Hilfe zu lässt, muss er auch nicht, so lang er Leute wie Dich als Krücke hat. Du musst deshalb ja nicht den Kontakt abbrechen, wenn ihr durchaus auch eure positiven Berührungspunkte habt. Aber es geht um Abgrenzung. Und die müsste bei guter Eigenliebe viel früher und deutlicher erfolgen.

    Hast Du diese Hilflosigkeit, ausgelöst durch Suizid, therapeutisch schon mal angeschaut? Könnte mir vorstellen, dass da auch systemische Therapie gut greifen würde, weil das dann zwar nochmal durch die schmerzhaften Punkte führt, aber eben DURCH, und zu einem Lösungsbild. Du scheinst da irgendwie drin stecken geblieben zu sein, drum bist Du da auf der Schiene auch so gut zu kriegen.
    Geändert von Gast784 (01.05.2010 um 07:20 Uhr)

  7. #7
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    Liebe Waiting und liebe Gaby!

    vielen lieben Dank für eure Beiträge.

    Mich haben die Zeilen gestern sehr zum Nachdenken bewegt. Ich fasste auch nichts als Vorwurf auf - im Gegenteil! Ich bin doch froh, dass mein Problem von andren objektiv betrachtet wird. Deshalb wandte ich mich auch an das Forum.

    Ich selbst bin seit 5 Jahren in regelmäßiger psychotherapeutischer Behandlung (Gesprächs- und Verhaltenstherapie). Als ich die SMS mit Selbstmordgedanken erhielt, wurde ich zwar von der Therapeutin "aufgefangen" und ich wandte mich vorsorglich telefonisch an den sozialpsychiatrischen Dienst. Doch mit all meinen eigenen Dingen (Sekte, Suizid vom Vater und einer guten Bekannten, mein Elternhaus, Mobbing) dreh ich mich m.E. irgendwie im Kreis. An die systemische Familienaufstellung nach Hellinger, wie Du, Gaby, es vorschlugst, dachte ich auch schon mal. Las diverse Literatur darüber (aber auch Robin Norwood "wenn Frauen zu sehr lieben"), doch am Umsetzen der Erkenntnisse mangelt es mir sehr. Nach der Mobbinggeschichte am letzten Arbeitsplatz gewährte mir meine Krankenkasse einen 2monatigen stationären Rehaklinikaufenthalt, danach war ich noch ca. 6 Monate arbeitsunfähig und bin im Anschluss gleich in die Arbeitslosigkeit gerutscht, da ich selbst kündigte. Jetzt beziehe ich ALG2 (zum 2.x in meiner beruflichen Laufbahn), wohne seit 10 Jahren 600 km entfernt von meiner eigentlichen Heimat, habe keine eigene Familie/Partner. Aber ein ganz wichtiger Halt ist für mich: 1 gute Freundin hier vor Ort und 3 gute Freundinnen in Wohnortnähe meiner Mutter. Dennoch frage ich mich manchmal, was habe ich erreicht? :-( Ich definierte mich stets über meinen Job, wo ich Anerkennung erhielt, die mir sehr wichtig ist. Selbstbewusst und ausgeglichen bin ich leider fast nur, wenn ich geliebt werde oder auch "nur" von jemand geschätzt werde. Ich nahm mir fest vor, nicht die gleichen Verhaltensweisen wie meine Mutter an den Tag zu legen, doch ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich mich ebenfalls auf einen bestimmten Menschen fokussiere, wie sie sich auf mich (jetzt immer noch). Damals wagte ich selbst den Schritt für den Umzug in ein andres Bundesland. So gewann ich endlich die nötige Freiheit, schuf mir eine kleine gemütliche Wohnung und schaffte auch den Ausstieg aus der Sekte.

