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Thema: Zwanghaftes Mittelpunktsyndrom (?!)

  1. #1
    Neuling
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    Standard Zwanghaftes Mittelpunktsyndrom (?!)

    Hallo, ich versuche euch mein Problem zu erläutern, ohne dass ich es selbst wirklich greifen kann.
    Zu meiner Person: Ich bin weiblich, 19 und mache bald Abitur. (ahja ich weiß sehr aussagekräftig)
    Ich glaube mein Problem ist, dass ich nicht in der Lage bin mich selbst zu kontrollieren. In der Schule fällt es (mir) am meisten auf, weil laut und nervig sein dort wohl am unangebrachtesten ist. Wenn ich mit meinen Freunden zusammen bin bin ich auch so, aber da fällt es etwas weniger auf.
    Ich betrachte mich, wenn ich unter Menschen bin, als völlig andere Person. Es ist wirklich so, als ob ich dann die Kontrolle über mich verlieren würde und etwas in meinem Unterbewusstsein die Führung übernimmt.
    Ich bin dann vor allem laut, auffällig, ich übertreibe es gerne, kenne keine Grenzen, und wenn doch, dann überschreite ich sie. Ich bin, wie es die Lehrer gerne bezeichnen, vorlaut. Kommentiere alles, erzähle alles, rede allgemein sehr viel.
    Und es ist mir selbst zu viel, ich bin mir selbst zu viel. In letzter Zeit bleibe ich öfters gerne zu Hause, weil ich weiß, dass ich dann still bin und mir selbst nicht auf die Nerven gehe. Wie es die Menschen um mich herum aushalten wüsste ich wirklich gerne. Ich kann es mir nicht vorstellen.
    Ich bin auch eigentlich eine recht nachdenkliche Person, über mich, aber auch über andere. Ich sehe relativ viel und fühle mit ihnen. Gerade gegenüber Außenseitern und so, die nicht viel Aufmerksamkeit bekommen. Eigentlich würde ich mich gerne um sie kümmern, aber ich bin viel zu sehr damit beschäftigt laut und ******* zu sein. Und ich werde auch verletzend zum Teil. Zum Großteil davon unbeabsichtigt, manchmal, wenn der Witz zu gut ist, muss er dann aber doch gesagt werden, koste es was es wolle.
    Wo wir bei dem nächsten Punkt wären: Es scheint fast so, als würde ich mich am Lachen anderer "aufgeilen". Zum einen beziehe ich glaube ich daraus meine Bestätigung, zum anderen werde ich dadurch angeheizt und mache immer weiter und weiter, wenn die anderen immer weiter lachen, und wenn nicht, dann versuche ich sie wieder zum lachen zu bringen. Ich wäre eine super Alleinunterhalterin, nur schade, dass 80% der Witze mies sind. Und unnötig.
    Was die schulischen Leistungen angeht bin ich so naja. Die Sachen, die ich von Natur aus kann, die laufen gut, für alles, das Konzentration und etwas Lernen erfordert bin ich ungeeignet. Ich schaffe es einfach nicht mich zu konzentrieren, zu Hause funktioniert es manchmal, seltenst, aber in der Schule oder wenn ich mit anderen in einer Gruppe lernen will kann ich das eigentlich gleich lassen. Unmöglich.
    Mir wurde oft vorgeworfen ich würde immer im Mittelpunkt stehen wollen, und ich habe diesen Gedanken immer lächerlich gefunden. Aber je mehr ich darauf geachtet habe desto klarer wurde es eigentlich, dass es stimmt. Bis zu einem gewissen Punkt.
    Ich habe mir jahrelang nichts sehnlicher gewünscht als einfach fast unsichtbar zu sein und nicht negativ aufzufallen, ohne wirklich zu realisieren, dass ich ohne (diese) Aufmerksamkeit nicht sein kann.

    Das klingt doch alles komplett dumm. Vielleicht bin ich auch nur unerzogen und ohne Disziplin.

    Kann irgend jemand irgend etwas (kluges) dazu sagen, bitte?

  2. #2
    Schreiberling Avatar von Osterinsel
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    Standard

    Servus Emily,

    als ich Deinen Post gelesen hab, fühlte ich mich so an mich erinnert...so war ich in Deinem Alter auch... lang, lang ist´s her...

    Ich hab mir damals mit meinen Sprüchen auch nicht nur Freunde geschaffen - obwohl immer alle gegrölt haben!
    Naja, und die armen Lehrer...die ham´s bestimmt nicht leicht gehabt.

    Sprüche kloppen und Witze reißen tut man ja, um Aufmerksamkeit zu erregen und Bestätigung zu bekommen. Irgendwann kann sich das aber auch gegen einen wenden. In der Uni ist das gar nicht so gut angenommen, weil da viele das Leben schon viel ernster genommen haben als ich und so ein Rebellentum gar nicht verstanden oder für überflüssig gehalten haben.

