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Thema: Plötzlicher Tod nach schwerer Krankheit

  1. #1
    Neuling
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    Standard Plötzlicher Tod nach schwerer Krankheit

    seit 7 Jahren lebe ich in der Schweiz und habe dort bereits viele Leute kennengelernt. Manche sind mir mehr und manche weniger an Herz gewachsen.
    Als ich hier in meine erste Wohnung eingezogen bin , hatte ich eine Nachbarin , die 13 Jahre älter als ich ist und recht spät Mama ( leider alleinerziehend)
    Selten habe ich eine Person kennengelernt , die so krass ihre Meinung sagt und wirklich ein durchgeknallter Vogel ist... Wir haben eine sehr intensive Freundschaft aufgebaut .. Wir waren fast täglich zusammen , haben viel gelacht , getrunken und geraucht .. also sicher nicht immer ein " Paradebeispiel" für ihre kleine Tochter.. Aber das wofür ich meine Hand ins Feuer legen würde, ist dass sie alles für die kleine gemacht hat und sie über alles geliebt hat ..
    wenn ich so genau drüber nachdenke , kam es teilweise rüber , als wären wir beide ihre mama ...
    sogar die ersten schritte habe ich miterlebt ...
    Wir haben wirklich 2 sehr sehr intensive Jahre erlebt und gelebt ...
    Dann kam der Tag, an dem ich mit meinem Freund zusammengezogen bin.. als ich es ihr erzählt habe , hat sie danach schon immer gesagt, " wir sehen uns sicher nie mehr " ... ich war mit der zeit genervt davon , weil ich überzeugt war , dass wir den Kontakt halten ...
    Das einzige was mir mit der zeit zu viel wurde , war das tägliche trinken und rauchen ... Und tatsächlich habe ich mich dann zurückgezogen .. Im Prinzip trat also das ein wovor sie angst hatte ... am tag meines Auszuges hatten wir dann einen riesigen Streit , weil sie jedes einzelne Staubkorn bei der Wohnungsübergabe aufgezählt hat ( sie hat meine 1 Zimmer Whg übernommen )
    Das war unser erster und einziger Streit , der dafür sorgte , dass wir 4 Jahre nicht miteinander geredet haben ( aber wahrscheinlich übereinander)
    Ich war so wütend , dass ich extra eine Putzfrau für 450 Franken organisiert habe , die es ihren Wünschen gerecht putzen sollte. ( ich dachte, die Sache sei damit geregelt) Das Peinliche, ich habe tatsächlich eine Stelle vergessen und sie hat mich natürlich aufmerksam gemacht , dass ich mich schämen sollte und ob es mir nicht peinlich ist , eine Wohnung so zu übergeben... Das hat gereicht ... Sogar der Eigentümer hat sie abgenommen...
    Für mich war die Freundschaft vorbei ....Verletzt, dass ich ausziehe hin oder her ... Sie wollte mich blossstellen und hat es geschafft
    Im Nachhinein muss ich zugeben , habe ich sie vermisst , sie hat mich aber auch genauso wütend gemacht ... Ich habe sie verflucht...
    Verletzt waren wir wahrscheinlich beide .. und stolz ...
    Diese Bagatelle hat uns 4 Jahre gekostet ..
    Wir sind auf der Strasse aneinander vorbeigelaufen und haben keine Miene verzogen...
    4 Jahre lang und dann hab ich im Dorf mit einem gesprochen , der mir gesagt hat , dass sie an Bauchspeicheldrüsenkrebs leidet und vermutlich nicht mehr lange lebt ..
    Am Anfang habe ich schlecht gedacht und gesagt " Karma bestraft alle"
    Allerdings hat mich das nicht losgelassen ..
    So beschloss ich , den Stolz beiseite zu legen und einen Schritt auf sie zuzugehen -bevor man es ewig bereut ..
    Ich rief im Spital an und fragte nach ihrer Durchwahl ( nachdem ich ihr über Whatsapp geschrieben habe , dass ich gerne mit ihr reden würde ) sie haben mich mit ihr verbunden ... Mein Herz schlug hoch so hoch wie schon lang nicht mehr ...
    Sie nahm ab und fragte , wer da ist .. als ich meinen Namen sagte , bemerkte ich anhand ihrer nur noch sehr zarten Stimme, dass sie sich freute ...
    Wir machten ab , sie sagte mir , auf welcher Station sie ist und , dass sie sich freut , wenn ich komme ..
    Die Aufregung stand mir an dem Tag ins Gesicht geschrieben .. Ich war mir nicht sicher , ob ich darauf vorbereitet war , was mich erwarten soll...an dem Tag bekam ich noch einen Anruf , angeleitet von einem guten Freund von ihr - ich soll sie nicht besuchen , da sie nicht ansprechbar ist .. Doch hab ich mich davon nicht abhalten lassen , da wir es einen tag vorher abgemacht hatten ... entweder kam ich rein oder eben nicht - ABER ich hatte es versucht ..
    Im ZUg bekam ich dann einen Anruf von ihr und sie hatte irgendwie total hektisch versucht ,die Situation zu erklären ... ich habe beruhigen können , als ich ihr sagte , dass ich auf dem Weg sei .. Abgemacht ist abgemacht - sie hat sich gefreut und ich mich auch ...
    Bei ihr auf der station angekommen holte mich die Nervosität wieder ein .... Im Zimmer angekommen , sie war auf der Toilette , instruierte mich ihre Sitzwache , auf was ich zu achten habe etc...
    Die Tür öffnete sich .....

