Hallo,
ich habe mir in den letzten Tagen zu einem bestimmten Thema Gedanken gemacht. Und weil ich noch nie selber geschrieben habe (obwohl ich sehr, sehr gerne lese), habe ich mir gedacht ich versuch' mich einfach mal dran und kreiere so eine Situation in der ich meine Gedanken ein bisschen unterbringen kann. Feedback ist erwünscht.
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Zwei Sekunden Zweisamkeit
Es war laut. Aber nicht unangenehm sondern sogar sehr gemütlich. Wie eine dichte Mauer aus Musik und Lachen war die Ausgelassenheit fast mit den Händen zu greifen und die gute Laune war jedem anzusehen. Auch sie lächelte ihr schönstes, ehrlichstes Lächeln, denn dass war die ungefiltertste Bekundung ihres Gemütszustandes. Gerade ging ein unverbindliches Gespräch mit einer alten Bekannten zu Ende und beide gingen wieder ihren eigenen Weg durch die ausgelassene Menschenmenge. Und da geschah es; Ihr Lächeln starb. Das heißt, es war noch da, jeder der hingesehen hätte, hätte es gesehen. Aber es war tot.
Ihr Blick fiel auf ihn. Und was sie sah, wäre wohl für jeden anderen im Raum sehr unspektakulär und nicht erwähnenswert gewesen. Ihr tötete es jedoch das Lächeln. Sie sah ihn an wie er dort stand und sich… bewegte. Die Bewegung war minimal; So wie er stand war vor allem sein rechtes Bein belastet und als wäre das nicht mehr allzu bequem, wippte er leicht nach oben, nur um seine Hüfte ein Stück nach links zu schieben und sein Gewicht auf sein linkes Bein zu bringen. Es war eine dieser Bewegungen die wir machen ohne dass es uns bewusst ist und es machte auch nicht den Anschein als würde sie etwas von seiner Person verraten. Auch auf seinem Gesicht änderte sich rein gar nichts. Er lächelte noch immer in die gleiche Richtung und schien hochkonzentriert und interessiert zuzuhören. Dennoch war ihr als hätte die Beobachtung dieser Szene eine pfeilschnelle Erkenntnis in ihren Kopf gejagt – eine Erkenntnis die blitzartig genug kam um das Lächeln in ihrem Kopf sterben zu lassen noch bevor ihr Gesicht sich dem neuen Verhältnis anpassen konnte.
Es handelt sich hier aber nicht etwa um die Art von Erkenntnis die man hat wenn man auf einmal versteht wie etwas funktioniert und man mit neuem Wissen bereicht wird. Es war die Sorte Erkenntnis, die etwas dass wir schon wissen auf einmal, völlig unvorbereitet und schonungslos, in unser Bewusstsein zurückbringt.
Und in ihrem Bewusstsein hatte diese wiederkehrende Erkenntnis genug Feuerkraft um eine ganze Reihe von Explosionen in Gang zu setzen. Wie Raketen am Nachthimmel schossen hasserfüllte Wörter und altbekannte Wut in ihren Kopf und präsentierten sich möglichst laut und farbenfroh – gerade so als kämpften sie mit allen Mitteln darum von ihr ausgewählt und in seine Richtung geschleudert zu werden.
Auf ihrem Gesicht war von alldem nichts zu sehen. Das Gesicht ist zu langsam, viel zu langsam und hat keine Chance bei der Geschwindigkeit des Feuerwerks auf der anderen Seite mit zu halten. Und das Gesicht war sich noch nicht mal sicher ob es gerade überhaupt gebraucht wurde und ob es für die Abbildung des Geschehens auf der anderen Seite überhaupt zuständig war. Und so lange es keine andere Information bekam, tat es einfach weiter was es sowieso schon tat: Lächeln.
Die erste Welle des Feuerwerks war verschossen und die gedankliche Starre löste sich langsam aber sehr bestimmt. Sie forderte penetrant eine Reaktion die all den Lärm, die Farben, die alten Erinnerungen und die sehr gegenwärtigen Gefühle erklärt. Und sie kam nicht umhin sich zu wundern wie krass sie reagierte und das ließ ihre Wut auf sich selbst nur noch stärker werden. Sie fing an ihre Gefühle zu sortieren und sich alles schön ordentlich zurecht zu legen um nicht im Chaos dieser erbarmungslosen Attacke unterzugehen.