    Trotzdem hab ich meine Schulzeit diesbezüglich als gut in Erinnerung, so viel verantwortungslosen Spaß hat man danach nicht mehr.

    Grundsätzlich würd ich Dir sagen, genieß die Zeit noch und hau rein, denn der "Ernst des Lebens" scheint sich ja sowieso langsam bei Dir zu melden und anzufangen, sich durchzusetzen. Sonst würdest Du garnicht merken, daß da etwas nicht (mehr) so ganz angemessen ist. Du beginnst ja, Dich unwohl zu fühlen und Dich zu fragen, ob Du das eigentlich bist, der da immer so übertreibt, und ein Teil von Dir scheint festzustellen, daß er es eigentlich lieber etwas ruhiger angehen würde. Das geht ja so weit, daß Du Dich außer Kontrolle fühlst.

    Was sagen denn Deine guten Freunde dazu?

    Und kannst Du auch eine verletzliche Seite zeigen? Mal traurig, schwach usw. sein?

    Oft ist es bei den Sprüchekloppern so, daß sie alles Verletzliche verbergen wollen, weil sie Angst haben, nicht so akzeptiert zu werden, wie sie sind.


    Mir scheint, nachdem, was Du schreibst, wächst da eine sehr kluge, selbstreflektierende junge Dame heran, die sehr wohl Zugriff auf viele Facetten ihrer Persönlichkeit hat. Du kannst witzig sein, im Mittelpunkt stehen, tiefer in die Menschen blicken und das wichtige vom unwichtigen unterscheiden. Wo findet man eine solche Kombination schon?
    Du mußt bloß lernen, jeweils die passende Seite von Dir in den Vordergrund zu stellen. Gib all Deinen Anteilen Raum, sei aufmerksam und fang an, Dich zu trauen, auch die gemäßigteren Seiten zu zeigen.

    Wenn Du nach ner Weile merkst, daß das Gefühl der Kontrollosigkeit (schreibt man das heutzutage mit drei "l"? Egal, so´n neumodisches Zeug kommt mir erst garnicht in die Tüte, so´n Quatsch, sch**** Rechtschreibreform), also, wenn Du die Kontrollosigkeit nicht in den Griff bekommst (denn das ist das eigentlich Alarmierende), kannst Du Dir immer noch überlegen, ob Du ne kurze Verhaltenstherapie machen willst, bevor es sich auswächst und Dir irgendwann ernsthaft im Weg steht.

    Ansonsten kann ich Dir nur sagen, mach Party, so lange es noch geht!


    Liebe Grüße von der alten Osterinsel!
    Geändert von Osterinsel (27.03.2010 um 00:29 Uhr)
    "Life is intrinsically, well, boring and dangerous at the same time. At any given moment the floor may open up. Of course, it almost never does; that’s what makes it so boring.” ~Edward Gorey

  3. #3
    Gast784
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    Standard

    hallo Emily,

    was hindert Dich eigentlich daran, WIRKLICH Comedy zu machen?

    Alleine oder in ner Theatergruppe oder sonst wie, es gibt ja heute tausende von Möglichkeiten. Da kannste die Rampensau richtig rauslassen und in Deinem Alltag Stoff dafür sammeln. Also nicht jede fiese Pointe gleich rauslassen, sondern aufschreiben, in Szene setzen, vorführen und richtigen Applaus ernten.

    Wäre das vll ein Weg, der anmacht,die Kontrolllosigkeit (sry osterinsel, aber ich musste das mit den 3 l jetzt mal ausprobieren )in sozialverträglichere Bahnen zu lenken?

  4. #4
    Neuling Avatar von smile
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    Hallo Emily,

    ich hab jetzt nicht die übrigen Antworten gelesen, aber meinen Senf abgeben muss ich jezt mal trotzdem

    Ich denke, das mit dem "im Mittelpunkt stehen müssen" könnte mit der Definition deines Selbstwertgefühls zusammenhängen: "Ich bin nur dann etwas wert, wenn man mir Aufmerksamkeit schenkt, wenn ich beachtet werde" oder so. Muss nicht stimmen, aber vielleicht wäre da ein Ansatz, an dem du arbeiten könntest, um nicht so sehr von den Reaktionen anderer - oder von ihrem Lachen, wie du es schreibst - abhöngig zu sein.

