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Thema: Gedanken über Eltern - Berechtigt?

  1. #1
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    Standard Gedanken über Eltern - Berechtigt?

    Hallo..

    Ich bin 20 Jahre alt, männlich, lebe seit anderthalb Jahren in Wien - im Grunde alleine. Schon seit längerer Zeit habe ich Probleme mit Depressionen, Suizidgedanken, chronischen Sorgen und Ängsten. Deswegen befinde ich mich zur Zeit in Therapie, die mir auch hilft und für welche ich sehr dankbar bin.

    Ich schreibe, weil ich eure Meinung brauche. Es geht um meine Gedanken, Gefühle und Haltung gegenüber meinen Eltern. Ich werde mich nun über sie auslassen - Das hier ist also ausschließlich meine Perspektive. Ich werde bei den Fakten bleiben, so gut es mir meine Erinnerungen erlauben.

    Meine Probleme fingen etwa in meinem achten Lebensjahr an. Vier Jahre zuvor sind wir nach Deutschland gezogen, die Sprache konnte ich nicht und es war herausfordernd aber als Kind passt man sich ja schließlich schnell an. Meine Eltern schienen oft aufgrund des neuen Umfelds und ihrer Arbeit gestresst zu sein und ich verbrachte viel Zeit mit meiner etwas älteren Schwester.
    Das Klima zuhause änderte sich zusehends. Oft wurde ich von meinen Eltern kritisiert und beschimpft. Dabei hatte ich das Gefühl, dass alles einfach nichts half, irgendwas schien ich immer falsch zu machen. Dabei erklärten mir meine Eltern kaum was (eigentlich nie) sondern setzten eher auf Drohung und Beleidigung und Strafe, um mich zu Gehorsam zu bewegen. Es versetzte mich in einen Zustand aus Stress, denn ich musste immer mit etwas rechnen, egal ob ich dafür einen rationalen Grund ausmachen konnte oder nicht. Wenn etwas los war, durfte ich nichts sagen oder Emotionen zeigen. Meine Eltern verbaten mir das und wurden sonst noch wütender und erklärten mir, dass ich nicht frech sein soll und ließen mich mit Scham und Zerrissenheit bezüglich meiner Gefühle zurück. Ich habe Ärger und Wut nicht rauslassen können und es in mir unterdrückt. Daraus folgten viele Schmerzen, die sich immer weiter aufstauten.

    Es folgten "Nervenzusammenbrüche". Manchmal war ich so voll mit diesen Gefühlen, dass ich nach einer weiteren Beschimpfung plötzlich in Tränen ausbrauch und mich für ein bis zwei Stunden nicht beruhigen konnte. Ich wusste damals einfach nicht, wie ich sonst mit diesen Umständen umgehen sollte.
    Im Verlaufe der Zeit zogen wir nochmal um, und meine Lage verschlechterte sich zuhause. Ich traute meinen Eltern nicht, denn ihre Launen waren unberechenbar und sie hatten keine Probleme sie an mir auszulassen. Sie stellten Regeln für mich auf, die sie selbst nicht einhielten, beschwerten sich über meine Schulnoten nur dann nicht, wenn es sich um ein "sehr gut" handelte und hörten mir nicht zu, wenn ich mal ein Problem haben sollte....

    "Tja, dann lass dich von den Mitschülern halt nicht ärgern.... Wenn du dir mal endlich Mühe gibst, dann würdest du das auch schon alles schaffen... Du bist viel zu empfindlich..."

    Sollte ich widersprechen oder mich Beschweren: "Du musst auch immer das letzte Wort haben... Wir sind deine Eltern, du musst uns Respekt zeigen..."
    Ich widersetzte mich irgendwann recht oft ihren Forderungen. Meinen Respekt hatten sie nicht. Ich war ängstlich und labil und log meine Eltern immer wieder an.
    Unsere Beziehung verschlechterte sich nur weiter. Weil wir unfähig waren ein normales Gespräch zu führen, griffen meine Eltern eher zu Gewalt. Ich wurde damals auch mal etwas öfter geschlagen. Meine Mutter sagte mir, dass ich psychisch krank sei und sie mich in in eine Psychiatrie einweisen müssten, meine Vater erzählte mir Geschichten, wie Leute wie ich ins Gefängnis kämen. Diese Drohungen machten mich ziemlich kaputt. Ich sah mich falsch an, falsch als lebendes Wesen, als dürfte ich gar nicht sein. Ich habe mir angewöhnt, gute Laune nicht mehr zuzulassen, weil es weh tat fröhlich zu sein und dann so tief zu fallen. Ich hatte das Gefühl, als sei ich ein Betrüger und wenn erstmal andere Menschen herausfinden, wie ich wirklich bin, dann würden sie mich alle hassen.
    Ich fühlte mich nicht als Familienmitglied, sondern als der nervige Außenseiter, den man lieber loswerden wollte.