    Dass ich mich meines Bekannten so annehme, denk ich, liegt daran, dass ich damit wirklich meinen eigenen trostlosen leeren Alltag fülle und somit meinem Leben einen Sinn gebe. Seine Äußerungen, dass ich sein einziger Lichtblick bin, bürdet mir schon ein immense Last auf. Ist aber auch für mich Wertschätzung. Ehrlich gesagt, wünscht ich mir schon mehr als eine gute Freundschaft von ihm. Aber er ist ein sehr schwieriger Charakter (Süchte, Phobien). Ich sehne mich aber nach einer starken Schulter, an der ich mich anlehnen kann. Wo ich Sicherheit/Geborgenheit erhalte und nicht umgekehrt. Doch, wie auch Gaby schon schrieb, mit meinem "Helfersyndrom" (wie ich es gern bezeichne), bin ich auf dieser Schiene leicht zu kriegen. Ich zog Männer mit Problemen stets an und war immer nur unglücklich verliebt. Entweder war derjenige depressiv und brauchte meiner Meinung nach meine Hilfe oder er war verheiratet. Es wurden deshalb nur kurze Affären, bei denen ich zuzahlte, da ich bewusst zu viel Gefühl investierte. Ein weiterer Grund, warum ich in die Wohnortnähe meiner Mutter und Stiefvater umziehe, ist ein Mann, mit dem ich hier eine Affäre hatte und von dem ich mich mental und und gefühlsmäßig schwer lösen kann. Ich weiß, dass der Umzug in Bezug dessen eine Flucht ist, denn die Probleme nimmt man ja mit. Doch vielleicht hilft mir die räumliche Trennung, diesen Mann zu vergessen - inwieweit dies überhaupt möglich ist. In diesem Zusammenhang find ich Deine Aussage, liebe Waiting, sehr treffend: "Du musst nicht alles tun, um Liebe, Sympathie, Anerkennung zu erhalten. Liebe wird geschenkt. Und zwar dafür, dass man einfach so ist, wie man ist, Nicht dafür, dass man etwas tut." Dankeschön!!!!

    Ich besitze ein sehr geringes Selbstwertgefühl (krankheitsbedingtes Übergewicht, als Kind gehänselt, Aussenseiter wegen der Sekte, bin unterwürfig und zu defensiven Verhalten erzogen wurden). Ich musste mir mein, wenn auch geringes, Selbstbewusstsein mühsam erkämpfen - das geschah erst, als ich vor 10 Jahren das Elternhaus verließ. Dies war auch der Zweck meines Umzuges. Dass ich Eigenliebe besitze, kann ich deshalb auch nicht behaupten und bin wohl aus diesem Grunde auf dem besten Weg dazu, ein hilfloser Helfer zu werden, wenn ich so fortfahre. Nach der Reha 2007 kam ich voll guter Vorsätze nach Hause, geriet aber nach 2-3 Monaten sukzessive ins alte Fahrwasser zurück. Natürlich nicht immer extrem, es gibt Schwankungen.

    LG, Katarina

  8. #8
    Gast784
    Gast

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    An die systemische Familienaufstellung nach Hellinger, wie Du, Gaby, es vorschlugst, dachte ich auch schon mal. Las diverse Literatur darüber (aber auch Robin Norwood "wenn Frauen zu sehr lieben"), doch am Umsetzen der Erkenntnisse mangelt es mir sehr.
    hallo Katharina,

    nur noch mal kurz zur systemischen Therapie. Familienaufstellungen gibt es inzwischen sehr verschiedene, muss nicht nach Hellinger sein. Mir persönlich ist der zu rigide und zu patriarchisch. Wichtig ist aber, dass die Aufsteller eine gute und fundierte Ausbildung haben und nicht nur ein Wochenendseminar oder so was. Darauf würde ich achten.

    Sich mit dem Thema theoretisch-intellektuell auseinanderzusetzen bringt nix. Das wirkt durchs tun. Wenn Du genauer wissen willst, wie und warum, kann ich Dir noch ein Buch empfehlen, das die Zusammenhänge genauer erläutert und zudem Einblick in freies Stellen gewährt:

    "ich stehe nicht mehr zur Verfügung" von Olaf Jacobsen.

    Daß das Buch "wenn Frauen zu sehr lieben" was mit Familienaufstellung zu tun hat, wusste ich gar nicht Aber ich kenns eh nur vom hörensagen und habs selber noch nie gelesen. Hier im Forum wurde es schon öfters erwähnt.

    Aber vll ist es jetzt auch einfach (noch) nicht an der Zeit dafür, weil andere Themen bei Dir vorrangiger sind, wie Umzug, Eltern etc.

    Es wurden deshalb nur kurze Affären, bei denen ich zuzahlte, da ich bewusst zu viel Gefühl investierte.
    Warum hast Du da BEWUSST zu viel Gefühl investiert? Mir ist so was zwar schon ungewollt passiert, aber was veranlasst frau dazu, dies bewusst, also gewollt zu machen, wenn sie schon weiss, dass es zu viel Gefühl sein wird?
    Geändert von Gast784 (02.05.2010 um 12:57 Uhr)

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