    Außerdem habe ich das Gefühl, dass du eine Person bist, die vor Energie fast überzulaufen scheint. Steck sie doch in etwas Gutes rein! Gibt es irgendwas, wo du dich engagieren kannst? Irgendwas, was dir Spaß macht - sei es eine ehrenamtliche Arbeit neben der Schule oder zum Beispiel, was vielleicht ganz gut passt, Engagement in der Organisation der Abitur-Feierlichkeiten... Ich habe es schon öfter erlebt, dass die größten "Störenfriede" in der Oberstufe oder kurz vorm Abitur plötzlich verbissen an so etwas arbeiteten (oder in der Schülervertretung oder so), und plötzlich verstanden einige (nicht alle) Lehrer, dass in diesen Menschen sehr viel mehr steckte als nur Sprücheklopfen.

    Ich denke, dass du dich aber nicht verbiegen musst. Es ist nichts Schlimmes daran, etwas lauter zu sein als andere, auch wenn man zu Hause vielleicht leiser ist. Und ich denke, dein Post zeigt auch ganz klar, dass du nicht unerzogen bist (sondern diese Anerkennung ja irgendwie brauchst). Du bist okay, so wie du bist! Ich wette, eine Menge Leute würden sagen, dass sie dich echt gern haben und sogar bewundern, oder sogar wünschten, sie könnten mal so vorlaut sein wie du, wenn man sie danach fragen würde

    Liebe Grüße,
    smile
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  5. #5
    Moderator Avatar von Tänzerin
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    Hallo Emily,

    ich hatte auch das Gefühl, dass mir deine Beschreibung bekannt vorkommt.
    Zitat Zitat von smile Beitrag anzeigen
    Ich denke, das mit dem "im Mittelpunkt stehen müssen" könnte mit der Definition deines Selbstwertgefühls zusammenhängen: "Ich bin nur dann etwas wert, wenn man mir Aufmerksamkeit schenkt, wenn ich beachtet werde" oder so. Muss nicht stimmen, aber vielleicht wäre da ein Ansatz, an dem du arbeiten könntest, um nicht so sehr von den Reaktionen anderer - oder von ihrem Lachen, wie du es schreibst - abhängig zu sein.
    Und smile bringt es auf den Punkt: Genau das war es bei mir. Und irgendwann habe ich erschrocken festgestellt (so wie du), dass ich vorlaut bin, immer im Mittelpunkt stehen muss, vll sogar andere verletze. Und ich habe es mir abgewöhnt. Manchmal kommt es noch durch (bei jemanden, mit dem ich sehr vertraut bin), aber im Großen und Ganzen ist es verschwunden.
    Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob das die beste Entscheidung war. Für mich ist das (jetzt im Nachhinein) eine Gratwanderung. Ich glaube, dadurch, dass ich darauf verzichtet habe, so zu sein, habe ich mir gleichzeitig ein Stück Offenheit und Unbeschwertheit genommen und es hat mein Problem mit dem mangelnden Selbstwertgefühl verstärkt. Das muss für dich nicht zutreffen und ich sage auch nicht, dass es falsch war, mich ein wenig zurückzunehmen. Ich bin dadurch auch sensibler und rücksichtsvoller geworden. Aber du solltest auch versuchen, wenn du an dir arbeitest, nicht in das andere Extrem zu fallen. Manchmal ist es auch okay, aufzufallen und im Mittelpunkt zu stehen.
    Ich denke, dass es eine Phase ist und du solltest, wenn du sie über hast, überwinden, aber so, dass du nicht in eine andere Phase reinfällst, die dir vll noch mehr Kummer bereitet.

  6. #6
    Neuling
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    Hallo an alle, danke für die vielen Denkanstösse. Ich habe mir alles zu Herzen genommen und darüber nachgedacht. Ich werde auch weiter darüber nachdenken und vielleicht zu einer wunderbaren Erkenntnis kommen, vermutlich aber bleibt alles so wie es ist und wie es schon die letzten 15 Jahre war.
    Es ist nämlich nicht so, dass mich mein Verhalten erst seit neuestem stört, nein. Seit der Grundschule falle ich aus dem Rahmen und sitze zu hause und überlege mir, wie ich mich ändern kann. Denn das Wollen steht nicht infrage. Zeitweise habe ich mich auch in das andere Extrem gewünscht, nur nicht mehr auffallen und der vernichtenden Meinung anderer ausgesetzt sein.
    Und ja, vermutlich muss ich vor allem an meinem Selbstbewusstsein arbeiten, und daran, hinter dem zu stehen was man innerlich ist und sich keine grelle Fassade aufbauen.
    Ich weiß es nicht.

  7. #7
    Moderator Avatar von Tänzerin
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    Hast du schon mal darüber nachgedacht, eine Verhaltenstherapie zu machen? Ein Therapeut könnte dir helfen, Strategien zu entwickeln, wie du dich eher so verhalten könntest, wie du es dir wünschst. Denk mal drüber nach, je nachdem, wie gravierend das Problem für dich ist, könnte dir das weiterhelfen, anstatt dass "alles so bleibt wie die letzten 15 Jahre".

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