    *******e .... was war das denn ??? Sie war eine so resolute Persönlichkeit und jetzt ein "Häufchen Elend" ... Mir kamen die Tränen ..
    Die Wohnung war kein Thema mehr ..
    es war so wie früher .. wir hielten lang unsere Hand ... Sie hatte im Moment zusätzlich eine BAuchfellentzündung , die sie schwächte..Ich fuhr sie mit dem Rollstuhl runter ... Sie sagte , sie möchte mir etwas auf den Weg mitgeben ( einen Schoko-Marienkäfer von Munz)
    Das war Tag1 .. ich blieb 2 Stunden ..sie nickte immer wieder ein ...
    Eine Woche später ging ich wieder hin Tag 2 :
    Sie wirkte deutlich fitter und konnte sogar wieder laufen ... wir gingen raus und tranken Kaffee... und erzählten uns dinge , redeten viel über unsere gemeinsame Zeit und sie sagte , ich soll zu ihr zum Kaffee nach Hause kommen ... es war wirklich so , als ob wir nie getrennt waren .. wir hielten unsere Hände ( ihr Handgelenk war so zart )
    ich blieb auch wieder 2 Stunden ....
    eine Woche später Tag 3 ( aller guten Dinge sind 3 )
    Sie wirkte aufgestellt aber etwas war komisch... Sie fragte mich , ob ich auf ihre Beerdingung komme .. Ich nickte...
    Wir haben aber doch drüber gesprochen , wann sie entlassen wird etc... Das war am 19.11 ...
    Ich schrieb ihr an diesem Nachmittag , dass ich sie echt lieb hab ...Sie antwortete sehr liebevoll ...
    Am Donnerstag fragte ich sie , wie es ihr geht und ob sie am Freitag entlassen wird ... sie antwortete mit " Ja , sie darf morgen heim"
    am Freitag fragte ich sie , ob sie gut angekommen sei.. " Ja "
    Ich schrieb ihr , dass sie das Wochenende mit ihrer Familie geniessen soll ( ihr Vater und Bruder sind zusätzlich noch gekommen ihre Mutter war seit dem letzten halben Jahr bei ihr, um sie und die Tochter zu unterstützen )
    Am 25.12 hatte sie geburtstag und wurde 45 Jahre .. ich gratulierte ihr ...
    Abends kam die Antwort :" Danke aber ich musste schon wieder zurück ins Spital , weil es mir so schlecht geht. Ich hab dich lieb"
    darauf antwortete ich ihr und fragte sie , auf welcher Station sie ist...und dass sie auf sich aufpassen soll und ich sie auch lieb hab ... die Nachricht hab ich ihr 2 Minuten später geschrieben . Sie hat sie nicht gelesen ... Am Dienstag machte ich mir Frühstück und wollte Kakaopulver aus dem Schrank holen , da fiel mir der Marienkäfer von Claudia runter -sonst noch nie ... ( ein Zeichen ? )ich legte ihn zurück...
    Die Nachricht war noch so wie am Vortag ungelesen und nicht beantwortet ... irgendwie verständlich , wenn sie schon wieder 2 Tage nach ihrer Entlassung zurück ins Spital musste , dass sie nicht permanent am Handy hängt ...
    Am Mittwoch in der Früh , machte ich mir erneut Müsli und wieder flog der Marienkäfer um ...
    Die Nachricht war noch immer so , wie die letzten 2 Tage davor ... so langsam machte ich mir gedanken ...
    Also beschloss ich vor meinem Training im Spital anzurufen und nach der Station zu fragen ..
    Die Frau am Telefon sagte mir , dass sie nicht bei ihnen stationär ist ... Ahhh in dem Fall wurde sie entlassen und sie antwortete " Ja , sieht so aus ...
    Cool , super zum Glück...
    Beim Training verfolgten mich die Gedanken weiterhin... aber ich konnte ja nicht aus dem Kurs rennen und sie anrufen .. das machte ich danach ..
    es klingelte " Hallo " und ich "hey claudia "
    dann kam die Antwort " hier ist die mama von Claudia , Erna "
    Claudia ist in der Nacht von Montag auf Dienstag gestorben ...
    Nur wegen eines ZUfalls habe ich von ihrer Krankheit erfahren und hatte das Glück, dass wir uns noch 3 mal sehen konnten ... sie hat mir erzählt , dass sie viel gefragt wird , ob man sie besuchen kann aber sie hat die wenigsten zu sich gelassen umso glücklicher bin ich , eine Person von denen zu sein ... Sie hat anderen abgesagt , dass wir uns sehen.. Andere , die in den 4 Jahren, in denen wir nicht geredet haben, eine Bindung zu ihr aufgebaut haben 4 Jahre sind wir trotzig aneinander vorbeigelaufen und jetzt zieht sie mich den anderen vor ...Bei mir war nie die Frage , ob oder nicht ...
    Ich bin froh , durfte ich sie noch sehen ...