Da war Wut. Ganz klar und nicht zu übersehen. Wut auf sich selbst. Wut dass sie einmal da stand wo seine Aufmerksamkeit sich jetzt bündelt und dass sie, damals, das Lächeln nicht so sah wie sie es heute sieht. Sie hat es nicht nur anders gesehen, ihr war als hätten sich die Gesetze im Universum seines Lächelns geändert und alle Vorzeichen wären vertauscht worden! Und als der Groschen viel und sie den Vorzeichenwechsel erkannte – eben gerade, vor einer Sekunde – wurde ihre Wut wiedergeboren. Und dann war da noch ein kleiner Brocken Wut der sich aus dem großen Brocken Wut aus dem großen Brocken Wut nährte und sie zu verhöhnen schein da er ihr erbarmungslos vor Augen führte dass ihr diese alte Geschichte und sein dämliches Lächeln doch nicht so egal sind wie sie es vielleicht gerne geglaubt hätte.
Außerdem meinte sie eine gute Portion Hass entdeckt zu haben. Mit dem verhielt es sich jedoch schwieriger, denn sie wusste nicht recht wo der her kam. Aber eines war ihr klar: Sie hasste nicht sich. Sie hasste ihn. Sie hasste ihn wirklich und wunderte sich wie das passiert ist. Denn wenn sie ihn jetzt so sah, war eins ganz deutlich: Er hat sich nicht verändert. Aber sie, sie hat sich seit ihm verändert – und jetzt hasst sie ihn. Sie hätte nicht genau sagen können wofür… der Hass richtete sich einfach gegen ihn als Person und der Hass schien Freude daran zu haben das bunteste und lauteste Gefühl in ihrem Kopf, die Wut auf sich selber, anzustacheln.
Dieser Schwall an plötzlichen Gefühlen schien sie zu verbiegen und zu verzerren und sie hoffte dass sie weit genug verbogen wird um sich selber in den ***** zu beißen – denn genau das schien ihr ein angemessenes Ventil für das zu sein, was gerade in ihrem Kopf geschah.
Und dann war es auch schon zu Ende. Jemand schräg vor ihr drehte die Schulter leicht nach rechts und sie konnte ihn nicht länger sehen. Auf einmal war es sehr leise und sie war allein. Sie sah die Bewegung um sich herum aber sie nahm sie nicht wahr und es dauerte einen Moment bis sie wieder in die Gegenwart zurückkam. Die Chance ergriff ihr Gesicht und passte seinen Ausdruck der Situation an. Ihr Lächeln hatte sich kurzzeitig in eine ausdruckslose Maske verformt und jetzt forschte das Gesicht, wie der derzeitige Status war… und es erkannte, dass es ihr gut geht und sie glücklich ist. Und langsam, als würde jemand am Lautstärkeregler drehen wurde es wieder laut und mit zunehmender Lautstärke gewann ein Lächeln an Kraft und Lebensenergie: Erst in ihrem Kopf. Und dann in ihrem Gesicht. Und das Lächeln war auf beiden Seiten ehrlich und konnte im Glanz seiner uneingeschränkten Daseinsberechtigung erstrahlen… Denn sie war wirklich glücklich.
Gleichzeitig jedoch, wuchs in ihr eine Frage ein Stück. Nicht viel, aber ein Stückchen. Auch sie hatte sich das Feuerwerk angesehen. Noch ist sie selbst nicht laut und noch nicht farbenfroh genug um sich mit den großen Gefühlen messen zu können... aber sie wächst, sie wächst weiter und sie weiß, dass eines Tages der Moment kommen wird in dem sie der Star der Show ist und sie weiß dass sie die großen Gefühle in den Schatten stellen wird in der sie gewachsen ist. Doch vorerst macht es sich die Frage gemütlich und richtet sich ein. Denn sie hat Zeit und Geduld.
Um die Frage zu verstehen muss man folgendes wissen: Anders als bei uns Menschen ist es bei Fragen so, dass sie einzig mit dem Ziel wachsen überflüssig zu werden. Das scheint uns abwegig, aber diese Frage ist keineswegs gemein und versucht uns zu quälen, sie will ganz einfach überflüssig werden. Und da sie gegen ihr Wachsen nichts tun kann – sie kann also nicht in die Überflüssigkeit schrumpfen – ist der einzige Weg in die selige Überflüssigkeit das Beantwortetwerden. Das ist das große Finale einer jeden Fragenexistenz und wie alle anderen Fragen die jemals wuchsen fiebert auch diese Frage ihrem großen Finale entgegen und fragt sich wie sie wohl beantwortet wird wenn sie in all ihrer Pracht und so laut sie kann explodiert und schreit: Aber warst du nicht auch mit ihm glücklich?


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