Es war einmal ein kleiner, weißer, schwarz-braun gefleckter Hund mit Schlappohren. Als er merkte, daß ihn jemand kaufen wollte, ließ er sich von Stufe zu Stufe die Treppe herunterkullern, da seine Beinchen noch zu kurz waren, um sich auf eine üblichere Art in die schützende Nähe seiner Mutter zu begeben. Hochgenommen und hinausgetragen, konnte er noch einmal wie ein Blitz in die Büsche des Gartens entwischen; dann aber entführten sie ihn in sein neues Leben.

Er war eigentlich eine 'sie'.
Das interessierte allerdings nur den Tierarzt, der ihn später operativ um seine Weiblichkeit bringen mußte.

„Er“ bekam einen hübschen Namen: Pretty.
Aber wie sie ihn wirklich nannten (‚Schweine‘ - aufgrund eines Vorkommnisses, das gar nichts mit ihm zu tun hatte), beleidigte ihn. Es verglich ihn mit fetten Monstern ohne Fell und Rute, die sich ständig im Schmutz wälzen.
Und wurde er auf dem Reiterhof von seinem Frauchen gerufen - ‚Schwaaiinäää‘ - drehten sich die Vorübergehenden empört um.

Vielleicht war er deshalb aber immer irgendwie schmutzig und stinkig und auch meistens viel zu dick. Seiner Jagdhund-Nase entging keine Spur, an deren Ende er ein Nest zur Selbstversorgung finden konnte. Unermüdlich schleppte er dann Brotreste, manchmal sogar halbe Weißbrote, die fast größer waren als er selbst, und einmal den Sonntagsbraten der Reitstall-Besitzerinin eine sichere Ecke, um sich ein Festmahl zu bereiten. Eigentlich war er sehr genügsam, da es auch Bonbons mit Papier oder leere Joghurt-Becher taten, wenn er denn nichts Gehaltvolleres aufspüren konnte.

Sie ließen ihm eine teure Erziehung in einem Hunde-Internat angedeihen, die er erduldete, um sie gleich anschließend zu vergessen. 'Hier' hieß dann 'dort', 'sitz' hieß 'weglaufen', 'aus' hieß, daß man heftig zu knurren hatte.- Rasende Autos auf den Straßen existierten für ihn nicht, bis er einmal angefahren wurde. Und obwohl er wußte, wohin er gehörte, machte er lange, einsame Spaziergänge, die noch vor seiner Rückkehr seine kleinen Kräfte überforderten, so daß sie ihn stundenlang suchen mußten. Da lag er dann irgendwo in der Feldmark und ging mit jedem mit, wenn der nur mit einem Auto vorbeikam.

In einem Alter, in dem Menschenkinder bereits beginnen, sich von ihrer Familie zu lösen, entwickelte er große Anhänglichkeit an sein Frauchen. Das bedeutete zwar noch nicht, daß er sich auf seine Erziehung besann; aber seine Zugehörigkeits-Äußerungen ähnelten doch manchmal einer Art Gehorsam. So gab er die ergatterten Brotstücke wieder her, wenn man ihn erwischte -, ohne zu knurren. Eine enorme Leistung für den kleinen Aufsässigen !- Oder er ging auch manchmal 'bei Fuß' -, besonders dann, wenn er überrangige Hunde in der Nähe witterte.- Über die Rückkehr seines Frauchens konnte er sich so laut freuen, daß man sich bei seinem Quieken fragte, ob sein uneigentlicher Name nicht doch berechtigt sei.
Aufsässig blieb er dennoch. Er hatte ein ganzes Repertoire von Protest-Aktionen, die er in dem Maße einsetzte, in dem er sich ungerecht behandelt fühlte. Die größte Bestrafung für sein Frauchen war, ihr Bett zu benutzen -, und nicht etwa zum Schlafen. Hinterher tat er so, als wäre das aus Angst geschehen.
Ein Wachhund wurde er nie. Er ließ sich lieber selbst bewachen. Bellen setzte er lediglich aus sicherer Entfernung ein. Sonst legte er nur die Ohren an, zog den Schwanz ein und stellte eine Bürste auf. Sein Interesse an anderen Hunden war mäßig; er blieb ein wählerischer Selbständiger. Notwendige Aufenthalte bei anderen duldete er, aber seine Zuwendung galt hauptsächlich deren Leckerbissen, mit denen sie ihn bestechen mußten, um vor seinen Bestrafungen sicher zu sein (was dennoch nicht immer klappte).

Man sprach ihm ein größeres Gehirn ab, weil er sich wenig lernfähig zeigte.
Diese Unwilligkeit zur Dressur bewies aber eigentlich eine große Hunde-Persönlichkeit. Denn woher nahm er sonst seine Tricks, woher den Haß auf die Hundeleine und den Respekt vor dem Stachelhalsband, der die Erinnerungsfähigkeit an seine Lehrzeit im Hunde-Internat belegte.

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Es war einmal ein kleiner, stets viel zu dicker Hund, den alle immer verkannt hatten. Er habe sehr darunter gelitten, daß niemand ihn ernst nahm und daß alle seine Versuche, seine Kleinheit durch geistige Größe zu ersetzen, nichts fruchteten.

Ein gekränkter kleiner Hund.