  2. Die folgenden 3 Benutzer bedankten sich bei AngelMunichIII-V für den sinnvollen Beitrag:

    Fafnir (02.12.2019),Ibwh1968 (09.12.2019),Micha789 (09.12.2019)

  3. #2
    Neuling
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    Standard

    Ja, das ist eine sehr schöne Geschichte. Die Geschichte selbst ist traurig wegen des Todesfalls, aber es ist eine der Geschichten, die das Leben wertvoll macht. Ein großes Glück von der Erkrankung erfahren zu haben. Dass AngelMunich ihre Freundin trotz des Streits angerufen hat war eine große Leistung und festigt für sie das Verständnis, dass Freundschaften das Wertvolle im Leben sind. Wie viele Menschen glauben, dass z.B. der Beruf das Wichtigste ist?

    Ich war so wütend , dass ich extra eine Putzfrau für 450 Franken organisiert habe , die es ihren Wünschen gerecht putzen sollte. ( ich dachte, die Sache sei damit geregelt) Das Peinliche, ich habe tatsächlich eine Stelle vergessen und sie hat mich natürlich aufmerksam gemacht , dass ich mich schämen sollte und ob es mir nicht peinlich ist , eine Wohnung so zu übergeben...
    Sie war wohl sehr traurig darüber, dass AngelMunich wegzieht. Die Aussage, dass "wir uns jetzt wohl nie mehr wieder sehen" deutet darauf hin, dass der Wegzug ihrer guten Freundin für sie eine große Katastrophe ist. Als es dann zum Auszug kam hat das ihre nervliche Belastbarkeit überspannt. Vielleicht wurde sie schon früher verlassen (von Eltern, Freunden, Männern) und fühlte dann das gleiche lähmende Gefühl wie früher in sich aufsteigen. Dann dominiert dieses lähmende Gefühl und der Mensch einem gegenüber verschwindet aus der Wahrnehmung. Die traumatischen Erinnerungen laufen nun im Kopf ab. Als der Auszug dann nicht einmal mit einer freundlichen Verabschiedung ablief, ist es wohl in ihr zerplatzt. Schlechte Erinnerungen aus der Vergangenheit haben völlig in ihr die Kontrolle übernommen. Deswegen die Nummer mit der Wohnung, die nicht genug geputzt wäre. Könnte so entstanden sein. Die bösen Vorhaltungen wegen der angeblich nicht sauberen Wohnung galten dabei wohl den früheren Menschen, die sie früher verlassen haben. Das macht logisch natürlich keinen Sinn, aber wenn die Verlassensangst sehr groß ist, dominiert die Panik deswegen über den Verstand. Ich kenne einen Fall, bei dem die Eltern ihr Kind zu den Großeltern brachte und es bei den Großeltern die Kindheit verbrachte. Dann holten die Eltern ihr Kind von einem Tag von den Großeltern wieder zurück. Das löste ein ganz schlimmes Trauma des Entzugs und Verlassenwerdens aus, was im Erwachsenenalter immer noch anhielt.

    Die Sache mit den herunterfallenden Marienkäfer ist sehr ähnlich. Wenn dieser Sache mit den Marienkäfer Glauben geschenkt wird, bildet sich auch eine Angst heran, die dann in ähnlichen Situationen in der Zukunft dann die damit verbundenen Assoziationskette mit dem Tod der guten Freund wiederaufleben lässt. Das ist dann ganz bestimmt nicht sehr heilsam. Deswegen würde ich die Sache mit dem herunterfallenden Marienkäfer vergessen. Ihn natürlich als Andenken behalten und sich immer liebevoll an die Claudia erinnern. Das hat eine große heilende Kraft. Runterfallen kann er so oft wie er will. Die heilende Kraft aus dieser schönen Geschichte kann dies nicht zerstören.

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