    In meiner Pubertät kamen Probleme in der Schule, mit Freunden und der Liebe hinzu.
    Ich habe an sich gelernt Distanz zu meiner Familie zu bewahren und mitzuspielen, um weitere Auseinandersetzungen zu vermeiden. Mitspielen - Nicht die eigene Meinung sagen, gehorchen und ansonsten die Klappe halten.
    Probleme mit Depressionen hatte ich schon zuvor, diese wurden während dieser Zeit schlimmer, denn ich konnte meinen Ärger und meine Wut über die Jahre nicht verarbeiten und auslassen. Irgendwann mal sah man mir das auch an.
    Meine Eltern sagten mir oft, ich bin ein Egoist, bin asozial und faul und würde nicht nachdenken (Ich habe in dieser Zeit fast alle Freunde verloren und hatte Probleme in der Schule). Und würde versuchen sie als die Bösen darzustellen.
    Mit siebzehn Jahren kamen dann meine Suizidgedanken hinzu.
    Später zog ich weg von der Familie, nach Wien um hier Jura zu studieren. Bisher läuft das erfolgreich, ich bin selbstständiger als zuvor und mache wohl Fortschritte - wobei es bisher eigentlich die anstrengendste und schmerzhafteste Zeit war.
    Jetzt werden mir auch viele Probleme bewusster und ich fange an ein paar Sachen zu verstehen.

    Wichtig ist wohl auch anzumerken, dass ich in meinem Leben selbst Fehler gemacht habe, die mich in meine Situation rein geritten haben.
    Ich fühle mich auch jetzt noch in der Gegenwart von meinen Eltern sehr schlecht - Unsicher, kann nicht so klar denken und werde schnell gereizt.

    Das ist ein Überblick. Ich kann aufgrund der Fülle der Ereignisse in meiner Vergangenheit nicht alle Aspekte meines Lebens beschreiben...


    Jetzt hätte ich einfach gerne eure ehrliche Meinung: Klingt das so, als würde ich übertreiben und zu viel auf meine Eltern schieben?
    Oder lässt es sich nachvollziehen, dass man sich schließlich in diese Richtung entwickelt?

    Hattet ihr ähnliche Erfahrungen - Wie seid ihr mit diesen umgegangen?

    Vielen Dank

    Habt noch einen schönen Tag

  2. #2
    Verleger Avatar von Steinchen.im.Schuh
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    Hallo GreyBloom,

    da ich nicht selbst dabei war, kann ich natürlich nur das bewerten, was ich hier lese. Für mich klingt deine Schilderung sehr nachvollziehbar, leider gibt es hier öfter ähnliche Geschichten wie die deine, ich halte es also für sehr realistisch, wenn auch sehr traurig, dass sich Menschen ihrem Kind gegenüber so verhalten wie deine Eltern sich verhalten haben.

    Bei deiner Geschichte klingt für mich sehr nachvollziehbar, dass du eine Depression entwickelt hast und nun Zeit brauchst all die Erlebnisse zu verarbeiten.

    Was sehr auffällig ist, ist, dass du stark an dir selbst zweifelst und dich fragst, inwieweit deine Gefühle gerechtfertigt sind. Das ist nachvollziehbar, da deine Eltern dich als Problem darstellten und dir anerzogen, dass du derjenige bist, der Fehler macht, nicht die anderen. Hast du darüber in deiner Therapie gesprochen?

    Lg

  3. Der folgende Benutzer bedankte sich bei Steinchen.im.Schuh für den sinnvollen Beitrag:

    GreyBloom (22.07.2019)

  4. #3
    Neuling
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    Ich habe mit meiner Therapeutin darüber gesprochen, ja. Sie hat im Grunde genau das gesagt, was du geschrieben hast: Meine Entwicklung erscheint nachvollziehbar.

    Ehrlich gesagt beruhigt mich das einfach nicht sehr und ich möchte schlicht nicht den Eindruck erwecken, als würde ich meine Probleme auf andere schieben wollen.

    Vielleicht bin ich auch bloß frustriert, weil ich womöglich zu viel auf einmal will: Ich habe mir in den letzten Monaten, bzw. dem letzten Jahr wirklich viel Mühe gegeben, um meine Situation zu verbessern, was objektiv klappte.. Nur dass ich mich oft noch ziemlich blöd fühle. Aber womöglich braucht es doch einfach Zeit, wie du schon angedeutet hast.

    Vielen Dank für deine Antwort

  5. #4
    Verleger Avatar von Steinchen.im.Schuh
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    Hallo GreyBloom,

    ich habe auch viel Gewalt und Demütigung in meiner Kindheit erlebt und auch ich bin oft frustriert, angestrengt, traurig, dass ich noch heute so viele Probleme damit habe. Ich habe auch selbst oft ähnliche Gedanken wie du, frage mich, ob gerechtfertigt ist, dass ich noch Jahre später meine Probleme in Zusammenhang mit meiner Kindheit sehe. Aber doch, ich bin der festen Überzeugung, dass es diese Zusammenhänge gibt. In unserer Kindheit werden wir quasi "programmiert", wir setzen die Brille auf, durch die wir die Welt später betrachten.
    Diese Programmierung ist veränderlich aber leider braucht das oft viel Zeit, Arbeit, Geduld. Ja, das ist ätzend, dass Menschen, die schon in der Kindheit überdurchschnittlich belastet wurden, diese Belastung mit ins Erwachsenenalter nehmen.

    Ich denke, du machst alles richtig, es ist sehr gut, dass du dir so früh einen Therapieplatz gesucht hast. Mit der Zeit wirst du Veränderungen spüren, nimm sie an, schätze sie.

    Ich wünsche dir alles Gute!

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