Liebe Forum-Mitglieder!
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das hier eigentlich die richtige Kategorie ist, denn mein Vater, um den es hier geht, ist ja nicht gestorben. ABer es ist dennoch irgendwie eine Art Trauerprozess oder ein Abschied, den ich ihm gegenüber grad durchmache, weil er sich mir emotional total entfernt hat und ich nicht weiss, wie ich mit diesem Schmerz umgehen soll, wie ich meinen Vater oder das Bild, das ich von ihm habe, loslassen kann.
Kurz der Hintergrund: Ich bin in einer recht normalen Familie aufgewachsen und hatte wohl das was man eine glückliche Kindheit nennt. Vor einigen Jahren wurde jedoch meine Mutter schwer krebskrank und starb innerhalb eines halben Jahres. Und hier beginnt die Geschichte der "Enttarnung" und Entfremdung meines Vaters. Er hat sich seither als verantwortungslos, um sich selbst kreisend und "unväterlich" erwiesen. Als meine Mutter schwer krank im Krankenhaus lag, war seine grösste Sorge, dass er nun plötzlich Überweisungen und Steuererklärungen selbst ausfüllen und sein Leben als bücherlesender, umsorgter Gelehrter aufgeben musste. Das Ganze ging weiter damit, dass er am Tag des Todes meiner Mutter zu uns Kindern sagte, er brauche so bald wie möglich eine neue Frau. Kurz danach wurden uns diverse Frauen präsentiert, ohne dass wir gefragt wurden, ob uns das etwas ausmache. Zugleich erwartete er von uns Kindern, dass wir ihn mit Einkaufen, Putzen und allerlei praktischen Dingen versorgen (mein Vater war und ist ein rüstiger Mann in den 60'igern) Vor einigen Jahren traf er schliesslich durch eine Anzeige eine Frau, mit der er nun verheiratet ist. Sie ist eine sehr unsichere Persönlichkeit und war von Anfang an eifersüchtig auf jeglichen Kontakt meines Vaters zu uns Kindern und seinen Enkelkindern, obwohl sie selbst Kinder aus einer geschiedenen Ehe hat. Dass mein Vater uns Kinder und seine Enkelkinder besucht, war kaum möglich, wir mussten regelrecht darum betteln, und auch dann war ein Gespräch mit ihm allein kaum möglich. Auch hier habe ich das Verhalten meines Vaters als feig und als totale Vernachlässigung empfunden, weil er aus Angst vor dem Alleinsein seiner Frau keine Grenzen ihr gegenüber setzte und uns nicht besuchen kam, selbst wenn ihm danach war.
Bis dahin habe ich meine Enttäuschung und Verletztheit noch ganz gut verarbeiten und "in Schach" halten können. Nun aber hat seine Frau, die hoch verschuldet ist, ihn mit einer Scheidungsdrohung so unter Druck gesetzt, dass er uns gerichtlich zum Verkauf unseres Familienhauses, das er und wir Kinder gemeinsam besitzen, zwingen möchte, obwohl dieser Verkauf zu einem deutlichen finanziellen Verlust für uns alle führen würde und obwohl die Schulden seiner Frau zum Teil auch von ihren (erwachsenen) Kindern getragen werden müssten (sie sind an der fraglichen Immobilie beteiligt). Mein Vater verteidigt seine Haltung damit, dass uns sein psychisches Wohlergehen und das seiner Frau wichtiger sein sollten als unsere Finanzen. Ein ARgument, das mich irgendwie völlig ausser Gefecht setzt.
Es ist nicht so sehr der mögliche Verlust des Geldes, der mich bestürzt, es ist einfach die Tatsache, dass unser Vater unsere Bedürfnisse so total übersieht, dass er es wichtiger findet, dass die Kinder seiner Frau nicht belästigt werden, damit er "in Frieden" mit seiner Frau leben kann, als dass es uns, seinen (!) Kindern, gut geht und dass wir Vertrauen zu ihm haben und in Frieden mit ihm leben. Dass er lieber das Risiko eines totalen Kontaktabbruches zwischen ihm und seinen Kindern eingeht als das Risiko, von seiner Frau verlassen zu werden.
- Wenn ich mir die anderen Einträge hier im Forum so ansehe, ist mir klar, dass ich trotz allem "auf hohem Niveau" klage. Immerhin hat mein Vater mich aufgezogen und war in meiner Kindheit für mich da. Ich fühle mich aber halt so von meinem Vater im Stich gelassen, und zugleich bin ich so voller Zorn auf ihn, weil er noch nicht einmal einsieht, dass er sich egozentrisch verhält, dass ich oft nachts wach liege und heule und meinem Vater eine Schimpftirade nach der anderen halte. Das Ganze lähmt meine Gedanken so sehr, dass ich manchmal denke, die einzige Art, wie ich mit dieser Erfahrung leben kann, ist so zu tun, als ob mein Vater tot wäre. Mein Lebensgefährte rät mir davon aber sehr ab, teils, weil er selbst solche Spannungen in der Familie nicht aushalten würde, teils, weil er meint, dass ich auch dann keine innere Ruhe hätte. Und damit hat er ja vermutlich recht. Daher meine Frage: Wie kann ich mich mit meinem "Nicht-Vater" abfinden, wie kann ich Ruhe finden, welche praktischen und mentalen Dinge, Rituale gibt es, die mir helfen, ABstand zu gewinnen? Ist vielleicht ein Time-Out das Richtige oder ist doch ein totaler Kontaktabbruch (auf den ich momentan am meisten Lust hätte) richtig? Und wisst ihr gute Bücher, Therapien, Kurse?
Ich wäre für jeglichen Tipp sehr dankbar!


LinkBack URL
About LinkBacks
Zitieren

Lesezeichen