Hallo Leute,

ich bin die Kompassnadel und ich habe mich nach langem hin und her dazu entschlossen, nun doch den Schritt "nach draußen" zu machen. Ich habe schon oft mit meiner Vertrauensperson Nummer 1 (meiner Mutter) über das Thema gesprochen und gehe jetzt mit dem Thema viel gelassener und besser um als zu dem Zeitpunkt, an dem ich im Kopf nur Karussell gefahren bin. Meinen Normalzustand habe ich aber noch nicht wieder erreicht, und das würde ich gerne ändern. Diesmal ohne das ich meiner Mum tierisch auf die Nerven gehe.

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Vorab aber ein paar Worte zu meiner Person und zu meiner Situation:
Ich bin männlich, 27 Jahre alt, noch ein 3/4 Jahr Student und ein sehr ausgeglichener und gefestigter Mensch. Leider bin ich absoluter Kopfmensch und sexuell kaum aktiv. Warum ich Kopfmensch bin, weiß ich nicht, warum ich sexuell nicht weiter aktiv bin aber schon: Ich habe kein Bedürfnis mit irgendwem zu schlafen und bin sonst leider nur selten verliebt bzw. lerne auch nicht dauernd neue Leute kennen. Da ich jetzt noch bei meinen Eltern wohne und die Wohnsituation nicht die beste ist, kann bzw. will ich an der Situation im Moment nichts ändern. Allerdings bin ich wegen des absehbaren Abschlusses auf Wohnungssuche und ich bin der Meinung, das ich dann endlich auch mein Leben so führen kann, wie ich es will.

Unabhängig (oder abhängig?) davon, habe ich seit etwa 1,5 Jahren mal mehr und mal weniger den Gedanken im Kopf, das ich vielleicht schwul bin. Für den Gedanken gab und gibt es im Grunde keinen Anlass aber einen Grund. Seit ich denken kann, hatte ich nie gesteigertes Interesse an Jungs, oder später Männern, habe aber in naiver Jugendlichkeit so halben Sex mit einem Mitschüler gehabt. Hat mir nicht groß gefallen und ich hab das irgendwann auch einfach abgehakt. An Frauen war ich dagegen schon interessiert, wobei ich das Thema immer auf "später" verschoben habe, weil ich diesbezüglich einfach ein Spätzünder war. In meinem technischen FH Studium habe ich mich dann mit den ganzen jungen Männern einfach unwohl gefühlt und nie wirklich Anschluss gefunden und war deshalb auf meinen bisherigen Freundeskreis angewiesen, den ich als sehr stabil und gut empfinde und den ich über so gut wie alles hebe. Trotzdem war das Thema "Frauen" dort nie ein ernstes Thema - wir waren sozialverträglichere Nerds (nein, so schlimm waren wir nicht, aber wir haben uns alle gemocht und waren uns genug ) und deswegen bin ich bis zum Ende des Bachelors zu keinem großen Frauenkontakt gekommen.
Für den Master habe ich mich dann an einer Universität eingeschrieben und habe mich dort endlich angekommen gefühlt: Die Leute waren nett, es gab ein gemischtes Geschlechterumfeld, ich war das erste Mal so richtig hardcore in eine Kommilitonin verliebt (mit der ich dann nicht zusammen gekommen bin) und nunja. Ein andere Kommilitonin war dann mehr an mir interessiert und ich war dann eine Weile mit der zusammen, aber da ich sie im Nachhinein nicht geliebt habe, war das zum Scheitern verurteilt. Dort fing der Spuk aber an: Der erste Sex hat nicht so richtig geklappt, weil ich keinen hoch bekommen habe und meine Gedanken sind rotiert. Das hat sich aber natürlich gebessert und die Gedanken waren weg. Nach dem Aus sind sie kurz über lang aber wieder gekommen und begleiten mich seitdem.

Die Gedanken sind die üblichen Verdächtigen: "Bin ich schwul, wenn mir der Mann gefällt?" "Bin ich schwul, wenn mir die Frau nicht gefällt?" "Was sagt es über mich aus, wenn mir auffällt, das ein Kumpel [mit dem ich gerade rede] so schöne Wimpern hat, das jede Frau vor Neid erblassen würde?" "Was passiert, wenn ich zugebe, das mir die Stimme von dem Typen gut gefällt, der da gerade redet?" Und so weiter.
Diese Gedanken stören mich zutiefst. Ich habe kein Problem damit, zuzugeben, das jemand (Männlein wie Weiblein) attraktiv aussieht oder eine schöne Stimme hat. Ich bin enthusiastischer Hobby-Portrait-Fotograf und bin mir bewusst, wer in meiner Umgebung gut aussieht und warum. Ich höre außerdem gerne Musik und finde Gesang (und damit eine schöne Stimme) natürlich anziehend. In meinen Augen gibt es deswegen keinerlei Gründe dafür, das mir diese Frage im Geiste herum eiert. Zumal es ja auch keine sexuellen Phantasien sind, die da in mir hoch kommen. Außerdem fühle ich mich in weiblicher Gesellschaft wohler und bin fühle mich von Frauen die ich attraktiv finde, angezogen.

Meine Frage(n) wären jetzt:
a) Was ist da denn los in meinem Hirn?
b) Was kann man denn gegen so immer wiederkehrende Gedanken tun?
Ich habe natürlich schon versucht nicht daran zu denken, aber jeder kennt den lila Eisbär.
c) Meint ihr, das legt sich von selbst wieder, wenn sich auch meine Wohnsituation ändert? (mit der ich dann auch so einen Kram wie Tinder ausprobieren könnte?)
d) Sollte ich in professionelle Handlung gehen?

Nun denn: Erstmal vielen Dank für's Lesen und hoffentlich auch für's Antworten.